Translatio imperii
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Translatio imperii (lat. Verschiebung des Reichs) ist eine Theorie des Mittelalters und der frühen Neuzeit, derzufolge ein Weltreich das andere ablöst.
Es handelt sich dabei um eine im Mittelalter verbreitete Geschichtsauffassung, derzufolge Geschichte linear verläuft und eine Herrschaft (eines Fürsten oder eines Landes) stets zu einer Folgeherrschaft (eines anderen Fürsten oder Landes) führt. Weiterhin trennten mittelalterliche Geschichtsschreiber nicht zwischen göttlicher und weltlicher Geschichte, die in ihren Augen nämlich zusammenhingen.
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Wurzeln der translatio imperii
Translatio imperii basiert auf dem Buch Daniel, Kapitel 2 und 7, wo eine Vision von 4 Tieren beschrieben wird. Diese Tiere standen für verschiedene Reiche, die zeitlich aufeinander folgten. So folgte dem Assyrerreich das der Babylonier, diesem das der Perser und Meder, welches wiederum vom griechischen Reich Alexanders des Großen abgelöst wurde.
Translatio imperii im Mittelalter
Einer anderen (späteren) Deutung folgend sind die Reiche Babylon, Persien, Griechenland und Rom. Nach dem letzten Reich folgt das Weltende. Daher versuchte man im Mittelalter, den Fortbestand des Römischen Reichs zu verlängern, um den Untergang der Welt hinauszuzögern. Zunächst beanspruchte das Byzantinische Reich, Nachfolger Roms zu sein, anschließend das Frankenreich (Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom durch Papst Leo III. am 25. 12. 800) und schließlich das Ostfränkische Reich, dessen Name seit der Kaiserkrönung Ottos des Großen 962 "Heiliges Römisches Reich" war.
Auch diese Verschiebung der römischen Kaiserwürde kann als translatio imperii bezeichnet werden. In der Folge galten auch die Gesetze des oströmischen Kaisers Justinian I. als Gesetze der mittelalterlichen Kaiser fort. Sichtbarer Ausdruck für den Fortbestand römischer Tradition war die Übernahme des römischen Reichsadlers als Wappenzeichen des mittelalterlichen Kaisertums. Er wurde nach dem Untergang des Alten Reichs 1806 im 19. Jahrhundert das Hoheitszeichen des Deutschen Bundes und schließlich des deutschen Nationalstaats bis hin zum Bundesadler.
Schon im Mittelalter versuchten Gelehrte unterschiedlicher Herkunft, ihr Land an das Ende einer Herrschaftskette zu setzen, und entwickelten alternative Interpretationen der translatio imperii:
- Otto von Freising (deutscher Bischof, 12. Jh.): Rom → Byzanz → Frankenreich → Langobardenreich → Heiliges Römisches Reich
- Chrétien de Troyes (franzöischer Dichter, 12. Jh.): Griechenland → Rom → Frankreich [1]
- Richard de Bury (englischer Bischof, 14. Jh.): "Athen" (Griechenland) → Rom → "Paris" (Frankreich) → Großbritannien
Translation imperii in der Neuzeit
In der Neuzeit setzten sich die aufstrebenden Großmächte Spanien (16. Jh.), Frankreich (17. Jh.) und England (17. Jh.) in die Tradition der translatio imperii, teil im Glauben, als fünftes Reich das Königreich Gottes zu verwirklichen, teils ohne den apokalyptischen Bezug.
Inzwischen trat eine weitere Auffassung hinzu, die der zivilisatorischen Westwanderung. Dem Lauf der Sonne folgend (ex oriente lux) hatte sich das sein Zeitalter beherrschende Land und damit Zentrum der damaligen Zivilisation immer weiter nach Westen verschoben, z.B. Persien → Griechenland → Rom → Spanien oder Persien → Griechenland → Rom → England.
Diese Auffassung war besonders in den jungen Vereinigten Staaten verbreitet. Die ehemaligen Kolonisten sahen sich und ihre Staatsform den absolutistischen Systemen der Alten Welt überlegen und leiteten daraus in ihrem Fortschrittsoptimismus einen Übergang der Zivilisation vom englischen Empire auf das fünfte Reich, god's own country, ab. Für den Aufbau eines den Vorgängerimperien vergleichbaren Reiches war eine weitere Besiedlung des amerikanischen Kontinents nötig (s. Manifest Destiny). Als Rechtfertigung für den amerikanischen Imperialismus um 1900 wurde die Idee wieder aufgegriffen, das "Licht der Zivilisation" weiter nach Westen über den Pazifik (z.B. auf die Philippinen) zu tragen.
Vertreter des Gedankens eines fünften Reichs in Amerika waren z.B. George Berkeley (möglicherweise identisch mit George Berkeley) und en:Josiah Strong.
Literatur
- Heinz Thomas: Translatio Imperii, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 8, Sp. 944–946.
Siehe auch
Anmerkungen
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