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Tonalität (Musik)
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Tonalität ist keine Besonderheit der abendländischen Musik, sondern umfasst jede Art Musik, die um ein tonales Zentrum kreist, ähnlich wie ein Planet um einen Stern kreist. Ohne diese Ordnung in Frage zu stellen, kann der Planet selbst Mittelpunkt und Bewegungsträger seines Mondes sein. Die gleiche Kraft, die alles auf ein Zentrum hin ausrichtet, wirkt auch zwischen allen anderen Tönen, nur schwächer oder vorübergehend.
Der Ton, der als tonales Zentrum wirkt, heißt Grundton. Der Grundton ist aber mehr als bloß ein Punkt im Tonraum, er ist ein Klang. Schon der physikalische Ton ist ein Klang, bestehend aus dem Zeugeton und seinen Obertönen. Es gibt auch andere Teil- und Kombinationstöne - sowohl objektiv messbare als auch intersubjektive, die erst im Gehör entstehen. Diese Töne gliedern den Tonraum und bewirken, dass zwei Töne, die sich voneinander stufenlos entfernen oder aufeinander zu bewegen, mal konsonant, mal dissonant klingen.
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Praxis
Durch praktisches Musizieren haben die Musiker entdeckt: um einen Ton als Klang darzustellen, muss man nur seine wichtigsten Teiltöne realisieren. Schon die Obertonreihe liefert einen Hinweis: der Tonraum der Oktave (1:2) wird mit der Quinte geteilt (2:3:4); der Tonraum der Quinte (2:3) mit der Durterz (4:5:6). Unserem Empfinden nach, kann der Tonraum der Quinte auch mit der kleinen Mollterz geteilt werden. Kurz: der Grundton wirkt als Grundklang (Tonika), genauer: als Dreiklang in Dur oder Moll.
Das lässt sich leicht im praktischen Hörvollzug nachprüfen. Es genügt, sich die einfachste Form tonaler Musik vor Ohren zu führen: die über einen gleich bleibenden Basston sich entfaltende Einstimmigkeit (Bordune, Orgelpunkt). Auch Kulturen, die den Tonraum anders diminuieren, umspielen dieselben Klangschichten im Hintergrund wie wir. Selbst exotisch anmutende Tonsysteme enthalten die klangverwandten Töne des Grundtones. Darum sind wir ebenso in der Lage, klassische indische Musik zu hören, wie umgekehrt jeder Inder sich an Bach oder Mozart erfreuen kann. Tonale Musik ist in besonderem Maße Kunst in der Zeit. Der Grunddreiklang, die Tonika, wirkt nicht bloß vertikal zusammen, sondern auch horizontal, zeitlich gedehnt, so wie ein Akkord zusammen, aber auch gebrochen als Arpeggio erklingen kann. Um von einer Klangebene in die nächste zu gelangen, muss man eigentlich - im musikalischen Sinne - springen. Will man stufenweise einen Klang diminuieren, muss man gleichsam Stufen einziehen. Die so gewonnenen Zwischenschritte heißen "Durchgänge" und wirken immer dynamisch, selbst dann, wenn sie vorübergehend konsonant besetzt erscheinen, was ihren Richtungsimpuls deutlich herabsetzt.
Gleiches gilt für die Modulation. Mit ihrer Hilfe rückt in der klassischen Tonkunst vorübergehend ein anderer Klang als die Tonika ins Zentrum des Geschehens. Deswegen geht die architektonische Grundrichtung aber nicht verloren (so wie der Mond um die Erde kreist, ohne dass dies der Grundbewegung um die Sonne widerspräche). Die Modulation an sich zu unterrichten, als ein Mittel, vom Grundton weg zu gelangen, ist zweifelhaft. Die Frage wäre ja eigentlich, warum ein Komponist einen anderen Klang als die Tonika vorübergehend auskomponiert? Tatsächlich ist die Modulation wie das Motiv nur ein Vehikel, ein Mittel zum Zweck.
Zweck
Und der Zweck der Tonalität ist es, die Erwartung des Grundtones zu erwecken, aufrecht zu erhalten und vor allem - die Auflösung hinaus zu zögern und auf diese Weise spannend zu gestalten. Eine Geschichte, in der der Held sogleich weiß und erledigt, was zu tun ist, wäre ohne Spannung. Das gleiche, wenn der Held seine Mission vergisst und fortan richtungslos herumtreibt.
Die Fähigkeit, den Grundton selbst über weite Abschnitt nicht aus dem Gehör zu verlieren, hat Wilhelm Furtwängler treffend als "Fernhören" bezeichnet. Erstmals beschrieben hat diesen Zusammenhang der Wiener Musiktheoretiker Heinrich Schenker, dessen Lehre sich in den letzten 50 Jahren über die USA und den englischen Sprachraum bis nach Asien ausgebreitet hat.
Nach Schenker entsteht die Komplexität tonaler Musik nicht durch komplexe Regeln, sondern durch Iteration oder Rückbezüglichkeit. Wir wissen aus der Chaosforschung: selbst einfache Regeln können komplexe Gebilde hervorzaubern. Ihr hervorstechendes Merkmal: Selbstähnlichkeit. So entsteht die komplexe Baumkrone, indem die einfache Anweisung, sich zu teilen, auf unterschiedlichen Ebenen angewandt wird - vom Stamm über die Äste bis hinauf in die Zweige. Oder die komplexe Bahn des Mondes entsteht, weil sich ihr Zentrum wiederum um ein Zentrum bewegt.
Für die Tonalität bedeutet das: Der Durchgang diminuiert den Grundklang, gehört ihm harmonisch nicht an, dissoniert daher mit dem Grundton. Trotzdem kann der Durchgang von anderen Stimmen konsonant besetzt werden. Die Beziehung zum Grundton bleibt unangetastet, aber sein Bewegungsimpuls wird soweit gemindert, dass er selbst als Teil eines anderen Klanges erscheinen kann. Der konsonant besetzte Durchgang ist ein Phänomen der Mehrstimmigkeit und wohl die größte Entdeckung der abendländischen Musiker [die indische Musik dagegen ist einstimmig geblieben, was komplexere Rhythmen und Diminutionsschritte kompensieren].
Tiefere Schichten erfüllen zusätzlich eine tragende Funktion und sind darum solider, einfacher gebaut (ganz ähnlich schränken harmonische Pflichten die melodische Freiheit des Basses ein). Höhere Schichten genießen mehr Freiheit, so können dissonante Durchgänge auch angesprungen werden, ein Phänomen, das dem Hintergrund fremd ist. Ebenso können Dissonanzen im Vordergrund einer Klangwirkung zuliebe unaufgelöst bleiben, etwa im Jazz. Im Hintergrund dagegen werden Durchgänge stufenweise geführt und konsonant besetzt - auch im Jazz. Kurz: der "freie Satz" prolongiert den "strengen Satz".
Dies bringt es mit sich, dass in einem Musikstück die Akkorde hierarchisch aufeinander folgen. Hierbei werden Töne und Klänge als auflösungsbedürftige Dissonanz oder ruhende Konsonanz gewertet. Die Abweichung vom tonalen Zentrum empfinden wir als zunehmende Spannung; die Rückkehr als Entspannung. Wobei das vielleicht wichtigste Spannungsmoment darin besteht, dass Entspannung, die wir erwarten, verzögert und erst über Umwege eintritt.
Geschichte
Die tonale Musik löste die modale Musik des Mittelalters ab, die auf den Kirchentonarten beruhte. Mit dem Beginn der Mehrstimmigkeit tendierten die Komponisten immer häufiger zu chromatischen Veränderungen der Skalen, was um 17OO zu den zwei Tongeschlechtern (Dur/Moll) führte. Tatsächlich lassen sich ja alle Kirchentonarten als eine Mischung aus Dur und Moll verstehen.
Im 19. Jahrhundert wurden bei Richard Wagner und anderen Komponisten nach und nach die Grenzen der Tonalität erweitert, bis sie im musikalischen Impressionismus (z. B. Claude Debussy) schon nicht mehr stufen- oder funktionsharmonisch betrachtet werden konnte.
Der Komponist Arnold Schönberg vermutet im 20. Jahrhundert, dass diese Entwicklung sich fortsetze und schließlich zur Auflösung der Tonalität führen müsse. Er erklärte, wie später auch Adorno, die Tonalität zur bloßen Konvention, die man ebenso gut durch einen andere Konvention ersetzen könne. Schönberg forderte sogar, man müsse "Musikverleger zwangsenteigenen".
Die Geschichte gab der Ansicht Schönbergs nicht recht. Allen erzieherischen Bemühungen zum Trotz sind bis heute nahezu alle Bereiche auch und gerade der populären Musik weiterhin durch mehr oder weniger erweiterte Tonalität geprägt. Lediglich "Neue Musik" im deutschsprachigen Raum ist in den überwiegenden Fällen atonal.
Zur gleichen Zeit wie Schönberg wirkte in Wien um 1900 der Musiktheoretiker Heinrich Schenker. Zunächst bewundert Schönberg Heinrich Schenker, stellt sich aber nach dessen Tod radikal dagegen. Tatsächlich sind Schönberg und Schenker Antipoden. Anders als Schönberg lehrt Schenker, dass Tonalität keine Konvention sei, sondern auf physikalischen und physiologischen Dispositionen beruhe. Bereits in Wagner diagnostiziert Schenker nicht die Erweiterung der Tonalität, sondern bereits ihren "Untergang".
Von den Nazis als entartet verfolgt, wurden Schönbergs Theorien nach dem Krieg rehabilitiert und erfreuen sich seither an deutschsprachigen Universitäten ausgesprochener Beliebtheit. Die Lehre Schenkers dagegen breitete sich im englischen Sprachraum aus, wird heute außerdem in Skandinavien und Asien gelehrt und findet langsam auch im deutschen Sprachraum wieder Beachtung.
