Theorie der interkulturellen Kommunikation
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Vom Standort der Theorie der interkulturellen Kommunikation aus - sie ist interdisziplinären Forschungsansätzen verpflichtet - wird unsere eigene Kultur umgrenzt und von anderen Kulturen abgegrenzt. Somit können unterschiedliche Facetten von Interkulturelle Kommunikation sowohl in historischer als auch in aktueller Dimension fokussiert werden: Problemlösungsstrategien für tradiertes Konfliktpotenzial ebenso wie Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens von Kulturen.
Inhaltsverzeichnis |
Einleitung
Durch Globalisierung (der Kultur) und Nutzung digitaler Technologien intensivieren sich Theorie und Praxis der interkulturellen Kommunikation. Angestoßen wird die Diskussion bereits ab den 60er Jahren im Schmelztiegel der USA von Edward Twitchell Hall, zeitgleich mit der Erfahrenspraxis von Studenten, die in sozialen Bewegungen gegen Rassismus, Kolonialismus und den Imperialismus der US-Regierung in Südostasien Stellung beziehen. In Europa wird die Problematisierung des Herrschaftsanspruches westlicher Kultur in Debatten um den Eurozentrismus aktualisiert. Ab den achtziger Jahren führen die Erfahrungen von Migration und die Notwendigkeit von Integration, vor allem in Deutschland, zur Politik des Multikulturalismus. Mal in diesem Trend, mal im Gegensatz hierzu entwirft man Strategien für Interkulturelles Management, mit denen das ökonomische Primat des Westens abgesichert werden soll. Neueren Datums und explizit gegen multikulturelle Integration gerichtet sind die politischen Strategien derjenigen, die im Gewand des Ethnopluralismus Fremdenfeindlichkeit wiederbeleben.
Im Rhythmus der Globalisierung von sozialen Bewegungen und politisch-wirtschaftlicher Praxis vollzieht sich so bis zum dritten Jahrtausend eine wissenschaftstheoretische Wende. Neue Konzepte der Beobachtung, Erklärung und Planung von inter- und intrakulturellen Prozessen werden in den Gesellschafts- und Sprachwissenschaften entworfen, Studiengänge institutionalisiert. Ausgangspunkt dieser Wende ist die von Philosophen und Ethnologen angeführte Kritik der Rationalität. Denn von diesem Standort aus müssen fremde Kulturen als "irrational" abgewertet werden. Diese Rationalitätskritik führt Kurt Hübner fort, als er "unser" wissenschaftliches Denk- und Erfahrungssystem so umgrenzt, dass von hier aus nur noch ein historisch-kontingenter Anspruch auf Wahrheit postuliert werden kann. Der allerdings ist weder relativ noch beliebig im Sinne eines postmodernen "any-thing-goes", sondern "für uns" verbindlich. So kann Hübner das Andere in unserer eigenen Kultur - den griechischen Mythos- mit "unseren" Rationalitätskriterien als gleichberechtigt anerkennen. Seinen Forschungsansatz überträgt Irina Buche in ihrer Theorie der interkulturellen Kommunikation auf interkulturelle Umbruchsituationen. In der Tradition der Frankfurter Schule setzt sie sich weitergehend mit dem Herrschaftsanspruch des Logos gegenüber dem Mythos auseinander. Mit dem Ergebnis, dass sie die Durchsetzung der westlichen Kultur gegenüber außereuropäischen Völkern auf die Nutzung von Medien und digitalen Technologien zurückführen kann. Bei der Rekonstruktion einer anderen Wirklichkeit gelingt es ihr auch, die Qualitäten der Kommunikationsformen von Anderen - Mündlichkeit- neu zu bewerten.
Das Problem des „Eigenen“ und des „Anderen“
In ihrer Theorie umgrenzt Buche "unser" eigenes Wahrheitsmonopol und grenzt es von dem der „Anderen" ab, bevor sie das interkulturelle Potenzial untersucht. Damit klärt sie die Voraussetzungen für gleichberechtigtere Kommunikationsformen: Im Gegensatz zur Forschungstradition der Moderne, denn die wird auch in ihrer aufgeklärtesten Version noch flankiert vom Universalismus und dem Glauben an einen von westlichen Industrienationen angeführten Fortschritt. Und im Gegensatz zur Postmoderne, die just in dem Moment in den mainstream einmündet, als sich die westliche Kultur mittels neuer Medien und überlegener Waffentechniken soweit durchgesetzt hat, dass sie die einzig mögliche zu sein scheint. Denn deren Autoren verbergen den eigenen Interpretenstandort im Gewand des Relativismus. Aus ihrer Perspektive gesehen mutet die Einbeziehung der Anderen in sich selbst organisierende Systeme an, als wäre sie immer schon vollzogen worden.
Moderne: Kritische Theorie und Universalismus
Die erste Kritik am universellen Herrschaftsanspruch westlicher Prägung wird in der Frankfurter Schule von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung (1940) unter dem Eindruck des zweiten Weltkrieges geleistet. Mit ihrem Geschichtspessimismus nehmen sie die Kritik an Fortschritt und Rationalität vorweg, mit der sich die Postmoderne von der Moderne abgrenzt. So geht es insbesondere im Kapitel über Kulturindustrie darum, aufzuzeigen, inwiefern die damals neuen Massenmedien Subjekte in ihrer Freiheit einschränken und zu stummen Objekten machen. Der Moderne setzt Jürgen Habermas 1982 mit seiner Theorie des kommunikativen Handelns einen letzten Meilenstein. Mit Rückgriff auf Soziologie und die Sprachphilosophie nach Wittgenstein konstruiert er eine kritische Gesellschaftstheorie, mit der die Handlungskoordination von Individuen als sprachlich vermittelte Interaktion erklärt werden kann. Durch die Fokussierung auf "Sprache" leitet Habermas einen Paradigmenwechsel ein. Der monologisierende Denker wird erlöst und in die Intersubjektivität von miteinander kommunizierenden Aktoren integriert. In einer Revision der Habermasschen Theorie für die Analyse interkultureller Kommunikationsprozesse will Irina Buche diese da beibehalten, wo die Rationalitätskritik der Frankfurter Schule fortgeführt und die Kolonisierung der Lebenswelt kritisiert wird. Doch deckt sie auch eine ethnologische Schieflage auf, die gleichberechtigte Kommunikation mit "Anderen" verhindert. Habermas erhebe für "Die Menschheit" einen Anspruch auf universelle Geltung von Wahrheit, indem er diese als "Erwachsene" einen Erziehungsprozess anleiten lässt, in dem Fremde als Kinder diskriminiert werden. Damit vollziehe er einen ungewollten Anschluss an Denker, die Herrschaftsverhältnisse als naturgegeben legitimieren. Buche führt Habermas Ethnozentrismus und Universalismus darauf zurück, dass er die apriorische Bedingtheit westlicher Kulturen durch Medien außer Acht lässt.
Dem kann hinzugefügt werden, dass Habermas bei der Konstruktion seiner Theorie auf der Grundlage der Sprachpragmatik von John Searle usw. ein Sprecher-Hörer-Modell übernimmt, das den Massenmedien geschuldet ist. Zumindest soweit es ursprünglich aus der Nachrichtentechnik stammt und u. a. von Claude Elwood Shannon informationstheoretisch formuliert wurde. Habermas reformuliert dieses Kommunikationsmodell, indem er den Verständigungsvorgang nicht objektivistisch als Informationsfluss interpretiert, sondern pragmatisch als Interaktion zwischen handlungsfähigen Subjekten, die in den Bereichen des Systems und der Lebenswelt verankert sind. Ein ähnliches Kommunikationsmodell liegt auch verschiedenen aus dem Amerikanischen stammenden cross cultural studies zugrunde.
Die Entwicklung "Der Menschheit"
Auf der anderen Seite der Moderne steht Interkulturelles Management, dessen Theoretiker ebenfalls den Fortschritt „Der Menschheit“ anleiten wollen. Auch sie bleiben der Aufklärung, einer protestantischen Ethik und dem "Geist des Kapitalismus" verpflichtet, der - so Max Weber - zur "Entzauberung" der Welt führte. Ihren Forschungsarbeiten liegt die Prämisse vom grenzenlosen Wirtschaftswachstum, von weltweiter Expansion der Märkte und uneingeschränktem Zugang zu natürlichen Ressourcen zugrunde. Ihnen zufolge wird der Industrialisierungsprozess von multinationalen Unternehmen in die Nationalstaaten getragen, stößt in der interkulturellen Begegnung aber da an Grenzen, wo Andere dem Telos der Entwicklung - materiellem Wohlstand und Konsum - nicht ohne Vorbehalt gegenüberstehen. Einwände könnten Moslems in arabischen Ländern erheben, Hinduisten und Buddhisten in Asien, indianische Völkern im Amazonas usw. Denn hier ist das Leben nicht vorrangig an ökonomischen Werten und Normen ausgerichtet. Um diese Anderen besser in den eigenen Konsens integrieren zu können, haben Sozialwissenschaftler, auch Psychologen und Verhaltensforscher Formen des „interkulturellen Managements“ entwickelt, mit denen die Kommunikation innerhalb der Unternehmen ebenso wie auf nationaler und regionaler Ebene optimiert werden kann: Stephan Dahl, Geert Hofstede, Charles Hampden-Turner, Fons Trompenaars u. a.
Eine neue Form der „Entwicklungshilfe“ leisten heute vor allem Regierungsorganisationen und nichtstaatliche Organisationen (NGOs). Aufgrund der Einsicht in die „Grenzen des Wachstums“ und mit dem Begriff der Nachhaltigkeit werden Eigendynamik und Wertesysteme von anderen Kulturen weitergehend berücksichtigt.
Postmoderne und Relativismus
Aus dem Geist einer Moderne, die ihren universellen Herrschaftsanspruch nicht kritisch hinterfragt, geht eine Postmoderne hervor, die dem Universalismus den Relativismus entgegensetzt, dem Fortschrittsdenken das Denken in Systemen. Pate stehen der französische Strukturalismus und die Linguistik nach Ferdinand de Saussure, die Ethnologie nach Claude Lévi-Strauss sowie die Semiotik. Nachdem Saussure das erste Medium, auf dem unsere Kultur gründet, enttabuisiert hat, die Alphabetschrift, die in der Hermeneutik als „Heilige Schrift" dem analytischen Zugriff der Wissenschaft entzogen worden war, gelingt es den Philosophen um Michel Foucault und Jacques Derrida, Denkansätze zu formulieren, die der medialen Entfaltung weltweiter Netze angemessen sind. Aufgrund des Tributes, den sie dafür an den Poststrukturalismus entrichten – der Negation von Subjekten – vertun sie jedoch die Chance, das Medium als Herrschaftsinstrument im Dienste universeller Wahrheiten zu dekonstruieren. Der Standort des Relativismus bleibt als diffuses Machtzentrum eine Kehrseite des Universalismus. Denn der Blick auf die Anderen erfolgt in beiden Fällen vom Sitz eines über allem schwebenden Schöpfergottes aus. Nur aus Seiner Perspektive gesehen scheinen alle kulturellen Wertsysteme gleichwertig zu sein. So bleibt das Problem des Anderen auch beim Erklärungsversuch von Jean-François Lyotard ungelöst. Ihm zufolge werden heidnische Kulturen in jedem Fall zerstört. In der Begegnung mit einer universalistischen Übermacht, weil sie sich vergeblich zur Wehr setzen, mit der relativistischen, weil sie um den Preis ihrer Andersartigkeit integriert werden.
Auch Tzvetan Todorov kann das „Problem des Anderen" vom postmodernen Standort aus, entgegen dem, was er sich vorgenommen hat, nicht lösen. Zwar weiß er eine neue Antwort auf die Frage, warum es den zahlenmäßig unterlegenen Europäern gelungen ist, Amerika zu erobern: Statt, wie traditionell üblich, führt er diese Eroberung nicht mehr allein auf Waffen und Technik zurück, sondern begründet sie mit der Nutzung des Mediums Alphabetschrift. Wie der ebenfalls der Semiotik verpflichtete Clifford Geertz setzt er jedoch seinen eigenen Interpretenstandort als den eines "objektiven" Beobachters bzw. "kulturlosen" Erzählers unhinterfragt voraus. Dabei ist Geertz die Bedeutung der medialen Reproduktion von Kommunikationsprozessen mit Angehörigen fremder Kultur als Bedingung für wissenschaftliche "Objektivität" durchaus bewusst. Doch setzt er sich ebenso wenig wie Todorov mit seinem eigenen Status als Beobachter auseinander, der ja gerade nicht objektiv, sondern fest verankert in einer scientific community ist, die ihre Entstehung der Nutzung von Medien verdankt. Was hier als "wahr" erfahren wird, gilt noch lange nicht für "schriftlose" Kulturen (Claude Lévi-Strauss), die in mündlicher Kommunikation einen Konsens über ihre "Wirklichkeit" erzielen.
Die Umgrenzung des Eigenen durch Medien
In Fortführung der weitreichendsten Denkansätze der Philosophen der Kritischen Theorie und der Postmoderne - jenseits der Sackgassen, in die Universalismus und Relativismus verweisen – entsteht Neues, als man das Thema in den Sozial- und Kulturwissenschaften diskutiert. Bis Buche schließlich "unsere" Wissenschaft durch Medien umgrenzt und von mündlichen Erfahrenskontexten abgrenzt. Sie stellt fest, dass andere Kulturen sich mitnichten freiwillig zu "unserer" Zivilisation bekannt haben. Im Gegenteil hat der Westen sein medial verfasstes Monopol der Rationalität durch Eroberung, Missionierung, Kolonisierung bis hin zur (Kultur)Industrialisierung zumeist gewaltsam gegen mündlich tradierende und kommunizierende Gemeinschaften durchgesetzt. Das Credo des Universalismus ist dabei sein ständiger Begleiter. Es wird zuerst von E. T. Hall als Hindernis in der interkulturellen Kommunikation hinterfragt. Mit Bezug auf Psychoanalyse, Verhaltensforschung und Linguistik entdeckt er unter der Oberfläche der amerikanischen Kultur eine verborgene Dimension, das "kulturelle Unbewusste". Aus dieser Perspektive relativiert er, wie später auch Hübner, die seit Immanuel Kant für universell gültig gehaltenen Anschauungen a priori von Raum und Zeit als kulturell bedingt.
Nach Hall wächst auch die Ethnologie aus den Kinderschuhen heraus, mit denen sie seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert die Kolonialreiche begleitet hat. Man entdeckt Bronislaw Malinowski wieder, der mit seiner Feldforschungsmethode das westliche Erklärungsmonopol erschüttert. Bei ihm soll der bis dahin "objektive" Beobachter am Leben der ethnischen Gemeinschaft teilhaben, diese also nicht nur von außen betrachten, sondern aus sich heraus verstehen. Dann wird Edward E. Evans-Pritchard zitiert, der mit seinen Studien über afrikanische Stämme - ebenfalls vor dem zweiten Weltkrieg - zu der heute auch für Philosophen überraschenden Einsicht gelangt ist, dass Kulturen ein anderes Verständnis von Wirklichkeit haben als wir. Der wissenschaftliche Beobachter aber muss das, was Andere von ihrem Standort aus für "wahr" halten - z. B. den Hexenglauben -, mit unseren Kriterien von Rationalität als irrational ablehnen.
Alle diese Wissenschaftler gewinnen die Kraft ihrer theoretischen Überlegungen und neuen Fragestellungen in der mündlichen Erfahrungspraxis. Ebenso wie Hall, der mit US-Auslandsmitarbeitern zusammen gearbeitet hat, sowie mit Hispanics und indianischen Ureinwohnern. Denn hier machen sich Andere nach wie vor zuerst bemerkbar machen: Sei es in Unabhängigkeitskämpfen, den letzten Entkolonialisierungskämpfen, die sich bis ins 21zigste Jahrhundert hineinziehen, und deren Folgen in Afrika und Asien noch längst nicht ausgestanden sind, sei es in den politischen Erhebungen der 1960er Jahre oder in Antidiskriminierungskampagnen wie "Black is beautiful". Auch in den neuen indianischen Organisationen, die sich um den 2. Ethnologenkongress der Gruppe von Barbados im Jahr 1978 herum formieren, wo sie selbstbestimmt über ihre Kulturen und Organisationsformen diskutieren können.
Medien und interkulturelle Konflikte
Irina Buche führt die Frankfurter Kritische Theorie weiter, wo sie Adorno und Horkheimers Medienkritik und Habermas´Kommunikative Wende auf Herrschaftsformen in interkulturellen Beziehungen überträgt. Dabei wendet sie die Universalismus-Kritik als Kritik an der Globalisierung, soweit deren Pioniere lokale Kulturen verdrängt haben, in denen mündlich tradiert und kommuniziert wurde. Ihr zufolge entstand zuerst intrakulturelles Konfliktpotenzial, als die drei Buchreligionen im Vorderen Orient und Antikes Griechenland allesamt Anspruch auf die exklusive Wahrheit ihrer monotheistischen Schöpfergötter erhoben und diese mit Gewalt gegen polytheistische Kulturen durchsetzten. Danach eskalierten die Kriege unter Juden, Christen und Moslems ( Kreuzzüge ). Mit Kolumbus Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 - dem Beginn des Kolonialismus - wurden die Probleme in interkulturelle Beziehungen getragen, wo sie bis in unsere Gegenwart hinein nachwirken.
Alphabetschrift, Buchdruck und Massenmedien
Nach Marshall McLuhan und Eric A. Havelock weist Buche auf die Entstehung "unserer" Wissenschaft bei Einführung der Alphabetschrift im Griechenland des "Propheten" der Schriftkultur Platon . Das hier errichtete patriarchalische Wahrheitsmonopol gerät in einen Konflikt mit den Buchreligionen des Vorderen Orients Judentum und Christentum, weil diese - ebenfalls im Namen der Alphabetschrift ( Heilige Schrift ) einen universellen Geltungsraum für ihre Wahrheit beanspruchen. Der Konflikt wird erst nach Erfindung des Buchdrucks von Johannes Gutenberg im Verlaufe der Aufklärung zugunsten des wissenschaftlichen Schriftmonopols entschieden. Die Einflusssphären zwischen Wissenschaft und Glauben werden seither in demokratischen Nationalstaaten nander getrennt.
Die Konflikte unter den drei Buchreligionen begannen, als die letzte - Islam - 571 nach Chr. entstand. Bis heute verlaufen die Fronten vor allem da, wo westlich-aufgeklärte Kulturen mit muslimischen zusammenprallen. Auf dieses Konfliktpotenzial hat Samuel Huntington bereits 1993 in einem Artikel der Zeitschrift Foreign Affairs hingewiesen. Nach dem 11. September 2001 ist der Kampf der Kulturen an den "Blutigen Grenzen des Islam" eskaliert. Der Terrorismus auch, weil die US-Regierung des G. W. Bush mit Rückendeckung durch fundamentale Christen zu einem Kreuzzug gegen das "Böse" aufgerufen hat. Vor allem auf der europäischen Seite haben Repräsentanten der christlichen Kirchen - bis hin zu Papst Benedikt - und Moslems zu einem interkulturellen Dialog aufgerufen.
Digitalisierung
Erst die Digitalisierung der Welt bringt eine neue Qualität interkultureller Kommunikation mit Anderen hervor, die Beziehungspyramiden werden zunehmend enthierarchisiert. Auch wenn die Einweg-Kommunikation in den weltweiten webs noch erhalten bleibt, weil diese durch Massenmedien Hörfunk, Fernsehen und Film aus der Taufe gehoben worden sind, so nehmen Nutzer mehr und mehr die Chance zur multilateralen Interaktion wahr. Zumal die Defizite der phonetischen Schrift, mit der mündliche Laute und bewegte Bilder aus lebendigen Erfahrenskontexten in abstrakten Zeichen kodiert wurden, seit Erfindung des Telefons und verstärkt in den Netzen sekundärer Oralität ausgeglichen werden. Damit verliert die Alphabetschrift an Bedeutung und die weniger in dieses Medium hineinsozialisierten Kulturen erhalten eine Einstiegsmöglichkeit.
Buche kritisiert jedoch, dass die Anderen mittels der neuen Technologien nur als scheinbar gleichberechtigte Kommunikationspartner in die webs integriert werden. Denn auch die neuen Technologien sind in fundamentaler Abhängigkeit zur Alphabetschrift entstanden. Noch immer werden alphabetschriftsprachliche Texte - wissenschaftliche, in denen Wahrheitsansprüche geltend gemacht werden sowie private ( E-Mail ) - produziert, versandt, veröffentlicht, gespeichert und archiviert. Dementsprechend bleiben auch die neu durch Ton- , Bild- und Videotexte kreierten oralen Kommunikationssysteme nur "sekundär". Die hierin einbezogenen ProduzentInnen, AutorInnen, ZuhörerInnen, ZuschauerInnen und MitspielerInnen verlieren Intelligenzen, die in mündlicher Kommunikation erworben werden: Auch ein Second Life kann reale Erfahrenskontexte nicht ersetzen, wohl aber altes Konfliktpotenzial virtuell tradieren.
Die Mündlichkeit der Anderen
Die patriarchalische Autorengemeinschaften, die ihren Schöpfergöttern vor mehr als 2000 Jahren gewaltsam mit Flamme und Schwert den Weg bahnten, haben die Geschichte aus der Perspektive ihres Sieges geschrieben. Dabei wurde das mündlich tradierte Wissen von mythischen Gemeinschaften - wie von Antikes Griechenland - entweder dem vergessen überlassen oder verschriftlicht und diskriminiert. Die Gottheiten - vielfältigste Naturphänomene, mit denen man kommunizierte - sind dabei ebenso wie Frauen zum Zwecke der Beherrschung objektiviert worden. Die alten Herrschaftsformen schlagen heute auf die Industrie- und Mediengesellschaften zurück. Angesichts einer Klimakatastrophe, mit der die Grenzen des Wachstums, vor denen der Club of Rome bereits 1972 warnte, in wenigen Jahrzehnten abzusehen sind, macht Irina Buche den Vorschlag, mythisch-mündliche Kulturen als ökologischen Gegenentwurf zur Moderne neu zu bewerten.
Wie Konfliktpotenzial - Lizens zum Raubbau an der Natur und emotionale Verarmung der Kommunikation - durch Nutzung der Alphabetschrift verursacht und tradiert wird, erklärt Buche auch durch die Spanische Eroberung Mexikos von Hernan Cortes. Die Herren des 16. Jahrhunderts verstehen sich als Architekten, die eine Neue Welt aufbauen, in der mündlich kommunizierende "Andere" als stumm und indianische Erfahrenskontexte als irrational abgewertet werden. Flankiert von Buchdruck und Massenmedien schreiben wissenschaftliche Autoren diese Version der Geschichte fort. Wobei sie zweckrationale Herrschaftsverhältnisse neu als Zivilisation vs. Barbarei, Fortschritt vs. Unterentwicklung legitimieren.
In den Chroniken der Spanier und in wissenschaftlichen Texten deckt Buche Widersprüche auf, die zu einem um Fruchtbarkeits- und Muttergöttinnen wie Malinalli Malinche zentrierten Alten Mexiko führen. Aus dieser Perspektive weist sie nach, dass die PriesterInnen der Azteken in Kommunikation mit Göttinnen wie Chicomecoatl - sie repräsentierte sieben Getreide, darunter Mais - Arbeiten anleiten, mit denen die Existenz abgesichert wurde: Vorbereitung des Saatgutes, Anbau und Ernten. Während Tenochtitlan damals ein blühendes Paradies war, ist Mexiko-Stadt heute eine Umweltkatastrophe. Zur Zeit mangelt es sogar an Mais für Tortillas, dem Hauptnahrungsmittel der Mexikaner, weil das Korn in westliche Nationen exportiert wird, wo es für die Produktion von Biodiesel benötigt wird.
Aus dem Gegenentwurf einer mündlich organisierten Kultur geht hervor, wie Lebensqualität in lokal-mündlichen Erfahrenskontexten realisiert werden kann: durch Sinnlichkeit, Wahrnehmungskompetenz, emotionale und erotische Intelligenz sowie einen nachhaltig ökologischen Umgang mit Naturressourcen. Dies wiederum führt zu einem neuen Konzept von Interkultureller Kommunikation, in dem "Andere" als gleichberechtigte Partner berücksichtigt werden, damit sie ihr mündliches Erbe in unsere auf materielle Gewinnmaximierung ausgerichtete Konsumgesellschaft einbringen können. Das Konzept ist da anschlussfähig, wo nach Alternativen zu einer an grenzenlosem Wirtschaftswachstum ausgerichteten Instrumentalisierung von Mensch und Natur gesucht wird. Für Philosophen, die wie Kurt Hübner darauf hinweisen, dass das Interesse von Naturwissenschaftlern am Mythos mit Kritik an der fortschreitenden Industrialisierung zunimmt. Für Medientheoretiker wie Marshall McLuhan, der afrikanische Stammesvölker als Gegenentwurf zum Globalen Weltdorf betrachtet...
Fremde Kulturen und Mündliche Überlieferungen
- Indianer
- Indigene Völker
- Indigene Völker Südamerikas
- Indianer Nordamerikas
- Indigene Völker Afrikas
- Indigene Völker Asiens
- Schamanismus
- Tribalismus
Die Nachfahren dieser ursprünglich mündlich tradierenden Kulturen wurden in moderne Nationalstaaten integriert. Dabei konnten sie manche ihrer Traditionen unter den Bedingungen der Akkulturation und Enkulturation bewahren, manche nur, weil sie rechtzeitig verschriftlicht wurden. In Frage steht, ob dieses Erbe heute mit den universellen Menschenrechten in Einklang gebracht werden kann. Das ist nicht der Fall bei lokalen Stammesfehden, die mit den Mitteln der Rüstungsindustrie ausgetragen werden, bei Klitorisbeschneidung in Afrika, Ritualmorden in Lateinamerika, Steinigungen in Asien usf.
Trotz problematischer Einbeziehung von Anderen in die Globalisierung , konnten Kommunikationsprozesse auf den Weg gebracht werden, die den Respekt der Menschenrechte zur Voraussetzung haben und auf beidseitigen Vorteil ausgerichtet sind. Wie das Klimabündnis, in dem europäische Städte mit den indigenen Völkern vom Amazonas kommunizieren, um den Regenwald - die "Lunge der Welt" zu erhalten.
Siehe auch
- Ethnologie
- Interkulturelle Pädagogik
- Interkulturelle Politik
- Interkulturelle Kompetenz
- Interkulturelles Management
- Kulturanthropologie
- Kulturmodell
- Interkulturalität
- Studiengänge Interkulturelle Kommunikation
Literatur
- Buche, Irina : Theorie der interkulturellen Kommunikation. Die Eroberung der Göttinnen. Frankfurt am Main, 2002 ISBN 3-8311-3643-2
- Dahl, Stephan: Intercultural Research: The current state of knowledge. London, 2003 [1]
- Engelhard, Johann [Hg.): Interkulturelles Management. Theoretische Fundierung und funktionsbereichsspezifische Konzepte. Wiesbaden, 1997
- Evans-Pritchard, Edward E.: Witchcraft, Oracles and Magic among the Azande. Frankfurt am Main, 1979/1937
- Gudykunst, William B. (ed.): Intercultural Communication Theory. Current Perspectives. Beverly Hills usw., 1983
- Hübner, Kurt: Die Wahrheit des Mythos. München, 1985 ISBN 3-406-30773-6
- Huntington, Samuel P.: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Hamburg, 1996 ISBN 3-87763-011-1
- Indianidad y Descolonización en América Latina. Documentos de la Segunda Reunión de Barbados. Mexico, 1979
- Kim, Young Yun und William B. Gudykunst (eds.): Theories in intercultural Communication. Newbury Park usw., 1988
- Lüsebrink, Hans-Jürgen: Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. Stuttgart: J. B. Metzler, 2005 ISBN 3476019896
- Luger, Kurt und Rudi Renger (Hg.): Dialog der Kulturen. Die multikulturelle Gesellschaft und die Medien. Wien usw., 1994
- Lyotard, Jean-François: Das Patchwork der Minderheiten. Für eine herrenlose Politik. Berlin, 1977
- Ramstedt, Martin: Interkulturelle Kommunikation - wozu? In: Andreas Disselkötter, Siegfried Jäger, Helmut Kellershohn, Susanne Slobodzian (Hg.): Evidenzen im Fluss. Demokratieverluste in Deutschland. Duisburg. ISBN 3-927388-60-2
- Todorov, Tzvetan: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. Frankfurt am Main, 1985
Weblinks
- Interkulturelle Didaktik
- http://www.phil.uni-sb.de/fr/romanistik/IK
- http://www.intercultural-network.de
- Die Entwicklung interkultureller Kommunikationskompetenz aus der Sicht der Interkulturellen Didaktik
- Elmar Holenstein: Ein Dutzend Daumenregeln zur Vermeidung interkultureller Missverständnisse
- Interkulturelle Linguistik
- Jugendliche und Integration, aus professioneller Sicht
- Kampf der Kulturen/The Clash of Ignorance
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