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Totalität
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Totalität ist ein Begriff, der auf die deutschen Philosophen des absoluten Idealismus zurückgeführt werden kann und dessen Bedeutung und Sinn demgemäß nur in diesem ursprünglich philosophischen Kontext angemessen erfasst und in seiner Rationalität und Leistungsfähigkeit beurteilt werden kann.
Eine diesbezügliche Fragestellung erscheint zum Beispiel in Fichtes Aufgabenstellung von "Wissenschaftslehre":
"1) Wie ist Wissenschaft überhaupt möglich?
2) Sie macht Ansprüche darauf, das auf einen einzigen Grundsatz gebaute menschliche Wissen zu erschöpfen." (Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre:8)
Die Grundidee ist offenbar, dass in einem systematisch einheitlichem, abgeschlossenen Wissen alles miteinander zusammenhängt und begründet ist.
"Die Wissenschaftslehre hat also absolute Totalität. In ihr führt Eins zu Allem, und Alles zu Einem. Sie ist aber die einzige Wissenschaft, welche vollendet werden kann; Vollendung ist demnach ihr auszeichnender Charakter. Alle andere Wissenschaften sind unendlich, und können nie vollendet werden; denn sie laufen nicht wieder in ihren Grundsatz zurück. Die Wissenschaftslehre hat dies für alle zu beweisen und den Grund davon anzugeben." (Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre:81f)
Dieser philosophische Gedanken wurde mitsamt dem übernommenen Begriff weiterentwickelt durch Hölderlin, Schelling und Hegel.
Er gehört damit auch zum Grundstock des dialektischen Erbes, das Karl Marx in seiner dialektischen Methode (wobei Marx Hegels objektiven Idealismus "umstülpte", d.h. die Hegelsche Dialektik auf die Grundlage des Materialismus umstellte) sowie späterhin die Kritische Theorie angetreten haben.
Totalitätsbegriff in der Kritischen Theorie
Totalität ist ein zentraler Begriff der Kritischen Theorie. Sie bezeichnet den systematisch-strukturellen, einheitlichen Zusammenhang von Gesellschaft, insbesondere einer kapitalistischer Gesellschaft, wie er dieser wesentlich zugrunde liegt und in den maßgeblichen Momenten die mannigfaltigen Erscheinungsformen dieser Gesellschaft bestimmt und prägt. Weiterhin beinhaltet der Begriff der Totalität die Verknüpfungsbeziehungen der gesellschaftlichen Einzelphänomene untereinander, das heißt, dass sie nur in ihrer Gesamtheit und nicht getrennt voneinander angemessen erfasst werden können. Methodologisch besteht der Begriff der Totalität darauf, dass dieser grundlegende Strukturzusammenhang aufgefunden und in den Mittelpunkt der Analyse gestellt werden muss. Begriffsbildung und Theoriebildung sind aus diesem grundlegenden Gesichtspunkt heraus zu begründen, da nur so ein angemessenes Verständnis des Gesamten möglich sei.
Totalität der kapitalistischen Gesellschaftsform ist hier insbesondere der grundlegende Vergesellschaftungszusammenhang der Warenform, in der alle relevanten Güter der Gesellschaft, einschließlich menschlicher Arbeitskraft, zu Waren werden, die prinzipiell nach einem allgemein äquivalenten Wert gehandelt werden. Grundlegendes Theoriemodell ist hierfür die Arbeitswerttheorie von Karl Marx.
In der jüngsten Geistesgeschichte wurde der Begriff besonders virulent durch die Theorien von
- Karl Marx, insbesondere in seinen Hauptwerken Das Kapital und "Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie",
- Georg Lukács, insbesondere in seinem Werk "Geschichte und Klassenbewusstsein",
- sowie in der Kritischen Theorie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.
Eine gewisse Rolle spielte der Totalitäts-Begriff innerhalb der deutschsprachigen Soziologie im sog. Positivismusstreit. In dieser Debatte [1], [2] zwischen Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas einerseits und Karl Popper und Hans Albert andererseits erläutert Adorno seine Abgrenzung zur herkömmlichen Methodologie, in dem er den Zusammenhang der gesellschaftlichen Totalität als zentralen Gegenstand der Soziologie herausstellt. [3]
Die Kritiker der Verwendung dieses Begriffs legen ihren Einwänden im Allgemeinen folgende Gesichtspunkte zugrunde:
Holismus, Essentialismus, Inkommensurabilität und letztendlich Kritikimmunität.
Quellen
- ↑ Popper - Die Logik der Sozialwissenschaften Referat erschienen in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozial-Psychologie 14. Jhrg. 1962
- ↑ Adorno - Die Logik der Sozialwissenschaften Koreferat erschienen in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozial-Psychologie 14. Jhrg. 1962
- ↑ Adorno - Die Logik der Sozialwissenschaften Koreferat erschienen in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozial-Psychologie 14. Jhrg. 1962
Literatur
- James K. Feibleman, Hegel Revisited, Tulane Studies in Philosophy, IX: Studies in Hegel, New Orleans 1960
- Helmut F. Spinner, Wo warst du, Platon? Ein kleiner Protest gegen eine 'große Philosophie', Soziale Welt, 18, 1967, S. 144ff
- Helmut F. Spinner, Wege und Irrwege der Wissenschaft, 20, Soziale Welt, 1969
