Zweisprachiger Unterricht
Aus Kefk
Zweisprachiger Unterricht (auch bilingualer Unterricht) wird meist an neusprachlichen Gymnasien, gelegentlich an Gesamtschulen und Realschulen wie auch an Auslandsschulen angeboten. Beim zweisprachigen Unterricht wird der Lehrstoff in mindestens einem Schulfach in einer anderen Sprache als in der gewöhnliche Unterrichtssprache vermittelt. Es kann auch die Unterrichtssprache in ein und demselben Fach in verschiedenen Unterrichtsstunden wechseln.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Es gibt noch keine ausreichend umfassenden Untersuchungen auf diesem Gebiet. Meistens wurden nur Teilbereiche wissenschaftlich überprüft, so dass es noch kein geschlossenes theoretisches Fundament für den zweisprachigen Unterricht gibt. Ausserdem fehlt immer noch ein spezielle Didaktik des bilingualen Fachunterrichts.
Primär wird die Sprachkompetenz der Schülerinnen und Schüler in der ersten oder auch zweiten Fremdsprache gefördert, da viel mehr gesprochen wird und nicht nur gelesen oder gehört. Die frühzeitige Förderung der sprachlichen Kompetenzen führt auch zu sekundären Erfolgen, wie beispielsweise Kreativität, Flexibilität oder ein erweiterter Wissenshorizont. Darüber hinaus vertieft der bilinguale Unterricht durch die praktische Anwendung auch das Verständnis der anderen und eigenen Kultur (Perspektivenwechsel durch Sprachwechsel) und baut Sprachbarrieren ab.
Im bilingualen Unterricht wird das ganze Vokabular des jeweiligen Sachfachs benutzt. Außerdem prägen sich typische Satzstellungen und Wendungen ein, da eigentlich immer "echtes" Unterrichtsmaterial verwendet wird, es gibt aber auch einige (wenige) Materialien, die speziell für einen das Deutsche einbindenden Unterricht konzipiert sind. Diese Materialien enthalten z.B. als Hilfestellung zielsprachliche Redemittellisten. Oft binden sie auch die eigenkulturelle Perspektiven der Schülerinnen und Schüler in den Aufgabenstellungen ein, um zur Reflexion des Eigenen anzuregen.
Inzwischen ist nachgewiesen worden, dass vor allem leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler den zusätzlichen Druck in einem zweiten fremdsprachigen Fachunterricht häufig nicht standhalten können und somit auch der Notenschnitt derjenigen Schülerinnen und Schüler fällt. Jedoch werden an den meisten Schulen nur die Schülerinnen und Schüler in die bilingualen Klassen aufgenommen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen (z.B. Test bestanden, Englischnote 2 oder besser), was dem bilingualem Unterricht immer wieder den Vorwurf der Eliteförderung eingebracht hat.
Frühzeitiger bilingualer Unterricht schon in der Grundschule sollte kritisch gesehen werden, da dadurch grundlegende Fähigkeiten wie Schreiben oder Lesen in der Muttersprache noch weniger Spielraum bekommen als zuvor, obwohl dies nach den letzten Erkenntnissen der PISA und OECD Studie notwendig wäre. Dem könnte aber durch eine Ausweitung und qualitative Verbesserung des Unterrichtfachs Deutsch weiterer Vorschub geleistet werden. Für einen frühzeitigen Beginn von fremdsprachlichen Fachunterricht spricht allerdings die bei Kindern noch sehr ausgebreitete Fähigkeit eine Fremdsprache zu erlernen, so dass auch in den ersten Schuljahren die bilinguale Förderung nicht vernachlässigt werden sollte.
Zusätzlich entwickelt sich häufig nur ein frontaler Unterricht, da die Lehrkraft als einzige die Fremdsprache einigermaßen sicher beherrscht. Andere Unterrichtsformen wie Gruppenarbeit sind nur schwer möglich, da die Schülerinnen und Schüler sonst wieder in die deutsche Sprache zurückfallen. Da der zweisprachige Unterricht mehr Zeit in der Vorbereitung als auch im Unterricht selbst beansprucht, kann es passieren, dass das Wissen auf einem tieferen Niveau vermittelt wird. Um dies zu vermeiden, wird die Stundenzahl im bilingual unterrichteten Schulfach in der Regel leicht erhöht.
Studien etwa der Universität Wales und der Universität Magdeburg kamen zu dem Schluss, dass zweisprachiger Unterricht fast nur Vorteile bringt. Eine Untersuchung über zweisprachigen deutsch-französischen Unterricht im schweizerischen Kanton Wallis (von der Universität Neuchâtel) ergab, dass Kinder, die von früh an an zweisprachigem Unterricht teilnahmen, nicht nur die Zweitsprache schneller erlernen, sondern auch ihre allgemeinen sprachlichen Kompetenzen verbesserten. Eine Verschlechterung der Erstsprache wurde nicht festgestellt. (Groupe de recherche sur l'enseignement bilingue, 1994) Auch die im März 2006 veröffentlichte Zusammenfassung der DESI-Studie ("Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International") spricht von beachtlichen Erfolgen des zweisprachigen Unterrichts: "Ein Erfolgsmodell für die Förderung sprachlicher Kompetenzen, hauptsächlich in Gymnasien und Realschulen, sind bilinguale Angebote. DESI untersuchte zusätzlich zu der länderübergreifend repräsentativen Stichprobe 38 Klassen, die ab der siebten Jahrgangsstufe zumindest in einem Sachfach, meist jedoch in zwei bis drei Fächern (z.B. Geografie, Geschichte, Biologie) Englisch als Unterrichtssprache verwendet hatten. Solche zusätzlichen Lerngelegenheiten wirken sich auf die Englischleistungen dieser Schülerinnen und Schüler, insbesondere auf deren kommunikative Kompetenz, besonders positiv aus: Sie erreichen im Hörverständnis bis zum Ende der Jahrgangsstufe neun gegenüber Schülerinnen und Schülern mit vergleichbaren Ausgangsbedingungen einen Vorsprung von etwa zwei Schuljahren. Aber auch in der Fähigkeit, grammatische Fehler zu erkennen und zu korrigieren, ist ihr Fortschritt sehr beachtlich."
Zweisprachiger Unterricht in Deutschland
Die Ursprünge des BU in Deutschland begründen sich meist auf politische Gegebenheiten. So wurde durch die Deutsch-Französischen Verträge eine Vertiefung der sprachlichen Kenntnisse vorgegeben, die dem zweisprachigen Unterricht und den sogenannten Partnersprachen-Konzepten besonders in Grenzregionen den Weg eröffnete.
Beispiel: Goethe-Gymnasium Frankfurt am Main
Die erste hessische Schule, die den bilingualen Englisch-Zweig bereits in den 1960er Jahren einführte und noch heute als Schule 002 in der Liste Bilingualer Schulen weltweit eingetragen ist. Die Webseite der Schule kann unter ggffm.de besichtigt werden. Noch heute gehört das Goethe-Gymnasium zu den renommiertesten Schulen Deutschlands.
Beispiel: Pascalgymnasium Münster
Das Pascalgymnasium in Münster bietet von Klasse 5 bis zum Abitur einen deutsch-französischen Zug an (Eingangstest nötig). Französisch ist hier erste Fremdsprache in den Klassen 5 und 6 mit sechs Wochenstunden.
Die zweite Fremdsprache Englisch wird ab Klasse 7 dreistündig erteilt. Latein und Italienisch sind später als weitere Sprachen möglich.
Ab Klasse 7 werden zunehmend weitere Sachfächer (Erdkunde, Politik, Geschichte) in französischer Sprache erteilt.
Klassenaustausche mit französischen Partnerschulen sind seit 1973 fester Bestandteil des bilingualen Programms.
Für das zweisprachige Abitur ist Französisch als Leistungskurs verpflichtend plus ein bilinguales Sachfach als 3. (schriftliches) oder 4. (mündliches) Grundkurs-Prüfungsfach. Den Abiturienten werden ein deutsches und gleichzeitig ein französisches Abiturzeugnis ausgestellt.
Beispiel: Wilhelm-Raabe-Schule Hannover
So gibt es z. B. an der Wilhelm-Raabe-Schule Hannover wrs-hannover.de zweisprachigen Unterricht in den Fächern Biologie, Erdkunde, zeitweise Politik und Kunst und in der 7. Klasse Sport. Die zweite Unterrichtsprache ist hier Englisch. Die Schülerinnen und Schüler sprechen mit der Lehrkraft Englisch. Alle Arbeiten werden auf Englisch geschrieben. Im Unterricht kommt es nicht auf die grammatikalische Korrektheit, sondern auf die Sachkompetenz an. Jedoch verbessert eine bessere Ausdrucksweise auch die Note. Um die Schülerinnen und Schüler besser auf den bilingualen Unterricht vorzubereiten, gibt es in Klasse 7 und 8 zwei Wochenstunden mehr Englisch-Unterricht und im Jahr der Einführung des bilingualen Sachfachs eine Wochenstunde mehr. Das heißt, dass bilinguale Klassen in der Woche mehr Stunden haben als die monolingualen Klassen. In dem bilingualen Zug wird nach dem normalen Lehrplan gearbeitet, obwohl es natürlich Unterschiede zwischen den Arbeitsmitteln gibt. Es werden englische Lehrbücher verwendet.
In dem ersten bilingualen Jahr wird noch manchmal auf die deutsche Sprache ausgewichen, um etwas zu erklären. Jedoch wird der Unterricht mehr und mehr nur noch auf Englisch abgehalten. In der 8. Klasse achten die Lehrkräfte darauf, dass auch Fragen und Bemerkungen auf Englisch sind. Die Schülerinnen und Schüler helfen sich dabei untereinander mit Vokabeln und Wendungen.
An den meisten Schulen mit bilingualem Zug kann man auch ein so genanntes "bilinguales Abitur" ablegen. Wenn das dritte Prüfungsfach Englisch ist, kann als viertes (mündliches) Prüfungsfach Biologie/Erdkunde gewählt werden. Alle bilingualen Klassen an dieser Schule machen in der 10. Klasse eine Studienfahrt nach England, bei der sie selbst Themen aus den Sachfächern (Biologie, Erdkunde) in der Natur bearbeiten.
Beispiel: Anton-Philipp-Reclam-Schule Leipzig
Am Anton-Philipp-Reclam Gymnasium besteht seit 1993 die Möglichkeit intensiv Französisch zu lernen. Für die Aufnahme in den bilingualen Zweig ist neben der Bildungsempfehlung für das Gymnasium das Besetehen einer Aufnahmeprüfung erforderlich. Beginnend mit der Jahrgangsstufe 5 lernt der "Bili" parallel Französisch und Englisch, wobei der Französischunterricht mit 5 Wochenstunden eine zusätzliche Intensivierung erfährt. Ab der siebten Klasse findet der bis dahin deutsche Geografie-Unterricht in französischer Sprache statt. Ab der neunten Klasse wird auch der Unterricht im Fach Geschichte französisch bilingual unterrichtet. In der gymnasialen Oberstufe (Klassen 11 und 12) wählen die "Bilis" einen Französisch-Leistungskurs, der mit der zentralen schriftlichen Leistungskursprüfung abschließt. Danben kann ein französischsprachiger Wahlgrundkurs histoire-géographie (Geschichte-Geografie) belegt werden, bei dem die neuere französische Nationalgeschichte, die Analyse geopolitischer Fragestellungen und die Chronologie der deutsch-französischen Beiehungen und deren Auswirkungen auf die neuere Geschichte Europas im Mittelpunkt stehen. Die sich über acht Jahre erstreckende bilinguale Ausbildung wird flankiert durch regelmäßige projektorientierte Schüleraustausche mit französischen Partnerschulen, eine französische Theatergruppe, Studienfahrten nach Frankreich, die Teilnahme am Bundeswettbewerb Fremdsprachen und das Angebot von Arbeitsgemeinschaften, die auf die Prüfungen zum Erwerb der international anerkannten DELF/DALF-Diplome vorbereiten.
Beispiel: Das Gymnasium Oberursel
Das Gymnasium Oberursel bietet ab der 7. Klasse Geschichte und ab der 8. Erdkunde auf Englisch an. Dazu muss man in der 6. Klasse einen Test bestehen und nur die 30 Besten bekommen die Chance, den bilingualen Unterricht zu besuchen. Außerdem hat der bilinguale Unterricht in der 8. Klasse noch das Privileg, eine Studienfahrt nach England machen zu können.
Beispiel: Das Hardtberg Gymnasium Bonn
Das [1]Hardtberg Gymnasium ist eines der jüngsten Bonner Gymnasien und bietet bereits seit den sechziger Jahren einen bilingualen deutsch-französischen Bildungsgang an. Die international anerkannten Prüfungen zu den Sprachzertifikaten Cambridge PET, FCE und CAE sowie DELF können ebenfalls am HBG abgelegt werden.
Beispiel: Das Friedrich Ebert Gymnasium Bonn
Das Friedrich-Ebert-Gymnasium Bonn[2] bietet ab der 5. Klasse einen deutsch-französischen Bildungsgang an. Schüler die sich für diesen Bildungsgang entscheiden haben ab der 7. Klasse die Fächer Erdkunde, Geschichte und Politik auf Französisch. In der Oberstufe steht ihnen dann die Möglichkeit offen, das französische Baccalauréat oder das International Baccalaureate zusätzlich zum deutschen Abitur zu absolvieren.
Zweisprachiger Unterricht in Frankreich
In einigen Regionen dient der bilinguale Unterricht auch der Förderung von Minderheitensprachen. Beispiele sind hier die in privater Trägerschaft befindlichen okzitanisch-sprachigen Calandretas in Frankreich.
Literatur
- Eckhard Klieme u.a.: Unterricht und Kompetenzerwerb in Deutsch und Englisch. Zentrale Befunde der Studie Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International (DESI), Frankfurt am Main 2006
Weblinks
- Deutscher Bildungsserver: Redaktionsseite Zweisprachigkeit, Mehrsprachigkeit
- Bilingualer Unterricht im Fachportal Pädagogik: Literatur, Onlineressourcen, Institutionen
- Förderung der Sprachenvielfalt in der EU
- Portal:Bildung und Schulwesen
- Bilinguales Lernen Online - Länderübergreifendes Kooperationsprojekt (Bildungsserver Hessen)
- Checkpoint Bili -- Das Internetforum zu Materialien für den bilingualen Geschichtsunterricht
- Bildungsportal NRW: Bilinguales Lernen
- Bildungsserver Hessen: Wege, Versuche, Erlasse zum bilingualen Unterricht
- Schulen und Kitas mit bilingualem Unterricht / Erziehung
- Dietrich Bonhoeffer Gymnasium Bergisch Gladbach: Bilingual Deutsch-Französischer Zweig
- Deutsch-Englische Bilingualität in den Fächern Geographie, Geschichte und Sozialwissenschaften am Gymnasium Essen-Borbeck
