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Völkerschau

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Völkerschau bezeichnet eine Zurschaustellung von Angehörigen eines fremden Volkes.

Inhaltsverzeichnis

Historische Einordnung

Die Zurschaustellung und Vernichtung eines Fremden oder Abweichenden spielte eine wesentliche Rolle im Selbstverständnis des spätrömischen Staates. Die christliche Religion, die sich als Gegenideologie dazu verstand, verurteilte diese Art Öffentlichkeit. Der gekreuzigte Christus, die gesteinigte Ehebrecherin sind Symbole öffentlicher Willkür. Diese christliche Ablehnung stand dann der Emanzipation von Öffentlichkeiten seit dem Spätmittelalter im Wege.

Der europäische Absolutismus versuchte Öffentlichkeit mit einem neuen Konzept zu rechtfertigen: Aufgrund der unüberwindlichen Standesgrenzen innerhalb des eigenen "Volks" konnte die Abgrenzung gegenüber einem Fremden einerseits zum neuartigen Gemeinschaftserlebnis gemacht und andererseits mit der "Würdigung" dieses Fremden verbunden werden, solange es nur schwächer blieb. "Indianerdörfer" mit "echten" Indianern gibt es in Europa seit dem 17. Jahrhundert. Diese Verbindung von Absolutismus, Unterwerfung und Anerkennung durch Veröffentlichung zeigt sich noch etwa in dem Wiener "hochfürstlichen Mohren" Angelo Soliman, der Mitglied des Hofstaats und sogar Freimaurer war, aber nach seinem Tod 1796 ausgestopft und im Naturalienkabinett ausgestellt wurde.

Im Rahmen des imperialistischen Bestrebens der europäischen Großmächte kamen Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa die so genannten "Völkerschauen" in Mode. Hier konnten exotische Menschen aus fremden Kulturen im Zoo oder im Zirkus besichtigt werden.

In möglichst naturgetreuer Kulisse - manchmal wurden sogar ganze Dörfer oder Basare nachgebaut - sollten die Fremden dann ihr tatsächliches oder vermeintliches Alltagsleben oder spezielle "Kunststücke" vorführen. Besonders beliebt waren die Indianer- und Wildwest-Shows, so z.B. 1890 u.a. in München und Dresden die von den Zeitgenossen als sensationell empfundene "Buffalo-Bill-Show". "Exoten-Schauplatz" war in München übrigens damals mehrfach das Oktoberfest. Das Publikum drängte aber auch zu den Vorführungen anderer Völkergruppen und begeisterte sich beispielsweise für afrikanische Amazonen, das Elefantenzurichten der Singhalesen oder die Kajakkünste der Eskimos. Auch Fachleute wie Ethnologen und Anthropologen besuchten die Vorstellungen regelmäßig und bekamen teilweise sogar Sondervorführungen, um ihr "Material" intensiv studieren zu können.

Die Völkerschau als Abgrenzung zum Fremden

Einzelne Menschen waren seit jeher Anschauungsobjekte; das Außergewöhnliche wurde an Markttagen und auf Jahrmärkten und im Zirkus zur Schau gestellt, um die Lust am Sehen zu befriedigen und sich der eigenen Norm versichern zu können. Hier die Normalität – dort die Abweichung (in Form von Behinderungen, außergewöhnlichem Wuchs etc.). Dass ganze Völker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerieten, ist eng verbunden mit der Ausbreitung des Kolonialismus: Den Daheimgebliebenen wurden Vertreter fremder Völker zu Hause präsentiert. Bereits mit der ersten Weltausstellung in London wurden die Kolonien in Afrika oder Indien den Besuchern präsentiert, oft als lebende Bilder oder mittels eines Panoramas, das landschaftliche Eindrücke mit folkloristischer Attitüde verband. Das exotistische Verlangen nach dem Fremden war gepaart mit einem Gefühl der Bedrohung durch eben dieses Fremde und wurde durch die Art der Präsentation (in sicherer Heimat als Objekt, nicht als Individuum) in einen sicheren Rahmen gestellt.

Völkerschauen haben wohl nicht unwesentlich zu einer Verfestigung rassistischer Haltungen beigetragen. Es handelte sich oft um eine erniedrigende Darstellung fremder Kulturen. In deutschen Zoologischen Gärten wurden beispielsweise Feuerländer "ausgestellt", Menschen aus dem Süden Amerikas, die gegen ihren Willen nach Deutschland verschleppt wurden.

Manche Mitglieder der "Menschenzoos" konnten mit Hilfe der Gage oder neu erworbener Kenntnisse zu Hause ihr Glück machen, einige wenige zogen als Völkerschau-Stars jahrelang durch die europäischen Städte. Die Meisten waren jedoch froh, wenn sie nach ein paar Monaten unbeschädigt an Leib und Seele zurückkehren durften. Und es gab auch einige, die ihre Heimat nie wieder sahen; so starben beispielsweise alle Mitglieder einer Eskimotruppe 1880/1881 an den Pocken und auch München hatte einen damals populären Todesfall: Die "afrikanische Amazone" Kula wurde Opfer einer tödlichen Zivilisationskrankheit und wurde auf dem Alten Südlichen Friedhof von München bestattet.

Kritik an heutigen Veranstaltungen

Auch heute noch sorgen diverse Veranstaltungen für Kritik weil sie im historischen Kontext von Völkerschauen gesehen werden.

2005: Afrika Schau "African Village" im Augsburger Zoo

Als der Augsburger Zoo seine Veranstaltung "African Village" vom 9. Juni 2005 bis 12. Juni 2005 plante, musste sich die Zoodirektorin Barbara Jantschke mit Rassismusvorwürfen konfrontieren lassen.

aus einem Offenen Brief der Protestierenden:
Die Reproduktion kolonialer Blick-Verhältnisse, in denen Schwarze Menschen als exotische Objekte, als Un- oder Untermenschen in trauter Einheit mit der Tierwelt in einer offenbar zeitlosen Dörflichkeit betrachtet werden können und den Mehrheitsdeutschen als Inspiration für künftige touristische Reiseziele dienen, ist wohl kaum als gleichberechtigte kulturelle Begegnung zu verstehen.
aus der Stellungnahme der Zoodirektorin Barbara Jantschke:
Diese Tage sollen die afrikanische Kultur, afrikanische Produkte den Menschen näher bringen. Natürlich wird dies von farbigen Afrikanern gemanagt, und zwar sehr gerne - wir haben mehr Anfragen für Standplätze als wir befriedigen können. Wenn Sie das mit "Zur-Schau-Stellen" meinen, dann dürften auch keine internationalen Sportveranstaltungen mehr stattfinden, bei denen farbige Menschen zu sehen sind. Diese Veranstaltung soll im Gegenteil die Toleranz und Völkerverständigung fördern und den Augsburgern die afrikanische Kultur näher bringen.

Literatur

  • Mergenthaler, Volker: Völkerschau - Kannibalismus - Fremdenlegion. Zur Ästhetik der Transgression (1897-1936). Tübingen 2005, 270 S., ISBN 3-484-15109-9
  • Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Frankfurt/Main, New York 1989
  • G. Eißenberger: Entführt, verspottet und gestorben – Lateinamerikanische Völkerschauen in deutschen Zoos, Frankfurt/Main, 1996
  • Sylke Kirschnick: Koloniale Szenarien in Zirkus, Panoptikum und Lunapark. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hrsg.) „... Macht und Anteil an der Weltherrschaft.“ Berlin und der deutsche Kolonialismus. Münster: Unrast-Verlag. 2005, ISBN 3-89771-024-2
  • Dreesbach, Anne und Zedelmaier, Helmut (Hrsg.): Gleich hinterm Hofbräuhaus waschechte Amazonen. Exotik in München um 1900. München und Hamburg: Dölling und Galitz, 2003.
  • Dreesbach, Anne: Gezähmte Wilde : die Zurschaustellung "exotischer" Menschen in Deutschland 1870 - 1940 / Anne Dreesbach. - Frankfurt/Main ; New York : Campus-Verl. , 2005. - 371 S. : Ill. ISBN 3-593-37732-2
  • Wolter, Stefanie: Die Vermarktung des Fremden. Exotismus und die Anfängen des Massenkonsums, Frankfurt/Main 2005.
  • Grewe, Cordula (Hg.): Die Schau des Fremden. Ausstellungskonzepte zwischen Kunst, Kommerz und Wissenschaft, Stuttgart 2006.

Siehe auch

Weblinks

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