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Sozialinformatik

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Sozialinformatik ist ein Fachbereich der Sozialen Arbeit der sich etwa seit Mitte der 90er Jahre herausgebildet hat. Einige Akteure der Sozialinformatik wollen diese zudem im Sozialmanagement verorten, andere streben eine völlig andere Ausrichtung an. Eine einheitliche Besetzung des Begriffs liegt damit nicht vor. Mit dem Begriff der Sozialinformatik sind inzwischen mehrere unterschiedliche Orientierungen verbunden:

  • Mit dem Begriff Sozialinformatik können die Informatisierungsbestrebungen der Sozialen Arbeit gefasst werden. Es stellen sich bei dieser Definition von Sozialinformatik Fragen nach den optimalen Informatik-Lösungen für die Soziale Arbeit (Sozialarbeit, Sozialpädagogik und soziokulturelle Animation) sowie für die Verwaltung und das Management sozialer Organisationen. Insbesondere geht es darum, Prozesse der Sozialen Arbeit und der Administration sozialer Organisationen in Software-Systemen abzubilden.
  • Sozialinformatik kann auch als Fachbereich verstanden werden, bei dem es darum geht, Informations- und Kommunikationstechnologien im Sinne einer verbesserten gesellschaftlichen Partizipation von Betroffenen nutzbar zu machen. Damit sollen ein Fortschreiten der "digitalen Armut" oder der gesellschaftlichen "digitalen Spaltung" verhindert werden. Denn gesellschaftliche Teilnahmechancen sind an die Möglichkeiten gekoppelt, Informationstechnologien nutzen zu können.
  • Und drittens kann Sozialinformatik das Ineinandergreifen von technologischen und sozialen Entwicklungen fokussieren. In diesem Zusammenhang wird teilweise auch von "Soziotechnik" gesprochen. Zur Zeit spielen die sozialen Folgen von technologischen Innovationen und die technologischen Folgen von sozialen Entwicklungen in der sozialwissenschaftlichen Diskussion eine eher untergeordnete Rolle.
  • In jüngerer Zeit kommen zudem integrative Ansätze hinzu, welche die zuvor genannten Orientierungen auf sozialarbeitswissenschaftlicher Grundlage integrieren und eigene Kompetenzen hinsichtlich der fachspezifischen Anwendungserstellung, Forschung und Theoriebildung mit deutlichem Klientenbezug entwickeln wollen. Ein solcher Ansatz birgt zudem eine emanzipatorische Komponente (Loslösung aus der Abhängigkeit rein verkaufsorientierter und fachfremder Softwarehersteller) sowie professionsbildende Aspekte.

Kritik

Betrachtet man die momentane (Stand: 3/2007) inhaltliche Besetzung des Begriffs "Sozialinformatik", so hat diese im Grunde sehr wenig zu tun mit dem eingeführten Begriff der Informatik; es handelt sich keineswegs um eine echte angewandte Informatik, auch wenn einige Akteure aus diesem Feld diesen Eindruck vermitteln möchten. Eines der Merkmale einer angewandten Informatik besteht in ihrer jeweiligen Gestaltungsaufgabe, die die Sozialinformatik aber nicht erfüllen kann, da sie völlig andere Schwerpunkte setzt und insbesondere auf die Erstellung eigener fachspezifischer Anwendungen verzichtet. Aus diesem Grund wird der Sozialinformatik von einigen Autoren der Status einer angewandten Informatik abgesprochen, oder sie wird lediglich als Arbeitsteilung zwischen Softwareindustrie und sozialen Organisationen bezeichnet. Es geht hier auch vordergründig nicht um "Soziales" im allgemein üblichen Sprachgebrauch, sondern vielmehr um den "Sozialmarkt", auf dem es Hard- und Software zu kaufen und zu verkaufen gilt. Der bezeichnet einen von Steuergeldern und privaten sowie öffentlichen Subventionen unterschiedlicher Herkunft (Privatspender, Stiftungen, Kommunen, Länder, Bund, EU) finanzierten und nicht unerheblich großen und lukrativen, dabei altertümlich hierarchisch und monopolistisch strukturierten Zielsektor des allgemeinen Softwaremarktes. Es geht um Software, die man auf diesem Markt möglichst konkurrenzlos feilbieten kann und um einen schlichten Dialog zwischen monopolistisch orientierten Verkäufern sowie traditionell ebenso monopolistisch strukturierten Käufern.

Infolgedessen buhlen etliche - vor allem Großunternehmen - um eine Monopolstellung auf diesem Markt. "Sozialinformatik" ist dabei eine von Sozialpädagogen kreierte Wortschöpfung, welche das Primat der Sozialpädagogik im Monopolisierungsprozeß hervorzuheben und profundes Fachwissen außen vor zu halten versucht. Da der Bereich des "Sozialmarktes" (Caritas und Diakonie gelten als umsatzstärkste Konzerne noch vor allen Industrieunternehmen in Deutschland) sich unter anderem dadurch auszeichnet, daß Anpassungsprozesse der sogenannten "freien Wirtschaft" der letzten zwanzig Jahre nicht mitvollzogen wurden (z.B. keine Planstellen für Informatiker), gelten die Kunden des sogenannten "Sozialmarktes" den teilnehmenden Unternehmen gewissermaßen als "leichte Beute", wo es nur die lästige Konkurrenz auszuschalten gilt.

Infolgedessen machen fast ausschließlich "große Fische" in Kodependenz mit den institutionalisierten Vertretern der "Sozialinformatik" den Zukunftsmarkt präemptiv unter sich aus, ohne daß es bislang adäquate und dem vielschichtigen Anforderungsspektrum gerecht werdende Branchenlösungen oder auch nur Konzepte hierzu gäbe. Zufriedenstellende Ergebnisse gibt es bislang jedenfalls ebensowenig wie einen ausreichend eindeutigen Anforderungskatalog, welcher hierfür Voraussetzung wäre.

Solange dies Faktum ist, ist "Sozialinformatik" trotz aller überbordenden Pubikationen zum Thema kaum mehr als eine Worthülse mit zudem irreführendem Charakter, was sich vorrangig auf die Ansätze der Hauptakteure der Sozialinformatik bezieht. Aus fachlicher Sicht der Sozialen Arbeit jedoch ist wichtiger (und relativ irritierend), dass der Klient - der ja immerhin "Gegenstand" der Sozialen Arbeit in Prävention, aktueller Intervention und Rehabilitation ist - weder direkt noch indirekt vorkommt, will sich eine solche Sozialinformatik durch vorrangig auf die "Managementebene" und eher betriebswirtschaftliche Aspekte beziehen (dies bezieht sich jedoch nicht auf die zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema "EDV / Computer in der Sozialen Arbeit", sondern auf explizit sozialinformatische Beiträge). Es gibt jedoch darüber hinausgehende Ansätze (z.B. bei Jurgovsky, Peterander, Janatzek) bei denen es durchaus um konkrete Anwendungserstellung und informatische Theorie- und Modellentwicklung geht und die eher unter dem Begriff der Sozioinformatik (der jedoch teilweise als Synonym zur Sozialinformatik benutzt wird) subsummiert werden können. Insbesondere Janatzek versucht, die wissenschaftlichen Grundlagen der Informatik mit denen der sich noch im Bildungsprozeß befindlichen Sozialarbeitswissenschaft zu verschränken um hierdurch eine echte angewandte Informatik zu kreieren, die jedoch nicht als Synthese zweier Wissenschaften, sondern als eigenständige (Sub-)Disziplin der Sozialen Arbeit verstanden werden soll. Zudem liegt der Schwerpunkt dieses Ansatzes auf einer sozialarbeitswissenschaftlichen Grundlage und damit auf einer Klientenzentrierung. Hierzu ist weiter anzumerken, dass in früheren Zeiten die Anwendungserstellung oder Anpassung von Software für Zwecke der Sozialen Arbeit durch Sozialarbeiter / Sozialpädagogen (auch für den Einsatz direkt mit dem Klienten) keineswegs unüblich war (vgl. z.B. Verleysdonk / Vogel 1990). Erst seit dem massiven Aufkommen grafischer Benutzeroberflächen wurde diese Auffassung zunehmend zurückgedrängt.

Literatur

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Capurro, Rafael (1987): Die Informatik und das hermeneutische Forschungsprogramm. Anmerkungen zu einem neuen Ansatz, in: Informatik-Spektrum #10, S. 363 - 375

Dringenberg, Rainer (1997): Internet im Alltag, EFH RWL Bochum, Bochum

Halfar, Bernd (1997): Sozialinformatik unerläßlich, in: Blätter der Wohlfahrtspflege, 144 Jg., 6, S. 113 - 114

Janatzek, Uwe (2007): Sozialinformatik in der Sozialen Arbeit. Vdm Verlag Dr. Müller (Saarbrücken) ISBN: 978-3836405843

Jurgovsky, Manfred (2002): Was ist Sozialinformatik? In: Neue Praxis, H. 3, 32. Jg., S. 297-303

Jurgovsky, Manfred (2004): Sozioinformatik. Ein Vorschlag zur Neupositionierung der Informatik in der Sozialen Arbeit, in: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, H. 1 / 2004, S. 40 - 48

Kantel, Heinz-Dieter (1993): Technisierung kommunaler Sozialarbeit. Vom Ende eines Mythos, in: Widersprüche # 49, 13. Jg., S. 9 - 18

Kreidenweis, Helmut (2004): Sozialinformatik. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) Ersch. in der Lehrbuch-Reihe Studienkurs Management in der Sozialwirtschaft

Kreidenweis, Helmut (2004) Sozialinformatik in der Lehre – Ein Konzept zur systematischen Verankerung in der Ausbildung. In: Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit. Nr. 4, S 102-112

Ostermann, Rüdiger / Trube, Achim (2002): Sozialinformatik lehren - aber wie?, in: Sozialmagazin # 7 - 8, 27. Jg.

Reinert, Jürgen (2002): Sozialinformatik. Gegenstand und Curriculum, in: Studium und Praxis # 1

Rudlof, Christiane (2005): Sozialinformatik- Soziale Organisationen gestalten. IN: EMISA Forum (Mitteilungen der GI- Fachgruppe Entwicklungsmethoden für Informationssysteme und deren Anwendungen) Jahrgang 25 Heft 1 Januar 2005 ISSN: 1610-3351

Scherer, Brigitte (1993): Selbstwert und Computer. Wirklichkeitserfahrungen im Umgang mit Computern, in: Widersprüche # 49, 13. Jg., S. 47 - 58

Stahlmann, Günther (1999): Die Informationsgesellschaft und die Soziale Arbeit, in: Blätter der Wohlfahrtspflege # 9 / 10, S.185 - 193

Wendt, Wolf R. (2000): Sozialinformatik - Stand und Perspektiven. Mit Beiträgen von Silke Axhausen, Josef Hilbert, Helmut Kreidenweis u. a. Edition SocialManagement Bd.15. Nomos Verlangsgesellschaft (Baden-Baden)

Winograd, Terry / Flores, Fernando (1989): Erkenntnis Maschinen Verstehen, Rotbuch Verlag, Berlin

Verleysdonk, Albert / Vogel, H.-Christoph (1990): EDV in der sozialen Arbeit. Wissenschaftlicher Verlag des Instituts für Beratung und Supervision, Aachen

Zemanek, Heinz (1991): Weltmacht Computer, Bechtle Verlag, Esslingen / München

Weblinks

Wikipedia
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