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Waldorfschule
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Die erste Waldorfschule wurde 1919 in Stuttgart als Betriebsschule durch den Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik Emil Molt gegründet und am 7. September 1919 eröffnet. Von der Zigarettenfabrik erhielt die pädagogische Bewegung Rudolf Steiners, der der erste Schulleiter der Astoria-Betriebsschule war, ihren Namen. Im Nationalsozialismus wurde 1939/40 der Lehrbetrieb an Waldorfschulen, wie auch an den meisten anderen nichtstaatlichen Schulen, bis 1945 verboten.
Nach Angaben aus dem Jahr 2007 existieren in Deutschland 206 Waldorfschulen, in ganz Europa 643 und weltweit 903 sowie 2.000 Kindergärten und Fördereinrichtungen[1]. Bekannt sind sie auch unter den Bezeichnungen Rudolf-Steiner-Schule, englisch Waldorf School, Steiner School, französisch École Waldorf, niederländisch Vrijeschool.
Zielsetzung
Die Waldorfschule entstand in den sozialen Wirren nach dem Ersten Weltkrieg aus den Versuchen Rudolf Steiners und Gleichgesinnter, ein vom Staat unabhängiges Geistesleben zu schaffen und Wissenschaft, Kunst und Religion zu ihrer als urtümlich angenommenen Einheit zurückzuführen.
Die Waldorfschule möchte allgemein umfassender und natürlicher bilden und vermeiden, dass in der früheren Kindheit zu viel Wissen aufgenommen wird, das sich eher für Erwachsene eigne, die den Überblick über Welt und Lebendiges „schon haben“. Der generelle Ansatz ist, den „Hunger des jungen Menschen auf Bildung“ nicht zu „stillen“, sondern ihn „hungrig auf Bildung zu machen“. Der Lehrstoff wird in erster Linie als eine reine Beispielmasse gesehen, über die Lernen, Denken und Empfinden geschult und entfaltet werden sollen. Hierzu ergreift man Maßnahmen, die nach Steiner eine größere Menschengemäßheit und bessere seelische Entwicklungschancen bieten sollen: möglichst langes Zusammenbleiben einer Klassengemeinschaft und ihres Lehrers, kein Wettstreit um Noten, traditionelle Arbeiten der Frauen und Männer, sogenannter „freichristlicher“ Religionsunterricht für nicht getaufte Schüler, Eurythmie, um individuell den ganzen Menschen zu „formen“, aber auch anderweitige künstlerische Betätigung.
Der Lehrplan der Waldorfschule geht vor allem in den unteren Jahren, die Steiner noch miterlebte, auf diesen zurück und stimmt den Stoff genau auf Zahnwechsel, Geschlechtsreife und andere Entwicklungsstufen des Menschen ab und wiederholt deshalb auch manches über die Schulzeit hinweg bis zu dreimal. Mit ihrem grundsätzlich anderen Lehrplan stehen die Schulen vor allem in den oberen Jahren in erheblichem Grade isoliert in der Bildungslandschaft.
Waldorfschulen im deutschen Rechtsrahmen
Waldorfschulen sind öffentliche, allgemeinbildende Schulen in freier Elternträgerschaft im Rahmen der Schulgesetzgebung der Bundesländer auf der Grundlage des Grundgesetzartikels 7 (Schulwesen)[2]. Die Anerkennung der Waldorfschulen als Ersatzschulen führt unter anderem zu staatlichen Zuschüssen bis zu einer Höhe von etwa 90 % der benötigten Finanzen[3]. Ergänzend wird meist einkommensabhängig zur Finanzierung Schulgeld von den Eltern erhoben. Im Jahr 2002 betrug das monatlich zu leistende Schulgeld nach Angaben des Bundes der Freien Waldorfschulen durchschnittlich 125 Euro.
Dem Grundgesetz entsprechend darf die Erhebung von Schulgeld nicht dazu führen, dass einem Kind der Besuch einer bestimmten Schule aus finanziellen Gründen verwehrt wird (siehe Sonderungsverbot). Trotzdem stellen Waldorfschüler und deren Eltern keinen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft dar, so findet man einer 2006 durchgeführten Studie des KFN zufolge nur selten Kinder aus der Unterschicht an einer Waldorfschule.
Lehrformen an deutschen Waldorfschulen
Die Schüler führen im Laufe einer Unterrichtsepoche ein so genanntes Epochenheft, das zum Ende der Epoche dem Lehrer abgegeben wird und unter anderem zur Leistungsbeurteilung dient.
Lehrbücher für die Schüler sind in der Waldorfpädagogik traditionell nicht vorgesehen und kommen im allgemeinen auch nicht zur Anwendung. Die Schüler folgen insbesondere in den unteren Klassen häufig der Tafelgestaltung des Lehrers, bekommen im Fachunterricht hauptsächlich in die Hefte diktiert[4] und gestalten ihr Epochenheft auch mit eigenen Beiträgen. Es liegt jedoch in der Freiheit jedes Lehrers oder Kollegiums, auch konventionelle Schulbücher zu verwenden.[5] Mancherorts werden seit einigen Jahren waldorfpädagogische Methoden durch die Portfolio-Methode ergänzt.
Neben Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen, Geschichte, Biologie, Physik, Chemie, Musik, Religion und Sport gehören an Waldorfschulen in der Regel die Fächer Handarbeit (Unterstufe), Gartenbau und künstlerisch-praktischer Unterricht wie Schreinern, Plastizieren, Metalltreiben, Malerei oder Steinmetzen (Mittel- und Oberstufe) und Eurythmie zum regelmäßigen Unterricht. Der Unterricht wird durch mehrere mehrwöchige Praktika (Landvermessungs-, Landwirtschafts-, Sozial-, teilweise auch Betriebspraktikum) ergänzt. Die Klasse führt im Laufe ihrer Schulzeit mehrfach ein Theaterstück auf, bei dem von der Erstellung der Kulissen über die Beleuchtung bis zum Abendbuffet alle Schüler der Klasse im Einsatz sind.
Schon ab der ersten Klasse werden den Schülern Fremdsprachen nahe gebracht. In der Regel ist Englisch Pflichtfach; dazu kommt ab der ersten oder zweiten Klasse Französisch oder Russisch als weitere Fremdsprache.
In der Regelschulzeit an Waldorfschulen finden innere Differenzierungsmaßnahmen statt, ein „Sitzenbleiben“ oder äußere Differenzierung gibt es zugunsten der sozialen Einheit der Klasse nicht. Ab der neunten Jahrgangsstufe bleibt das Klassengefüge zumindest noch im Hauptunterricht bestehen, weil man auf diese Weise soziale Lerneffekte durch das Zusammensein mit intellektuell, sozial, emotional und motorisch sehr verschiedenen Menschen ermöglichen will.
Noten werden an Waldorfschulen bis zur Oberstufe nicht vergeben, stattdessen wird im Zeugnis der jeweilige Leistungsstand und -fortschritt in Textform ausformuliert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf individuellen Defiziten und Leistungsvorsprüngen im Vergleich zum Klassenfortschritt und der Lernziele. Diese Praxis wird für gewöhnlich bis zur zwölften Klasse beibehalten. An manchen Schulen wird auf Elternwunsch oder Nachfrage der Schüler bereits ab der neunten oder zehnten Klasse ein Ziffernzeugnis ausgestellt oder der Notenstand des jeweiligen Faches in die schriftliche Beurteilung mit einbezogen.
Schulabschluss
Die Regelschulzeit beträgt an Waldorfschulen zwölf Jahre, unabhängig von dem individuell angestrebten staatlichen Schulabschluss. Am Ende steht der Waldorfschulabschluss, der als gleichwertig mit einem staatlichen Schulabschluss (z.B. Realschulabschluss) anerkannt werden kann. Der Waldorfschulabschluss ist keine Abschlussprüfung, sondern zieht sich als ein modularer Prozess durch die gesamte Oberstufe von Klasse 9 bis 12 hindurch und umfasst neben einer abschließenden Bewertung der schulischen Leistungen diverse Praktika (Landwirtschaftspraktikum, Betriebspraktikum, Sozialpraktikum), eine Facharbeit oder die so genannte Jahresarbeit mit einem theoretischen und einem praktischen Teil, die Teilnahme an einem Theaterprojekt der ganzen Klasse, den Eurythmieabschluss und meist auch eine Studienfahrt mit künstlerisch/kunstgeschichtlicher Ausrichtung.
Der Waldorfschulabschluss ist in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern staatlich nicht anerkannt, gilt den Anhängern der Waldorfpädagogik aber als wichtiger Nachweis erworbener Sozial- und Persönlichkeitskompetenzen (Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen, Kreativität, Lernkompetenz usw.). Das Waldorfschulabschlusszeugnis dokumentiert auch ausführlich die erbrachten praktischen Leistungen.
Obwohl die Waldorfpädagogik nicht auf staatliche Schulabschlüsse ausgerichtet ist, bieten die Waldorfschulen meist zusätzlich eine dreizehnte Jahrgangsstufe an, um die Schüler auf das Abitur oder die Fachhochschulreife vorzubereiten. Statt des waldorftypischen fachpraktischen Unterrichts erhalten sie einen vertiefenden Unterricht in den abiturrelevanten Fächern.[6] In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und seit 2006 auch in Niedersachsen wird das gleiche Zentralabitur wie an allen Schulen, an denen das Abitur abgelegt werden kann, geschrieben, mit dem Unterschied, dass für die Abiturnote nur die Prüfungsergebnisse und nicht die Jahresleistung zählen.[7] Lediglich in Hessen sind die Klassen 11-13 der Freien Waldorfschulen als gymnasiale Oberstufe staatlich anerkannt, so dass nach den gleichen formalen Bedingungen wie an staatlichen Schulen das Abitur erworben werden kann. In Brandenburg wird in einem Prüfungsfach die Möglichkeit der Portfolioprüfung genutzt. Aufgrund meist geringer Schülerzahlen der in der Regel einzügigen Waldorfschulen können die Prüfungsfächer oft nicht frei gewählt werden. Schule und Schüler müssen sich in solch einem Fall auf ein konkretes Fächerangebot einigen. Die Prüfung wird durch vom Landeskultusminister beauftragte staatliche Prüfer begleitet.
Im Jahre 2002 legten in Deutschland 49 Prozent der ca. 4.500 Waldorfschul-Abgänger das Abitur ab, 33 Prozent die mittlere Reife, 7 Prozent die Fachhochschulreife und 11 Prozent den Hauptschulabschluss.[8]
Vorreiter- und Nachzüglerrolle
In vielen Punkten gelten Waldorfschulen als Vorreiter, während andererseits eine uneinheitliche Entwicklung der Waldorfschulen und eine mangelnde Qualitätssicherung kritisiert wird. So brachte die 1919 gegründete erste Waldorfschule in Stuttgart für die damalige Zeit sehr fortschrittliche Ideen mit sich. Während die Mehrheit der Kinder in Deutschland nur acht Jahre zur Schule ging, wurden ihnen an der Waldorfschule 12 Jahre Schulbildung garantiert. Ab dem ersten Schuljahr wurden bereits zwei Fremdsprachen unterrichtet, die Freie Waldorfschule war in Deutschland die erste Gesamtschule und auch die erste Schule, die regulär koedukativ unterrichtete. Des Weiteren waren Praktika schon immer fester Bestandteil des Lehrplans.
Die Waldorfschule in Kapstadt (Südafrika) konnte noch während der Apartheid das Recht erkämpfen, in gemischten Klassen unterrichten zu dürfen. Während der Rassentrennung in Eisenbahnwagen wurde speziell für die Schüler dieser Schule ein „Gemischtwagen“ eingeführt. Die Freie Waldorfschule Innsbruck (Österreich) war die erste Schule, die das Fach Menschenrechte in der Oberstufe zum Pflichtfach machte.
Während an der ersten Waldorfschule linkshändige Kinder auf Anweisung Steiners explizit mit links schreiben durften, was damals alles andere als selbstverständlich war, erschien erst 1997 ein Buch der Kinderärztin und Waldorfpädagogin Dr. med. Michaela Glöckler („Zum Unterricht des Klassenlehrers an der Waldorfschule“), in welchem das Schreiben mit der richtigen Hand als reine „Willensübung“ beschrieben wird. Ihrem Buch zufolge hätten sich laut Steiner Linkshänder in einem früheren Leben körperlich und seelisch verausgabt, weshalb sie nun „mehr Innerlichkeit“ ausbilden müssten, wofür die linke Körperhälfte zuständig sei.
Manche Waldorfschulen gehörten zu den ersten Schulen in Deutschland, die Programmierkenntnisse vermittelten; an anderen Waldorfschulen dagegen hat das Fach bis heute keinen Einzug in den regulären Unterricht gefunden. Da die Waldorfschulen nicht von zentraler Stelle aus geleitet werden, sondern Entscheidungen des Kollegiums einstimmig getroffen werden müssen, findet keine einheitliche Entwicklung der Waldorfschulen statt.
Konstitution
Waldorfschulen sind staatlich anerkannte Schulen in Freier Trägerschaft, die damit einerseits dem jeweiligen Landesschulrecht unterstehen. Die Oberaufsicht der Schulverwaltung bezieht sich vor allem auf die Abschlüsse, kann damit aber zugleich auf Lehrinhalte und die Lehrformen einwirken. Jedoch sind die Schulen als Organisation für sich als völlig autonome Einheiten zu sehen. Sie unterliegen einer allgemeinen Beobachtung als Mitglieder des quasi Markenrechtsinhabers Bund der Freien Waldorfschulen, was aber die rechtliche Eigenständigkeit nicht schmälert. Die Trägerform ist im allgemeinen ein Verein, dem weitere Gliederungen, meist ebenfalls in Vereinsform, zur Seite stehen können, u.a. jeweils Fördervereine (getrennt zu sehen vom eigentlichen Schulverein). Diese Rechtsformen orientieren sich an Schulrechts- und Steuerrechtsvorgaben sowie weiteren Rechtsnormen in Verbindung mit der inneren Konstitution der Schulen.
Letztere ist geprägt durch die Genese der jeweiligen Schule als Nachfrage deckende Institution: Eltern formieren sich zu einer Initiative für Waldorfpädagogik, aus der typischerweise zuerst ein Kindergarten entsteht und sich nachfolgend ein Waldorfschul-Gründungsverein herausbildet. Im Kontakt mit dem Bund der Freien Waldorfschulen wird dann ein Gründungslehrer ermittelt, der als Kernfigur für die pädagogische Entwicklung dient.
Die Schule selbst ist eine wirtschaftlich eigenständige und im Rahmen der Gesetzeslage nur den unmittelbar Beteiligten verpflichtete Organisation (Selbstverwaltung) ohne unmittelbar regelnden Einfluss von Schulaufsichtsbehörden. Sie hat im Gegensatz zu staatlichen Schulorganisationen Finanzhoheit, Personalhoheit und weitere hoheitliche Befugnisse. Neben dem Lehrerkollegium existiert auch immer eine wirtschaftlich verantwortliche Geschäftsführung.
Konflikte in den einzelnen Schulen resultieren häufig aus unausgewogenen gegenseitigen Kraftverhältnissen zwischen Eltern und Lehrern. Beispiele für kontroverse Ausrichtungsfragen sind u.a. die Art der Befolgung staatlicher Rahmenvorgaben für die Prüfungsableistung (Aufbau der quasi gymnasialen Oberstufe im Konflikt mit der stark integrativen Ausrichtung der Waldorfschule etc.), die Auswahl der Sprachenbildung, die Berufs- und Praxisorientierung der Oberstufenlehrpläne, die Integration moderner Technik in die Curricula usw. Im Alltag der schulischen Selbstverwaltung spielen zugleich Finanzfragen die größte Rolle.
Die Selbstverwaltung erzeugt Partizipationsmöglichkeiten und Partizipationsdruck zugleich, kann damit Bindungswirkung, aber auch Ausgrenzung eher unerwünschter Beteiligter bewirken. Die Partizipationsmöglichkeiten im Zusammenhang mit der Schulgeldzahlung erzeugen auch eine gesteigerte Qualitätserwartung an die pädagogischen Leistungen des Kollegiums.
Kritik an der Waldorfpädagogik
Qualifikation der Waldorflehrer
Obwohl vom Gesetzgeber her eine der Ausbildungssituation für staatliche Schulen „gleichartige oder im Wert gleichkommende“[9] Lehrerausbildung für Ersatzschulen eingefordert wird, können je nach bundeslandspezifischer Regelung an Waldorfschulen mitunter auch Personen unterrichten, die keinerlei universitär-wissenschaftliche Ausbildung durchlaufen haben. Je nach angestrebtem Berufsziel[10] können damit auch Menschen, die lediglich eine Ausbildung auf einem sogenannten „Institut für Waldorfpädagogik“ durchlaufen haben, eine Anstellung als Waldorflehrer erhalten. Methodisch-didaktische Fragestellungen werden dabei in der Waldorfausbildung genau so wenig verpflichtend behandelt wie wissenschaftlich abgesichertes Fachwissen vermittelt wird; es gehe vielmehr um die „Erkenntnis des Menschenwesen“, also um die anthroposophische Weltsicht.[3]
Anthroposophische Grundannahmen
Aufgrund der ihr zugrunde liegenden Anthroposophie steht die Waldorfpädagogik immer wieder in der Kritik. Angeprangert werden hierbei ihre Überzeugungen bezüglich Reinkarnation (Waldorfschulsprecher Detlef Hardorp: „Wir haben Respekt vor dem, was der Mensch bei seiner Geburt aus anderen Sphären mitbringt.“[11]) und Karma, die Theorien über die sogenannten Wurzelrassen, welche von Kritikern aufgrund ihrer angeblichen Hierarchisierung von Rassen als rassistisch bezeichnet werden und nicht zuletzt die oft als pseudowissenschaftlich und esoterisch angesehenen sonstigen Ausführungen Rudolf Steiners, auf welche sich die Waldorfpädagogik beruft.
Rassismus
Erst im Jahre 2001 distanzierten sich die deutschen Waldorfschulen von dem 1936 erschienenen Buch „Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst“ des Steiner-Schülers Ernst Uehli, das das Bundesfamilienministerium wegen einzelner als rassistisch auslegbarer Passagen auf den Index jugendgefährdender Schriften setzen lassen wollte.[12] Walter Hiller, Geschäftsführer des Bundes der freien Waldorfschulen, begründete das Vorgehen gegenüber AFP mit den Worten „Wir finden das Buch nicht gut“, betonte aber, dass es sich nicht um ein Lehrbuch für Waldorflehrer handele, sondern „nur auf einer Literaturliste“ stehe. Allerdings wurde die „höchst fragwürdige waldorfpädagogische Handreichung“[13] noch 1998 von der Pädagogischen Forschungsstelle der Waldorfschulen für den Geschichtsunterricht in der fünften Klasse empfohlen.[4]
Unterricht ohne Rücksicht auf die Individualität des Kindes
Individuell angepasste Fördermaßnahmen werden in der Waldorfschule „ausdrücklich abgelehnt“[14]. Hieraus kann gerade bei kognitiv starken Schülern eine Unterforderung entstehen, die teilweise zu „hoher motorischer Unruhe, zu Spannungen (auch zwischen Kind und Eltern) sowie aggressivem Verhalten“[15] führt. Der Übergang an eine andere Schulform nach der dritten Klasse sei jedoch „nicht immer leicht zu bewerkstelligen, da eine Reihe von akademischen Fertigkeiten nachzuholen ist“.[15]
Eurythmie nach engen Vorgaben
In Eurythmie, einem wesentlichen Bestandteil der Waldorfpädagogik von Kindergarten bis in höchste Klassen, sollen Heranwachsende lernen, Sprache und Musik durch Bewegungen auszudrücken. Dabei gibt es fest vorgegebene Gebärden für jeden Sprachlaut und es kann sein, dass „wenn Jugendliche ein Gedicht oder ein Musikstück eurythmisch interpretieren, die darin enthaltene Stimmung unter Umständen überhaupt nicht ihrer eigenen Stimmung [entspricht]. Die Heranwachsenden lernen [auf diese Weise], ihr eigenes Empfinden außer Acht zu lassen und sich einer gegebenen Sache zu stellen“[16].
Starker Einfluss des Klassenlehrers
Die Kritik an der absolutistisch anmutenden Rolle des Klassenlehrers bringt der ehemalige Lehrer an einer Waldorfschule und Buchautor Paul-Albert Wagemann zum Ausdruck. Die lange Klassenlehrerzeit von der 1. bis zur 8. Klasse, die von manchen Klassenlehrern abgehaltenen regelmäßigen Hausbesuche sowie der stark an der Persönlichkeit des Lehrers orientierte Unterricht (der zum Beispiel am Verzicht auf Lehrbücher deutlich wird), lassen den Klassenlehrer als "Vaterfigur" erscheinen.
Verzögerung des Übergangs in die Leistungsgesellschaft
Nicht zuletzt wird der Verzicht auf Ziffernoten in den unteren Klassenstufen oft kritisiert, da es nur ein Aufschub des unvermeidlichen Übergangs in die Leistungsgesellschaft sei. Schüler stünden somit aufgrund des vorigen Schonraums vor einer noch schwereren Herausforderung. Weiterhin wird kritisiert, die sanfte, behütete Welt, in der Künstliches verpönt sei, entspräche kaum noch den Erfahrungen heutiger Heranwachsender. Bisher haben sich die Waldorfschulen nicht dem Leistungsvergleich mit anderen Schulen im Rahmen der PISA-Studie gestellt.
Reaktion der Waldorfschulen
Die Waldorfschulen reagieren auf kritische Vorstöße sehr unterschiedlich. In den letzten Jahren wird versucht, Rudolf Steiner zu hinterfragen und den Unterricht für neue Medien zu öffnen. Der Bund der Freien Waldorfschulen ist bemüht, das Image der „Öko-Kuschelpädagogik“ abzulegen. Da aber jede Waldorfschule eigenständig handelt, sich in freier Trägerschaft selbst verwaltet und nicht von einer übergeordneten Instanz – außer den Schulbehörden – kontrolliert wird, können Lehrerkollegien und einzelne Lehrer von der Meinung des Bundes der freien Waldorfschulen oder den in der Anthroposophischen Gesellschaft vertretenen Auffassungen abweichen. Auch existiert zwar ein allgemein abgestimmter „Waldorflehrplan“, die individuelle Ausgestaltung liegt jedoch in der Verantwortung jeder Schule und jedes einzelnen Lehrers und nicht zuletzt der Eltern.
Verschiedentlich wird berichtet, dass sich der Bund der Freien Waldorfschulen gegen möglicherweise kritische Betrachtungen der Waldorfpädagogik teilweise schon im Vorfeld durch „Gerichtsverfahren, Gegendarstellungsbegehren und Unterlassungsansprüche“[17] und andere Maßnahmen wehre.[18]
Siehe auch
Literatur
Positiv wertende Literatur
- Bußmann, Hildegard und Jochen: Unser Kind geht auf die Waldorfschule. Erfahrungen und Ansichten. Rowohlt, 1990. ISBN 3-499-18736-1
- Carlgren, Frans: Erziehung zur Freiheit. Verlag Freies Geistesleben, 2005. ISBN 3-7725-1619-X
- Kiersch, Johannes: Die Waldorfpädagogik. Eine Einführung in die Pädagogik Rudolf Steiners. Reihe Praxis Anthroposophie 47, Verlag Freies Geistesleben, 1997. ISBN 3-7725-1247-X
- Leber, Stefan (Hg.): Waldorfschule heute. Einführung in die Lebensformen einer Pädagogik. Mit Beiträgen von Michaela Glöckler, Christoph Gögelein, Wenzel Götte, Freya Jaffke, Ernst-Michael Kranich, Helmut von Kügelgen, Stefan Leber, Manfred Leist, Christoph Lindenberg, Walter Riethmüller, Christian Rittelmeyer und Hartwig Schiller. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2001. ISBN 3-7725-1221-6
- Richter, Tobias: Pädagogischer Auftrag und Unterrichtsziele. Vom Lehrplan der Waldorfschule. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2002. ISBN 3-7725-0269-5
- Steiner, Rudolf: Praxis der Waldorfpädagogik (10 Vorträge, Themen aus dem Gesamtwerk Band 21). Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2004. ISBN 3-7725-0091-9
Negativ wertende Literatur
- Bierl, Peter: Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik. 1999. ISBN 3-89458-171-9
- Jacob, Sybille-Christin und Drewes, Detlef: Aus der Waldorf-Schule geplaudert. Warum die Steiner-Pädagogik keine Alternative ist. Aschaffenburg: Alibri, 2001. ISBN 3-932710-28-2
- Prange, Klaus: Erziehung zur Anthroposophie - Darstellung und Kritik der Waldorfpädagogik. Bad Heilbrunn: Klinkhard, 2000. ISBN 3-7815-1089-1
- Rudolph, Charlotte: WaldorfErziehung: Wege zur Versteinerung. DTV, 1988. ISBN 3-472-61727-6
- Wagemann, Paul-Albert und Kayser, Martina: Wie frei ist die Waldorfschule? W. Heyne Verlag, 2002. ISBN 3-453-09147-7
- Weibring, Juliane: Die Waldorfschule und ihr religiöser Meister – Waldorfpädagogik aus feministischer und religionskritischer Perspektive. ATHENA, 1998. ISBN 3-932740-21-1
Quellennachweise
- ↑ http://www.waldorfschule.info/upload/pdf/brd.pdf
- ↑ bundesrecht.juris.de: Grundgesetzartikel 7 (Schulwesen)
- . a b SWR-Beitrag: „Betrifft: Wie gut sind Waldorfschulen?“, 31. Oktober 2006
- . a b Josef Kraus (Präsident des Deutschen Lehrerverbandes): „Waldorfschulen fordern das staatliche Wächteramt heraus“, Rheinischer Merkur vom 4. August 2000
- ↑ Bespiel für Schulbucheinsatz ab der fünften Jahrgangsstufe an der Freien Waldorfschule Kiel
- ↑ http://www.waldorfschule-werra-meissner.de/info/fws/ostufe_2.php Schulabschluss in Hessen
- ↑ http://www.waldorfschule-hessen.de/01_paedagogik/alle_schulabschl.php
- ↑ http://www.bmbf.de/pub/GuS2004_ges_dt.pdf, Seite 96
- ↑ vgl. Auszug aus dem BayEUG, Art. 94
- ↑ „Freie Hochschule Stuttgart – Seminar für Waldorfpädagogik“ – Studienübersicht
- ↑ Der Tagesspiegel: „Sektenbeauftragter spricht von subtilem Einfluss auf Eltern und Kinder“ (kostenpflichtig)
- ↑ Report Mainz: „Nachgefragt: Waldorfschulen – Ministerium nimmt Geschichtsbuch ins Visier“; 10. Juli 2000
- ↑ Bayerischer Geschichtslehrerverband e.V.: „Waldorfpädagogik und Anthroposophie kritisch gesichtet“, 21. Juli 2006
- ↑ Feger, Barbara & Prado, Tania M. (1989), S. 221
- . a b Stapf, Aiga: Hochbegabte Kinder – Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung, Beck 2006, S. 231. ISBN 3406502520
- ↑ Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Rheinland-Pfalz, Saarland und Luxembourg (Hrsg.): Fürs Leben lernen. Ein Leben lang. In den Freien Waldorfschulen. Druckerei Hoffmann, Mainz
- ↑ Humanistischer Pressedienst: „Waldorfschulen gegen Informationsfreiheit“, 15. Februar 2007
- ↑ taz: „Einschüchterung auf Waldorf-Art“, 4. August 2000
Weblinks
Waldorfpädagogik
Offizielle Seiten
- Waldorf.Net
- Website des Bundes der Freien Waldorfschulen
- Umfangreiches Zahlenmaterial in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt
Kritische Auseinandersetzung
Pro:
- Evelyn Hecht-Galinski: „Gegen den Verdacht des Antisemitismus“, die tageszeitung
- anthroposophie-de.com: „Rassismus, Antisemitismus und Sektenvorwürfe – was ist wahr?“
- Deutschlandfunk: „Was machen Waldorfschulen besser?“ (Audiodatei zum Download)
- info3.de: „Schatten der Vergangenheit – Waldorfschulen in der NS-Zeit“
Contra:
- Anmerkungen zum anthroposophischen Gehalt der Waldorfpädagogik und zu deren Konsequenzen - vordenker.de, März 2004
- Steiners Lehren und Waldorfschulen - Online-Video und Manuskript von Frontal 21, April 2006
- waldorfcritics.org: Educating the public about Waldorf Education (engl.)
Sonstiges
- Zur indirekten Herkunft des Namens Waldorf von der Stadt Walldorf
- Liste prominenter Waldorfschüler
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