Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Volksstück
Aus Kefk.
Das Volksstück bezeichnet ein Stück vom, über oder für das Volk, also die mittleren und unteren Gesellschaftsschichten, das die Probleme des Volkes erfasst und/oder belehrend und unterhaltend auf das Volk wirkt.
Inhaltsverzeichnis |
Gattung
Das Volksstück ist eine Gattung von Bühnenstücken fürs städtische Volkstheater und Vorstadtbühnen mit einer aus dem Volksleben entnommenen Handlung in volkstümlich schlichter, leichtverständlicher Form, die jedoch durch Einlagen von Musik, Gesang und Tanz sowie Anwendung von Effekten, Sentimentalitäten und ähnlichen niederen Elementen dem Geschmack des Großstadtpublikums entgegenkommt, ohne den oft ernsten und tragischen Grundton zu verlieren. Reichste Entfaltung findet sie in Hamburg, Berlin und besonders Wien, meist mit Übergang in das Lokalstück der Alt-Wiener Volkskomödie.
Volksstück heißt ein Stück nicht, weil es für das Volk geschrieben wurde, sondern vom "Volk" handelt. Seine Figuren stammen aus jenen Kreisen der Bevölkerung, die mit etwa 80 Prozent der Bewohner eines Landes die absolute Mehrheit besitzen. Das Bestreben dieser Mehrheit war es immer, ihre Rechte den Pflichten anzugleichen, die ihr auferlegt waren und immer als zu hoch, drückend und ungerecht empfunden wurden. Das Verlangen nach vermeintlichem Recht und das Aufbegehren gegen vermeintliches Unrecht war eines der großen Spannungsfelder, in dem sich der "kleine Mann" bewegte und das ihn zum tragischen, komischen oder tragikomischen Helden des Volksstückes herbeirief.
Das Volksstück ist nicht improvisiert wie die Stegreifkomödie, sondern literarisch fixiert. Meist ist es im Dialekt gehalten und mit lokalen Anspielungen versehen.
Das Volksstück steht im im Gegensatz zum Bauerntheater (Volksschauspiel oder Dorfkomödie und Bauernschwank) in der Art des späteren 19. Jahrhunderts. Die Literatur- und Theaterwissenschaft versteht unter „Volksstück“ eher die nichthöfischen, privatwirtschaftlichen Theaterproduktionen zwischen etwa 1780 und 1850 und ihre Reminiszenzen im subventionierten Schauspiel des 20. Jahrhunderts.
Geschichte
Ursprünge
Zum Volksstück gehören ursprünglich alle schriftlich fixierten Theaterereignisse, die weder der Tragödie im Sinn der französischen Klassik, noch der ernsten Oper (Opera seria, Tragédie lyrique) oder dem höfischen Ballett zuzurechnen sind, also in denen keine aristokratischen Figuren in tragenden Rollen auftreten. Somit teilt sich das Repertoire in die gröberen Komödien, die man Possen nannte, und die ernsten, zumeist moralisierenden und vordergründig religiösen Moritaten oder Besserungsstücke. Auch die vergröbernden Parodien und Travestien höfischer Stücke gehören zu den Volksstücken. Im Zentrum der Volksstücke stehen oft komische Figuren wie der Hanswurst.
In den deutschsprachigen Städten, von denen Wien die größte war, begann sich das Theater, das sich nicht an den Höfen abspielte, im Lauf des 18. Jahrhunderts von den Märkten und Schaubuden in feste Theatergebäude zu verlagern. Dies war im Interesse der Zensur, die das kulturelle Geschehen damit besser beobachten konnte. Josef Anton Stranitzky bespielte etwa das Kärntnertortheater. Die heute als „Alt-Wiener Volkstheater“ bezeichnete Theatergattung entstand.
Barock
Aus dem Erbe des Barockdramas ging das Wiener Volksstück hervor und war zunächst als komisches Stegreifstück noch von der Commedia dell´arte beeinflusst. Über die Burleske reichte der Weg nach der literarischen Verfestigung durch Philipp Hafner im 18. Jahrhundert über das Zauberstück und die gemüthafte Tragikomik Ferdinand Raimunds (mit Einfluss auf Franz Grillparzer) und über zahlreiche Zwischenglieder zu Johann Nestroys scharfer Satire und volkstümlichen Parodie und Travestie, während aus dem Charakterlustspiel das Lokalstück und Sittenstück entstanden.
Alt-Wiener Volkstheater
Im Zuge der josephinischen Reformen wurden seit den 1770er-Jahren Lizenzen für drei privatwirtschaftliche Vorstadttheater in Wien vergeben: das Theater im Freihaus auf der Wieden, das Theater in der Josefstadt und das Theater in der Leopoldstadt unter Karl von Marinelli. Die österreichische Tradition der „Reform von oben“ versuchte, die Bedrohungen der französischen Revolution abzuwenden, indem sich die Aristokratie um das „Volk“ bemühte und ihm Gelegenheiten zur Unterhaltung bot. Damit nicht improvisiert wurde, was der politischen Agitation einen Freiraum gegeben hätte, mussten die Theaterstücke vor der Premiere schriftlich zur Begutachtung eingereicht werden.
Die dortigen Produktionen wurden von dem Theaterwissenschaftler Otto Rommel „Alt-Wiener Volkskomödie“ genannt. Durch die obrigkeitliche Zensur war der Gesellschaftskritik auf der Bühne stets enge Grenzen gesetzt, und die Spaßkomik oder das naive Zauberspiel herrschten vor. Diese Theaterform hat nach Rommel mit den Autoren Karl Meisl, Adolf Bäuerle und Josef Alois Gleich nach den Befreiungskriegen zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt und mit Ferdinand Raimund und Johann Nestroy gegen die Jahrhundertmitte eine Endzeit erlebt. Die Texte dieser Stücke verbreiteten sich im ganzen deutschsprachigen Raum, der kein mit Paris vergleichbares Zentrum hatte. In Berlin entstand ab 1824 mit dem Königsstädtischen Theater, für das Louis Angely oder Karl von Holtei Volksstücke schrieben, eine parallele Tradition.
Ideal und Wirklichkeit
Der Ausdruck „Volksstück“ taucht in Theaterkritiken nach 1848 häufig auf und bezeichnet dort etwas Untergegangenes, schmerzlich Vermisstes, also eher eine Idealvorstellung als historische Wirklichkeit. Im Zuge der Urbanisierung nach der Jahrhundertmitte änderte sich das Theaterleben stark. Die drei Wiener Vorstadttheater waren zu vornehmen Häusern geworden, deren Eintrittspreise für das „Volk“ nicht mehr erschwinglich waren, sodass es auf neuere Theater wie das Fürst-Theater im Wiener Prater auswich, wo nicht das uralte Volksstück, sondern die modernen Music Hall-artigen Attraktionen geboten wurden.
Otto Rommels Auffassung war noch stark von einem verklärten Bild des populären Theaters geprägt, das bei der der Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen 1892 in der Wiener Rotunde gezeichnet worden war und in vielem nicht der historischen Wirklichkeit entsprach, aber erheblichen Einfluss hatte. Der Autor Adam Müller-Guttenbrunn hatte mit großer Medienwirkung einen Idealtypus des „volkstümlichen“ Theaters gezeichnet, der sich explizit gegen aktuelle Tendenzen, namentlich gegen die Operette, gegen tschechische Einflüsse und gegen die kulturelle jüdische Emanzipation richtete (Wien war eine Theaterstadt, 1880). Der Erfolg seines militanten Konservativismus führte zu Theaterneugründungen wie dem Raimundtheater und dem Kaiserjubiläums-Stadttheater (der heutigen Volksoper), in denen das Volksstück wieder gepflegt werden sollte.
Mit diesem komplexen ideologischen Kontext, der in anderen deutschsprachigen Städten seine Parallelen hatte, setzt sich die heutige Volkstheater-Forschung auseinander. Der kommerzielle Charakter des frühen Volksstücks ist zum Beispiel oft verschwiegen worden, um es aufzuwerten. Dass die vorgebliche Naivität mit den Forderungen der Zensur zusammenhing, wurde ebenfalls bemäntelt. Außerdem wurden die Originalität und der literarische Wert des Volksstücks übermäßig betont, obwohl bei ihm musikalische, tänzerische oder bühnentechnische Attraktionen häufig im Vordergrund standen und es von französischen Vorlagen oft ohne erhebliche Änderungen übersetzt wurde. Zudem ist es eine Aufgabe der Forschung, die nach 1848 zugedeckten Rivalitäten zwischen Adel und Bürgertum offenzulegen.
Ludwig Anzengruber
Ludwig Anzengrubers (1839-1889) realistisches Volksstück führte Ende des 19. Jahrhunderts sowohl in die bäuerliche Umwelt als auch in soziale Problematik. In einer Zeit stockender dramatischer Produktion, in der das Wiener Volksstück zum Vorstadtulk und zur Gassenschmiere verfallen war, kam es durch Anzengruber zu einer Neubelebung der Gattung. Er gilt als Schöpfer und Meister des realistischen österreichischen Volksstücks in bäuerlichem Milieu.
Anzengrubers Bühnendichtungen unterscheiden sich von denen Raimunds und Nestroys durch den tieferen seelischen Konflikt, durch die Zeitverbundenheit und durch den größeren Reichtum lebenswahrer Züge in der Gestaltung seiner Personen. Außerdem gibt er dem Volksstück auch ein negatives Ende (Tragödie). Seine Werke stehen durchwegs im Dienste sittlicher Zwecke. Er ist Ankläger sozialer Missstände und Vorkämpfer der Freiheit, tritt für wahre Sittlichkeit, echte Frömmigkeit, wahre Humanität und Toleranz ein. Mit dem „Vierten Gebot” hatte Anzengruber den Höhepunkt seines Schaffens erreicht. Im Jahr darauf erhielt er zwar den Schillerpreis (1878), aber die wirkliche Anerkennung seiner dramatischen Werke kam erst, als man in ihm einen Wegbereiter des Naturalismus sah.
20. Jahrhundert
Während das bayrische Volksstück (Ludwig Thoma) mehr der bäuerlichen Situationsromantik zuneigt, kann das psychologische Bauernstück der Alpenländer (Karl Schönherr) nur noch im weitesten Sinn als Volksstück bezeichnet werden.
Bertolt Brecht und Ödön von Horváth, aber auch Marieluise Fleißer und Carl Zuckmayer, später etwa Franz Xaver Kroetz versuchten im 20. Jahrhundert das Volksstück mit neuen Schwerpunkten zu beleben. Durch die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen nach dem Ersten Weltkrieg wurde ein neuer Umgang mit dem Begriff "Volk" gefordert, und so richteten die Autoren ihr Augenmerk zunehmend auf Themen wie soziale Entfremdung oder Kommunikations- und Sprachlosigkeit der Bürger. Sie bekämpften damit eine populärere Art des Volksstücks (wie sie etwa von Karl Schönherr vertreten wurde), die Stilmittel des Naturalismus verwendete, um mit archaischen Volksfiguren eine Mythisierung des Ländlichen zu betreiben, was der Blut-und-Boden-Ideologie der 1930er-Jahre entgegenkam.
Literatur
- Otto Rommel: Die Alt-Wiener Volkskomödie: ihre Geschichte vom barocken Welt-Theater bis zu Nestroys Tod, Wien: Schroll 1952.
- Hugo Aust, Peter Haida, Jürgen Hein: Volksstück. Vom Hanswurstspiel zum sozialen Drama der Gegenwart, München: Beck 1996. ISBN 340633606X
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Volksst%C3%BCck, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
