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Yörük
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Der Terminus Yörük wurde und wird - in geringfügig unterschiedlicher Aussprache und in unterschiedlichen Schreibweisen - mit verschiedenen Bedeutungen verwendet:
- Im Osmanischen Reich war er in erster Linie ein spezieller Begriff mit rechtlicher, administrativer und fiskaler Bedeutung, der eine besondere „Klasse“ von Nomaden bezeichnete, die zum Dienst in der Osmanischen Armee verpflichtet war.[1]
- Im modernen ethnologischen und anthropologischen Gebrauch wird er als Ausdruck für und auch als Selbstbezeichnung von Viehnomaden verstanden, der in verschiedenem Ausmaß sesshafte Anteile einschließt, und der in ethnologischem Sinne zur Abgrenzung gegenüber den Türkmen (im Sinne kleinasiatischer Turkmenen), Kurden und anderen viehnomadischen, tribal organisierten Gruppen Anatoliens verwendet wird.[1]
- In osmanischer Zeit wurde er teilweise und wird auch noch als pauschalisierte und daher minder entsprechende Bezeichnung für türkische viehnomadische Stammesgruppen verwendet.[1] Aufgrund dieser Verwendung des Wortes im Türkischen sollen es die europäischen Gelehrten vor Ende des 19. Jahrhunderts zumeist versäumt haben, zwischen der eigentlichen Ethnie der Yörük und anderen „ziehenden“ Gruppen differenziert zu haben, zu denen besonders damals noch saisonal ein Großteil auch der sesshaften kleinasiatischen Bevölkerung aufgrund des vor allem an der Südküste weitverbreiteten Yaylawesens (türkisch: Yayla = Alm (Bergweide), Hochebene, Hochfläche) gehörte, ohne deswegen ein Nomadenleben zu führen.[2]
- Unter der Handelsbezeichnung Yörük oder (im Englischen) Yürük rug werden in unserer Zeit auch bestimmte nomadische Teppiche und kilim der Zentral- und Osttürkei geführt, die auch kurdisch beeinflusst sein können.[3][4][5]
Im Folgenden soll Yörük vorrangig als ethnischer Begriff behandelt, auf die übrigen Verwendungen aber gesondert eingegangen werden.
Als Yörük (türk. Pl. Yörükler oder Yürükler, dt. auch Yörüken, Yürüken, Jürüken, Jürücken u. ä.) wird eine Bevölkerungsgruppe türkischsprachiger Nachfahren von islamisierten oghusisch-turkmenischen Stämmen bezeichnet, die seit Jahrhunderten in Anatolien und auf der Balkanhalbinsel[6] Wanderviehzucht betrieben hat. Noch heute leben wohl einige tausend Yörük ganzjährig in ihren Zelten in Süd- und West-Anatolien, im Sommer in die Berge ziehend, und stellen neben einigen kurdischen die letzten Nomadenstämme in Kleinasien dar.[7][8]
Geschichte
Herkunft und Einwanderung nach Kleinasien
Dieser Abschnitt folgt noch konservativ der gängigen Identifikation der Yörük als Oghusen, wie sie auch von türkischen Wissenschaftlern bevorzugt wird. Die aktuellen Kontroversen um die Berechtigung und Gültigkeit dieser bisherigen Ansichten (vgl. Öhrig 1998) wird weiter unten angesprochen.
Als stammstiftende Vorfahren der Yörük werden islamisierte oghusische Verbände - im historischen Sinne auch Turkmenen oder Turkomanen genannt - angesehen, die ab dem 11. Jahrhundert aus dem zentralasiatischen und persischen Raum nach Anatolien eingewandert sind, nachdem der Weg durch den seldschukischen Sieg über die byzantinische Armee in der Schlacht von Mantzikert geebnet worden war.[9][10][11] Es werden vornehmlich drei bedeutende Phasen der Einwanderungsschübe oghusisch-turkmenischer Stämme in Richtung Westen nach Anatolien unterschieden: Die erste Welle der Einwanderungen erfolgte im Zuge des seldschukischen Durchbruches im 11. Jahrhundert.[12] Die zweite Einwanderungsphase ereignete sich im Gefolge des mongolischen Vorstoßes im 13. Jahrhundert.[13] Und die dritte Reihe von Einwanderungsschüben folgte unter dem Druck zweier zentralislamischer Reiche im 16. Jahrhundert:[14] Diese jüngste Einwanderungswelle war zum einen Folge der Entstehung des schiitischen Safawiden-Staates im Iran mit seiner Soldatenelite schiitischer Turkmenen (Kızılbaş, dt. Pl. „Rotköpfe“),[15][16] die eine westwärts gerichtete Flucht nomadischer Sunniten auslöste.[17] Und zum anderen wurde diese Bewegung verstärkt durch die Zersprengung der teilautonomen turkmenischen Stämme und Konföderationen in Ostanatolien durch den osmanischen Militär-Patronats-Staat,[18] welcher den Auszug sunnitischer Turkmenen-Gruppen über die zentralanatolische Hochebene nach Westen auslöste, wo sie in der Folge von Schiitenverfolgungen, Aufständen und Landflucht entvölkerte Landstriche vorfanden.[18] Denn andererseits hatte die osmanische Zentralmacht auch die Flucht schiitischer Stammesteile über die Grenze zu den Safawiden veranlasst[19] und überließ die Grenzsicherung gegen den Iran nunmehr kurdischen Nomadenverbänden, die mit staatlichen Privilegien in die freigewordenen Weidegebiete gelockt[20][21] und in den Wintern zu Lasten der armenischen Bauern in deren Dörfern einquartiert wurden, um die Präsenz der kurdischen Grenzmilizen nicht durch deren lange nomadische Wanderwege herabzusetzen.[22][23] Die sich daraus bildende und bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert bestehende bäuerlich-nomadische „Symbiose“[24] sollte dann aber später in die „Massaker“ der aus kurdischen Nomaden und ostanatolischen Turkvölkern - darunter auch Yörük wie die Karakeçili[25] - aufgestellten Hamidiye und in eine weitere ethnische Umwälzung Ostanatoliens münden.[26]
Es wird angenommen, dass sich schon unter den ersten oghusisch-turkmenischen Einwanderern Vorfahren der Yörük befanden.[9] Vermutlich vermischten sich die nur lose verbundenen [27][28] turkstämmigen Yörük-Vorfahren bei der Einwanderung mit in Anatolien autochthonen Viehnomaden und assimilierten so möglicherweise byzantinische und kurdische Elemente.[29][9][30] Ein Großteil der turkmenischen Einwanderer waren nomadische Viehzüchter von Schafen und Pferden, die für Transportzwecke Kamele und Esel mit sich führten.[31] Ihre hitzeempfindlichen Kamel- und Kleinviehrassen eigneten sich besonders für die winterkalten Steppen Zentralanatoliens,[32] und ihre Kühe hielten mit den Hörnern und Hufen die Vegetation für die Schafe offen, wenn nach Regen plötzlich einsetzender Frost eine harte Eisschicht bildete, wie dies auch in ihrem Ursprungsgebiet nördlich von Persien geschehen konnte.[33] Die Einwanderer, die zum Teil durch Beduinisierung[34] oder Verreiterung[35] aus bäuerlichen Kulturen Zentralasiens und Persiens hervorgegangen waren,[36] bildeten aber auch viele gemischtwirtschaftliche Gruppen.[37] Wenn nämlich auch der Anteil nicht bezifferbar ist, so zeigen linguistische Untersuchungen doch, dass die Turkmenen auch als bereits Sesshafte nach Anatolien gelangt waren.[38] Und schon mit der ersten Besiedlungswelle im 11. Jahrhundert setzte die Sesshaftwerdung der Turkmenen (im historischen Sinne) oder Türken ein, die sich schrittweise bis in das 19. Jahrhundert fortsetzte,[9][33] als zur Jahrhundertwende die nahezu letzten turkmenischen Nomaden (im Sinne von: Angehörige der rezenten zentralanatolischen und südosttürkischen Ethnie Türkmen) angesiedelt wurden.[39] Weitgehend ausgenommen von der Sesshaftwerdung blieben jedoch die Bevölkerungen in den Regionen des Taurusgebirges, dessen enorme jährliche Temperaturgradienten zu den bis in die 1970er-Jahre malariaverseuchten Küstenniederungen den vertikalen Viehnomadismus als bevorteilte Wirtschaftsform konservierten.[40][41]
Wandel der militärischen Rolle der Yörük im Osmanischen Reich
Diese Viehnomaden drangen auf der Suche nach frostfreien Winterweidegebieten mehrmalig in die byzantinischen Restgebiete des agäischen Küstentieflandes vor und stellten häufig die „Speerspitze“ der nach dem Zerfall der seldschukischen Macht im ausgehenden 13. Jahrhundert sich bildenden Emirate dar.[9] Im 14. Jahrhundert wurden solche Nomadengruppen in diesem Zusammenhang als bevorzugte Krieger bei der Eroberung und Landnahme Anatoliens, Rumeliens und der weiteren Balkanhalbinsel erstmals unter dem Namen Yörük schriftlich erwähnt,[42][43] als aus dem Niedergang des byzantinischen und seldschukischen Einflusses die osmanische Herrscherschicht erstarkt hervorging.[44] Die osmanische Dynastie soll ihre eigene Herkunft auf den oghusischen Stamm der Kayı zurückgeführt haben, der mit den Yörük in Verbindung gebracht wird.[44] Weit mehr als das andere große Nomadenvolk türkischer Sprache, die Türkmen, stehen nun die Yörük im Ruf, eine hervorragende militärische Rolle in der Expansionsphase des osmanischen Reiches im 14. und 15. Jahrhundert gespielt zu haben, für welche sie durch die osmanische Sultanatsadministration mit beträchtlichen Privilegien ausgestattet wurden:[43] Agas (türk. Sg. ağa), die als Yörük-Heerführer im Kriegsdienst des Sultans mehrere Heereseinheiten (türk. Sg. ocak) - bestehend aus je einem gut gerüsteten Reiter, drei Gabelträgern und 20 Gehilfen - aufzubieten und zu führen hatten, wurden Ende des 15. Jahrhunderts (unter Sultan Mehmed II.) bis in das 16. Jahrhundert hinein (unter Sultan Süleyman II.) weitgehend von Abgaben an die Feudalherren (türk. Sg. sipahi) entbunden und genossen vollständige Bewegungsfreiheit.[45] Während die Interessen der sultanischen Zentralgewalt mit denen der Yörük in dieser Phase noch oft zusammenfielen,[43] klafften Gegensätze zwischen nomadischen Yörük einerseits und Feudaladel sowie Bauernschaft andererseits schon im 14. Jahrhundert auf.[46]
Auf dem Höhepunkt der osmanischen Machtentfaltung im 16. Jahrhundert waren Yörük mit den osmanischen Truppen in das gesamte osmanische Weltreich [27], im Westen bis nach Südosteuropa und ins östliche Mitteleuropa[27], gelangt. Auch nach den Gebietsverlusten des Osmanischen Reiches blieben einzelne Stämme[27] der Yörük dort. So halten sich bis in unsere Zeit Yörük-Dialekte in etwa 65 Dörfern im Südosten Mazedoniens.[47][48]
Noch unter Süleyman II. hatte die Interessen-Annäherung von Sultanat-Zentralmacht und Feudaladel zuungunsten der Yörük ihren Ausgang genommen.[46] Ende des 16. Jahrhunderts verloren die Yörük schließlich ihre militärische Bedeutung an die osmanischen Janitscharen (von türk. yeni çeri, dt. „neue Truppe“) und wurden in der Folge zum Ersatz für ihre verzichtbar gewordenen Militärdienste durch erhebliche Frondienste belastet (wie Holzbeschaffung für Schiffbau, Ausbesserungen oder Wachdienste an Heeresstraßen, Bergbau).[46] Die Yörük hatten ihre als yörüklük (deutsch „Yörükentum“) bezeichnete[46] Lebensart als Viehnomaden über die Jahrhunderte beibehalten können. Doch wurden sie schließlich unter den Osmanen ab dem 18. Jahrhundert zunehmend zur Sesshaftigkeit gezwungen, insbesondere seit der Regentschaft von Abdülhamid II.[49]
Wandel in der Stammesorganisation
Im Verlauf des 17. Jahrhunderts begannen sich die Yörük in kleinen Lokal- und Verwandtschaftsgruppen zu organisieren.[27] Die osmanische Regierung gestand ihnen das Recht zu, fällige Steuern selbst einzuziehen und junge Yörük zu rekrutieren.[27] Dabei entstanden Verwaltungseinheiten, die zur Herausbildung von festen Stammeseinheiten (cemaat) und Stammesidentitäten führten.[27] Um 1830 wurden die zuvor in ihrer Zusammensetzung einem steten Wandel unterworfenen Stämme als aşiret festgeschrieben.[27] Um 1900 gab es noch etwa 50 große Stämme nomadischer Yörük,[50] deren Weideland durch die Sultanatsverwaltung garantiert wurde.[51] Die Bedeutung der Stämme nahm aber im 20. Jahrhundert nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und nach der Republikgründung ab, als die durch den Marshall-Plan der USA geförderte Mechanisierung der Landwirtschaft und Ausdehnung der Agrarflächen[52] die Nomadengruppen der westlichen Türkei zersplitterte.[50][51][53][54] Verbanden sich die Yörük zuvor noch bevorzugt innerhalb des jeweiligen Stammes endogam, so wurde es nun zum Ziel der Eltern, ihre Kinder zumindest innerhalb des Volkes der Yörük zu verheiraten.[55] Die einzelnen Yörük wurden bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts auf den Meldeämtern unter ihrer Stammeszugehörigkeit registriert.[27] Auch sie mussten 1934 bürgerliche Nachnamen annehmen.[27]
Übergang in die Moderne
Im Gegensatz zu vergangenen Generationen besuchen heute auch die Kinder der nomadischen Yörük, Mädchen wie auch Jungen, für mindestens fünf Jahre die Schule,[56][57] wie es die türkische Verfassung seit 1931 vorsieht.[57][58] Dabei sind sie als Landkinder durch die Verlängerung der Ferien um einen zusätzlichen Monat zwar eigens für die Landarbeit freigestellt, doch führt die Bindung der Nomadenfamilien an größere Ortschaften durch die Schulpflicht zu einer Beschränkung der Weidemöglichkeiten auf die langen Sommerferien, falls die Schulkinder nicht bei Verwandten oder Bekannten zurückgelassen werden können oder sollen.[58][57] Auch der durch die gesetzliche Bestimmung der jungen Männer zum Militärdienst verursachte Arbeitskraftverlust ist für die Nomaden erheblich.[57] Die meisten Yörük sind aber in Dörfern und Städten sesshaft, teilweise in den von den Armeniern oder Griechen im Zuge des Ersten Weltkrieges geräumten Gebieten,[59][29] und gehen verschiedensten Berufen nach.[29][60] In der Regel haben sie letztendlich die Viehwirtschaft aufgegeben, um einer landwirtschaftlichen oder städtischen Beschäftigung nachzugehen.[61] Einige sind Teilnomaden, die nur im Sommer ihre Hochalmen (türk. yayla) betreiben, nur ganz wenige leben ganzjährig in Zelten und sind im Winter in den Tiefländern der Küstenstreifen und -ebenen am Mittelmeer unterwegs. Allerdings scheint sich abzuzeichnen, dass zwar nur noch ein Sohn je Familie den nomadischen Haushalt fortführt, dies aber unter Umständen ausreichen könnte, die Herden und die Zahl der Zelte annähernd zu halten.[62] Alle, auch die Vollnomaden, müssen heutzutage in einem Dorf oder in einer Stadt registriert sein.[63][61] Dabei werden sie weder unter ihrem Stammesnamen noch als Yörük registriert,[64] wie die türkische Regierung in den Volkszählungen auch niemals die verschiedenen Nomaden gesondert erfasst hat, so dass über deren Anzahl und Zusammensetzung Unklarheit herrscht.[65]
Das Bewusstsein Yörük zu sein, teilen vollnomadische, halbnomadische und sesshafte Yörük miteinander.[66] Yörüklük oder Yörükcülük (dt. etwa Yörükentum) setzt nicht für alle das Leben in der Wanderviehhaltung voraus, sondern kann als die Gesamtheit ihrer Kultur und ihrer Lebensweise im patriarchalischen Familien- und Stammesverband aufgefasst werden, die bestimmend bleibt, auch wenn die Yörük sesshaft geworden sind.[67] So ziehen die Yörük selbst noch als Arbeitsmigranten bevorzugt nach ihren verwandtschaftlichen Beziehungen ins Ausland, wo sich, wie etwa in Deutschland, in bestimmten Ortschaften regelrechte Sippen aus der Türkei wiederangesiedelt haben sollen.[68]
Zu den Stämmen der Yörük
Die Stämme waren ursprünglich politische Einheiten von jeweils mehreren tausend Angehörigen.[69] Einige wie die Karakoyunlu sind seit dem 13. Jahrhundert bekannt,[70] und die Namen der Stämme sind in historischen Dokumenten und in lokaler Überlieferung belegt.[69] Im 20. Jahrhundert sank die Bedeutung der Stämme, insbesondere mit dem Ende der großen Stammesbewegungen nach den Grenzziehungen durch das Auseinanderbrechen des Osmanischen Reiches im Zuge des Ersten Weltkrieges[51][71] und mit der Gründung der türkischen Republik.[72] Die Struktur der Stammesverbände überlebte das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht, und allein das Wissen um die namentliche Stammeszugehörigkeit blieb an der Schwelle zum 21. Jahrhundert bestehen.[73]
In diesem Sinne von Bedeutung sind heute noch:
Aksığırlı, Ali Efendi, Aydınlı, Bahşış, Çakal[lar], Çoşlu, Elekli, Gaçar, Güzelbeyli, Honamlı, Horzum, Karaevli, Karahacılı, Karakoyunlu, Karakayalı, Karakeçili, Karalar, Manavlı, Melemenci, Saçıkaralı, Sarı Ağalı, Sarıhacılı, Sarıkeçili, Sarıtekeli, Tekeli, Yeni Osmanlı.[55]
Akkoyunlu
Inzwischen meist sesshaft leben die verschiedenen Gruppen der Akkoyunlu (dt. etwa „Leute mit weißen Schafen“) heute über die Türkei verstreut, der größte Teil des Stammes sesshaft in der Ebene von Antalya wie im fast ausschließlich von Akkoyunlu bewohnten Dorf Yurtpınar östlich von Antalya.[74] Nur wenige Familien haben eine vollnomadische oder halbnomadische Lebensweise bis heute bewahrt,[74] mit Winterlagern östlich von Antalya und Sommerlagern zwischen dem Eğirdir-(auch Eğridir-) und dem Beyşehir-See.[75] Die Akkoyunlu besaßen bis in die 1970er Jahre noch Kamele[76] und - entsprechend ihrem Namen - bis heute ausschließlich weiße Fettschwanz-Schafe.[74]
Die Akkoyunlu sehen sich heute stolz als Nachfahren der berühmten historischen Akkoyunlu,[77] deren Vorfahren vermutlich schon im 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit den ersten turksprachigen Stämmen aus Zentralasien nach Anatolien gelangt waren.[74] Als „Horde der weißen Hammel“ historisch bekannt, errichteten sie zusammen mit anderen turksprachigen und mit kurdischen Stämmen die in ihrer tribalen Organisation an mongolische Tradition anknüpfende, überwiegend „turkmenische Konföderation“ der Akkoyunlu[78] in der heutigen Osttürkei.[79] Im 15. Jahrhundert gelang ihnen unter der Führung von Uzun Hasan der Sieg über die Karakoyunlu und deren teilweise Eingliederung.[80] 1473 erlitt das Reiterheer Uzun Hasans jedoch durch die Osmanen unter Mehmed II mit Hilfe von Christen gegossener Kanonen eine schwere Niederlage.[77] Nach seinem Tod 1478 zerfiel seine Konföderation zugunsten der Osmanen.[77]
Aydınlı
Die Aydınlı (dt. etwa „Leute aus Aydin“) weisen eine Besonderheit auf. Während die Nomaden der westlichen Taurusgebirge vom Golf von Antalya bis nach Adana, dem eigentlichen Taurus, Yörük oder Yürük genannt werden und sich auf der höchsten Ebene der Gruppenidentifikation auch selbst so nennen, wird die offizielle Bezeichnung Yörük für die Nomaden des östlichen Taurusgebirges, dem Antitaurus, von diesen selbst nicht verwendet.[65] Sie gehörten ursprünglich zu verschiedenen westanatolischen Yörük-Stämmen und sind teilweise schon im 19. Jahrhundert nach Osten in den Antitaurus gewandert.[65][81] Belegte Gründe dafür waren zum Beispiel: blutige Streitigkeiten mit dem derebey im Gebiet der heutigen Provinz Antalya,[82] der bis zu sieben Jahre dauernde Militärdienst,[83] Flucht vor Steuereintreibern[84] und Auseinandersetzungen um Weideplätze[27]. Zudem wurden Angehörige westanatolischer Yörük-Stämme angezogen von den freigewordenen, ehemaligen Weidegebieten der Afscharen (türk. Afşar), die am Ende der militärischen Auseinandersetzungen des osmanischen Staates mit den Nomadenstämmen der Çukurova und der Berge nördlich davon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Sesshaftigkeit gezwungen worden waren[85][86]. Die Aydınlı, die daraufhin zum Beispiel im Umkreis armenischer Dörfer die Hochalmen des Antitaurus als Sommerweide genutzt hatten,[87] wurden selbst vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts in den inzwischen von Armeniern entvölkerten Dörfern - teilweise unter Zwang - angesiedelt[54][86]. In den östlichen Gebieten hatten sich die aus dem westlichen Taurus zugewanderten Stämme zu neuen Gruppen formiert. Sie hatten dort schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts [86]von der örtlichen Bevölkerung wegen ihrer Herkunft aus der Gegend von Aydın ihren Fremdnamen erhalten und wurden nicht mehr als Yörük bezeichnet.[29][88] Den Namen Aydinli übernahmen sie selbst,[65] sind sich aber ihrer Herkunft von westlichen Stämmen der Yörük bewusst.[89]
Karakeçili
Gruppen, die dem Stamm der Karakeçili (dt. möglicherweise etwa „Leute mit schwarzen Ziegen“,[90] auch nicht suffigiert Karakeçi[91] oder hist. Kara Keçilü,[92] nicht zu verwechseln mit den Karakeçeli[93]) zugeordnet werden, leben in unserer Zeit - zum Teil heute noch als Nomaden[94] - weitverstreut in Provinzen des westlichen, zentralen, östlichen, südlichen und südöstlichen Anatolien.[95] Bemerkenswerterweise werden in der Sekundärliteratur einige der Karakeçili-Gruppen den Yörük, andere aber den Turkmenen und weitere sogar den Kurden zugeordnet.[96] Im 20. Jahrhundert haben einige Autoren den Karakeçili einen prominenten Status eingeräumt, der aber in seinem chronologisch und regional sehr weiträumig konstruierten Geschichtsverständnis unter Missachtung wichtiger historischen Quellen entstanden ist, wie eine junge Studie Bruno Öhrigs nahelegt.[94] Als Grund für die Diskrepanz der Quellenlage zu dem entworfenen Geschichtsbild führt Öhrig unter anderem ideologische Tendenzen der türkischen Historikerzunft an.[97] Wiederholt wurden Karakeçili-Gruppen besondere Beziehungen zu der osmanischen Dynastie zugesprochen.[97] Candar hatte (1934) erklärt, die Stammesgruppen und Stämme („kabileler ve aşiretler“) Kara-, Kızıl-, Ak-, Akça- und Alakeçili sowie die Keçili - seien Abspaltungen von einem Keçili-Stamm (boy) bzw. -Volksstamm (ulus), welcher ein Fragment des Kayı-Volksstammes (ulus, el, il) bzw. der Stammesgruppe (kabile) der Kayı sei, [98] vermutlich auf die Kayı-Oghusen anspielend („Qājī“, ältester Sohn des „Kün-Ḫān“, ältester Sohn des „Oğuz“).[99] In der Folge übernahm eine Reihe türkischer Autoren dieses Motiv, häufig unter Auslassung der zwischen den Kayı und den diversen keçili-Gruppen stehenden Keçili.[100] Unter anderem stellte Gökçen (1950) die Behauptung auf, die aşiret Karakeçili und Sarıkeçili seien dem boy Kayı zugehörig, doch wird dieser Bezug von der durch Gökçen angegebenen Quelle für die Sarıkeçili nicht gestützt.[101]
Karakoyunlu
Inzwischen meist sesshaft oder halbnomadisch leben heute über Südanatolien verstreut verschiedene Gruppen der Karakoyunlu, vereinzelte Familien auch im äußersten Nordosten.[102] Während in den 1980er Jahren noch bis zu 80 Familien ein vollnomadisches Leben führten, sind zu Anfang des 21. Jahrhunderts nur noch einzelne Familien vollnomadisch geblieben,[102] deren Winterlager östlich von Antalya und deren Sommerlager zwischen dem Eğirdir- (auch Eğridir-) und dem Beyşehir-See liegen.[102] Seit Mitte der 1970er Jahre dienen den Karakoyunlu nicht mehr Kamele, sondern Traktoren oder Esel, Maultiere und Pferde als Beförderungsmittel für die Wanderungen.[102] Die Karakoyunlu (dt. etwa „Leute mit schwarzen Schafen“) besitzen bis heute hauptsächlich schwarze Fettschwanz-Schafe und nur wenige Ziegen.[102]
Die Karakoyunlu sehen sich heute stolz als Nachfahren der berühmten historischen Karakoyunlu,[77] deren Vorfahren vermutlich schon im 11. Jahrhundert im Zusammenhang mit den ersten turksprachigen Stämmen aus Zentralasien nach Anatolien gelangt waren.[102] Als „Horde der schwarzen Hammel“ historisch bekannt, errichteten sie zusammen mit anderen turksprachigen und mit kurdischen Stämmen die in ihrer tribalen Organisation an mongolische Tradition anknüpfende, überwiegend „turkmenische Konföderation“ der Karakoyunlu,[103], gelegen in der heutigen Osttürkei und im nordwestlichen Iran.[104] 1394 soll der zweite Sohn Tamerlans während eines Kriegszuges gegen die Karakoyunlu-Konföderation vor einer kurdischen Burgfeste erschossen worden sein.[21] Im 15. Jahrhundert gelang der noch mächtigeren Konföderation der Akkoyunlu unter Uzun Hasan der Sieg über die Karakoyunlu und deren teilweise Eingliederung.[104]
Saçıkaralı
Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gingen die Saçıkaralı überwiegend der nomadischen Wirtschafts- und Lebensweise nach[105] und waren damit einer der letzten großen Stämme, der zur Seßhaftigkeit überging.[106][66] Noch etwa bis Ende der 1980er Jahre wanderten Saçıkaralı, die ihre Winterlager in der Provinz Hatay und ihre Sommerlager in der Provinz Kayseri hatten, als Vollnomaden mit Kamelen.[107][108] Inzwischen sind sie aber seßhaft geworden.[107]
Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten die Saçıkaralı mit ihren Herden langhaariger, schwarzer Ziegen (daher möglicherweise der Stammesname: saç = Haar, kara = schwarz) in West-Anatolien (Provinzen Aydın und Afyon), wichen dann aber in einem zwei Generationen währenden Prozeß dem Druck der zunehmenden Landwirtschaft sowie Rekrutierungsversuchen des osmanischen Militärs nach Osten hin aus und tauschten ihre Ziegenherden gegen Schafherden aus.[107] Im Osten gebot dichtes, kurdisch bewohntes Siedlungsgebiet ihrer Wanderung Einhalt.[107] Aus den negativen Erfahrungen mit der in ihrem Ursprungsgebiet unweit der Hauptstadt Konstantinopel in früheren Zeiten effektiven[107] Heranziehung zum Militärdienst heraus meldeten sich große Teile des Stammes nicht zu der 1935 und 1936 von der türkischen Regierung vorgenommenen Schenkung und Verteilung großer freier Landstriche und ließen diese Gelegenheit somit ungenutzt.[109] Heute leben Saçıkaralı über ganz Anatolien zerstreut.[106]
Sarıkeçili
In ganz Süd- und Südwestanatolien leben heute zersplittert Gruppen der Sarıkeçili, meist bereits sesshaft oder halbnomadisch.[110] Eine größere vollnomadische Gruppe (2004: ca. 60 Familien) hat jedoch - vermutlich als einzige Stammesgruppe der Yörük überhaupt - eine Lebensweise beibehalten, wie sie noch von den anatolischen Yörük vor 100 Jahren geführt wurde.[110] Die Sarıkeçili (dt. etwa „Leute mit gelben Ziegen“) besitzen sehr große Herden mit bis zu 300 - meist schwarzen, seltener gelben oder gelbbraunen - Ziegen pro Familie, aber nur wenige Schafe. Solche Gruppen, „die vorwiegend Ziegen haben und wenig Schafe“, berichtet Harald Böhmer, „stehen in der Hierarchie der Stämme unten, gelten als arm“.[110] Als tapfer geachtet, wurde auf die Sarıkeçili in Bezug auf die lockerere Handhabung der religiösen Sitten von anderen Yörük-Stämmen herabgesehen.[111] So tanzten Mitte des 20. Jahrhunderts Männer und Frauen der Sarıkeçili gemeinsam und fasteten nicht zum Ramadan.[112]
Siedlungsgebiete
Kleinasien
Amtliche Zahlen über die Anzahl der Yörük in der Türkei fehlen, da sie aufgrund ihrer türkischen Sprache nicht gesondert in den offiziellen Volkszählungen erfasst werden.[66][113] Schätzungen des Ethnologen Kunze zufolge leben in unserer Zeit rund eine Million sesshafte Yörük in Anatolien (Stand: 1980),[114][113] wobei er Angaben des ausgehenden 19. Jahrhunderts (700.000 Yörük in drei westanatolischen Regionen) zugrundelegt, die Balkanrückkehrer und Yörük weiterer, vorrangig westanatolischer Provinzen hinzuschlägt und eine gewisse Anzahl abzieht für diejenigen, die ihre Yörük-Identität abgelegt haben.[115]
Nomadische Yörük
Schätzungsweise weniger als 10.000 Yörük leben heute noch vollnomadisch (1980: rund 10.000 geschätzt),[116][117][118][8] vorwiegend in den türkischen Provinzen Aydın, Muğla, Antalya, Mersin (İçel), Adana, Hatay und Gaziantep (Antep).[60][119] Ihre Sommerweidegebiete liegen vor allem in den Hochlagen des Taurusgebirges im Süden der Türkei westlich von Gaziantep bis hin zur Ägäis.[120][121][29][60] Diese Regionen des Taurus und Antitaurus bieten mit ihren steilen Abhängen, die bis auf Höhen von weit über 3000m ansteigen, schwierige Bedingungen für die Landwirtschaft und erlauben durch die trockene Vegetation selbst in den Talsohlen vornehmlich Viehwirtschaft, vor allem mit Schafen, Ziegen, Dromedaren und Eseln, in besseren Weidegebieten auch mit Pferden und Kühen.[40] Im Winter ziehen die Nomaden, da sie ihre Herden bei den tiefen Lufttemperaturen (bis unter -20°C) der mit hohen Schneedecken überzogenen Gebirge nicht aktiv halten könnten, in die wintermilden (ca. 8-16°C) Winterweidegebiete, die in der Regel in den Tiefländern entlang der Mittelmeer- und Ägäisküste Südanatoliens liegen, wie die im Osten gelegene Çukurova (dt. etwa „Tiefebene“[122]) bei Adana.[40][120][29][60] Lediglich um Konya findet man vollnomadische Yörük auch im Winter.[27] Im Sommer folgt wieder der Rückzug der Nomaden in die Bergweiden, da insbesondere die Schafen und Ziegen der Hitze entzogen werden müssen,[123][124] die dann in den Niederungen bei zugleich hoher Luftfeuchte herrscht (im Tagesmittel 36°C, mittags daher 45°C im Schatten, in der Sonne wohl bis über 60°C).[125]
Alevitische Yörük
Es liegen nur Erfassungen für Emirdağ (Provinz Afonkarahisar) und Bozüyük (Provinz Bilecik), in sieben Gegenden, vor, doch treten alevitische Yörük angeblich verstreut anderenorts im Taurus, nahe der Stadt Yozgat, auf.[126][113] Zwar gibt es ältere Erfassungen, die für die Provinz Manisa die Dörfer Sazdere und Bahadır bei Kozluca sowie Alemşahlı bei Sarıgöl als solche von Aleviten und Yörüken ausweisen und Tahtacı und Çepni ausschließen, doch ohne weitere Erläuterungen, so dass Verwechslungen mit alevitischen Turkmenen nicht ausgeschlossen sind.[127]
Europa
Vermutlich sind heute nur sehr wenige Yörük auf der Balkanhalbinsel verblieben.[113] In den 1980er Jahren begegnete Svanberg etwa 200 Yörük, die in kleinen isolierten Flecken in den Bergen Mazedoniens noch ein traditionelles Leben führten und nach seinen Angaben zu der religiösen Gemeinschaft der Bektaşı gehören.[128]
Im Zuge der Eroberung Zyperns unter Sultan Selim II. kamen Gruppen der Yörük auf die Mittelmeerinsel, wo ihre Nachkommen noch heute unter der sesshaften Dorfbevölkerung vorgefunden werden können.[129]
Nomadische Yörük
Auf der Balkanhalbinsel gilt das Nomadentum der Yörük heute als vollständig verschwunden,[6] zumindest aber ist nach Andrews (1989) der überwiegende Teil der in Rumelien verbliebenen Yörük sesshaft geworden.[66]
Lebens- und Wirtschaftsweise
Bereits in früheren Jahrhunderten änderten einzelne Yörük-Gruppen und -Stämme ihre Lebens- und Wirtschaftsweise. Meist wurden aus Vollnomaden Halbnomaden und schließlich Sesshafte. Es gibt allerdings auch Beispiele dafür, dass Sesshafte wieder eine nomadische Lebensweise angenommen haben oder ein längerfristiger oder kurzfristiger Wechsel zwischen Voll- und Halbnomadentum stattgefunden hat.[131][132] Exakte Daten über die Verteilung der verschiendenen Formen der Wanderweidewirtschaft (Nomadismus, Transhumanz, Almwirtschaft)[133] der verschiedenen Regionen und Epochen Kleinasiens sind allerdings rar und bedürfen fachkundiger Deutung.[134] Heute scheint die Entwicklung beschleunigt auf eine weitgehende Sesshaftigkeit hinauszulaufen,[57][135] doch ist andererseits in der internationalen Entwicklungspolitik immerhin eine gewachsene Bereitschaft zu erkennen, die Grenzen der Eignung der konventionellen Landwirtschaft für viele von Nomaden besiedelten Regionen wahrzunehmen.[136]
Vollnomaden
Eine Anzahl von Angaben über die nomadischen Yörük entstanden hier insbesondere durch Verallgemeinerung der Ergebnisse aus den Untersuchungen an Gruppen des Stammes der Aydınlı, die auf den Feldforschungen von Ulla Johansen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Türkei fußen. Für die Gesamtheit der Yörük-Nomaden und ihre Geschichte muss aber mit weiteren tribalen, regionalen, historischen und sonstigen Differenzierungen gerechnet werden.
Nomadismus im engeren und ursprünglichen Sinne beschränkt sich nicht auf eine wandernde Lebensweise, sondern setzt immer auch Wanderviehzucht voraus,[137][138] welche auch die traditionelle Wirtschaftsweise der Yörük kennzeichnet.[139] Doch muss Nomadismus stets auch in Verbindung zum Ackerbau gesehen werden.[140] Der Vollnomade steht in Handelsverbindungen mit den Bauern, denn auch den vollnomadischen Yörük dienen als Hauptnahrung Getreideprodukte.[140] Milchprodukte und Fleisch, Wolle und aus Wolle hergestellte Gewebe wie Teppiche sind großenteils für den Handel bestimmt.[137][139][141]
Die Wanderungen der Yörük sind von den Jahreszeiten bestimmt. Der Sommer wird auf den yayla genannten Sommerweidegebieten in den Hochländern und Gebirgen verbracht, der Winter in den Winterweidegebieten (kışlak) der Tiefländer und der niedrigen Lagen der angrenzenden Berge. Auf den Wanderungen zwischen beiden Gebieten werden manchmal im Herbst und im Frühling Zwischenstationen (güzlek und yazlak) bezogen.[143] Ganzjährig, also während der Wanderungen und auch in den Weidegebieten, wohnen die Yörük in Zelten. Schon bald nach der Einwanderung in Anatolien vertauschten die Yörük ihre Filzjurten gegen die heute üblichen leichteren Schwarzen Zelte aus Ziegenhaar, deren Machart aus dem arabischen Raum stammt.[9]
Schafe und Ziegen bilden die Viehherden. Kamele, Pferde, und Esel wurden früher als Transportmittel eingesetzt. Heutzutage werden sie meist durch eigene oder angemietete Motorräder, Personenkraftwagen, Lastkraftwagen, Wassertankwagen, Traktoren oder durch die Eisenbahn (z.B. von Akbük mıt dem Zug nach Afyon auf dem Weg auf die yayla in Ak Dağ)[66] ersetzt,[144][145][146] wobei zuweilen nicht nur die Leute mit ihrer materiellen Habe, sondern in Anbetracht des sinkenden Futterangebots und der Gefahr von Flurschäden auf den Wegen zu den Sommerweiden auch ihre Herden per Motorkraft auf die yayla transportiert werden.[147][148] Mit Dromedaren übernahmen die Yörük auch vielseitigen Karawanen-Fernhandel, z. B. mit dem Salz des Tuz Gölü (dt. Salzsee) Zentralanatoliens.[149][146] Heute bilden Dromedar-Karawanen eine Touristenattraktion.[27] Kamelreiten wurde zum wichtigen Nebenerwerb mancher immer noch nomadisierender Yörük.[27] Auch Touristenbesuche im Nomadenzelt mit Bewirtung,[27][150] folkloristischen Darbietungen[27] und Verkauf von Teppichen bessern die Haushaltskasse auf.[151] [152] Ein Hauptverdienst der Yörük ist der Verkauf von Schafen und Ziegen, bevorzugt für die islamischen Feiertage wie z. B. Kurban Bayramı, das Opferfest zum Gedenken an Abrahams (türk. İbrahim) Opfergabe.[141][153]
In früheren Jahrhunderten dominierte der Tauschhandel. Vor allem die im Zuge der neuen Flurteilung von 1935 erfolgte Zuweisung des öffentlichen Landes bis zu den Berggipfeln an die umliegenden Dörfer führte zur Erhebung und Erhöhung von Pachtgebühren[58][57] für die in osmanischen Zeiten pachtfreien und leichter zugänglichen Weidegebiete[27] - insbesondere Sommerweiden[58] - und zwang die Yörük, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Pacht vornehmlich in Form von Naturalien-Geschenken entrichtet hatten, letztendlich zur Geldwirtschaft überzugehen.[154] Oft genug führte dies die Yörük in den Teilnomadismus, in die Sesshaftigkeit[57][57] oder in die Verarmung.[27][151]
Nicht nur in den Winterweidegebieten, sondern auch auf den yayla stehen durch die Ausweitung des Ackerbaus,[60][155] die Überbauung mit Siedlungen[155] und Verkehrswegen[27] sowie durch Aufforstungen[156] immer weniger Flächen für die Beweidung zur Verfügung.[135]
Das Resultat dieser wirtschaftlichen Entwicklungen ist eine Art Nebenerwerbs-Vollnomadismus.[27]
Vieh und Herden
Kleinviehhaltung
Das bedeutendste wirtschaftliche Standbein der nomadischen Yörük bildet in der Regel die Aufzucht der Ziegen und Schafe,[139][109] wobei die Schafzucht aufgrund der höheren Preise für Schafwolle, -Fleisch und -Joghurt größeren Gewinn und Wohlstand verspricht als die früher üblichere[139] Ziegenzucht,[157] wenn auch beim Käse der Ziegenkäse das Hauptverkaufsprodukt der Yörük darstellt.[158][157] Dementsprechend sollen etwa 100 Schafe gegenüber 150 Ziegen den Lebensunterhalt einer erweiterten Familie minimal sichern können,[157] aufgrund zunehmender Belastung durch früher nicht oder geringer vorhandene Pachten und Steuern mag heute auch eine Anzahl von rund 200 bis 250 Schafen notwendig sein.[154][60] Andererseits erfordern Schafe erheblich höheren Aufwand und größere finanzielle Investitionen als Ziegen.[157] Während nämlich zwei oder drei Schäfer nötig sind, um eine Hauptherde von 100 bis 500 Schafen sorgfältig zu weiden und zu hüten, wird für eine Herde mit 500 Ziegen, die ihr Futter ohne Hilfe auch in kargen[155] Gegenden finden, nur ein Hirte (çoban[159]) mit zwei Hirtenhunden benötigt, um die Tiere innerhalb ihres Weidegrundes zu halten.[157] Probleme entstehen oftmals für die Schafzüchter durch den saisonalen Anstieg des personellen Aufwandes, wenn die Lämmer zum Säugen oder die Böcke zur Brunstzeit von der Hauptherde getrennt werden müssen.[157] Die Schafzüchterfamilien müssen daher genügend jüngere Männer für diese Aufgabe aufbieten können - die Frauen stehen aufgrund der Seklusion nicht zur Verfügung - oder zusätzliche Schäfer engagieren, was wieder zusammen mit dem häufig notwendigen Zukauf von Winterfutter für die anspruchsvollen Schafe eine beträchtliche Schmälerung der Gewinne verursachen kann.[157] Die bevorzugte Schafrasse (Anatolisches Fettschwanz-Schaf) ist so hitzeempfindlich, dass die Schafe selbst in den wärmsten Monaten kühle Nächte benötigen, so dass sie im Sommer auf Weiden in Höhe von 2.000m und mehr verbracht und von Sommerbeginn an bis in den Herbst hinein, mindestens aber in den drei wärmsten Monaten, nächtlich mit nur kurzen Unterbrechungen geweidet werden müssen.[157] Tagsüber halten sie dagegen nach der Tränke im Schatten - beispielsweise eines ausladenden Baumes - unter anderem zur Milchbildung Rast (koyun yatağı) und müssen jeweils nach wenigen Stunden dem Stand der Sonne entsprechend umgelegt werden.[160], bis sie schließlich nach der abendlichen Tränke zur nächtlichen Weide geführt werden.[161] Etwas mehr Wärme ertragen die Ziegen, die somit im Sommer auf Höhen von 1.200-2.000m ihre Weiden beziehen und einige Wochen früher als die Schafe wieder tagsüber grasen können.[157] Eine mögliche Erklärung für die erfolgte Verlagerung der Yörüken von der Ziegen- zur Schafzucht hin kann auch in dem 1937 erlassenen Forstgesetz gesehen werden, das die Ziegen als Schadtiere für den Baumbestand brandmarkte und insbesondere die Waldweide der Ziegen untersagte, worauf sich viele Nomaden nach Konflikten mit den Forstämtern verstärkt der unproblematischeren Schafzucht zuwendeten.[58] Die Einführung von Holstein-Kühen mit hoher Milchleistung in türkischen Dörfern oder Städten, wo deren Milch zu sehr billigem weißem Käse verarbeitet wird, bedeutet eine Erhöhung des Preisdruckes für den Ziegenkäse, den die Yörük auf den lokalen Märkten anbieten.[162]
Die herbstliche Paarungszeit wird von den Herdenbesitzern zeitlich so reguliert, dass die Ziegen und Schafe im Februar und März werfen, so dass die diesjährigen Zicklein und Lämmer Ende März bzw. Anfang April, wenn also die Tageshitze zum Aufbruch in das Winterlager mahnt - weitestgehend in der Lage sind, die fünfstündigen Tageswanderungen auf den eigenen Beinen zu bestehen.[124] Die Temperatur fällt auf der Wanderung vom für die Winterweide genutzten Tiefland zu den für die Sommerweide genutzten Höhen üblicherweise so rasch und stark, dass auf der Wanderung zur Sommerweide in halber Höhe für eine Dauer von ca. zwei Wochen ein Zwischenlager eingenommen werden muß.[124] Auf der Höhe der Sommerweide der Ziegen am Rande der bewaldeten Zone angekommen, finden sich nur noch wenige Dörfer vor, während auf Höhe der Sommerweide der Schafe im den Grasfluren des Hochgebirges feste Siedlungen fast fehlen, so dass sich die Nomaden in Gruppen von mehr als 40 - jeweils weniger als einen Tagesmarsch voneinander entfernten - Zelten gesellig zusammenschließen können.[124] Wirtschaftlich ist die Sommerweide die wichtigste Saison im Jahr, in der nach der Geburt der Lämmer und Zicklein die Laktation der Muttertiere einsetzt,[141] die Milcherträge der Tiere steigen[124] und die Milchverarbeitung durch die Yörük-Frauen beginnt,[141] wohingegen die Männer Zucht, Wollschur und die nächtliche Hut betreiben.[141] In dieser Zeit steigt die Nahrungsfülle für die Yörük und durch Verkauf von Winterwolle der Schafe, von Käse und in neuerer Zeit von Frischmilch sammelt sich ein Geldvorrat an.[124] Nach einer Phase häufigeren Wohnplatzwechsels in der Zeit der kühleren Nächte beginnt im Oktober der Abstieg zur Winterweide, wo die kalte Jahreszeit in kleineren Gruppen verbracht wird.[124] Der finanzielle Wohlstand ist in dieser Zeit am größten, da die Ernte, die Wolle und die gemästeten Böcke verkauft werden können.[124] Üblicherweise schlachtet eine Yörük-Familie innerhalb eines Jahres kaum ein Dutzend Schafe oder Lämmer aus eigenem Bestand und die Reproduktionsrate der Herden beträgt unter Berücksichtigung der Verluste durch Kälte, Krankheit oder Riss durch Raubtiere noch 70%, doch bleiben Viehepidemien und -Diebstahl eine bedeutsame Gefahr für den Bestand der Herde.[141] Deren monatelang mühsame Hege rentiert sich vornehmlich binnen weniger Tage durch den Verkauf auf den Schlachttiermärkten zum Kurban Bayramı.[163]
Großviehhaltung
Als Last- oder Reittiere hält eine erweiterte Familie häufig mehrere Kamele mit ihren Fohlen sowie einige Esel und möglichst je ein gutes Pferd für jeden erwachsenen Mann zu Repräsentationszwecken.[157] Nur vereinzelt sind Gruppen anzutreffen, die ihren Lebensunterhalt ausschliesslich auf Großvieh anstelle von Kleinvieh begründen, wie etwa auf die Vermietung von Kamelen zu Transportzwecken oder auf Rinderzucht.[164]
Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den europäischen Mächten hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer europäisch kontrollierten Schuldenverwaltung („Administration de la Dette Publique Ottomane“, dt. „Osmanische Staatsschuldkommission“) und durchgreifenden Reformen im Militärwesen (namentlich unter dem Einfluss deutscher Militärmissionen), im Verkehrs- und Kommunikationswesen, sowie in Handel und Landwirtschaft geführt, welche die Mehrzahl der über 100 anatolischen Nomadenstämme[165] in schwerwiegende Bedrängnis brachten.[166] Nach dem Niedergang des weiträumigen Karawanenhandels und der Kamelzucht durch den Bau von Eisenbahnlinien (z. B. Bagdadbahn) um die Jahrhundertwende[167] sanken schließlich im Gefolge des vorangetriebenen Straßennetzausbaus und des wachsenden Lastkraftverkehrs auch die Gewinne im Binnenverkehr mit Kamelen, Pferden und Eseln immer weiter.[58] Der daraus resultierende Verfall des Marktwertes dieser Tiere brachte drastische Einbußen für die - oftmals nomadische - Großvieh züchtende Bevölkerung, die sich zunehmend auf die Kleinviehhaltung umorientierte.[168] Heute gibt es nur noch wenige Yörük-Nomaden, die einige Kamele besitzen.[149]
Kamele
Die Kamele, die als Lasttiere in unwegsamen Berggebieten ähnlich wie Esel und Pferde eine höhere Mobilität gewährleisten können als die sie verdrängenden leistungsfähigeren Traktoren[169][60] und deren Wolle sich im Hochsommer ablöst und dann zur Weiterverarbeitung gerupft werden kann,[88] ziehen nach Sonnenaufgang selbständig auf die Weiden und werden abends von einem Familienmitglied gesucht und zum Zeltplatz zurückgeführt, wo sie Wasser und Salz erhalten.[169]
Bei den Kamelen (türk. deve) der Yörük handelt es sich im Gegensatz zu denen in Zentralasien meist um Dromedare[159] und Dromedar-Trampeltier-Hybride.[88] Ursprünglich waren die turksprachigen Nomaden aus den kühlen Steppen und kontinentalen Gebirgen Zentralasiens auf dem Trampeltier (Camelus bactrianus Linnaeus 1758; auch Zweihöckriges oder Baktrisches Kamel genannt) nach Kleinasien eingewandert.[170] Während den Arabern auf ihren hochbeinigen und kleinfüßigen Dromedaren (Camelus dromedarius Linnaeus 1758; auch Einhöckriges oder Arabisches Kamel genannt), die nördlich der arabischen Halbinsel schon unter der Kälte der Winter leiden, die Gebirgsregionen bei ihren Eroberungszügen meist verschlossen blieben, eroberten die turksprachigen Völker mit ihren Trampeltieren die Höhen und das Hochland nicht nur, sondern besiedelten es meist unter Verdrängung der älteren Bewohner.[171] Obwohl aus flachen, sandigen Landschaften herstammend, besitzt das Trampeltier wie seine Bastarde ideale Eigenschaften für die Bedingungen des Gebirges.[170] Mit seinem dichten Fell ist es kältetolerant, jedoch auch anfällig für Hitze, insbesondere feuchte Hitze.[170] Groß, aber länger als hoch und mit kräftigen Füßen, kommt es mit steinigem und zerklüftetem Gelände gut zurecht.[170] So begünstigte das Trampeltier den „Türken“ die Beibehaltung ihres sommerlichen yayla-Weideganges, der ihnen aus den hochgelegenen Steppen Zentralasiens altvertraut und als paradiesisch geliebt war,[172] wie sich denn auch in der modernen Zeit noch nomadische Yörük ab März oder April „in unruhiger Vorfreude auf das geselligere und üppigere Leben auf der 'yayla'“ vorbereiten,[124]
Der Zugang zu den Tiefebenen und damit zu den heutigen Winterlagern, sowie die fast gänzliche Verdrängung der sesshaften ägäischen und mediterranen Bevölkerung wurde den turksprachigen Nomaden durch die spätestens im 10. Jahrhundert - wohl von turksprachigen Nomaden in Turkestan oder Nordiran entwickelte-[173] Technik der Kreuzung von Trampeltierhengst und Dromedarstute ermöglicht,[172] aus deren schnell degenierenden Hybride noch heute die in Anatolien verwendeten Kamele bestehen.[172] Dieser Hybride müssen regelmäßig Trampeltiere und Dromedare eingekreuzt werden, die aus Persien und Mesopotamien importiert werden.[172] Die letzten in Anatolien noch existierenden, unvermischten („reinrassigen“) Individuen dienen zur Regeneration.[172] Für die Karawanentiere, die entweder für die eher zentralanatolische oder aber für mediterrane Verwendung bestimmt sind, werden entsprechend genau angepasste Kreuzungsverhältnisse eingehalten.[172]
Viele Details zur Domestikation und Züchtung der Kamele sind in der Literatur kontrovers diskutiert worden und stehen teilweise auch in Abhängigkeit zu dem lange Zeit umstrittenen taxonomischen Status der beiden Kameliden.[174]
Das Schwarze Zelt
Während die späteren Einwanderungswellen der Turkmenen (türk. Türkmen) die aus Zentralasien stammende, wärmere, doch sperrigere und schwerere Filzjurte in Kleinasien beibehielten[175] und die wenigen verbliebenen Türkmen-Nomaden in Zentralanatolien sie auch heute noch beibehalten,[51] hatten die vermutlich sehr früh eingewanderten Yörük sehr bald das auch in Nordafrika, Arabien, Afghanistan, im Iran und in Tibet verbreitete[176][177] Schwarze Zelt (türk. kara çadır[159]), auch in Anpassung an das wärmere Klima, übernommen.[178][51][179] Als Webmaterial dient in der Regel handgesponnenes schwarzes Ziegenhaar, welches dicker, steifer und dabei licht- und luftdurchlässiger sowie feuerfester ist als Schafwolle.[178][51] Das Schwarze Zelt ist leichter und in der Herstellung einfacher und billiger als die Jurte, deren Schafwollfilz nach einem Regenschauer nicht so schnell trocknet wie die Ziegenwollplane, welche, wenn sie gut gewebt und vom Rauch des offenen Feuers zusätzlich imprägniert wurde, von dem Regen nicht durchdrungen wird.[180][51][9] Das grobe, in einfacher Leinbindung gewebte Zeltgewebe schwarzen Ziegenhaares absorbiert die Sonnenlicht-Strahlung, um sie als Wärme sogleich wieder über die (rund 2-4mm) großen Poren an die Außenluft abzugeben, so dass der Zeltinnenraum ca. 10-15°C kühler als die Luft außerhalb des Zeltes,[181][182] sowie trocken und konstant durchlüftet bleibt.[181] Dabei spendet das schwarze im Vergleich zu einem hellen Zeltdach mehr Schatten, ohne aber das Tageslicht zu verschlucken.[182] Weiterhin soll das Garn mit seinem natürlichen Ziegenhaar-Fettanteil gerade durch seine Grobheit nach dem ersten Niederschlag durch Flüssigkeitsaufnahme aufquillen, seine Poren verschließen, dadurch seine Regenundurchlässig erhalten und den Regen in der Gewebefläche über Zeltdach und -Wand zum Boden hin nach außen ableiten.[181][182] Die zusätzliche Imprägnierung und darüber hinaus Feuerresistenz resultiert daraus, dass der Zeltstoff den Rauch des offenen Feuers ungehindert vertikal abziehen lässt und die im Rauch enthaltenen Partikel aufnimmt, die sich im Gewebe festsetzen.[181] Mittlerweile jedoch heizen die nomadischen Yörük in zunehmendem Maße mit Öfen anstelle offener Feuerstellen[44] und decken ihre Schwarzen Zelte in der kalten und niederschlagsreichen Herbst- und Winterzeit häufig mit Kunststoffplanen ab, die ihnen eine zusätzliche Isolierung bieten.[183] Allgemein weist das Schwarze Zelt gute Isolationseigenschaften gegen Kälte auf, die es seiner Herstellung aus Tierhaar verdankt.[182]
Im Gegensatz zu der Jurte, die als Gitterzelt zu den Gestellzelten zu zählen ist, handelt es sich bei dem Schwarzen Zelt um ein Firstzelt, welches zu den Flächentragzelten gehört.[175] Zwischen 60 und 250kg schwer, entspricht das rund 2m hohe, 4-9m lange und 3-6m breite Schwarze Zelt[178][184] etwa der Traglast eines Dromedars, beziehungsweise zweier Pferde oder dreier Esel.[51] Die Herstellung war überbrachter Weise nach Aufgabe von Männern (z. B. Näharbeit) und Frauen (z. B. Webarbeit), entfällt heute aber weitgehend durch Ankauf der Zeltbahnen aus kleinen Manufakturbetrieben.[178] Die feierliche, etwa 30-45-minütige Errichtung bleibt üblicherweise den Frauen vorbehalten.[185]
Gestützt wird das im Grundriss rechteckige Schwarze Zelt in der Regel durch drei (bis maximal fünf) Zeltstangen, die entlang der Längsmitte des Zeltes verlaufen und oben jeweils in die geschnitzten Löcher der leicht gekrümmten Firsthölzer, die am Zeltdach (türk. çadır) befestigt sind, gesteckt werden.[186][51] Das so über die Stangen gesetzte Zeltdach, das zuvor von den Männern aus 5-7 Zeltbahnen mit einem von den Frauen gedrehten, rauen Ziegenwollfaden zusammengenäht wurde,[187] wird durch mindestens 8 Seile gespannt, welche an in den Boden geschlagenen Pflöcken befestigt werden.[188] Je 3 dieser oft aus Ziegenhaar hergestellten[51] Seile befinden sich dabei an der vorderen und hinteren Längsseite des Zeltes, wobei jeweils das Seil an der Zeltvorderseite in einer quer über das Zeltdach verlaufenden und mit einem Verstärkungsband bewehrten Linie mit einer Zeltstange und mit dem entsprechenden Seil an der Zelthinterseite liegt, während an der linken und rechten Querseite des Zeltes jeweils ein Seil in einer Linie mit den in der Zeltlängsmitte verlaufenden Fisthölzern steht.[145] Jedes an der Zeltlängsseite gelegene Seil wird an ein zugehöriges Winkelholz geknotet, welches an das entsprechende Verstärkungsband des Zeltdaches außen angenäht ist.[188] Das Nachziehen der Seile an den Winkelhölzern verleiht dem Zelt Stabilität, wozu einige der Seile außerhalb des Zeltdaches noch über hohe Gabeläste geführt werden.[185] Die Drucklast wird dabei von den drei Stangen getragen, während das Zeltdach der Zugbeanspruchung standhalten muss.[181] An die Außenränder des Zeltdaches werden verstärkte Randstreifen angenäht.[189] An diesen werden die vertikalen Seitenwände, traditionell mithilfe von Holznadeln, heutzutage auch mit Metallnadeln oder Ösen befestigt.[178] Verwendet werden oft ausrangierte Zeltdach-Bahnen, die nunmehr als Seitenteile weder dem Regen noch dem Zug der Spannseile ausgesetzt sind[178] und je nach Sonnenstand und Windrichtung geöffnet oder geschlossen werden können.[51] Zum Schutz der Zeltwand vor der Feuerstelle dienen einige rund 1m hohe Stöcke auf der Innenseite oder geflochtene Schilfmatten, die auch vor Wind und Staub Schutz bieten.[190]
Den Innenraum des Yörük-Zeltes teilt durch die Quermitte der Grundfläche eine gedachte Trennlinie, von der Mitte der hinteren Längswand ausgehend, an der Mittelstange vorbei bis hin zur Vorderwand verlaufend, in eine linke und eine rechte Hälfte auf. Die Männerabteilung und den Gast- und Aufenthaltsraum (selâmlık[191]) stellt dabei oft die von der Vorderwand betrachtet links liegende Hälfte dar. Hier sind Kamel- oder Eselsättel wie auch Gebrauchsgegenstände der Männer untergebracht sowie die Schlafstellen für die Zeltgemeinschaft und für Gäste. Als Empfangsraum mit einer eigenen Feuerstelle für Tee und Kaffee ausgestattet, herrscht in diesem Raum im Falle von Besuchen oft eine feste Sitzordnung. Die dementsprechend oftmals rechte Hälfte dagegen ist die Frauenabteilung, wo im Falle von Frauenbesuch dieser meist ohne Beachtung einer Rangordnung empfangen wird. Neben der Feuerstelle und den „Küchen“-Geräten wie Wasserbehälter und Backblech befinden sich dort auch Haushaltsgeräte wie etwa der senkrechte Webstuhl.[192]
Abweichungen und Varianten
Bei den Yörük weisen die Zelte der tanıdık kişi, also der führenden Persönlichkeiten der Lineages und Clans, eine Besonderheit auf, da sie anstelle der üblichen drei Zeltstangen über eine zusätzliche verfügen, um für die anfallenden Besprechungen im selâmlık genügend Platz für die Besucher bieten zu können, wenn nicht gar ein eigenes Empfangszelt bereitgestellt wird.[191] Abweichend von dem unter den Yörük am weitesten verbreiteten dreistangigen Zelt[178] zeigte Böhmer für die Saçıkaralı zusätzlich große, vierstangige Zelte,[193] während Dulkadır für den Stamm der Sarıkeçili die fünfstangige Ausführung als regulären Zelttyp beschrieb.[194] Böhmer dokumentierte die fünfstangigen Zelte der Sarıkeçili mit kreuzförmiger anstelle linearer Anordnung der Zeltstangen[195] und in entsprechender Weise die kleineren Zelte der Karakoyunlu, die sich ebenfalls im Gegensatz zu den größeren nicht auf drei gleichhohe und linear angeordnete Zeltstangen stützen, sondern au