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Vertrag von Perejaslaw
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Als Vertrag von Perejaslaw wird der Treueid bezeichnet, den die Saporoger Kosaken auf der Kosakenrada von Perejaslaw 1654 auf den Moskauer Zaren Alexei I. ablegten.
Perejaslaw (seit 1943 Perejaslaw-Chmelnyckyj) ist der Name einer ukrainischen Kleinstadt, einige Dutzend Kilometer süd-östlich der Hauptstadt Kiew gelegen. Sie ist eine der ältesten Städte der Ukraine, viele historische Bauten und siebzehn Museen zeugen von vergangener Größe und Bedeutung.
Perejaslaw 1654 bezeichnet einen Wendepunkt in der Geschichte Osteuropas, der bis zum heutigen Tage äußerst kontrovers diskutiert wird. Damals wurde die Ostorientierung der Länder, die heute zur Ukraine gehören, besiegelt.
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Der Weg nach Perejaslaw
Die Kosakenrada von Perejaslaw 1654 stand am Ende des großen, gegen Polen gerichteten Kosaken- und Bauernaufstandes, der 1648 unter Leitung des Hetmans Bohdan Chmelnyzkyj begonnen hatte. Die Aufstandsbewegung war in der Anfangsphase militärisch außerordentlich erfolgreich. Hierzu leisteten nicht zuletzt die Truppen der Krimtataren einen Beitrag, mit denen sich Chmelnyckyj verbündet hatte. Die Aufständischen schlugen mehrfach polnische Heere, brannten Gutshöfe nieder und töteten oder vertrieben die Grundbesitzer, so sich diese nicht dem Aufstandsheer anschlossen.
Die Kosaken sahen sich als Verteidiger der Orthodoxie, weshalb sie die griechisch-katholische (unierte) Kirche als illegitim ablehnten. Über die Ermordungen unierter Gläubiger und Priester durch Aufständische wird in der ukrainischen Historiographie wenig geschrieben. Ebenso findet sich dort wenig über die Judenpogrome, die besonders in der Westukraine, wo der Aufstand stärker bäuerlich als kosakisch geprägt war, in großem Ausmaße stattfanden.
Als die tatarische Führung ihr Ziel, die Schwächung Polen-Litauens, in ausreichendem Maße verwirklicht sah, zog sie ihre Truppen vom Schlachtfeld zurück und zwang damit die Kosaken, Friedensverhandlungen mit den Polen aufzunehmen. Der Krieg ging dennoch weiter, ohne daß sich die Lage der Aufständischen wesentlich besserte, und so beschritt Chmelnyckyj von den drei ihm offenstehenden Wegen – Unterstellung unter die polnische Krone, tatarisches Protektorat oder Treueid gegenüber dem Zaren – den nach Moskau führenden. Am Zarenhof hatte man bereits begonnen, begehrliche Blicke auf das bislang dem polnischen König unterstehende Grenzland zu werfen und im Mai 1653 auf der Landständeversammlung (zemskij sobor) die Angliederung des Dnjepr-Gebietes beschlossen.
Chmelnyckyj, der schon seit Aufstandsbeginn in Verhandlungen mit den Moskowitern gestanden hatte, rief die Kosakenführung am 18. Januar 1654 (10. Januar alten Stils) zu einer Rada in Perejaslaw zusammen, um sie von der Notwendigkeit der Unterwerfung unter den Zaren zu überzeugen.
Und so konnte Vasyl Buturlin, der Leiter der aus Moskau angereisten Gesandtschaft, am Folgetag von den anwesenden Kosaken sowie der lokalen Bevölkerung den Treueid auf den Zaren und dessen Nachfolger entgegennehmen. Später leisteten noch 17 Kosakenregimenter auf dem Gebiet von 177 Orten des Dnjepr-Gebietes – insgesamt etwa 127.000 Mann – diesen Eid.
Damit verließ die Ukraine formal den polnisch-litauischen Unionsstaat und wurde Teil des Russländischen Reiches.
Die Kosaken erhielten das Recht der freien Wahl ihrer Hetmane zugesichert, außerdem wurde das Stehende Heer der Kosaken auf 60.000 Mann erhöht, während die kosakischen Starosten Besitzstandrechte über ihre Ländereien erhielten.
Der Vertrag von Perejaslaw verpflichtete den Moskauer Zaren zum Schutz der Ukraine der polnisch-litauischen Adelsrepublik den Krieg zu erklären, was zum Ausbruch des Russisch-Polnischen Krieges von 1654-1667 führte, der für die russische Seite erst im Vertrag von Andrusowo auf Basis der perejaslawischen Vereinbarungen mit Erfolg endete.
Perejaslaw in der Geschichtsschreibung
Die Qualität des Eides von Perejaslaw ist höchst umstritten. Die nationalukrainische Historiographie betont den temporären Charakter eines jederzeit kündbaren Bündnisses, das sie als völkerrechtliches Abkommen zweier unabhängiger Staaten ansieht. Man beklagt, die Kosaken seien vom Zaren betrogen worden, der die Ukraine vertragswidrig in eine russische Kolonie verwandelt habe.
Die russische Geschichtsschreibung begriff das Ereignis vor 1917 hingegen als "Wiedervereinigung der Ukraine mit Rußland", die den "unnatürlichen Zustand" der seit dem Mongolensturm bestehenden Trennung aufhebe.
Am 12.1.1954 veröffentlichte die Moskauer [[Prawda‘‘]] die "Thesen des ZK der KPdSU über den 300. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine mit Rußland" (vgl. Literaturliste). Damit war für das sozialistische Lager die Deutung von Perejaslaw vorgegeben – sie orientierte sich im wesentlichen an der vorrevolutionären bürgerlichen russischen Geschichtsschreibung. Im Unterschied zu dieser wurde allerdings der Klassencharakter der Bauern- und Kosakenaufstände hervorgehoben. Die Klassenposition des Adligen Chmelnyckyj wurde dabei aber offenbar nicht als Widerspruch wahrgenommen, er galt als Held des Fortschritts.
Der 300. Jahrestag wurde in der UdSSR mit monatelangen Feierlichkeiten begangen, in deren Rahmen die Ukrainische SSR die Halbinsel Krim von Chruschtschow geschenkt bekam – ein Geschenk, das bis heute für Spannungen sorgt. Man betonte die "unverbrüchliche Freundschaft" der beiden "Brudervölker", die mit Perejaslaw "auf ewig" verbunden seien, die Progressivität des Ereignisses und das angebliche Streben nicht nur Chmelnyckyjs, sondern des ganzen ukrainischen Volkes nach Wiedervereinigung mit Rußland. Eigentlich sei der Aufstand von Anfang an auf dieses Ziel hin ausgerichtet gewesen.
Die sowjetischen Maßnahmen zum 300. Jahrestag wurden in nationalukrainischen Kreisen seinerzeit als "Zweites Perejaslaw" bezeichnet, da sie, nur wenige Jahre nach der Angliederung auch der Westukraine an die UdSSR, jeden Zweifel über die Endgültigkeit des Zusammenschlusses beseitigen sollten. In der ukrainische Wochenzeitung Dserkalo Tyshnja (dt. Wochenspiegel) war im Februar 2003 von einem "Dritten Perejaslaw" die Rede, das der Ukraine in Zusammenhang mit einem Präsidialdekret zum 350. Jahrestag drohe: Der damalige ukrainische Präsidente Leonid Kutschma hatte zu Ehren der Vereinbarung von 1654 breit angelegte Feierlichkeiten angeordnet. Für Kutschma war Perejaslaw eine Manifestation ukrainischer Unabhängigkeit, andere jedoch sahen darin eine nationale Katastrophe, den Beginn mehr als dreihundert Jahre währender Unterdrückung.
Das von Kutschma eingesetzte Organisationskomitee war nämlich mit Personen besetzt, die für ihre pro-russische Haltung bekannt sind. Auch in Polen wurden Bedenken geäußert, die Feiern des 350. Jahrestages könnten in Moskau als Signal einer verstärkten ukrainischen Annäherung verstanden werden.
Tatsächlich war der Symbolcharakter der Feierlichkeiten hoch, erschienen sie doch in gewissem Grade als Wiederholung der sowjetischen Maßnahmen von 1954. So ist denkbar, daß Kutschma zwei Ziele verfolgte. Einerseits die erwähnte Annäherung an Rußland, andererseits benötigt die Ukraine, die entlang historischer Trennungslinien eine tiefe Ost-West-Spaltung aufweist, in den Augen vieler einen einigenden Nationalmythos. In diesem Zusammenhang hat sich Kutschma schon früher den Kosaken zugewandt, denn diese sind hierfür vielversprechend. Sie hatten ihre Zentren in den heute wenig nationalbewußten Gebieten der Süd- und Ostukraine und erfreuen sich trotz aller historischen Belastungen besonders in der nationalbewußten Westukraine besonderer Popularität.
Kutschmas eigenwillige Interpretation des Eides von Perejaslaw als "Manifestation ukrainischer Unabhängigkeit und Unabhängigkeitsstrebens" stieß aber gerade im Westen auf massiven Widerspruch. Hier hält man es eher mit jenen Neokosaken, die 1992 in Perejaslaw-Chmelnyckyj ein Ritual zur Annullierung des Eides von 1654 durchführten, der zum "Bannfluch des ukrainischen Volkes" geworden sei. Konsequenterweise verbot die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche, eine der vier ukrainischen Nationalkirchen, ihren Gläubigen und Priestern unter Androhung kanonischer Strafen, die Teilnahme an den staatlichen Feierlichkeiten.
Auf der anderen Seite brauchen sich ukrainische Nationalisten eine Sorge nicht zu machen: Von Moskauer Seite ist nicht zu erwarten, daß man plötzlich auf der Einhaltung des Eides von Perejaslaw bestehen würde – der damalige russische Präsident Boris Jelzin überreichte im November 1990 anläßlich eines Besuches zur Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages zwischen der Ukrainischen SSR und der Russischen SFSR eine Archivkopie der Perejaslawer Artikel. Er wolle damit ein neues ukrainisch-russisches Verhältnis symbolisieren. Nachdem 1654 Rußland sich die Ukraine untergeordnet habe, hätten beide nun ihren ersten Vertrag als unabhängige Gleiche unterzeichnet.
Glossar
Hetman – seit 1576 gewählter militärischer Führer der Kosaken und Vertreter der Kosakeninteressen beim polnisch-litauischen König.
rada – ukrainisch für Rat (russ.: Sowjet); Versammlung für Beratungen und Entschließungen, höchstes Organ der Kosaken.
Saporoger Kosaken – die Kosaken aus dem Gebiet "hinter den Stromschnellen" (sa porogami) des Dnjepr, unterhalb der heutigen Stadt Saporishshja (russ.: Saporosh'je).
Literatur
- Andrzej Gil: Dekret prezydenta Leonida Kuczmy o obchodach 350. rocznicy Kozackiej Rady Perejasławskiej 1654 r. i jego znaczenie dla wene̜trznej i zewne̜trznej sytuacji Ukrainy. Lublin 2003. ISBN 83-917615-0-9
- Carsten Kumke: "Zwischen der polnischen Adelsrepublik und dem Russischen Reich (1569-1657)." In: Frank Golczewski (Hg.): Geschichte der Ukraine. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1993. S. 58-91. ISBN 3-525-36232-3
- Anna Reid: Borderland - A Journey Through the History of Ukraine. London 2001. ISBN 0-297-81818-X
- Frank E. Sysyn: "The Jewish Factor in the Khmelnytsky Uprising." In: Potichnyj, Peter J.; Aster, Howard (Hg.): Ukrainian-Jewish Relations in Historical Perstepctive. Edmonton: Canadian Institute of Ukrainian Studies, 1988. S. 43-54. ISBN 0-920862-53-5
Die “Thesen des ZK der KPdSU über den 300. Jahrestag der Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland” sind im russischen Original sowie in deutscher Übersetzung abgedruckt in:
- Christian Ganzer: Sowjetisches Erbe und ukrainische Nation. Das Museum der Geschichte des Zaporoger Kosakentums auf der Insel Chortycja. Mit einem Vorwort von Frank Golczewski. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2005 (Soviet and Post-Soviet Politics and Society, vol. 19). ISBN 3-89821-504-0
Siehe auch
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