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Textlinguistik

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Die Textlinguistik befasst sich mit Texten aus linguistischer Sicht. Das bedeutet, dass sie vor allem die Frage beantworten muss, welche Kriterien eine Einheit mindestens erfüllen muss, um als Text zu gelten. Kann ein einziges Wort, ein Ausruf, bereits als Text verstanden werden? Wenn ja: warum? Bei größeren Einheiten gilt es, die Frage zu beantworten, was eine Folge von Wörtern oder Sätzen zu einem Text macht. Also: Worin besteht der Unterschied zwischen einer willkürlichen Aneinanderreihung von Wörtern oder Sätzen und einem Text? Bei umfangreichen sprachlichen Einheiten (Aufsatzsammlung, Novellensammlung) muss überlegt werden, ob es sich insgesamt um einen Text handelt oder worum sonst. Ist also z.B. Boccaccios Decamerone mit seinen 100 Novellen und der Rahmenerzählung ein Text? Sind es 101 Texte? Kann man dafür Kriterien entwickeln?

Eine weitere Aufgabe besteht in der Antwort auf die Frage, wie man Texte zu Textsorten (= Klassen von Texten) klassifizieren kann und welche kommunikative Bedeutung ihnen zukommt. Welche sprachlichen Merkmale unterscheiden etwa ein Kochrezept von einer Bauanleitung und in welchem Zusammenhang stehen diese Unterschiede mit der kommunikativen Funktion der Textsorten? Beide genannten Formen sind Anleitungstexte; wie unterscheiden sich diese z.B. von erzählenden Texten? Hier ist zu beachten, dass in einer Sprachgemeinschaft Konventionen dafür gelten, welche Textsorten wie strukturiert sein sollen und für welche Zwecke sie geeignet sind.

Geht man über den Rahmen eines einzelnen Textes hinaus, ist auch die Frage zu beantworten, welche Rolle ein Text in einer Abfolge von Texten spielt, z.B. in einem Briefwechsel oder gesellschaftlichen Diskurs. So, wie es Beziehungen zwischen den Sätzen eines Textes gibt, hat man es offensichtlich auch mit solchen zwischen Texten zu tun. Welche sind es und wie lassen sie sich beschreiben? Dies alles kann am Beispiel schriftlicher Texte bearbeitet werden. Menschen kommunizieren aber in der Regel häufiger mündlich als schriftlich. Daraus ergeben sich weitere Aspekte: Worin unterscheiden sich Texte gesprochener Sprache von den schriftlichen? Die textlinguistischen Kriterien gelten auch dort; bei mündlichen Texten spielen aber noch weitere Aspekte wie Zahl der Beteiligten und Sprecherwechsel eine Rolle.

Die Textlinguistik hat es also mit allen Aspekten zu tun, die mit den linguistischen Mitteln der Beschreibung der grammatischen und der lexikalischen Eigenschaften sowie der kommunikativen Zwecke der Autoren verbunden sind, wobei die Konventionen der Sprachgemeinschaft ebenfalls zu berücksichtigen sind. Weitere Eigenschaften von Texten sind Gegenstand anderer Wissenschaften: So muss sich etwa die Literaturwissenschaft um die ästhetischen Aspekte der Textgestaltung bemühen, die Sprachpädagogik und die Rechtswissenschaft sollten sich um die Lesbarkeit bzw. Verständlichkeit und die literarische Kritik und die Übersetzungswissenschaft um die Angemessenheit der Gestaltung oder Übertragung kümmern. Kurz: viele Wissenschaften haben ein eigenes Interesse an Texten, das über die linguistischen Fragestellungen hinausgeht.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines zur Textlinguistik

Die Textlinguistik geht hauptsächlich von zwei Modellen des Textbegriffes aus: a) dem Modell des sprachsystematischen Textbegriffes, hergeleitet aus der generativen Grammatik oder einem der anderen theoretischen Konzepte der Linguistik, sowie b) dem Modell des kommunikativ-pragmatischen Textes basierend auf der linguistischen Pragmatik.

Die Eigenschaften, die einen Text von einem sogenannten "Nicht-Text" unterscheiden, nennt man Textualität. Wesentliche Kriterien sind dabei Kohärenz bzw. Kohäsion, d.h. alle die Phänomene, die zeigen, dass zwischen den Sätzen eines Textes formale oder inhaltliche Beziehungen bestehen. Solche Merkmale sind Anaphern, Kataphern, Konnektoren, die Verwendung der Artikel, die Thema-Rhema-Progression, Lexemrekurrenz und Lexemvariation sowie die Isotopie. Weitere wesentliche Kriterien sind die Textfunktion, das Thema des Textes sowie die Merkmale der Textgrenzen.

Textlinguistische Darstellungen können Lesern Einsichten in charakteristische Organisationsformen von bestimmten Textklassen sowie in das Funktionieren bestimmter Texte in gesellschaftlichen Situationen gewähren. Man denke etwa an die Konventionen, die für Privatbriefe im Unterschied zu Geschäftsbriefen gelten.

Ein Text kann dabei sowohl ein mündlich vorgetragener Text als auch ein schriftlich aufgezeichneter Text sein. Je nach Auswahl und Gewichtung der Kriterien gibt es etwas unterschiedliche Auffassungen, was genau unter "Text" zu verstehen ist. Es wird aber in sehr vielen Fällen kaum einen Streit darüber geben können, ob eine bestimmte Einheit nun als "Text" aufzufassen ist oder nicht; man denke etwa an einen Zeitungsartikel. Anders verhält es sich mit Randphänomenen wie etwa Ausrufen oder Fragmenten. Wählt man die kommunikative Funktion als entscheidendes Kriterium, kann man auch solchen Formen kaum ihre Texthaftigkeit absprechen.

In nichtfiktionalen Texten der Muttersprache oder einer anderen Sprache, die man gut kennt, fällt es meist leicht zu erkennen, ob Sätze einen zusammenhängenden Text bilden oder nicht. Oft kann man auch auseinandergerissene Texte wieder in Zusammenhang bringen und wird dabei auf Kohäsion und Kohärenz von Texten und die Mittel, durch die sie erzeugt werden, aufmerksam.

Geschichte der Textlinguistik

Die Textlinguistik ist eine vergleichsweise junge Disziplin der Linguistik, die sich seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt hat[1]. Wesentliche Impulse erhielt sie durch drei Forscher, die damals in Münster waren: Peter Hartmann, Roland Harweg und Walter A. Koch (Dressler 1978, 4ff.). Nach Hartmanns Weggang nach Konstanz war dort ein Zentrum der Textlinguistik. Sie begann mit der Frage danach, welche Beziehungen über die Satzgrenze hinaus zwischen den Sätzen eines Textes bestehen. Hier sind besonders Harwegs Substitutionen zu erwähnen[2]. Allerdings entstand die Textlinguistik nicht aus dem Nichts: Als Vorläufer sind zum Beispiel die Gattungslehre, die Rhetorik und die Stilistik, aber auch der klassische amerikanische Strukturalismus und die Prager funktionale Satzperspektive zu nennen. Die Textlinguistik entwickelte sich aus der Kritik an der damaligen Sprachbeschreibung, die als sprachliche Einheiten nur den Laut, das Wort und, als größte Einheit, den Satz hatte.

Vom Satz zum Text

Eine Grundfrage der Textlinguistik gilt dem Zusammenhang zwischen den Sätzen eines Textes. Was macht eine Wort- oder Satzfolge zu einem Text? Worin unterscheidet er sich also etwa von einer Collage beliebiger Wörter oder Sätze? Es gilt also, die Mittel aufzudecken, die der Verbindung zwischen aufeinanderfolgenden Sätzen dienen, sodass der Eindruck der Geschlossenheit und des inneren Zusammenhangs entsteht. Dazu leisten die im Folgenden behandelten Textverknüpfungselemente einen Beitrag.

Textverknüpfungselemente

Rekurrenz

Die Rekurrenz (Wiederholung) ist die einfachste Form der Wiederaufnahme. Ein einmal in den Text eingeführtes Element wird im Verlauf des Textes immer wieder aufgenommen.
Beispiel: "Heute habe ich ein Buch über Textlinguistik in der Bibliothek gefunden. Das Buch habe ich mir sofort ausgeliehen. Heute Abend werde ich beginnen, das Buch zu lesen."
Wie das Beispiel zeigt, ist die einfache Rekurrenz, die Wiederaufnahme des immer gleichen Lexems, monoton, wenn nicht - wie in einem längeren Text oft - eine größere Distanz bei der Nennung gleicher Ausdrücke gewahrt wird. Etwas mehr Abwechslung bietet somit die partielle Rekurrenz.

Partielle Rekurrenz

Bei der partiellen Rekurrenz wird nicht mehr dasselbe Lexem wieder aufgenommen, sondern ein Lexem aus dem gleichen Lexemverband, ein Wort mit gleichem Wortstamm aufgegriffen, das in Komposition mit anderen oder als Ableitung (Derivation) verwendet wird.
Beispiel: forschen, Forscher, Forschungsreise, Forschung, Forschungsgelder etc.

Substitutionen

Substitutionen bestehen darin, dass ein Textelement (ein Wort oder eine Wortgruppe) im Textverlauf durch ein anderes wieder aufgenommen wird, das mit dem ersten inhaltlich verbunden ist. Wichtig hierbei ist, dass sowohl das ursprüngliche Textelement als auch das Substitutionselement dieselbe Referenz haben, d.h. sich auf dasselbe außersprachliche Objekt beziehen. Besonders geeignet sind für solche Substitutionen Wörter, die zum gleichen Wortfeld gehören, oder Pro-Formen wie Pronomina; so kann in einem Text etwa "Arzt" durch "er", "Mediziner" oder den Namen des Artzes wieder aufgenommen und variiert werden.

Im Gegensatz zur Rekurrenz handelt es sich bei der Substitution nicht um einfache Koreferenzen. Vielmehr können durch die Substitution dem Textelement neue Bedeutungsebenen hinzugefügt werden.

Isotopie

Die Verfahren der Rekurrenz, der partiellen Rekurrenz und der Substitution bringen es mit sich, dass Wörter mit gleichen oder ähnlichen Bedeutungen in einem größeren Kontext auftreten und so zur Isotopie des Textes beitragen. Isotopien kommen zustande, wenn in einem Text Wörter verwendet werden, die gemeinsame semantische Merkmale (Seme) aufweisen. Isotopien begründen den notwendigen semantischen roten Faden, den ein Text benötigt.

Pro-Formen

Pro-Formen sind weitgehend inhaltsleere Textelemente. Ihre Funktion ist das Verweisen auf ein Bezugselement des sprachlichen Kontexts. Die häufigsten Pro-Formen sind die Pronomina, ebenso können Pro-Formen auch Adverbien (dort, da etc.), Pronominaladverbien (wobei, darauf, womit etc.) und Demonstrativpronomina (dieser, der etc.) sein. Die Elemente, auf die sich die Pro-Formen beziehen, können sowohl Wörter, Wortgruppen, Einzelsätze als auch ganze Textabschnitte (Satzgruppen) sein. Pro-Formen sind keine eindeutigen Textverweise, sie sind vielmehr eher als Suchanweisung zu verstehen. Erst wenn die Suche erfolgreich beendet wurde, ist klar, worauf sich die Pro-Form bezieht.

Verweisrichtungen

Man unterscheidet zwei Verweisrichtungen, den anaphorischen Verweis, den Rückverweis, und den kataphorischen Verweis, den Vorverweis. Textlinguistisch bedeutsam sind sie vor allem dann, wenn sie Beziehungen zwischen aufeinander folgenden Sätzen stiften. Beispiele: Anaphorisch: „Anna bleibt immer lange. Sie freut sich, wenn sie sich mit uns unterhalten kann.“ Kataphorisch: „Manchmal kommt sie unverhofft zu Besuch. Anna freut sich, wenn sie uns überraschen kann.“

Bestimmter und unbestimmter Artikel (Textdeixis und (Vor-)Wissensdeixis)

Der bestimmte und der unbestimmte Artikel können - anaphorisch und kataphorisch - zur Verbindung zwischen den Sätzen im Text beitragen. Hierbei, ähnlich wie bei den Pro-Formen, handelt es sich um Suchanweisungen für den Leser, um im umgebenden Text nach Bezugselementen zu suchen. Das kann man als Textdeixis beschreiben.

Bestimmter Artikel

Der bestimmte Artikel wird in der Regel verwendet, um etwas bereits Bekanntes in den Text einzuführen oder auf etwas bereits im Text Genanntes zu verweisen. In dieser Funktion kann der bestimmte Artikel als Anapher wirken.

Unbestimmter Artikel

Der unbestimmte Artikel dagegen wird eingesetzt, um etwas Neues einzuführen und dem Leser eine Suchanweisung zu geben, dass das Neue bald weiter erläutert wird. So kann der unbestimmte Artikel als Katapher wirken, wenn er Beziehungen über die Satzgrenze hinaus zum Folgensatz eröffnet.

(Situations-)Deixis

Unter deiktischen Ausdrücken versteht man zeigende Ausdrücke. Um in einem Text deiktische Bezüge herzustellen, verwendet man Pro-Formen und bestimmte Artikel. Bei der Situationsdeixis nehmen sie Bezug auf einen konkreten außersprachlichen Kontext. Deiktische Elemente dienen immer als Suchanweisung, bei der Situationsdeixis muss in der aktuellen Kommunikationssituation nach Bezügen gesucht werden.
Ein Beispiel für Situationsdeixis in einer Kommunikationsituation sind folgende Sätze: „Anna, weißt du, wo das Buch liegt?“ „Vielleicht dort.“ Anna deutet auf das Bücherregal und verwendet zugleich das Adverb "dort" als deiktischen Ausdruck.
Situationsdeixis ist aber nicht nur ein Phänomen der gesprochenen Sprache, auch in Gebrauchsanweisungen oder Bildlegenden lassen sich situationsdeiktische Ausdrücke finden.
Ein Beispiel für eine Gebrauchsanweisung ist der Satz „…, dann schrauben Sie das Mittelstück …“ und ein Beispiel für eine Bildbeschreibung ist „In diesem Bild von Picasso ist …“
Ein weiterer Bereich der Situationsdeixis sind literarische Texte, in denen dem Leser eine direkte Anschauung vermittelt werden soll.
Ein Beispiel ist der Anfang von Christa Wolfs Roman „Kassandra“ mit den Adverbien (hier", "da") und Pronomina ("diese", "sie") für die Deixis: „Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Diese Festung, einst uneinnehmbar, ein Steinhaufen jetzt, war das letzte, was sie sah …“

Ellipse

Bei einer Textverknüpfung durch Ellipsen wird ein Textverweis durch eine Leerstelle erzeugt.
Beispiel: „Pizza esse ich sehr gerne. Nudeln nicht.“ Der zweite Satz wird nicht als ungrammatisch empfunden, obwohl er, wenn man ihn allein betrachtet, ungrammatisch bzw. unvollständig ist. Durch die Leerstelle wird hier eine Suchanweisung an den Leser gegeben, im Umfeld nach passenden sprachlichen Einheiten zu suchen, um so die durch die Ellipse entstandenen Leerstellen zu füllen. Dadurch wird eine enge Verknüpfung zwischen den Sätzen erzeugt.
Am häufigsten findet man Ellipsen in der gesprochenen Sprache, hier kann sich die Verknüpfung der Ellipse auch auf Sätze des anderen Sprechers beziehen.
Beispiel: „Ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht. Das war mir zu viel.“ – „Ich auch nicht.“

Explizite (metakommunikative) Textverknüpfung

Unter expliziter Textverknüpfung versteht man eine Textverknüpfung, bei der im Text über den Text gesprochen wird. Diese Form der Thematisierung von Textstellen und Textstrukturen bezeichnet man als Metakommunikation. Metakommunikative Verknüpfungen werden dann gebraucht, wenn die Verknüpfung weiter gehen soll als nur bis zum nächsten Satz. Für diese Art der Verknüpfung haben sich einige stereotype Formeln gebildet, hier sind einige davon: „wie bereits in Kapitel 5 erwähnt“; „unter Punkt fünf“; „wie bereits am Anfang erwähnt“; „im Folgenden“; „wie oben bereits erwähnt/angedeutet“; „(vgl. S. xy)“.

Tempus

Die Textverknüpfung durch das Tempus erfolgt durch die consecutio temporum, die Tempuskontinuität. Tempuskontinuität muss über die Satzgrenze hinaus gegeben sein, um eine Satzfolge als Text kenntlich zu machen. Dieses Textverknüpfungsmittel ist keine besonders aktive Verknüpfungsart in erzählenden Texten, jedoch kann die Tempusverwendung dem Leser in erzählenden Texten Aufschluss über die Reihenfolge der einzelnen Elemente geben.

Konnektive (Konjunktionen und Pronominaladverbien)

Konjunktionen sind Bindeglieder, d.h. sie verbinden zwei Sätze bzw. Textelemente. Dieselbe Leistung erbringen in vielen Fällen auch Pronominaladverbien. Eine typische Konjunktion ist „und“. Neben dem Verbinden können Konjunktionen auch anzeigen, um welche Art der Verbindung es sich handelt, so steht „weil“ für eine kausale Verbindung und „seit“ für eine temporale Verbindung. Textlinguistisch bedeutsam sind solche Konjunktionen und Pronominaladverbien, die satzübergreifend wirken: "Peter ist krank. Aber er wird wohl dennoch kommen." Die adversative Hauptsatzkonjunktion stiftet hier den satzübergreifenden Zusammenhang. Statt aber könnte hier auch das Pronominaladverb daher (verbunden mit "nicht") stehen.

Vom Text zum Satz

Während der Entwicklung der Textlinguistik in den 70ern gab es eine neue Definition von Sprache im Rahmen der linguistischen Pragmatik. Die Texthaftigkeit wird im Rahmen pragmalinguistischer Ansätze als die grundsätzliche Erscheinungsform von Sprache betrachtet. In Formulierungen wie „Sprache kommt nur in Texten vor“ wird der Text dem Satz übergeordnet, was bedeutet, dass der Text als die oberste Organisationsform von Sprache verstanden wird.

Der Text ist somit nicht in der gleichen systematischen Art Teil einer übergeordneten sprachlichen Einheit, wie das für Sätze in Bezug auf Texte gilt. Neue Entwicklungen in der Linguistik, die Diskurslinguistik[3], versuchen aber, die Perspektive vom Einzeltext auf eine Textfolge oder, besser, ein Textnetz, zu entwickeln. Im Islamismus-Diskurs der deutschen Sprachgemeinschaft z.B. spielt eine Vielzahl von Texten unterschiedlicher Art zusammen.

Der Text wird nun also nicht mehr nur als systematisch verbundene Menge von Sätzen betrachtet, die vom Einzelsatz ausgehend analysiert werden kann, sondern als eigenständige Größe, die ihre eigenen Organisationsprinzipien besitzt. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, Texthaftigkeit linguistisch präziser zu erfassen, als das ausgehend vom Satz als Basiseinheit gelungen war. Es reicht nämlich nicht, sich von Satz zu Satz zu hangeln, sondern man will das Netz semantischer, syntaktischer und kommunikativer Beziehungen erkennen, das den Text als Ganzes zusammenhält. Man benötigt daher Kriterien, die vom Textganzen als einer komplex strukturierten sprachlichen Einheit ausgehen. Daher lässt sich Texthaftigkeit nicht mehr rein aus dem Vorhandensein von Kohäsionsmitteln ableiten, es müssen auch Kriterien inhaltlicher und außersprachlicher Natur vorhanden sein, was teilweise mit dem Begriff „Kohärenz“ bezeichnet wird.

Kohärenz vs. Kohäsion

Das Denkmodell der Oberflächen- und Tiefenstruktur, welches in der frühen Generativen Grammatik Bedeutung erlangt hat, hat sich hier als praktikabel erwiesen. Dabei geht man davon aus, dass ein gesprochener oder geschriebener Text immer nur eine Oberflächenstruktur bietet, auf der nicht alle Informationseinheiten des Textes sprachlich realisiert sind. Der Sinnzusammenhang zwischen Sätzen ist demnach nicht nur das Ergebnis der Verwendung von Kohäsionsmitteln: diese sind weder ausreichend noch notwendig dafür, einen Sinnzusammenhang zu erkennen. Charakteristisch für die Oberflächenstruktur von Texten ist die grundsätzlich lineare Natur der Sprachproduktion.

Im Gegensatz dazu ist die Texttiefenstruktur (das, was „unter“ der Textoberfläche liegt) mehrdimensional. Die Informationseinheiten sind hier komplex verknüpft. Diese vielschichtigen grundlegenden Sinnverknüpfungen eines Textes, die erst mit Hilfe von allgemeinen Wissensbeständen erschlossen werden können, werden als Kohärenz bezeichnet. Wenn es also darum geht, ob wir bei Sätzen einen zusammenhängenden Text vor uns haben, sind nicht die semantisch-syntaktischen Verknüpfungen, die sich an der Oberfläche festmachen lassen, ausschlaggebend, sondern es kommt darauf an, ob wir eine kohärente Texttiefenstruktur erschließen können. Erst einmal erfolgt natürlich die Orientierung an der Textoberfläche. Daneben wird aber auch allgemeines Wissen über Texte und außersprachliches Wissen einbezogen. Der Rezipient muss also in der Lage sein, zusätzlich die auf diese Art entstandenen Informationslücken interpretatorisch zu erschließen.

Textverstehen und Textarbeit

Die Textrezipienten/innen ergänzen Textbausteine, konstruieren Beziehungen zwischen Textelementen, ordnen und gliedern Texte, auch wenn man auf der Textoberfläche eine andere Anordnung vorfindet. Voraussetzung dafür sind aber bestimmte Wissensbestände, die einen dazu befähigen, Bezüge zu setzen, Ergänzungen zu machen etc.

Außersprachliche Wissensbestände und Textverstehen

Für die Kohärenzherstellung relevante Wissensbereiche sind folgende:

Weltwissen: Das ist der umfassendste Wissensbereich. Dieser Begriff umfasst Alltagswissen (wie ein Apfel aussieht), individuelles Erfahrungswissen und spezielles Bildungs- und Fachwissen. Das Weltwissen ist eng mit der Kulturgemeinschaft und mit der sozialen Gruppe, zu der man gehört, verbunden. Der Begriff „Weltwissen“ ist aber schwammig.

Mit „Handlungswissen“ sind diejenigen außersprachlichen Wissensbestände gemeint, die es uns erlauben, bestimmte Abläufe/Ereignisse als bestimmte Handlungen zu deuten und selbst Handlungen durchzuführen. Es ist somit ein prozessual orientiertes Wissen. Wir erwarten in bestimmten Kommunikationssituationen bestimmte Handlungen unserer Kommunikationspartner. Wenn wir zum Beispiel als Gast eingeladen werden, ist das Überreichen von Blumen eine passende Handlung. Dieser Wissensbestand ist kulturell geprägt; das wird besonders deutlich, wenn wir mit Handlungen konfrontiert werden, die sich von unserer Kultur unterscheiden.

Der Begriff „Konzeptuelle Deutungsmuster“ bezeichnet einen relativ eng gefassten Wissensbestand, der als Teilbereich oder auch Voraussetzung für Weltwissen angesehen werden kann. Es sind die Interpretationsmuster, die unsere alltägliche Wahrnehmung von Welt steuern/strukturieren und es uns ermöglichen, verschiedene Ereignisse als in bestimmter Art aufeinander bezogen zu sehen. Folgende drei Grundmuster gibt es:

  1. koordinative Beziehung: Basis dafür, dass wir bestimmte Ereignisse/Sachverhalte als zusammengehörig wahrnehmen
  2. temporale Beziehung: Phänomene werden temporal verknüpft, in Zeitachse eingebettet
  3. kausale Beziehung: sehr bestrebt, einzelne Ereignisse als Grund/Folge jeweils anderer Sachverhalte/Ereignisse zu deuten)

Linguistische Konzepte

Präsuppositionen (Sinnvoraussetzungen, die man in seinen Äußerungen macht) sind eine Art unsichtbarer Kettenglieder, mit denen Sätze und Textteile verbunden sind. Mit diesen wird versucht, außersprachliche, durch den Text vorausgesetzte Wissensbestände und Alltagserfahrungen zu erfassen.

Präsuppositionstypen

  • existentiell

Indem man sagt, man habe einen Gegenstand aufgenommen, behauptet man damit zugleich, dass es diesen Gegenstand gibt (der/die/das X – X existiert).

  • faktiv (ich bereue, das getan zu haben – Ich habe das getan)

Zu diesem Präsuppositionstyp gehören meist Verben, an die man die Konjunktion „dass“ hängen kann. Solche Verben sind z. B. wissen, bereuen, bemerken, erkennen, aber auch stolz sein, froh/traurig sein.

  • nicht-faktiv (Er gab vor, Lehrer zu sein – Er war kein Lehrer.)

Es gibt demgegenüber Verben, deren Gebrauch die Mitteilung impliziert, dass die Proposition im abhängigen (dass-)Satz gerade nicht wahr ist. Solche Verben sind z. B.: vorgeben, träumen, vorschweben, sich vorstellen usw.

  • lexikalisch (Sie schaffte es, abzuhauen – Sie versuchte, abzuhauen.)

Mit dem Aufrufen eines Gegenstandes werden ganz bestimmte Vorgänge aufgerufen: „Ich habe aufgehört“ impliziert zum Beispiel, dass es vorher eine Handlung gegeben hat, die jetzt beendet ist.

  • strukturell (Wer kommt? – Jemand kommt.)

Auch mit dem Gebrauch bestimmter Satzstrukturen können entsprechende Umstände und Handlungen präsupponiert werden. Zu solchen Strukturen gehören z. B. die w-Fragesätze und besondere Formen der Relativsätze.

  • kontrafaktisch (Wenn ich nicht krank wäre – Ich bin krank.)

Charakteristisch ist der Konjunktiv II Irrealis, der ja auch grammatisch dadurch definiert wird, dass die angesprochene Handlung oder der Umstand nicht zutreffen.

  • Situationspräsuppositionen (weil, obwohl)

Im Unterschied zu den oben genannten Präsuppositionen beziehen sich diese nicht auf die Tatsächlichkeit des in der Äußerung Erwähnten. Zum Gegenstand von Situationspräsuppositionen können alle in einem kommunikativen Handlungskontext integrierten Faktoren werden. Dazu gehören Normen, Konventionen und Wertmaßstäbe, die der Textproduzent in der Kommunikationssituation als fraglos unterstellt.

Man findet häufig auch die Unterteilung der Präsuppositionstypen in zwei Haupttypen - die gebrauchsgebundenen Präsuppositionen und die zeichengebundenen Präsuppositionen:

  • Der Begriff der gebrauchsgebundenen Präsuppositionen (auch: pragmatische Präsuppositionen) lässt sich davon ableiten, dass diese Präsuppositionen einem Ausdruck nicht grundsätzlich anhaften, sondern sich erst aus dem Gebrauch dieses Ausdrucks ergeben. Die Wissensbestände und Alltagserfahrungen werden hierbei sprachlich nicht formuliert, sondern als bekannt vorausgesetzt, wenn die Sprecher/Schreiber eine Äußerung in einer konkreten Situation kommunikativ sinnvoll gebrauchen.
  • Zeichengebundene Präsuppositionen kann man wiederum in zwei Gruppen einteilen:
    • Referentielle Präsuppositionen (auch Existenzpräsuppositionen) sind an die Ausdrucksseite von Äußerungen (zum Beispiel an syntaktische Konstruktionen) und Texten gebunden.
    • Semantische Präsuppositionen sind an die Inhaltsseite von Äußerungen (z.B. an die Bedeutung von Lexemen) und Texten gebunden.

Im Gegensatz zu gebrauchsgebundenen Präsuppositionen sind zeichengebundene Präsuppositionen direkt an den gegebenen Text gebunden. Die Erschließung gebrauchsgebundener Präsuppositionen dagegen scheint durch „Leerstellen“ ausgelöst zu werden. Der Textrezipient ergänzt gewissermaßen die vom Textproduzenten gemachten Präsuppositionen.

Der Textrezipient kann sie zunächst bottom-up einsetzen, indem er Konzepte, die als Bündel bedeutsamer Merkmale im Langzeit-Gedächtnis aufbewahrt sind, aufgrund von individueller Erfahrung allmählich zu höheren kognitiven Einheiten vernetzt. Dies führt zur Entwicklung von Handlungs- und Ereignistypen, wie sie z. B. durch die Stichworte „das Kaufen“, „das Lernen“, „das Auto-Fahren“ oder „das In-die-Schule-Gehen“ gegeben sind. Er kann sie zudem top-down einsetzen, indem er als Alltagserfahrungen gespeicherte Wissenskomplexe aufruft. Dieses bereits bestehende Wissen um Organisations- und Handlungszusammenhänge kann er dann als Muster gebrauchen, um vor dessen Hintergrund diejenigen Aussagen im Text, die den stereotypen Charakteristika dieses Musters entsprechen, zu suchen und zu Sinneinheiten zusammenzufassen.

Dabei hat die frame-und-script-Theorie einen wesentlichen Einfluss:

frame-und-script-Theorie

Im Unterschied zu Präsuppositionen sind diese Wissensbestände eine Vorlage, die verschiedene Begriffe und Aussagen innerhalb eines fortlaufenden Textes dadurch verbindet, dass sie in diese Vorlage eingesetzt werden können. Textbezüge werden dann dadurch hervorgerufen, dass auf der „Welt“-Ebene ein gemeinsamer sachlicher Bezug gefunden werden kann. Man kann zwar im Text die Elemente, zwischen denen die Bezüge stattfinden, ausmachen, die verknüpfende Instanz ist aber eine außersprachliche. Frames („Rahmen“) sind eher statisch organisierte Wissensbestände (z.B. welche Personen, Einrichtungsgegenstände etc. in einem Krankenhaus erwartbar sind). Scripts („Szenen“) sind eher prozessuale Wissensbestände (z.B. wie ein Krankenhausbesuch abläuft). Beide sind eng aneinander gekoppelt und nicht immer einfach zu unterscheiden.

Thema

Ein Textthema ist die Voraussetzung dafür, dass eine Aneinanderreihung von Sätzen als zusammenhängender Text erkannt wird. Das Thema eines Textes kann also ein Kerngedanke sein, der sich oft auch in der Überschrift widerspiegeln kann, aber nicht muss. Themenstrukturen sind folgendermaßen organisiert: Von einem Hauptthema leiten sich meistens verschiedene Subthemen ab. Von diesen Subthemen wiederum können sich verschiedene Nebenthemen ableiten. Eine satzbasierte Analyse ist die Thema-Rhema-Analyse, auf deren Grundlage sich Satzverknüpfungen als Thema-Rhema-Progressionen bestimmen lassen.

Thema-Rhema-Progression

Als Thema wird die alte, bereits bekannte Information bezeichnet. Das im Thema Genannte bildet die Informationsgrundlage des Satzes. Ein typisches Konstrukt eines Themas ist eine Nominalphrase, in der vom Autor ein bestimmter Artikel verwendet wird, der darauf schließen lässt, dass der Redegegenstand als bekannt vorausgesetzt wird. Indikatoren für ein Thema sind außerdem Pronomina und Eigennamen. Das Rhema hingegen trägt den Satzakzent und bezeichnet die neu eingeführte Information. Durch Funktionswörter im Rhema-Bereich kann man verdeutlichen, dass noch weitere Informationen im Text folgen werden. Allgemein gilt, dass das Thema vor dem Rhema genannt wird, um einen Text verständlich zu gestalten. Umstellungen dienen der besonderen Betonung. Je nachdem, ob das Thema oder das Rhema eines Satzes im Folgesatz wieder aufgegriffen wird, unterscheidet man verschiedene Formen der Thema-Rhema-Progression, die ein Mittel der Textkohärenz sind.

Vernetzungsmuster

Es wird davon ausgegangen, dass der Textrezipient die Informationseinheiten, die ein Text in linearer Anordnung liefert, mithilfe derselben Deutungsmuster ordnet, die bei der sinnlichen Wahrnehmung von „Welt“ angewendet werden. Dies befähigt den Textrezipienten auch, einen Text als sprachliche kohärente Einheit zu verstehen, selbst wenn es ein von der Textoberfläche abweichendes Netz von Verknüpfungen gibt. Ein Beispiel dafür ist:

  1. Ralf hat den Fernseher aus dem Fenster geworfen.
  2. Er konnte den Anblick des Moderators nicht mehr ertragen.

Der Textrezipient wird automatisch erfassen, dass 2. die Begründung für 1. ist, dass die in 2. mitgeteilte Information also zeitlich vor 1. einzuordnen ist.

Diese Zuordnungsleistung hängt einerseits mit den Wissensbeständen zusammen, die einen Teil dessen ausmachen, was als „Weltwissen“ bezeichnet wird. Andererseits wendet der Rezipient konzeptuelle Deutungsmuster an, die wiederum unser Weltwissen beeinflussen. Die reihend-lineare Anordnung von Textbausteinen im Text wird also immer unterlagert durch ein Geflecht von Beziehungen, die zwischen den in diesen Textbausteinen gefassten Äußerungen über Sachverhalte etc. bestehen.

Es gibt drei Grundformen von Vernetzungsmustern:

Koordinierung

Diese Form der räumlichen, sachlich-thematischen und situativen Vernetzung findet man besonders in beschreibenden Texten. Die Koordinierung relativ heterogener Zusammenhänge und Ereignisse wird erst unter einer bestimmten Perspektive möglich. Dieses gemeinsame Gegebensein stellt die Basis für das frame-Konzept dar.

Chronologisierung

Diese Grundform findet man besonders in erzählenden Texten vor. Prototypische Kohäsionsmittel, die auf eine chronologische Vernetzungsstruktur verweisen, wären: „und dann … und dann … und dann, nachdem, plötzlich …“ Doch die Anordnung der Textelemente muss nicht der realen chronologischen Abfolge der Ereignisse entsprechen: Dies sollte dann aber durch sprachliche Signale gekennzeichnet werden, z.B. durch das Plusquamperfekt.

Konklusivität

Dieses Vernetzungsmuster geht auf das Deutungsmuster der Kausalbeziehung zurück. Dieses Muster dominiert in erklärenden und argumentativen Texten. Von zentraler Bedeutung sind hier die Ursache-Wirkung- und die Grund-Folge-Beziehung, es gehören aber auch Beziehungen von Finalität, Konzessivität etc. dazu Dieses Modell baut in bestimmter Weise auf dem der Chronologisierung auf: Ausgangspunkt der kausalen und konditionalen Verknüpfungen sind Relationen der Vor-und Nachzeitigkeit.

Textsorten

Gruppen gleichartiger Texte, die der Leser kategorisieren und zuordnen kann, bezeichnet man als Textsorten. Man erkennt bei diesen Texten also bestimmte Charakteristika, auch „Bündel von Merkmalen“ genannt. Beispiele dafür wären etwa Kochrezepte, Bauanleitungen, Ernennungsurkunden usw. Wenn jemand sich vornimmt, einen Text einer dieser Textsorten zu verfassen oder zu rezipieren, ist es wichtig, die Regeln, die sich in der Sprachgemeinschaft dafür gebildet haben, zu kennen. Ein Erfolg im Umgang mit solchen Texten ist sonst zumindest erschwert. Hierin liegt auch ein Teil der Bedeutung textlinguistischer Forschung.

Bisher ist es in der textlinguistischen Forschung noch nicht gelungen, eine einheitliche Textsortenklassifikation aufzustellen.

Klassifikationskriterien für Textsorten

Relevant sind dabei unter anderem:

  • die lautlich-paraverbale Ebene
  • die Wortwahl
  • die Art und Häufigkeit von Satzbaumustern (z.B. gehäufte Partizipialgefüge)
  • die Themenbindung und der Themenverlauf (bei einem Privatbrief erwartet man nicht, dass ein einziges Thema durchgehalten wird)
  • das Thema selbst
  • Textstrukturmuster (textsortenspezifische Gliederungs- und Baustruktur, auch Makrostruktur genannt); auf Texttiefenstruktur anzusiedeln

Die genannten Kriterien sind überwiegend textintern.

Es gibt aber auch textexterne Kriterien:

  • die Textfunktion (steht oft bei alltagssprachlichen Textsortenbezeichnungen wie Vorstellungsgespräch im Vordergrund)
  • das Kommunikationsmedium, das den Text trägt
  • die Kommunikationssituation, in die der Text eingebettet ist (Vielzahl unterschiedlicher Faktoren, z.B. sozialer Status von Kommunikationspartnern, Zahl der Kommunikationspartner, Grad der Öffentlichkeit, Medium des Kontakts, das Vorwissen)

Es gibt noch mehr Kriterien. Welche Kriterien bei Untersuchungen von Textsorten im Vordergrund stehen, ist vom Forschungsansatz abhängig.

Es sind oft verschiedene Merkmale, die einen Text als Exemplar einer bestimmten Textsorte erscheinen lassen. Auch gewichten wir die Wirkung dieser Merkmale unterschiedlich.

Textsorten vs. Textklassen

Es gibt hierbei grobe und feine Unterscheidungen. In alltagssprachlichen Bezeichnungen für Textsorten findet man Bezeichnungen, die ein einziges textsortenunterscheidendes Merkmal hervorheben (z.B. Brief), und zusammengesetzte Bezeichnungen, die mehrere Merkmale umfassen (Beschwerdebrief).

Nach Dimter (1981)[4] gibt es 1.600 Bezeichnungen, 500 davon gehören zu den sog. „grundlegenden“ Textsortenbezeichnungen (z. B. Brief). Darin wird die Textfunktion oft thematisiert. Die anderen sind abgeleitete Bezeichnungen wie Liebesbrief. Textthema und Trägermedium werden hierbei oft thematisiert (z. B. Heiratsanzeige – Differenzierung durch „Thema“). Formale Charakteristika lassen sich dagegen eher in literaturwissenschaftlichen Bezeichnungen und weniger im Alltag finden. In der Textsortenzuordnung werden manchmal die Textklassen (Großgruppen) und Textsorten (Untergruppen) hierarchisch abgegrenzt. Auch folgende Ordnung ist zu finden: Texttyp-Textklasse-Textsorte (Anleitungstext-Rezept-Kochrezept).

Die Begriffe „Texttyp“ und „Textklasse“ sind oft uneindeutig, daher müssen sie oft aus dem Kontext erschlossen werden. Zudem können Verschachtelungen auftreten: z. B. der massenmediale Zeitungstext enthält auch Leserbriefe, diese wiederum gehören zur Klasse der Briefe, die sich wiederum unterteilen lässt. In bestimmten Fällen lässt sich ein und derselbe Text über mehrere Stufen hin zwei oder eventuell auch mehreren Großgruppen (Textklassen) zuordnen.

Textsorten und Textmusterwissen

Bei den Bezeichnungen handelt es sich um konventionalisierte Muster des Sprachgebrauchs: Das betrifft Struktur, Gliederung, Textbausteine, Inhalt, formale Aspekte etc. Jeder neue Text, den wir behandeln, erweitert unser Wissen darüber. Das ermöglicht uns intuitive Zuordnung, was als „Textmusterwissen“ bezeichnet wird. Textmusterwissen hilft uns zum Beispiel, fehlerhaft angeordnete Texte wieder in eine der Textsorte entsprechende Reihenfolge zu bringen, dass wir also einen Zeitungstext überfliegen können und dennoch über den Inhalt der Meldungen informiert sind etc.

Dieses Textmusterwissen trägt zu einem kohärenten Textverständnis bei. Vor dem Hintergrund gegebener Muster können Einheiten rasch kohärent verstanden werden.

Textsorten und Textdefinition

Die Textsortenbestimmung ist demnach ein zusätzliches Kriterium für die Bestimmung von Texthaftigkeit: Kann ich eine sprachliche Äußerung als Exemplar einer Textsorte erkennen, wäre diese für mich ein Text. Wir nehmen einen Text intuitiv immer schon als Textsorte wahr. Das kann auch bei Texten, die in Bezug auf Kohäsion und Kohärenz problematisch sind, zu einem gewissen Textverständnis verhelfen.

Textfunktionen

Eine verbreitete Klassifikation von Texten ist die nach den kommunikativen Funktionen der Texte. So unterscheidet Brinker (2001) in Anlehnung an die Klassifikation von Sprechakten Informations-, Appell-, Obligations-, Kontakt- und Deklarationstexte. Das Problem bei dieser Einteilung ist, dass Texte oft mehrere solcher Funktionen erfüllen; man kann sie also nur danach bestimmen, was die dominierende kommunikative Funktion ist. Eine ähnliche Klassifikation findet man für Pressetexte bei Lüger[5], der u.a. informationsbetonte und meinungsbetonte Texte unterscheidet.

Zu den Textfunktionen: Obligationstexte sind solche, bei denen sich jemand selbst auf eine künftige Handlung oder Unterlassung festlegt, also z.B. Verträge. Kontakttexte dienen dazu, soziale Kontakte zu begründen oder fortzuführen; gute Beispiele dafür sind Grußpostkarten, die zwar auch Informationen enthalten können, oft aber so unbedeutende, dass sie nicht der eigentliche Grund für den Text sind. Deklarationstexte schließlich sind solche Texte, die dann, wenn sie unter entsprechenden Bedingungen verwendet werden, die Wirklichkeit ändern, also z.B. Ernennungsurkunden, Kriegserklärungen, Taufen etc. Die beiden anderen Begriffe erklären sich von selbst.

Damit sind die Möglichkeiten der Einteilung von Textfunktionen noch nicht erschöpft. Einerseits kann und muss man ggfs. die grobe Einteilung verfeinern, indem man Subklassen bildet. Man kann sich dazu an Vorschlägen orientieren, wie sie z.B. Hindelang (1983, 44ff.)[6] für direktive Sprechakte vorführt. Ihre Übertragung auf Appelltexte dürfte kein großes Problem sein.

Andererseits kann man sich fragen, ob die grobe Klassifikation nicht zu ergänzen ist. Einige weitere Textfunktionen muss man wohl vorsehen: So gibt es viele Texte, die hauptsächlich ästhetische Funktionen erfüllen (z.B. manche Gedichte), und andere, die vor allem unterhalten wollen (z.B. Rätsel). In allen Fällen stellt sich die Frage, welche die dominierende Funktion ist und welche weiteren Funktionen ein Text sonst noch erfüllt, die dann aber als sekundär zu gelten haben.

Textgrenzen

Was ist das Ganze? Was ist der Text? Wo sind die Grenzen eines Textes? Diese Fragen sind nicht immer leicht zu beantworten.

Immerhin kann man für viele Texte eine klare Entscheidung treffen: Bei Briefen etwa ist eindeutig, dass sie konventionell mit Ort, Datum und Anrede beginnen und mit Grußformeln enden. Es gibt etliche konventionelle Hinweise auf Textanfänge und -enden; manche Romane werden ausdrücklich mit "Ende", "finis" oder dgl. abgeschlossen. Auch Zeitungstexte haben ihre formalen Grenzmerkmale: Überschriften, Einrahmungen, Schrifttypen, farbliche Unterlegung usw. Niemand kann bezweifeln, dass eine eingerahmte Familienanzeige ein Text ist. Die Feststellung der Textgrenzen macht also in vielen Fällen keinerlei Probleme. Es kann aber dennoch gelegentlich Schwierigkeiten geben, z.B. bei Fragmenten oder unvollendeten Handschriften. Wenn wir in solchen Fällen einer Reihe von Sätzen Texthaftigkeit zusprechen können, heißt das ja nicht, dass damit auch die Textgrenzen festliegen. Vielleicht muss man sich damit zufrieden geben, dass sprachliche Gebilde texthaft sein können, ohne einen abgeschlossenen Text zu bilden.

Eine mögliche Lösung besteht dann darin, die kommunikative Funktion als ausschlaggebendes Kriterium für "Text" zu akzeptieren. Dann kann man sagen, dass man es mit einem Text zu tun hat, sobald man einem sprachlichen Gebilde eine kommunikative Funktion zusprechen kann. Da entsteht aber wieder die Frage, ob es sinnvoll ist, jede kommunikative funktionale Äußerung, jegliches Sprachhandeln bereits als Text zu betrachten, oder ob wir an Text nicht zusätzlich die Anforderung stellen, Vertextung aufzuweisen, also eine gewisse Menge von Sätzen zu umfassen, die untereinander kohärent sind. Weiterhin bleibt es eine Frage, wie man umfangreichere sprachliche Produkte erfassen will. Die Frage danach, was eigentlich die Größe einer nicht-sprachlichen Handlung ist, zeigt Hierarchisierungsprobleme auf.

Literatur

  • Kirsten Adamzik: Sprache: Wege zum Verstehen. A. Francke, Tübingen 2004.
  • Erhard Agricola: Textstruktur-Textanalyse-Informationskern. VEB Verlag, Leipzig 1979.
  • Robert-Alain de Beaugrande, Wolfgang Ulrich Dressler: Einführung in die Textlinguistik. Niemeyer, Tübingen 1981. ISBN 3-484-22028-7
  • Klaus Brinker: Linguistische Textanalyse. 5. durchgesehene und ergänzte Auflage. Erich Schmidt, Berlin 2001, ISBN 3-503-04995-9.
  • Wolfgang Dressler (Hrsg.): Textlinguistik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1978. ISBN 3-534-06473-9
  • Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2005. ISBN 3-411-04047-5 (Enthält ein ausführliches Kapitel "Der Text", S. 1067-1174)
  • Ulla Fix, Stephan Habscheid, Josef Klein (Hrsg.): Zur Kulturspezifik von Textsorten. Stauffenburg, Tübingen 2001.
  • Ulla Fix, Hannelore Poethe, Gabriele Yos: Textlinguistik und Stilistik für Einsteiger. Ein Lehr-und Arbeitsbuch. Peter Lang, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2002.
  • Roland Harweg: Pronomina und Textkonstitution. 2. verb. u. erg. Aufl. Fink, München 1979, ISBN 3-7705-1657-5
  • Margot Heinemann, Wolfgang Heinemann: Grundlagen zur Textlinguistik. Interaktion - Text - Diskurs. Niemeyer, Tübingen 2002, ISBN 3-484-31230-0.
  • Wolfgang Heinemann, Dieter Viehweger: Textlinguistik. Eine Einführung. Niemeyer, Tübingen 1991, ISBN 3-484-31115-0.
  • Angelika Linke, Markus Nussbaumer, Paul R. Portmann: Studienbuch Linguistik. 5. Auflage. Niemeyer, Tübingen 2004.
  • Heinz Vater: Einführung in die Textlinguistik. Struktur, Thema und Referenz in Texten. 2. Auflage. Fink, München 1994.

Einzelnachweise

  1. Bernhard Sowinski: Textlinguistik. Eine Einführung. Kohlhammer, Stuttgart u.a. 1983, S. 19ff. ISBN 3-17-005835-5
  2. Vgl. Harweg 1979.
  3. Sigurd Wichter: Gesellschaftliche Kommunikation als linguistischer Gegenstand. In: Helmut Henne, Horst Sitta, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Germanistische Linguistik: Konturen eines Fachs. Niemeyer, Tübingen 2003, S. 67-95. ISBN 3-484-31240-8
  4. Matthias Dimter: Textklassenkonzepte heutiger Alltagssprache: Kommunikationssituation, Textfunktion und Textinhalt als Kategorien alltagssprachlicher Textklassifikation. Niemeyer, Tübingen 1981. ISBN 3-484-31032-4
  5. Heinz-Helmut Lüger: Pressesprache. 2., neu bearbeitete Auflage. Niemeyer: Tübingen 1995. ISBN 3-484-25128-X
  6. Götz Hindelang: Einführung in die Sprechakttheorie. Niemeyer, Tübingen 1983. ISBN 3-484-25127-1

Weblinks

Wikipedia
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