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Wikipedia:Löschkandidaten/DDR-URV/Kosmopolitismus
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Der Kosmopolitismus (griechisch kosmopolites = der Weltbürger) bezeichnet ein Konzept, das die Menschheit in allen ethnischen und sozialen Ausformungen als Einheit und als integralen Bestandteil der natürlichen bzw. kosmischen Ordnung begreift.
Ein Kosmopolit fühlt sich also stärker der Menschheit als Gattung zugehörig und verpflichtet als etwa seiner Nationalität. Der Kosmopolitismus versteht sich somit als politischer Humanismus.
Gegenwärtig zeichnet sich im Zuge der Globalisierung wirtschaftlicher, kultureller, kommunikativer und touristischer Verflechtungen die strukturelle Verwirklichung der kosmopolitischen Menschheitssehnsucht (Coulmas) in Gestalt eines One-World-Komplexes ab, über den ein Werturteil zu fällen aber (noch) wenig sinnvoll scheint.
Inhaltsverzeichnis |
Antike
Ein über die Horizonte des einzelnen (Stadt-)Staates (Polis) ausgreifendes Weltbild (des Kosmos) war bereits in der ionischen Naturphilosophie angelegt und wurde von den Sophisten dann auch teilweise hinsichtlich gesellschaftlicher Verhältnisse und Normen reflektiert. Eine frühe Formulierung der kosmopolitischen Idee (den Begriff „Kosmopolites“ geprägt haben soll Diogenes von Sinope) wird Demokrit zugeschrieben: „Dem weisen Mann, lehrt er, steht jedes Land offen; denn einer trefflichen Seele Vaterland ist die ganze Welt.“ (Fragment 2478)
Gefördert wurde der Kosmopolitismus durch den Zerfall der alten Polisordnung und das Entstehen der Flächenstaaten oder Imperien seit Alexander dem Großen. Der Kosmopolitismus war allerdings nur selten mit der Vorstellung einer Weltherrschaft identisch, sondern blieb im wesentlichen eine Spekulation unter den Philosophen, konnte aber als weltpolitische Konzeption (unter Kaiser Hadrian) ideologisch eingespannt werden. (Vgl. dazu Antonio Gramscis Untersuchung der Rolle der kosmopolitischen Intelligenz im Römischen Reich und später dann auch im katholischen Christentum.) Gleichwohl hat das von den Stoikern entwickelte (und von Zenon bis zu Mark Aurel bereits während annähernd 500 Jahren antiker Geschichte bestehende) kosmopolitische Menschheitskonzept den Vorstellungen von Menschenwürde und Humanität bis in die Gegenwart fortwirkende Impulse verliehen.
Aufklärung und Deutsche Romantik
In Aufklärung und Romantik zeigt sich kosmopolitisches Denken in den Vorstellungen von Gotthold Ephraim Lessing, Immanuel Kant, Johann Gottlieb Fichte, Johann Gottfried von Herder, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, der Brüder Grimm u.a. Der Begriff des "Weltbürgers" oder "Kosmopoliten", der schon im 17. Jahrhundert auftauchte, wurde im 18. Jahrhundert mit dem Vorbild des französischen cosmopolite zum Modewort. Für Johann Christoph Adelung ist der Weltbürger "der Mensch, als ein Bürger oder freyer Einwohner der Welt, d.i. des Erdbodens, betrachtet"(1). Das Ideal der neuen Bildung des Menschen sollte nicht mehr nur im Rahmen der Nation aufgefasst werden, sondern diese Grenzen überwinden. Schiller drückte es 1789 gegenüber Theodor Körner so aus: "Es ist ein armseliges kleinliches Ideal, für eine Nation zu schreiben; einem philosophischen Geiste ist diese Grenze durchaus unerträglich".
Kant sprach von der Hinterlassenschaft der Geschichte als einer Last für zukünftige Generationen, die zu verstehen und zu bewerten sei. Und diese Nachfahren würden die Frage stellen, "was Völker und Regierungen in weltbürgerlicher Absicht geleistet oder geschadet haben"(2).
1795 wurde in der Zeitschrift "Deutsche Monatsschrift"(3) die Frage aufgeworfen, welche Konsequenzen sich ergäben, wenn in einem Staat Ziele des Kosmopolitismus nicht zu verwirklichen seien: "Unmöglich kann und wird sich der Kosmopolit ...für den Staat, der sein Vaterland ist, erklären, wenn er sieht, daß sich dieser Staat in Entwürfe und Unternehmungen einläßt, die dahin abzielen, allgemeine Menschenrechte zu unterdrücken, der Vernunft Fesseln anzulegen, Aufklärung zu hindern, Aberglauben und Despotismus einzuführen".
Während Kant in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" den Entwurf einer weltweiten kosmopolitischen Föderation formulierte, erkannte Goethe die Ablösung der Epoche der Nationalliteraturen durch eine Weltliteratur.
Gegenwart
In den gegenwärtigen kosmopolitischen Konzeptionen spielen unterschiedliche Motive eine tragende Rolle:
- Einschränkung der staatlichen Souveränität
- Propagierung der Abschaffung des Staates als überlebte Erscheinung
- Auflösung des Staates in einen übernationalen Zusammenschluss bzw. Einbettung der Staaten in einen international wirksamen völkerrechtlichen Rahmen, um Anomie und Krieg zu vermeiden
Der Kosmopolitismus stellt insofern auch einen Gegenentwurf zu Nationalismus und Chauvinismus dar. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kosmopolitismus in der Sowjetunion als eine Ideologie kritisiert, die den westlichen Großmächten als Mittel zur Weltherrschaft dienen sollte. Dabei hatte das stalinistische Vorgehen gegen angebliche "Kosmopoliten" eine ausgeprägt antisemitische Komponente.
Im postkolonialen Kontext hat sich ab den 1980er Jahren, geprägt vor allem durch Literatur-, Kultur- und Sozialwissenschaftler wie Bruce Robbins, Timothy Brennan, Kwame Anthony Appiah, Arjun Appadurai, James Clifford und Ulrich Beck, ein "neuer" Diskurs des Kosmopolitismus entfaltet, der nicht mehr allein der Vorstellung von einer geeinten Menschheit folgt, sondern versucht, eine Synthese aus partikularistischen und universellen Motivationen zu erreichen. Bezeichnend dafür sind scheinbar paradoxe Begriffsbildungen wie "patriotischer Kosmopolitismus", "verwurzelter Kosmopolitismus" oder "nationaler Kosmopolitismus".
Kritik
Einige Kritiker des Kosmopolitismus betonen die Bedeutung nationaler Identitäten für die Menschen; der Kosmopolitismus würde einen wichtigen Bestandteil sozialer Solidarität und das Zugehörigkeitsgefühl der Individuen beeinträchtigen.
Kritiker des ökonomischen Kosmopolitismus argumentieren, dass die Wirtschaftssysteme der einzelnen Nationalstaaten eine unabdingare Voraussetzung für eine internationale Wirtschaft seien; eine einzelne Weltwirtschaft wäre zum Scheitern verurteilt.
Kritiker des moralischen Kosmopolitismus sehen im Begriff der Loyalität eine hohe Tugend, ebenso im Patriotismus, sofern man Angehörigen anderer Nationen kein Unrecht zufügt.
Literatur
- Beck, U., Grande, E.: Kosmopolitisches Europa. Frankfurt am Main 2004 ISBN 3-51841647-2
- Coulmas, Peter: Weltbürger. Geschichte einer Menschheitssehnsucht. Reinbek 1990
- Pheng Cheah/Bruce Robbins (Hrsg.)(1998): Cosmopolitics. Thinking and Feeling Beyond the Nation. Minneapolis: University of Minnesota Press.
- Timothy Brennan (1997): At Home in the World: Cosmopolitanism Now. Cambridge: Harvard University Press.
Zitatnachweise
- (1) Johann Christoph Adelung, Versuch eines volllständigen grammatisch-kritischen Wörterbuches der Hochdeutschen Mundart, 1774-1786 in 5 Bänden
- (2) Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784
- (3) Deutsche Monatsschrift, Herausgeber Friedrich Gentz, Gottlob Nathanael Fischer, Berlin 1790 bis 1794, wurde von G.N. Fischer von 1795 bis 1800 unter dem gleichen Titel fortgesetzt.
