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Taschentuch
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Ein Taschentuch ist ein Stück Stoff oder Papier, das vor allem zur Säuberung der Nase verwendet wird. Taschentücher gibt es als waschbare Stofftaschentücher oder als Papiertaschentücher, die nach dem Gebrauch entsorgt werden. Nicht in jeder Kultur wird zum Naseputzen ein Taschentuch benutzt.
Eine Sonderform des Taschentuchs ist das Einstecktuch, das Herren zu festlichen Anlässen oft in der Brusttasche des Sakkos tragen; es dient nur der Dekoration und hat keine praktische Funktion.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte und Entwicklung
Anfänge
Um etwa 105 n. Chr wurde in China das Papier erfunden. Es wurde dort für viele Dinge verwandt und entwickelte sich so erstmalig zu einem Alltagsgegenstand. Durch die Seefahrt und Handelslinien gelangte es nach Europa. Es verbreitete sich schnell. Vor allem die Klosterbewohner nutzten es, die Lehren für ihre gerade im Entstehen begriffene Religion niederzuschreiben.
Besonders in Rom wurde das Papier stark angenommen. Deshalb entstand dort auch in der Zeit um Christi Geburt ein erstes dünnes, quadratisches Papier, welches Muscinimum genannt und zum Naseputzen verwandt wurde. Doch das Römische Reich zerfiel. Die Verbesserungen dieses „Nasenpapieres“ hielten sich sehr in Grenzen und so kam es, dass das Taschentuch über 1.000 Jahre brauchte, um wieder an Attraktivität zu gewinnen.
Erst der Zeitraum um 1096 bis 1270 spielt wieder eine Rolle in der Geschichte des Taschentuches. Der Orient baute immer stärker die Handelsbeziehungen mit Europa aus. Besonders die Stadt Venedig, die als der „europäische Orient“ bezeichnet wurde, galt damals als reichste Handelsstadt. Neben Gewürzen, Teppichen und anderen orientalischen Handelsgütern kam auch der Stoff erstmals nach Europa. Dieses neue Material fand schnell Anklang auf dem gesamten Kontinent. Doch vorerst wurde daraus nur Kleidung hergestellt, die damals nur äußerst begrenzt produziert wurde. Doch für Taschentücher war noch kein Spielraum vorhanden.
Als um 1300 der Trittwebstuhl nach Europa kam (er war schon im 6. Jh. v. Chr. in China in Gebrauch), begann sich allmählich auch das Weben durchzusetzen. Man war nicht mehr so stark auf die Stoffe des orientalischen Raumes angewiesen, sondern webte sie selbst. Es entstand in der Folge der Beruf des Webers.
Ein solcher Weber war Baptiste Chambray, der aus Cambrai (Flandern) kam. Er stellte um 1300 die ersten Taschentücher aus Stoff her. Unter dem Namen Drapesello panetto di naso (ital.: einfache Tücher aus Stoff zum Naseputzen) wurde es aber nur vereinzelt gebraucht.
Entwicklung zum Luxusartikel
Etwa um 1447 wurde das Taschentuch allmählich zum Luxusartikel. Mit vielen Verzierungen war es nur denen vorbehalten, die es sich leisten konnten. Die kostbaren Ziertücher dieser Zeit wurden nach dem Italienischen fazzoletti genannt.
Sultan Mehmed II. Fatih (1432–1481) erließ ca. 1453 ein Gesetz, nach dem nur er und sein engster Stab Taschentücher in der Öffentlichkeit tragen durften. Wer diesem Gesetz zuwider handelte, wurde mit Haft und sogar oft auch mit dem Tod bestraft.
Ein weiteres Beispiel für die Machtdemonstration ist die Tränkung von Taschentüchern mit Parfüm. Diese Taschentücher wurden unter der Königin Maria de Medici unter dem Namen mouchoir de vénus bekannt. Bei der Einführung von Taschentüchern in Frankreich um 1519 galt Paris als „stinkende Stadt“. Durch die Veredelung mit Parfum konnte der Adel seine Macht gegenüber der Bevölkerung demonstrieren.
Weitere Verbreitung
Nachdem Baptist Chambray um 1300 die ersten Stofftaschentücher in Europa hergestellt hatte, erlebten sie im Zeitraum von 1453 bis 1589 eine starke Verbreitung. Nicht nur in der Türkei oder in Frankreich wurden Taschentücher benutzt, auch in England unter Heinrich VIII. traten sie zunehmend unter dem Namen handkercher in Erscheinung (heute handkerchief). Auch der berühmte Humanist und Theologe Erasmus von Rotterdam erwähnte 1534 das fatzynetlin in seinen Schriften.
Ab zirka 1583 kam dann das Schnüffeltuch auf. Der Tabak wurde aus der so genannten Neuen Welt importiert und meist als Schnupftabak verwendet. Aber auch die Schnüffeltücher waren sehr teuer, galten somit als Luxusartikel und unterstanden, wie auch die Taschentücher, den ständischen Kleiderordnungen.
Mit den Erfindungen des Fliegenden Schiffchens durch John Kay 1733 und der spinning jenny 1764 durch James Hargreaves wurde die Herstellung von Stoff zunehmend billiger. Dadurch konnten auch das Taschentücher kostengünstiger produziert werden und wurden vom Luxusartikel zunehmend zum Alltagsgegenstand.
Das 20. Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert veränderte die Benutzung des Taschentuchs auf vielfältige Art und Weise. Ausschlaggebend war das kaiserliche Patent in Deutschland über ein glyceringetränktes Papiertaschentuch aus dem Jahre 1894 (Patentnummer: 81094), das G. Krum, der Inhaber einer Göppinger Papierfabrik, anmeldete. Bei der Erfindung handelte es sich um ein sehr dünnes, aber fast normales Papier, das in Glycerin getränkt wurde, um eine bestimmte Weichheit zu erzielen.
Etwa 35 Jahre später, am 29.1.1929, reichten die Vereinigten Papierwerke Nürnberg ein Patent für das erste Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff beim Reichspatentamt (Patentnummer: 407752) ein. Dieses Taschentuch erhielt den noch heute bekannten Namen Tempo. Die Idee dazu schreibt man dem damaligen Mitinhaber der Vereinigten Papierwerke Oskar Rosenfelder zu. Das Patent basierte auf einem Zellstoffpapier, das mit einer dünnen Schicht Glycerin überzogen war, um damit – wie schon bei G. Krum 1894 – Weichheit zu erzielen.
Ebenfalls 1929 wurde in den USA eine Firma namens Kimberly-Clark gegründet. Sie stellte unter dem Markenname Kleenex Taschentücher her, die aus dem Baumwollersatzstoff Cellucotton (Zellstoffwatte) bestanden. Cellucotton setzte man vor allem während des Ersten Weltkrieges als Verbandsmaterial ein, weil es sich durch eine starke Saug- und Reißfestigkeit auszeichnete.
Die beiden großen Hersteller für Taschentücher aus Zellstoff begannen, den Weltmarkt zu erobern. Während Tempo sich auf dem europäischen Markt verbreitete, trat Kleenex überwiegend auf dem amerikanischen und asiatischen Markt in Erscheinung. Durch immer neuere Entwicklungen versuchte man, immer größere Absatzzahlen zu erreichen. So entwickelte Kleenex 1929 eine „Pop-up“–Box. Diese Konstruktion, bei der immer ein weiteres Taschentuch nachgezogen wurde, sobald man eines herausnahm, war sehr erfolgreich. Und die Absatzzahlen sowie der Verbrauch der Taschentücher wurden stetig gesteigert.
Seit den 1960er Jahren traten einige kleine Taschentuchproduzenten auf den Markt. Marktführer sind aber auch heute noch Tempo und Kleenex.
In Deutschland ist die Firma Procter & Gamble mit ihrer Marke Tempo bedeutendster Hersteller von Papiertaschentüchern, wobei sich vielerorts die Bezeichnung Tempo, unabhängig von der jeweiligen Marke, als Synonym für Papiertaschentuch durchgesetzt hat.
Aussehen
Heutige Papiertaschentücher der Marke Tempo sind mit 21 x 20,5 cm fast quadratisch und weiß. Als Verzierung werden lediglich Perforierungen verwendet, die diverse Muster entstehen lassen. Die Größe ist den Herstellern überlassen. Sie unterliegt keiner DIN-Vorschrift.
In der Hochzeit des Stofftaschentuches war das anders. Taschentücher erfreuten sich großer Beliebtheit bei den Adligen vor allem durch ihre reichhaltige Verzierung. Die Taschentücher wurden mit Goldfäden bestickt und mit Diamanten versehen.
Nach der Möglichkeit, Stofftaschentücher industriell zu fertigen, wollte man der sich einstellenden Eintönigkeit entgegenwirken. Als erste Maßnahme wurden die Taschentücher mit Monogrammen bestickt. Die kunstvoll verzierten Kürzel der Besitzer machten nicht nur äußerlich viel her, sondern trugen auch zur Individualität des Taschentuches bei, da nun keines dem anderen glich. Doch das reichte immer noch, um eine „bezahlbare Schönheit“ zu schaffen.
1785 erfand Thomas Bell das Rouleauxdruck– oder Walzendruckverfahren. Damit konnten die Stofftaschentücher mit Farbe bedruckt werden. Bei diesem Verfahren übertragen Druckwalzen, die mit eingravierten Mustern versehen sind, Farbe auf den Stoff. Es können bis zu 16 Walzen gleichzeitig eingesetzt werden. Diese befinden sich auf Spindeln und werden an die Druckunterlage gepresst. Die Druckfarben werden aus Farbtrögen auf die Walzen aufgetragen. Dabei entspricht jede Walze einer Farbe. Jedoch konnte diese Druckmöglichkeit nur dort wirtschaftlich eingesetzt werden, wo größere Partien zu drucken waren, da das Auswechseln der Druckwalzen hohe Rüstzeiten erforderte. Die Methode zeichnete sich aber durch eine hohe Leistungsfähigkeit aus. Somit konnten bis zu 5000 Meter Stoff pro Stunde bedruckt werden. Auch heute findet der Rouleauxdruck noch verstärkt Anwendung, da er wirtschaftlich sehr effektiv ist.
Doch nicht nur Druckverfahren wurden angewendet, um das Taschentuch schöner zu machen. Bereits 1809 entwickelte John Heathcoat die Technik, Spitzen industriell zu fertigen. Dies fand schnell Anwendung in der Taschentuchherstellung und war die endgültige Lösung für das Schönheitsproblem der in Massen produzierten Taschentücher.
Man hatte nun die Möglichkeit, jedes System einzeln oder zusammen einzusetzen. So wurden Taschentücher mit Motiven bedruckt. Bald wurden Taschentücher wie Zeitungen verwendet. Dabei zählten politische Ereignisse, wie die Französische Revolution, Weltkarten und Karikaturen zu den beliebtesten Motiven der Konsumenten.
Entgegen ihrem Namen bestehen heutige Papiertaschentücher zu 100 Prozent aus Zellstoff – dem Rohstoff für die Papierherstellung. Es gibt darüber hinaus auch Papiertaschentücher, bei denen dem Zellstoff ätherische Öle wie Menthol oder Hautbalsam beigefügt werden. Der Zellstoff wird in Skandinavien und Südamerika aus Holzfasern gewonnen. Bei der Produktion der Taschentücher benötigt man außerdem noch Wasser.
Entwicklung der Hygienevorstellungen
Durch die Möglichkeit, Taschentücher zu verzieren und mit wirtschaftlicher Fertigung einer breiten Käuferzahl zur Verfügung zu stellen, konnten zwei Hindernisse der Verbreitung von Taschentüchern beseitigt werden. Doch lange Zeit galt es als verpönt und als Schande sich öffentlich die Nase zu putzen. Erst mit dem aufkommenden Hygienebewusstsein in der Neuzeit änderte sich die Einstellung hierzu.
Lange Zeit glaubte man, dass Krankheiten durch stinkende Luft ausgelöst würden, unter anderem weil im Mittelalter die großen Seuchen hauptsächlich in den Armenvierteln ausgebrochen waren und der Adel die dort vorherrschende Luft verantwortlich machte. Zwischen 1760 und 1780 entstand die Theorie, dass die Luft aus phlogistischer Luft (N2), fixer Luft (CO2) und Lebensluft (O2) bestand. Die Chemie begann, Luft neu zu definieren und zu begreifen. Besonders Gerüche erhielten erstmals Beschreibungen und Namen.
1794 wurde dann in Paris der erste Lehrstuhl für öffentliche Hygiene an der Société Royale de Médecine geschaffen. Dort begann man sich mit der Ansteckung durch Krankheitserreger zu beschäftigen. Ein Augenmerk waren dabei sogenannte Miasmen. Ein Miasma galt damals als Bezeichnung für einen Ansteckungsstoff, der außerhalb des Körpers gebildet wurde. Diese Vorstellung hielt bis zur Entdeckung der Bakterien durch Louis Pasteur an.
Herstellung von Papiertaschentüchern
Für die Herstellung von Papiertaschentüchern wird nicht – wie der alternative Name Zellstofftaschentuch suggeriert – Zellstoff benutzt, sondern Zelluloseregeneratfasern. Diese sind saugfähiger, weicher und elastischer als der normale Zellstoff, der zur Papierherstellung genutzt wird. Um jedoch ein Taschentuch zu produzieren, muss man zunächst Zelluloseregeneratfaserplatten haben, die durch Veredelung von normalen Zellstoff entstehen. Als Rohstoff für die Zellstoffproduktion wird vor allem Holz verwendet. Zunehmend wird jedoch auch Schilfrohr, Espartogras und Stroh in die Produktion eingebunden, um die Baumbestände zu schonen.
Für die Herstellung der Taschentücher müssen 12 Schritte durchlaufen werden. Diese beginnen schon mit dem Ernten des Rohstoffs, also mit dem Fällen von Bäumen oder dem Sammeln von anderen Ausgangsstoffen wie zum Beispiel verschiedene Grasarten. Diese Ausgangsstoffe, die einen hohen Zellulosegehalt haben sollten, müssen in einer Hackmaschine zerkleinert werden. Holz wird zuvor entrindet. Die entstehenden Hackschnitzel werden zusammen mit den für das Verfahren notwendigen Chemikalien in einen Kocher gegeben. Nach der Stoffumsetzung werden die in Lösung vorliegenden Zelluloseregeneratfasern entwässert und anschließend in die gewünschte Form gebracht.
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, um die gewünschten Zelluloseregeneratfasern zu gewinnen. Jede Variante hat ihre Vorteile und ihre Nachteile. Die am häufigsten verwendeten Verfahren sind das Sulfitverfahren und das Sulfatverfahren. Weitere Verfahren sind zum Beispiel das Natronverfahren, das Natriumsulfitverfahren, das Pomilloverfahren und der Salpetersäureaufschluss.
Sulfitverfahren
Beim Sulfitverfahren wird vornehmlich altes abgelagertes Holz verwendet. Das zerkleinerte Material wird in ca. 400 m³ große, druck- und säurefeste Stahlbehälter gefüllt. Zu dem Holz wird dann Kalziumhydrogensulfit und ein Überschuss an schwefliger Säure gegeben. Dieses Stoffgemisch wird dann 12 bis 20 Stunden bei ca. 140°C und einem Druck von 5 bis 7 bar gekocht. Neuerdings wird auch Magnesiumhydrogensulfit oder Ammoniumhydrogensulfit eingesetzt, um ein schonenderes Kochen zu bewirken. Bei diesem Vorgang wird das Lignin zu löslicher Ligninsulfonsäure umgesetzt, die ein Bestandteil der Sulfitablauge ist. Diese Sulfitablauge ist außerdem sehr zuckerhaltig und kann daher zur Herstellung von Ethanol benutzt werden. Ein sehr großer Nachteil dieses Verfahrens ist jedoch, dass große Mengen an Abwasser entstehen.
Sulfatverfahren
Das Sulfatverfahren wird vorwiegend zur Verarbeitung von harzreichen Hölzern (Kiefern und Lärchen) in nordischen Ländern verwendet. Das zerkleinerte Holz wird in nur ca. 50 m³ große Behälter gefüllt und mit Natronlauge und Natriumsulfid versetzt. Dabei entsteht Zellstoff und Alkalignin. Der Zellstoff wird vom Alkalignin getrennt und anschließend im Viskoseverfahren zu Zelluloseregeneratfaserplatten verarbeitet. Bei diesem Verfahren entsteht zwar wiederum viel Abwasser, aber auch einige Nebenprodukte wie Terpentin, Harzseife, Tallöl und Kalziumkarbonat (kann als Düngemittel verwendet werden).
Das Sulfatverfahren hat noch weitere Vorteile. Im Unterschied zum Sulfitverfahren kann man alle Holzarten und einjährigen Pflanzen als Rohstoff verwenden. Der Zellstoff aus dem Sulfatverfahren hat eine höhere Festigkeit (bei Taschentüchern nicht unbedingt von Vorteil). Durch das Verbrennen der Ablauge entsteht kein Abwasserproblem.
Die Nachteile des Sulfatverfahrens sind eine geringere Zellstoffausbeute als beim Sulfitverfahren bei gleicher Menge an Rohstoffen. Sulfatzellstoff ist im Vergleich zum weißen Sulfitzellstoff braun. Dadurch entstehen sehr hohe Kosten beim Bleichen. Zudem kommt es bei der Produktion zur Entstehung übelriechender Gase.
Natronverfahren
Beim Natronverfahren wird das zerkleinerte Holz wenige Stunden unter einem Druck von 4 bis 8 bar mit 6- bis 8prozentiger Natronlauge versetzt. Dabei entsteht Alkalizellstoff und sehr viel Abwasser. Außerdem ist die Natronlauge nur einmal zu verwenden. Dieses Verfahren wird fast gar nicht mehr angewendet, weil es zu teuer ist.
Pomilloverfahren
Das Pomilloverfahren ist eine spezielle Möglichkeit zum Aufschluss von Schilfrohr und Stroh. Die Rohstoffe werden zunächst mit verdünnter Natronlauge behandelt und anschließend mit Chlor oxydiert. Danach extrahiert man mit stärkerer Natronlauge.
Salpetersäureaufschluss
Der Salpetersäureaufschluss wird vorwiegend für die Verarbeitung von Buchenholz verwendet. Es liefert einen sehr hochwertigen Zellstoff. Dabei wird zunächst 14prozentige Salpetersäure bei Temperaturen unterhalb von 50 °C zu dem Holz gegeben. Dies wird solange wiederholt, bis das Lignin völlig oxydiert ist. Diese Phase nennt man Imprägnierungsphase. Danach wird die Konzentration der Salpetersäure durch Verdünnen mit Wasser bei 100 °C auf weniger als ein Prozent gesenkt. Dadurch wird die Zellulose beim siebenstündigen Kochen nicht angegriffen. Nach Entfernen des oxydierten Lignins durch Kochen mit heißer, verdünnter Natronlauge erhält man eine schwarzbraune Lösung. Der Zellstoff wird anschließend durch Behandeln mit Chlor und 10prozentiger Natronlauge ohne Zuführung von Wärmeenergie weiter veredelt. Sein alpha-Zellulosegehalt steigt dabei bis auf 98 Prozent an.
Viskoseverfahren
Beim Viskoseverfahren wird einfacher Zellstoff mit Natronlauge versetzt. Dabei entsteht Alkalizellstoff, der mit Schwefelkohlenstoff zu Natriumzelluloseexanthogenat reagiert. Gibt man nun etwas Natronlauge hinzu, entsteht eine zähflüssige Spinnlösung (Viskose). Wenn man nun diese Spinnlösung in ein Spinnbad aus Natriumsulfat und Schwefelsäure presst, fällt Zellulose aus.
Kulturgeschichte
Schneuzen in der Öffentlichkeit
Im europäischen Mittelalter schneuzten sich alle Schichten, auch der Adel, mit den Fingern und wischten diese anschließend an der Kleidung ab. Das stellte keinen Verstoß gegen die guten Sitten dar, denn Taschentücher waren noch nicht in Gebrauch. Ab dem Mittelalter bürgerte sich eine feinere Art des Schneuzens ein: Während das „niedere“ Volk die rechte Hand benutzte, mit der auch gegessen wurde, schneuzte man sich in gehobenen Kreisen zumindest während einer Mahlzeit nur mit der linken Hand, vorzugsweise nur mit zwei Fingern.[1]
Die Benutzung des Taschentuchs zum Schneuzen wurde zunächst in Italien eingeführt und verbreitete sich von dort aus in Adelskreisen. Vornehme Damen trugen das als kostbar geltende Tuch offen am Gürtel. Doch selbst Herrscher besaßen zunächst nur wenige Exemplare. Heinrich IV. von Frankreich hatte Ende des 16. Jahrhunderts lediglich fünf Taschentücher. Erst Ludwig XIV. besaß eine größere Anzahl.[1]
Aus dem Benimmbuch des Erasmus von Rotterdam geht klar hervor, dass zu seiner Zeit das Taschentuch zwar bekannt, aber auch in den Oberschichten wenig verbreitet war. 200 Jahre später gilt es als Unsitte, kein Taschentuch zu benutzen. Das öffentliche Schneuzen gilt zunehmend als unschicklich.[1]
Als Luxusartikel dienten die Taschentücher vor dem 18. Jahrhundert vor allem als Prestigeobjekte und zu dekorativen Zwecken und wurden allenfalls benutzt, um sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen. Mit der aufkommenden Mode des Tabakschnupfens wurden die Tücher aber vor allem für Männer zunehmend zum Gebrauchsgegenstand.
Ab dem 18. Jahrhundert wurden die Peinlichkeitsempfindungen ausgeprägter, so dass man beispielsweise bei Tisch jeglichen Gebrauch von Taschentüchern vermeiden sollte, um die anwesenden Gäste nicht zu verärgern. Falls es jedoch unumgänglich war, den „Körperfluss“ aufzuhalten, sollte man den Vorgang möglichst mit einer Serviette verbergen oder sich zumindest von der Tafel wegdrehen. Der Begriff Peinlichkeit errang eine neue Position in der Gesellschaft, so dass sogar die Benutzung des Wortes Schneuzen vermieden werden sollte. [2]
Verdrängung des Stofftaschentuches
Seit der Erfindung des Zellstofftaschentuches wurde die Zahl der Stofftaschentuchbenutzer erheblich reduziert. Es wurden neue Qualitätsansprüchen an das Stück (Zell)Stoff gestellt. Nicht länger wollte man mit der Ungewissheit leben, dass das vermeintliche „Stück Stoff“ vielleicht bei der vorhergehenden Reinigung nur mangelhaft gesäubert wurde und somit vielleicht noch die eigenen oder sogar fremde Keime vorhanden waren; es galt zunehmend als unhygienisch, ein benutztes Stofftaschentuch in der Hosentasche oder in der Handtasche mit sich herumzutragen und es wiederholt zu benutzen. Daher setzten sich Papiertaschentücher nach und nach gegen das traditionelle Stofftaschentuch durch.
Fast 90% der Bevölkerung benutzen heute Zellstofftaschentücher.
Sonstiges
In der Schwulenszene existierte der so genannte „Hanky code“ (vom englischen „hanky“ als Kurzform für Taschentuch) vermutlich als erstes. Inzwischen wird er auch von der BDSM-Szene und anderen verwendet. Ein Taschentuch wird sichtbar z.B. in der Gesäßtasche getragen und zeigt über Farbe, Art sowie Tasche, in der es getragen wird, die sexuellen Präferenzen des Trägers an.
Zu den unter anderem von Krafft-Ebing in der Psychopathia sexualis beschriebenen Ausprägungen des sexuellen Fetischismus zählt der Taschentuchfetischismus.
Quellen
- . a b c Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, Bd. 1, 3. Aufl. 1977, S. 201 ff.
- ↑ Martin Beutelspacher aus „Menschen, Nasen, Taschentüchern“
Literatur
| Wiktionary: Taschentuch – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen |
- Autorenkollektiv; Altpapier, VEB Fachbuchverlag, Leipzig 1979
- Autorenkollektiv; Zellstoff – Papier, VEB Fachbuchverlag, Leipzig 1974
- Autorenkollektiv; Dt. Großbetriebe – die Zellwoll-Erzeugung, J.J. Arnd Verlag, Leipzig 1938
- Autorenkollektiv; Kosmos C4000, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 1990
- Bibliothek des allg. und prakt. Wissens, Bong & Co., 1/1909 ; 6/1906
- Ernst Völkel; Kunstseiden- und Zellwollarten, Dr. Max Jänecke Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1942
- G. Donder-Langer, H.M. Zwergel; Menschen, Nasen, Taschentücher, Selbstverlag Kassel 1998
- Hrsg. Dt. Institut für Normung e.V.; Papier, Pappe und Zellstoff, Beuth Verlag, 1/Berlin 1991 ; 2/1991
Weblinks
- Ingeborg Waldinger: Das Taschentuch
- Zur Geschichte des Taschentuchs
- Schnupftuch und Schweißtuch
- Deutschlandradio Kultur: Schneuz-Manieren - Schnupfen, Taschentuch und Zivilisation
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