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Wirtschaftswachstum

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Unter Wirtschaftswachstum versteht man die relative Änderung der Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft von einer Periode zur nächsten. Es wird üblicherweise über das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oder des Bruttonationaleinkommens (früher Bruttosozialprodukt bzw. BSP) gemessen.

Das Wirtschaftswachstum ist in Deutschland aufgrund seiner angenommenen Wichtigkeit als eine Grundbedingung im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) rechtlich verankert, auch wenn es schlecht erzwingbar ist.

Bild:OECDWachst.PNG
reales Wachstum
Bild:BIPBRD5004.PNG
reales Wachstum in der BRD
Bild:Weltwirtschaftswachstum.JPG
reales Wachstum der Weltwirtschaft

Inhaltsverzeichnis

Varianten

Reales und nominales Wirtschaftswachstum

Man kann zwischen realem und nominalem Wirtschaftswachstum unterscheiden. Im nominalen Wirtschaftswachstum wird das Wachstum als monetäre Änderung des BIP beziehungsweise des Bruttonationaleinkommens definiert. Dagegen wird beim realen Wirtschaftswachstum die Preissteigerung herausgerechnet. Gemessen wird nach diesem Konzept die eigentliche reale Leistungssteigerung der Gesamtwirtschaft. Die reale Herangehensweise ist also aussagekräftiger.

Bei der Ermittlung von realen Wachstumsraten wird vom unmittelbar gemessenen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts die Veränderungsrate des durchschnittlichen Preisniveaus, die Veränderungsrate des allgemeinen Preisindex, abgezogen. Das Wachstum soll nicht steigende Preise widerspiegeln, sondern nur das Wachstum der realen Produktion. Damit hängt das statistisch ausgewiesene reale Wachstum auch davon ab, wie der Durchschnittspreis des Bruttoinlandsprodukts oder des privaten Konsums, wenn man diesen Preisindex für die Berechnung des realen Wachstums verwenden möchte, berechnet wird. Eine besondere Schwierigkeit liegt bei Qualitätsveränderungen vor. Spiegelt ein steigender Preis nur eine reine Preiserhöhung wider? Dann darf diese Preiserhöhung nicht als Wachstum erscheinen. Oder spiegelt die Preiserhöhung eine Qualitätsverbesserung wider? Dann ist es eigentlich keine Preiserhöhung, sondern Wachstum. Das Statistische Bundesamt hat bei der Bestimmung der Veränderung der Preisindizes schon immer Qualitätsveränderungen berücksichtigt. Doch inzwischen soll dies durch die sogenannte hedonische Ermittlung der Preise besser geschehen. In den USA und Großbritannien wurde damit begonnen und ist inzwischen international üblich. Wenigstens in den USA liegen so die Wachstumszahlen höher als bei der bisherigen Berechnung.

Intensives und extensives Wirtschaftswachstum

Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit ist die nach intensivem und extensivem Wachstum. Von extensivem Wachstum spricht man, wenn es auf den Einsatz von mehr Ressourcen, etwa mehr Arbeitskräften, zurückzuführen ist. Bei der Sowjetunion beispielsweise wurde behauptet, dass ihr Wachstum in erster Linie darauf zurückzuführen war, dass immer mehr Rohstoffe verbraucht wurden, und nur dadurch auch immer mehr produziert werden konnte. Die Arbeitsproduktivität konnte dagegen viel weniger gesteigert werden.

Intensives Wirtschaftswachstum liegt nur vor, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt.

Quantitatives und qualitatives Wirtschaftswachstum

Das Wirtschaftswachstum wird häufig nicht nur als Maß für das Wachstum der Wirtschaftsleistung, sondern auch als Maß für das Wachstum des Wohlergehens einer Gesellschaft gebraucht, ist dafür aber nur bedingt geeignet. Beispielsweise steigt bei einer Epidemie der Umsatz von Pharma-Unternehmen und so unter Umständen auch die Wirtschaftsleistung, jedoch geht es vielen Menschen in so einem Fall schlechter, nicht besser. Aus diesem Grund gibt es die Unterscheidung quantitatives Wachstum und qualitatives Wachstum.

Die in der Regel verwendete relative Darstellung des Wirtschaftswachstums als Prozentsatz des Vorjahreszeitraumes ist zudem manchmal nur von begrenzter Aussagekraft. Mitte der Fünfziger Jahre betrug in Deutschland das bereinigte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ca. 5000 Euro, bei Wachstumsraten um die 10%. In absoluten Zahlen entspricht dies einem absoluten Wachstum pro Kopf von ca. 500 Euro. Anfang der Neunziger Jahre lag das BIP pro Kopf bei ca. 25.000 Euro bei einem relativen Wachstum von 2%, was einem absoluten Wachstum von wiederum 500 Euro pro Kopf entspricht - demselben absoluten Wert wie in den Zeiten des sogenannten Deutschen Wirtschaftwunders.

Allerdings blieb das Weltwirtschaftswachstum während der letzten Jahrzehnte relativ konstant, obwohl die Wirtschaft stets größer wurde, also wuchs die Wirtschaft um einen immer höheren Betrag. Es werden noch einige Beobachtungen von Wachstumsvorgängen auf der Welt nötig sein, um zu sagen, welche Angabe praktischer ist, wobei die Prozentangabe anscheinend besser ist, da Deutschland hier eher eine Ausnahme ist. In Großbritannien bewegt sich das Wirtschaftswachstum seit fast 200 Jahren bei 2%, auch in den USA und allgemein in der Welt bleibt das Wachstum seit Jahrzehnten konstant. Bei internationalen Vergleichen werden in der Öffentlichkeit ebenfalls meist die relativen, nicht die absoluten Zahlen verglichen. Aus deren in diesem Zeitabschnitt beobachteten Verlauf ist einerseits ein exponentielles Wachstum erkennbar, andererseits korrelieren die Daten auch gut mit dem anfänglich starken Anstieg eines logistischen Wachstums. (Datenquelle: Statistisches Bundesamt).

Wachstumsmodelle

Hauptartikel: Wachstumstheorie

Die Wachstumstheorie hat zahlreiche Modelle zum Wirtschaftswachstum hervorgebracht. So z. B.

Grenzen des Wachstums

Hauptartikel: Grenzen des Wachstums

Der Möglichkeit eines ewigen Wirtschaftswachstums widersprach u.a. der Club of Rome und bezog sich auf den Bericht von Dennis Meadows über die „Grenzen des Wachstums“. Dabei wurde die Knappheit von Rohstoffen und natürlichen Ressourcen wie sauberer Luft und sauberem Wasser als Hindernisse für ewiges Wirtschaftswachstum genannt. In verschiedenen durchgerechneten Szenarien sind dramatische Entwicklungen für die Zeit um das Jahr 2030 vorhergesagt worden. Es handelte sich bei diesen Berechnungen nach eigenen Angaben nicht um Prognosen, sondern um den Versuch, die komplexen Voraussetzungen für menschliches Wirtschaften zu untersuchen und mögliche Entwicklungen in der Zukunft darzustellen.

Die drastischsten Szenarien sind bislang nicht im befürchteten Ausmaß eingetreten. Am deutlichsten wahrnehmbar ist wohl die globale Erwärmung, die nach gegenwärtigem Stand des Wissens maßgeblich aufgrund des zunehmenden Kohlendioxidgehalts der Atmosphäre durch menschlichen Einfluss mitbestimmt wird - die aber von den Autoren der Studie bei der Erstellung der Szenarien noch nicht einmal berücksichtigt worden ist.

In zwei weiteren Publikationen, „Die neuen Grenzen des Wachstums“ von 1992 und „Grenzen des Wachstums - Die 30-Jahre Aktualisierung“ von 2004 errechneten die Autoren weitere Szenarien mit aktualisierten Daten. In der jüngsten Publikation spielt besonders das Konzept des ökologischen Fußabdrucks sowie die Vorstellung von Überschreitung und Kollaps eine große Rolle. Danach befinde sich die Erde derzeit in einem Zustand der Überbeanspruchung, der nicht lange aufrecht erhalten werden könne und der auch bei konsequent eingeführten Umweltstandards je nach Szenario zwischen 2040 und spätestens 2100 zu nicht kontrollierbaren Rückgängen an Produktion, Lebenserwartung, Wohlstand und Bevölkerungszahl führen soll. Um dieses Szenario zu verhindern wurde das Konzept der nachhaltigen Wachstumsrücknahme entwickelt, welches konkrete Maßnahmen vorschlägt um einen Kollaps zu vermeiden.

Unter der Annahme, dass Wachstum zu Wohlstand führe, verweisen Kritiker der Thesen des Club of Rome hingegen darauf, dass Wohlstand den Menschen die Möglichkeit gebe, sich höhere Standards und Kontrollen in Bereichen wie Umweltschutz, Naturschutz, usw. leisten und besser auf Naturkatastrophen (natürlich verursachte Überschwemmungen, Dürren, Klimaänderungen, Missernten usw.) reagieren zu können. Außerdem wird oft bestritten, dass die Wirtschaft nicht in der Lage sei, Ressourcenknappheit oder sonstige Probleme zu kompensieren. Auch scheinen durch Wachstum steigende Standards in Medizin, Sozialem, Sicherheit und anderen Bereichen durchaus die Kosten für das Lösen neuer Probleme Wert sein zu können.

Mit einem Wachstum auf mehr oder weniger immaterieller Basis ließen sich negative Entwicklungen auch weitgehend vermeiden. Wissensvermittlung, -aufbereitung, -übertragung und Verkauf wären dabei die Kernelemente einer solchen Entwicklung.

Dass ein Übergang des Wirtschaftens in den immateriellen Bereich stattfindet, wird konkret an der intensiven Debatte um die Patentierung von reinen Prozessen (z. B. Software) deutlich. Wirtschaftswachstum im immateriellen Bereich ist nach einigen Wirtschaftstheorien nur möglich, wenn immaterielle Güter durch Besitz genauso verknappt und in einem Markt allokiert werden können wie materielle Güter. Kritiker sehen darin eine Kolonialisierung, Inbesitznahme und Ökonomisierung des Geistes. Befürworter sehen es als einen Schutz der Menschen, die viel Zeit und Geld für die Bereitstellung entsprechender Leistungen aufwenden, um im Endeffekt mehr solcher Arbeit und dementsprechend mehr und bessere Leistungen zu ermöglichen.

Der wirtschaftliche Effekt derartiger Maßnahmen bleibt umstritten - kostenlose Betriebssysteme scheinen z. B. selber relativ wenig Umsatz zu generieren. Die Absicht ist vielmehr, neue Märkte mit neuen Wachstumschancen zu generieren und darin Profit zu erzielen. Dazu ermöglichen sie einer ganzen Industrie von Softwareunternehmen, Dienstleistern, usw. erfolgreich zu sein - für kommerzielle Betriebssysteme gilt allerdings vergleichbares. Im Konsumbereich scheinen kommerzielle Produkte überlegen zu sein - Spiele, Ergonomie, usw.

Oft scheint es sich bei Schutzmaßnahmen auch eher um Protektionismus zu handeln, um gegebene Wirtschaftsstrukturen aufrecht zu erhalten oder Geschäftsprozesse an vorhandene Gewohnheiten anzupassen. Offene Geschäftsmodelle, die z. B. die nahezu unbegrenzten Kopiermöglichkeiten von immateriellen Gütern zulassen, scheinen in einigen Märkten genauso möglich zu sein und helfen durch Rationalisierung auch dem Rest der Wirtschaft. Rationalisierung ist gerade im immateriellen Bereich sehr leicht möglich - dies beschränkt das Wachstumspotential dieses Wirtschaftszweiges auf der einen Seite, macht ihn aber für den Rest der Wirtschaft umso nützlicher.

Bild:Konsum.png
Logistische Funktion: In Systemen, in denen eine Größe (beispielsweise Energieumsatz) einen maximalen Wert annehmen kann, ist sowohl diese Größe wie auch ihr Wachstum (erste Ableitung der Größe nach der Zeit) begrenzt. In realen Systemen ist der Zeitpunkt, an dem die Wachstumsgrenzen erreicht werden oder zu dem der Sättigungsbereich der betreffende Größe erreicht sein wird, oft schwer vorherzusagen. Die Grafik zeigt ein Beispiel für ein mögliches Konsumwachstum (rot) für den Fall, in dem der begrenzte Konsum (blau) einer logistischen Funktion folgt. Das ist eine Funktion aus der Gruppe der Sigmoidfunktionen. Auch das mit dem Konsum gewichtete Wachstum (orange) ist hier illustriert. Alle drei Kurven sind auf den Wertebereich zwischen 0 und 1 normiert.

Grundlage der Annahme, dass das Wachstum eines von Material- und Energieumsatz getragen Wirtschaftswachstums begrenzt sei, ist die Physik. In begrenzt offenen Systemen kann kein unbegrenztes Wachstum von Überfluss stattfinden (Redundanz[1] ist maximale Entropie abzüglich tatsächlicher Entropie). Auch für eine auf Wissen und die technische Umsetzung von Wissen basierende Wirtschaft gibt es theoretische Grenzen, denn die kleinstmögliche Informationsveränderung um 1 Bit erhöht die Entropie um mindestens 10E-23 Joule pro Kelvin[2]. Wegen Störungen und Quanteneffekten wird man in einem sehr großen Sicherheitsabstand davon operieren müssen. Wachstum kann aber auf der Ausweitung und Umsetzung des Wissens selbst aufbauen. Dass eine wissensbasierte Wirtschaft große Wachstumschancen hat, zeigt heute besonders deutlich die Medizin und die Medizintechnik.

Wachstum bei sinkender Güterallokation ist möglich, wenn dabei der Wert dieser Güter steigt. Soll durch „die Art der Allokation“ immer herbeiführbares Wirtschaftswachstum[3] unbegrenzt sein, so ist das für den Menschen nur dann von Vorteil, wenn sich daraus ein Wachstum der Lebensqualität ergibt. Das ist zum Beispiel dann nicht der Fall, wenn Wachstum durch geldlich abgebildete Wertsteigerungen erzielt wird, deren Ursache zunehmende Knappheit ohne Substitutionsmöglichkeiten ist.

Gegen diesen Gesichtspunkt wird angeführt, dass reine Preissteigerungen nicht das reale Wachstum erhöhen, sondern nur die Inflation. Erst wenn diese Verknappung dazu führe, dass ein vormals verschwenderisch genutztes Gut mit höherer Effizienz genutzt oder mehr Geld in dessen Weiterentwicklung investiert werde, entstehe Wachstum. Marktbefürwortern zufolge regelt dabei der Markt automatisch die für die Lebensqualität der Menschen optimale Allokation, solange die dafür notwendigen Rahmenbedingungen bestehen. Jeder Markt bleibt jedoch strukturell an eine materielle Umwelt gekoppelt, die ihm - und Allem - natürliche Grenzen setzt.

Umstritten bleibt bei Sättigungsvorhersagen häufig die Vorhersage, wann eine Sättigung der Größe deutlich wird und auf welchem Niveau diese Sättigung liegen wird (siehe blaue Kurve in der Abbildung „Logistische Funktion“). Das Wachstum wird aber schon vor Erreichen der Sättigung ein Maximum erreicht haben. Im Sättigungsbereich ist das Wachstum (siehe rote und orange Kurven) wieder sehr gering. Ein Beispiel dazu ist die Peak-Oil-Problematik.

Wirtschaftswachstum und Zinsen

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Langfristiger Zinssatz minus BIP-Wachstumsrate

Die Goldene Regel der Akkumulation besagt, dass die BIP-Wachstumsrate gleich der Verzinsung des Produktionsfaktors Kapital sein sollte, also gleich der Profitrate oder gleich dem (langfristigen) Zinssatz. Die Differenz zwischen der Rate des Wirtschaftswachstums und dem herrschenden kurzfristigen oder langfristigen Zinssatz für verschiedene Länder ist in den Abbildungen dargestellt. Demnach lagen bis Ende der 70er Jahre die Zinssätze eher zu niedrig, ab den 80er Jahren eher zu hoch.

Wirtschaftswachstum in Zahlen

Wirtschaftswachstum in Deutschland

Stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum ist neben einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht, niedriger Arbeitslosigkeit und niedriger Inflation ein Eckpunkt des „magischen Vierecks“, das im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 verankert ist. Diese Bedingungen sollen der deutschen Wirtschaftspolitik einen Rahmen stecken und zu ausgelasteten Produktionsfaktoren führen.

Welche Wachstumsrate „angemessen“ ist, lässt sich nicht pauschal festsetzen. Ein Wirtschaftswachstum von knapp drei Prozent wird jedoch von den meisten Wirtschaftswissenschaftlern als notwendig angesehen, um langfristig die Arbeitslosigkeit abzubauen. Diese Annahmen beruhen auf dem Okunschen Gesetz. Arthur Melvin Okun untersuchte empirisch den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit. Über die Phillips-Kurve können diese Werte mit der Inflation verbunden werden; jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen.

„Stetiges“ Wirtschaftswachstum bedeutet, dass die kurzfristigen Konjunkturschwankungen um den langfristigen Wachstumspfad so weit wie möglich vermieden werden sollen. Rezessionen sollen durch staatliche Intervention abgeschwächt und Boomphasen durch Haushaltskonsolidierung eingeschränkt werden. Diese Wirtschaftspolitik wirkt antizyklisch und wurde entscheidend durch den Keynesianismus geprägt.

Das Wirtschaftswachstum im Deutschen Kaiserreich betrug etwa 3-4% pro Jahr. Durch den ersten Weltkrieg ging es in eine Stagnation über. In den 1920er Jahren schoss es auf 6-8% hoch, weswegen dieses Jahrzehnt auch oft als "Die Goldenen Zwanziger" bezeichnet werden. Nach der großen Depression 1930 wuchs die Wirtschaft wieder mit etwa 6-8%, welches aber nicht auf eine stabile wirtschaftliche Erholung, sondern vor allem auf das Wachstum der Rüstungsindustrie und Lohnerhöhungen auf Pump in der Nazizeit zurückzuführen ist. Im zweiten Weltkrieg schwächte sich das Wachstum bis 1944 ab, worauf dann 1945 die Wirtschaft durch die Niederlage Deutschlands im Krieg einbrach und um zwei Drittel schrumpfte. Im Zuge des Wiederaufbaus der späten 1940er Jahre schoss das Wachstum auf 20% hoch. Nachdem der Wiederaufbau Mitte der 1950er Jahre abgeschlossen war, pendelte sich das Wachstum in den 1960ern und frühen 1970er Jahren auf 5% p. a. ein. Dieses starke Wachstum ist allerdings kaum noch auf den Wiederaufbau zurückzuführen, sondern auf eine wirtschaftliche Hochperiode, die weltweit zu beobachten war. Durch die Unsicherheiten der 1970er Jahre vor allem durch die nicht mehr gesicherte Energieversorgung und das Explodieren der Ölpreise sank das Wachstum auf 2-3% in den 1980ern und 1990ern ab. Ab Mitte der 1990er hat es weiter nachgelassen und wird heute mehrheitlich als eine Ursache für die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland angeführt. Seit 2006 befindet sich Deutschland in einer Phase erhöhter wirtschaftlicher Aktivität – das Wirtschafswachstum lag mit 2,7% im Jahr 2006 in etwa auf dem Niveau des Jahres 2000, damit möglicherweise über dem methodisch umstrittenen sogenannten Potenzialwachstum.[4]

Weltweites Wirtschaftswachstum

Da es nationale Unterschiede in der Berechnung des Wirtschaftswachstums gibt, sind die Werte international nicht problemlos miteinander vergleichbar. Aus diesem Grund fertigen Institutionen wie die OECD, die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds internationale Vergleichsstudien an.

Im Vergleich zur gesamten Menschheitsgeschichte hat die gegenwärtige Periode hohen Wirtschaftswachstums bisher nur eine sehr kurze Geschichte. Bis 1500 lag das weltweite Wachstum des Pro-Kopf-Bruttosozialprodukts unter 0.08%. Von 1500 bis 1750 wird es auf 0.08% geschätzt. In den Jahren 1750-1850 wird ein Wachstum von 0.17% angenommen und von 1850 bis 1950 dann 0.88%. Ein Wirtschaftswachstum des Pro-Kopf-Einkommens von 2.20% wurde erst im Zeitraum von 1950 bis 1990 erreicht.[5]

Von 1900 bis 2000 betrug das Durchschnittswachstum aller westlichen Industrieländer 1,5%. [6]

Ursachen und Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum

Sowohl die Ursachen als auch Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum sind umstritten und werden kontrovers diskutiert. Im Folgenden sollen die wichtigsten Strömungen dargestellt werden.


Das neo-klassische Wachstumsmodell (R. Solow)

Robert M. Solow (amerikanischer Ökonom) entwickelte 1956 ein Wachstumsmodel, welches die großen Unterschiede im Bezug auf das Wirtschaftswachstum zwischen den Ländern tendenziell erklären konnte. Als theoretische Grundlage für sein Model diente die Neo-Klassik, mit ihren teilweise restriktiven Annahmen. Dennoch konnte das Model einen Großteil der bestehenden Differenzen erklären. Als Schwäche des Models wurde unter anderem das exogene definierte Wachstum des technischen Fortschritts angesehen, da letztendlich das Wirtschaftswachstum (in Solows Model) in der langen Frist nur von dieser Größe abhängt. Deshalb wird das Solow-Wachstums-Model häufig auch als exogenes Wachstumsmodel bezeichnet. Folge dieser Kritik war die Entwicklung von endogenen Wachstumsmodellen. Andere Modele führen eine endogene Sparrate ein, oder erweiterten die sehr simpel gehaltene Produktionsfunktion (Y=F(K,AL))um weiter Faktoren (z.B. Humankapital, natürliche Ressourcen, politische Institutionen, etc.)

Folgen für die Wirtschaftspolitik

Prinzipiell kann man zwischen den eher marktorientierten Ansätzen (Neoklassische Theorie, Chicagoer Schule...) und den eher lenkungsorientierten Ansätzen (Keynesianismus, Neukeynesianismus...) unterscheiden. Bei marktorientierten Ansätzen wird davon ausgegangen, dass das Wirtschaftswachstum umso höher ist, je besser die Faktorallokation funktioniert, also je freier der Markt agieren kann. Rahmenbedingungen (Gesetze, Spielregeln) sind zulässig, solange sie nicht auch sinnvollem Wirtschaften zu enge Grenzen auferlegen. Subventionen und die damit verbundenen Steuern werden dagegen in der Regel abgelehnt. Bei den lenkungsorientierten Ansätzen geht man von regelmäßig auftretenden Schwankungen aus, deren Ausmaß durch antizyklische staatliche Ausgaben in Grenzen gehalten werden soll, um das durchschnittliche Wachstum höher zu halten und die Arbeitslosigkeit niedriger. Hier kann man noch unterscheiden zwischen angebotsorientiert und nachfrageorientiert. Bei angebotsorientierter Wirtschaftspolitik tätigt der Staat hohe Ausgaben in Infrastruktur, Rüstung usw. um die Unternehmen zu fördern. Bei nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik wird dagegen viel für Soziales, lohnintensive Arbeiten usw. ausgegeben, bis die Krise überwunden ist.

Angebotsorientierte Wirtschaftspolitik scheint dort recht erfolgreich zu sein, wo noch viele Investitionen zu tätigen sind, die von der Wirtschaft mangels einziehbarem Gewinn nicht getätigt werden - also z. B. Straßenbau. Marktwirtschaft mit geringen Subventionen scheint dagegen unter allen anderen Bedingungen recht positive Resultate zu produzieren, wenn auch mit Schwankungen. Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik hat dagegen bislang noch nicht mit besonders hohem Wachstum aufwarten können, hat dafür aber kurzfristig Vorteile im sozialen Bereich. Langfristig scheinen Länder mit höherem Wachstum auch im sozialen Bereich Vorteile zu haben, z. B. durch mehr Möglichkeiten bei der sozialen und medizinischen Versorgung.

Demokratie, Markt und Wettbewerb scheinen sehr nützlich dabei zu sein, schädliche Extreme in alle Richtungen zu reduzieren und gelten daher vielerseits als wichtige Voraussetzungen für dauerhaftes angemessenes Wirtschaftswachstum.

Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum

Die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum wird vor allem im Zusammenhang mit der sogenannten Beschäftigungsschwelle diskutiert. Diese versucht anzugeben, ab welchem Wirtschaftswachstum neue Stellen entstehen. Ursache für die Beschäftigungsschwelle sind Rationalisierungen, durch die Arbeitskräfte freigesetzt werden. Um diesen Abbau auszugleichen muss (bei gleich bleibendem Arbeitsangebot) die Wirtschaft wachsen. Bei einem Produktivitäts-Fortschritt von 0 würde auch die Beschäftigungsschwelle auf 0 sinken.

Die Beschäftigungsschwelle lag in Deutschland längere Zeit bei einem Wirtschaftswachstum von etwa 2%. In den letzten Jahren sank sie auf 1% im Jahre 2005. Das liegt immer noch über dem Durchschnitt der EU mit einem Produktivitätswachstum von 0,5% im Jahr 2005. Durch die sogenannten Hartz-Reformen wird von den meisten Ökonomen ein Absinken der Beschäftigungsschwelle erwartet. Als Grund dafür wird angenommen, dass durch die Reform auch entstehende unattraktivere Stellen angenommen werden.

Eine zentrale Rolle spielt das Wirtschaftswachstum in der Theorie der Freiwirtschaftslehre, nach der durch den Zins ein Zwang zum Wirtschaftswachstum entsteht. Die Freiwirtschaftslehre spielt jedoch heute kaum eine Rolle, wird aber in Zeiten von Dauerarbeitslosigkeit, Bildung von Unterschichten, unbegrenzt wachsender Staatsverschuldung und drohender Klimakatastrophe wieder verstärkt diskutiert. [7]

Notwendigkeit als Suggestion

Schon die Sprache der Wirtschaft selbst wirkt suggestiv und erschwert eine Kritik an Wachstumsvorstellungen[8]. Niklas Luhmann[9] sieht im Wirtschaftswachstum eine Wunschvorstellung, die die „unsichtbare Hand“ bereits im 17. Jahrhundert als Fortschrittsgarantie ersetzte. Nach Luhmann werde Mengenwachstum durch die Art der Allokation „produziert“. Die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstum als Bedingung gesellschaftlicher Stabilität betrachtet Luhmann als eine Suggestion an Politiker und die Öffentlichkeit. Die Suggestion funktioniere, da hier mit „zeitlicher Asymmetrie“ spekuliert werde. Das ist eine Anspielung Luhmans auf die Nutzung von Ressourcen in der Gegenwart, für die kommende Generationen erst in der Zukunft zahlen müssen. Wenn das nicht mehr möglich sei, dann müsse man sich mit den externen Kosten und ökologischen Folgen auseinandersetzen. Ein jüngeres Beispiel für die von Luhmann beschriebene Suggestion ist die aufwändige Werbung[10] der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft für Wachstum mit Zeitungsbeilagen im September 2006.

Befürworter von Wachstum sehen dagegen 'reale' Vorteile: Bestehen im wirtschaftlichen, technologischen und militärischem Wettbewerb; medizinische, soziale, technologische und sonstige Fortschritte; mehr Sicherheit gegenüber Naturkatastrophen usw.

Quellen

  1. ISO/IEC DIS 2382-16
  2. F. H. Lange: Signale und Systeme, Band 3, Berlin 1973, S.64
  3. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988, ISBN 3518287524, Kapitel 3, IV
  4. Schnellmeldung Statistisches Bundesamt vom 13.2.07
  5. Charles I. Jones: Introduction to Economic Growth, 2002, ISBN 0393977455, S.12. Grafik „World per capita GDP and growth rates“, Jones verwertet hier Daten von Robert E. Lucas jr. (1998) und Angus Maddison (1995).
  6. Werner Abelshauser: Seminar Wirtschaftsgeschichte, Universität Bielefeld.
  7. Sendung „Süßstoff“ des Bayerischen Rundfunks vom 8. März 2007. [1]
  8. Philipp Kron: Ausweg Wachstum? Sprache in einer begrenzten Welt, 2005 (1. Preis der Körber Stiftung, deren Studienpreis sich im Jahres 2005 dem Thema „Ausweg Wachstum?“ widmete.)
  9. Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, 1988, ISBN 3518287524, Kapitel 3, IV
  10. INSM (Beispiele): „Wachstum!“ und „Entweder Deutschland wächst oder die Unterschicht

Literatur

  • Douglas E. Booth: Hooked on Growth, 2004, ISBN 0742527182
  • Herman E. Daly: Beyond Growth - The Economics of Sustainable Development, 1997, ISBN 0807047090
  • Georg Erber, Harald Hagemann, Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, in: Neue Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften, Ed. K. F. Zimmermann, Studies in Contemporary Economics, Editorial Board H. Bester, B. Felderer, H. J. Ramser, K. W. Rothschild, Physica-Verlag, 2002, 277-319.
  • G.R.Funkhouser, Robert R. Rothberg: Das Dogma vom Wachstum, 2000, ISBN 3409191151
  • Elhanan Helpman: The Mystery of Economic Growth, 2004, ISBN 067401572X
  • Athanasios Karathanassis: Naturzerstörung und kapitalistisches Wachstum, 2003, ISBN 3899650182
  • Reinhard Steurer: Der Wachstumsdiskurs in Wissenschaft und Politik - Von der Wachstumseuphorie über 'Grenzen des Wachstums' zur Nachhaltigkeit, 2002, ISBN 3897003384
  • Korotayev A., Malkov A., Khaltourina D. Introduction to Social Macrodynamics: Compact Macromodels of the World System Growth. Moscow: URSS, 2006, ISBN 5484004144 [2].
  • Hein, Eckard: Verteilung und Wachstum, Marburg 2004.
  • Walther G. Hoffmann (1965) Das Wachstum der Deutschen Wirtschaft seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Springer-Verlag, ISBN 3-54-003274-6.

Zitate

Weblinks

Wikipedia
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