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Wenyan

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Wényánwén (chin. 文言文 „Literatursprache“

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) oder klassisches Chinesisch ist die Bezeichnung für die bis ins 20. Jahrhundert in China geschriebene chinesische Sprache.

Sie muss begrifflich streng getrennt werden von der Sprache des 5. bis 3. Jahrhunderts v.Chr., der Spätphase des Altchinesischen, die ebenfalls als Klassisches Chinesisch bezeichnet wird.

Inhaltsverzeichnis

Klassisches und modernes Chinesisch

Das klassische Chinesisch unterscheidet sich vom heute gebräuchlichen modernen Chinesisch in

  • Vokabular
  • Grammatik (die vormoderne Literatursprache ist, genau wie die moderne Sprache, eine isolierende Sprache. Das wenyan verwendet aber fast ausschließlich einsilbige (durch ein einzelnes Zeichen wiedergegebene) Wörter. Sie ist also weitestgehend monosyllabisch.)
  • Aussprache (für die es Rekonstruktionsversuche gibt, die aber nicht für alle Epochen komplett bekannt ist)
  • Schrift (aufgrund der in der Volksrepublik China durchgeführten Schriftreform; in Taiwan und Hongkong wird weiterhin die auf die qinzeitliche Kanzleischrift zurückgehende „klassische“ Schrift verwendet. Alte Texte wurden jedoch im Original in einer Vielzahl von Schriften verfasst, deren Entzifferung häufig Mühe bereitet.
  • Regionsübergreifende Verwendung und Verständlichkeit. Während die chinesischen Reiche durch Dialekte und Fremdsprachen gravierende innerstaatliche Sprachbarrieren in der gesprochenen Sprache (und in Baihua-Aufzeichnungen) ausgesetzt waren, war der schriftsprachliche Wenyan-Standard im ganzen ostasiatischen Kulturraum (inklusive Korea, Japan, Vietnam etc.) verständliche schriftliche lingua franca.
  • Knappe Ausdrucksweise. Für das klassische Chinesisch ist der „Telegramm-Stil“ typisch.

Im Gegensatz dazu ist das Baihua (eigentlich báihuàwén, 白话文/白話文) die Sprachform des Volkes bzw. die moderne Schriftsprache, die der gesprochenen Sprache angenähert ist. Das Verhältnis zwischen Baihua und klassischem Chinesisch ist vergleichbar dem Verhältnis zwischen Italienisch und Latein.

Man nennt zwar die alte Sprachform pauschal „wenyanwen“, es existieren aber aufgrund der langen Zeit verschiedene Sprachformen, die der Kenner unterschiedlichen Epochen zuordnen kann (Altchinesisch, Mittelchinesisch etc.). Das Gemeinsame an ihnen ist die sehr kompakte Schreibweise. So kann im klassischen Chinesisch ein kurzer Satz mit nur wenigen Zeichen eine Entsprechung in der modernen Schriftsprache haben, die mit einem Vielfachen an Zeichen geschrieben wird. Die vorwiegende Verwendung einsilbiger Wörter (eine Silbe entspricht einem Schriftzeichen) ist ein weiteres Merkmal.

Geschichte und Bedeutung

Früher (bis ca. Anfang des 20. Jh.) wurde das klassische Chinesisch als Schriftsprache für Literatur und amtliche Dokumente verwendet. Heute wird als Schriftsprache vor allem modernes Hochchinesisch benutzt, doch man findet auch in modernen Texten häufig Zitate und Passagen in klassischem Chinesisch, vergleichbar den juristischen Texten im Deutschen, die lateinische Phrasen enthalten. Auch kennt der Volksmund viele Anekdotenwörter (chéngyǔ 成语/成語), die meist aus vier Zeichen bestehen und die grammatischen Strukturen des klassischen Chinesisch aufweisen.

Klassisches Chinesisch wird zwar an den Schulen gelehrt, die Kompetenz der Schüler umfasst jedoch meist nur das Leseverständnis, nicht das Verfassen von Texten. Dennoch nimmt auch die Lesekompetenz in Bezug auf klassisches Chinesisch in der Bevölkerung ab.

Grammatik

Das klassische Chinesisch hat sehr komplexe (und von der Forschung bis heute unzureichend verstandene) grammatische Strukturen. Hauptsächlich werden grammatische Konstruktionen durch Partikel gebildet. Syntaktisch ist das klassische Chinesisch eine Subjekt-Verb-Objekt Sprache, die aber stark zum topikalisieren (Thema-Rhema-Struktur) und zur prosodisch bedingten Verschiebung syntaktischer Elemente neigt.

Die Grammatik des klassischen Chinesisch muss, trotz Versuche systematischer Grammatiken (z.B. von Robert Gassmann), bis heute als unvollständig verstanden und unsystematisch beschrieben gelten. Häufig gleicht die Interpretation schwieriger Textstellen eher einem Ratespiel denn einer grammatischen Analyse. Dennoch ist es möglich, die meisten Texte mit relativ hoher Sicherheit zu übersetzen.

Regionale Verbreitung

Nicht nur China, sondern auch Korea, Vietnam und Japan verfügen über die Tradition des klassischen Chinesisch, wobei anzumerken ist, dass jeweils eine unterschiedliche Lesung der Silben der Schriftzeichen tradiert ist. Grund dafür ist die Anpassung der jeweils übernommenen Sprachentwicklungsstufe des Chinesischen und dessen Anpassung an die phonetische Struktur der Zielsprache. Besonders chaotisch ist diese Situation in Japan, wo zu verschiedenen Zeiten aus dem Chinesischen Aussprachen entlehnt wurden und so im modernen Japanisch verschiedene Stadien des Chinesischen konserviert sind. Koreanisch und Vietnamesisch haben eigene, komplette Aussprachesysteme. Auf Koreanisch liest man beispielsweise die Schriftzeichen für wényán als mun ŏn 문언, auf Vietnamesisch als văn ngôn.

Siehe auch: Kanbun

Literatur

Allgemeine Beschreibungen und Grammatiken

  • Ulrich Unger: Rhetorik des Klassischen Chinesisch (Wiesbaden, Harrassowitz 1994), ISBN 3-447-03616-8.
  • Robert H. Gassmann: Grundstrukturen der antikchinesischen Syntax. Eine erklärende Grammatik (Schweizer Asiatische Studien 26, Bern, Peter Lang 1997); ISBN 3-906757-24-2.
  • Edwin G. Pulleyblank: Outline of a Classical Chinese Grammar (Vancouver, University of British Columbia Press 1995); ISBN 0-7748-0505-6 / ISBN 0-7748-0541-2.
  • Georg von der Gabelentz: Chinesische Grammatik mit Ausschluss des niederen Stiles und der heutigen Umgangssprache (Leipzig, Weigel 1881; Nachdrucke: Halle a.d. Saale, VEB Niemeyer 1960; Berlin, Deutscher Verlag der Wissenschaften 1953).

Lehrbücher

  • Robert H. Gassmann, Wolfgang Behr: Antikchinesisch. Teil 1: Eine propädeutische Einführung in fünf Element(ar)gängen; Teil 2: 30 Texte mit Glossaren und Grammatiknotizen; Teil 3: Grammatik des Antikchinesischen (Schweizer Asiatische Studien 18, Bern, Peter Lang 2005); ISBN 3-03910-843-3.
  • Harold Shadick, Ch'iao Chien [Jian Qiao]: A First Course in Literary Chinese (Ithaca, Cornell University Press 1968), 3 Bde.; ISBN 0-8014-9837-6, ISBN 0-8014-9838-4, ISBN 0-8014-9839-2.

Wörterbücher

  • Seraphin Couvreur: Dictionnaire classique de la langue chinoise (Ho Kien fu: Imprimerie de la mission catholique 1911).
  • Herbert Giles: Chinese-English dictionary (Shanghai, Kelly & Walsh 1912).
  • Robert Henry Mathews: Mathews' Chinese-English dictionary (Shanghai, China Inland Mission 1931; Nachdrucke: Cambridge, Harvard University Press 1943 etc.).
  • Werner Rüdenberg, Hans Otto Heinrich Stange: Chinesisch-deutsches Wörterbuch (Hamburg, Cram, de Gruyter & Co. 1963).
  • Instituts Ricci (Hg.): Le Grand Dictionnaire Ricci de la langue chinoise (Paris, Desclée de Brouwer 2001); ISBN 2-220-04667-2. Vgl. Le Grand Ricci.

Weblinks

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