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Soziale Plastik

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Soziale Plastik beziehungsweise soziale Skulptur ist ein von dem deutschen politischen Künstler Joseph Beuys geprägter erweiterter Kunstbegriff und fordert ein kreatives Mitgestalten an der Gesellschaft. Die soziale Plastik umfasst als Kunstbegriff sämtliche Lebensbereiche des Menschen.

Das traditionelle Kunstverständnis, in dem der Künstler als Schöpfer von Kunstwerken gilt, wird auf menschliche Tätigkeiten ausgedehnt: jeder einzelne gestaltet die Gesellschaft, Kultur, Politik und Ökologie mit und formt sie plastisch in einem kunsthandwerklichen Sinne.

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Der erweiterte Kunstbegriff als wesensgemäßer Kapitalbegriff

Inhaltsverzeichnis

Definition

Die Theorie der „Sozialen Plastik“ besagt, jeder Mensch könne durch kreatives, soziales Handeln und Verhalten zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch plastizierend auf die Gesellschaft einwirken.

Aus dieser Vorstellung entstand die viel zitierte Hauptthese der Sozialen Plastik: „Jeder Mensch ist Künstler”. Im heute üblichen Sprachgebrauch werden Menschen als Künstler angesehen, die auf dem Gebiet der bildenden oder der darstellenden Kunst und der Musik kreativ tätig sind. Sie erschaffen Kunstwerke oder stellen Ideen zu deren Schaffung bereit.

Dem stellte Beuys seine Vorstellung gegenüber, dass jeder daran teilnehmen kann, das Leben insbesondere in Politik und Wirtschaft sozial und kreativ zu gestalten. Hierfür richtete er 1972 auf der Dokumenta 5 ein Informationsbüro der "Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung" ein und kandidierte 1979 als Vertreter der Grünen für das Europaparlament. Er rief Institutionen wie die Deutsche Studentenpartei (DSP), die Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung, sowie auch die Free International University (FIU) ins Leben um gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Die Free International University gliederte sich später in die Bewegung der Grünen ein.

Besondere Fähigkeiten zum Künstler als Erschaffer von Kunstwerken seien in diesem Sinne nicht erforderlich, denn Beuys ging davon aus, dass die notwendigen Fähigkeiten zum Formen der Sozialen Plastik: Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie in jedem Menschen vorhanden sind. Diese Fähigkeiten müssten nur erkannt, ausgebildet und gefördert werden.

Die Grundlage der Sozialen Plastik ist der Mensch, der durch Gedanken und Sprache, soziale Beziehungen und Strukturen entwickelt. Diese Entwicklung der Gesellschaft verstand Joseph Beuys als einen kontinuierlichen kreativen Prozess. Die Aufgabe der Kunst sei es, dem Menschen diesen Prozess bewusst zu machen.

Der Gesamtzusammenhang der Sozialen Plastik erklärt sich daher aus einem sozialen Handeln und sozialem Verhalten welches das Allgemeinwohl betreffend und dem Begriff Plastik, als ein modellierfähiges und formbares Gebilde das visuell, haptisch, olfaktorisch, akustisch und thermisch erfahrbar ist und mit der Wahrnehmung der Gesellschaft gleichzusetzen ist.

Im Gegensatz zu einem rein formalästhethisch Kunstbegriff umfasst die Soziale Plastik, als ein anthropologischer Kunstbegriff, jegliche kreative menschliche Tätigkeit. Mit allem, was der Mensch gestaltet und somit als eine geistige Leistung schöpferisch hervorbringt, gilt der Einzelne als gesellschaftsverändernd aktiv.

Aus dieser Annahme heraus beschränkt sich die Kunst nicht nur mehr auf materielle Artefakte, die in einem Museum oder einer Galerie ausgestellt werden, sondern auch auf die gesamte Gesellschaft, in welcher in allen Bereichen nach der Forderung von Beuys die Kunst ihren Platz einnehmen muss um veraltete Lebensformen durch neue zu ersetzen. Beuys sprach hierbei oftmals von einem „Sozialen Organismus“. [1] [2]

Beispielprojekte

Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung

Das Wirkungsfeld der sozialen Kunst betrat Beuys erstmals mit der im Jahr 1971 von ihm und Johannes Stüttgen gegründeten Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung. Die Organisation war, Teile des Konzepts des Erweiterten Kunstbegriffs und der Sozialen Plastik auch in der Politik umzusetzen und dadurch gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen.

Das Gesetzgebungsmonopol des parteienstaatlichen Parlamentarismus sollte durch die direkte Demokratie gebrochen werden, Gesetzesinitiativen vom Volk bestimmt und verbindliche Abstimmungen darüber ermöglicht werden.

Beuys sah die Aufgabe der Organisation in der politischen Information und Diskussion und einer konkreten Organisation von Volksabstimmungen. Er wollte verdeutlichen, dass eine funktionierende Demokratie den Willen zur Gestaltung und die Fähigkeiten einer Mehrheit benötigt. Durch das Konzept der Sozialen Plastik sollte das Leben, Kunst, Politik und Gesellschaft eine Einheit bilden.

Siehe auch: Joseph Beuys und die Politik

Freie internationale Hochschule

Die 1972 von Beuys als Verein gegründete Free International University (FIU) sollte als ein „organisatorischer Ort des Forschens, Arbeitens und Kommunizierens“ die Fragen einer sozialen Zukunft durchdenken. Der dahinter stehende pädagogische Entwurf sah eine grundlegende Erneuerung des Bildungswesens vor, was die Veränderung der Organisationsstruktur, der Methoden und Inhalte des Unterrichts sowie die vollständige Unabhängigkeit der Schulen und Hochschulen von staatlicher Bevormundung einschloss.

Der Gesamtzusammenhang der Free International University (FIU) sowie auch der von Beuys initiierten Deutschen Studentenpartei sowie auch der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung wurde von verschiedenen Personen und Gruppierungen aufgegriffen und weitergeführt.

Siehe auch: Joseph Beuys und die Kunstakademie (1961–1972)

7000 Eichen

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Fridericianum Kassel

Eine erste umfangreiche Umsetzung der Sozialen Plastik in Hinblick auf die Verbesserung der Urbanisierung wurde in der Aktion 7000 Eichen deutlich. Unter dem Motto „7000 Eichen – Stadt-verwaldung statt Stadt-verwaltung” pflanzte Beuys mit der Hilfe von Freiwilligen im Verlauf mehrerer Jahre 7000 Bäume zusammen mit jeweils einem begleitenden Stein an 7000 Punkten in Kassel. 1982 von Joseph Beuys als Beitrag zur documenta 7 begonnen, konnte die Aktion 1987 zur documenta 8 abgeschlossen werden. Ein Jahr zuvor verstarb Joseph Beuys.

Die öffentlichen Reaktionen auf die Aktion waren sehr unterschiedlich. Diese reichten von begeisterter Zustimmung bis zu heftigster Ablehnung. [3]

Gesamtkunstwerk Freie und Hansestadt Hamburg

1983 und 1984 entwickelte Beuys im Rahmen des Wettbewerbs Stadt-Natur-Skulptur das Projekt Gesamtkunstwerk Freie und Hansestadt Hamburg, bei dem unter anderem stark verseuchte Flächen im Hamburger Hafengebiet rekultiviert werden sollten. Zu einer Realisierung kam es jedoch aufgrund eines Vetos des damaligen ersten Bürgermeisters, Klaus von Dohnanyi, nicht.

Rezeption und Interpretation

Joseph Beuys Œuvre, umfasst die wesentlichen Ausdrucksformen, wie etwa die Aktions- und Installationskunst oder Multiples, die in der Zeit in Abkehr von traditionellen Vorstellungen der Moderne entwickelt wurden und reicht von der Nachkriegszeit bis in die 80er Jahre. Anhand des Gesamtwerks erschließt sich ein Einblick in die Entwicklung der westlichen Kunstgeschichte der vergangenen 50 Jahre und führt auch zu Fragen und Positionen im Umgang mit der Gegenwartskunst.

Die Vorstellung, dass sich die Kunst nur in einer Gemeinschaft die sich für die Kunst interessiert, äußern kann und die Politik den Politikern und wirtschaftliche Vorgänge anonymen, teilweise unkontrollierbaren, Marktgesetzen überlassen sind, wird durch die Verwirklichung der Sozialen Plastik aufgehoben. Die Soziale Plastik fordert, auf Grundlage einer direkten Demokratie, dass die Macht direkt vom Volk ausgeübt wird.

Nach Beuys erhält jeder Mensch mit der Forderung der Sozialen Plastik im weitesten Sinn eine innere und individuelle Freiheit, als einzelner innerhalb der Gesellschaft zu handeln und somit ist der Einzelne auch für die gesamte Gesellschaft verantwortlich.

Die Soziale Plastik bringt die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft und insbesondere die Probleme einer Gesellschaft, wie der militärische Bedrohung, die ökologische Krise oder die Probleme des Wirtschaft durch eine kreative Gestaltung und Mitverantwortung in eine inhaltliche Überschneidung, die einen „gesunden“ Austausch und eine für den Mensch gesunde Kommunikation möglich sind.

Hinter der Forderung der Sozialen Plastik steht daher auch eine Hoffnung, dass die Kunst als interdisziplinäre Sprache zwischen Natur und Mensch, im Bezug auf die bestehende Umweltproblematik vermitteln kann und somit die Verwirklichung in allen Lebensbereichen der Gesellschaft das Leben auf der Erde zum Positiven verändert.

Die Ausweitung des Kunstbegriffs auf die Politik hatte zur Folge, dass sein künstlerisches Schaffen auch mit politischen Wertmaßstäben betrachtet wurde.

„Jeder Mensch ein Künstler“ verneint nicht spezielle Begabungen etwa in der Malerei und stellte auch keine Anweisung an Jedermann dar, auch im klassischen Sinn künstlerisch tätig zu werden. Er behauptet vielmehr, dass beispielsweise die Gesellschaft, eine Demokratie auch als Kunstwerk betrachtet werden kann, zu dessen Gelingen vor allem individuelle Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie notwendig sind; Einstellungen also, die eigentlich eher der Künstler gegenüber seinen Sujets hegt. Diese Eigenschaften und Fähigkeiten sprach er dann jedem Mensch zu. Er wendete sich damit auch gegen eine formalisierte, erstarrende Rollenverteilung in einer spezialisierten Gesellschaft, die der Kunst nur eine Nische zuweisen will.

Siehe auch: Joseph Beuys/Rezeption

Siehe auch

Literatur

Schriften von Joseph Beuys

  • Joseph Beuys: Jeder Mensch ein Künstler – Auf dem Weg zur Freiheitsgestalt des sozialen Organismus; FIU-Verlag, ISBN 3-928780-52-2
  • Joseph Beuys: Ein kurzes erstes Bild von dem konkreten Wirkungsfelde der sozialen Kunst; FIU-Verlag, 1987 ISBN 3926673028
  • Joseph Beuys: Aktive Neutralität - Die Überwindung von Kapitalismus und Kommunismus; FIU-Verlag, ISBN 3928780107
  • Joseph Beuys: Sprechen über Deutschland – Rede vom 20. November 1985 in den Münchener Kammerspielen; FIU-Verlag, ISBN 3-928780-14-X
  • Joseph Beuys, Frans Haks, Das Museum ISBN 3-928780-06-9
  • Joseph Beuys, Bernhard Blume, Rainer Rappmann: Gespräche über Bäume FIU-Verlag, ISBN 3-928780-11-5
  • Joseph Beuys: KUNST = KAPITAL Achberger Vorträge FIU-Verlag, ISBN 3-928780-03-4
  • Joseph Beuys: Was ist Geld?; ISBN 392878000X

Sekundärliteratur

  • Harlan, Rappmann, Schata: Soziale Plastik - Materialien zu Joseph Beuys ISBN 3-8810-30654
  • Thomas Mayer, Kunstwerk Volksabstimmung (Sondereinband) ISBN 3-9287-80239
  • Volker Harlan: Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Joseph Beuys (1986), Urachhaus ISBN 3-87838-482-3
  • Hiltrud Oman: "Joseph Beuys. Die Kunst auf dem Weg zum Leben." München, Heyne (1998) ISBN 3-453-14135-0
  • Silvia Gauss: Joseph Beuys Gesamtkunstwerk Freie und Hansestadt Hamburg 1983/84, FIU-Verlag Wangen 1995, ISBN 3-928780-12-3
  • Wolfgang Zumdick: Über das Denken bei Josef Beuys und Rudolf Steiner, Wiese Verlag, Basel 1995, ISBN 3909164285

Weblinks

Texte zur Sozialen Plastik

Weiterführende Informationen

Quellen

  1. Barbara Lange, „Soziale Plastik“, in: Hubertus Butin, DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, S. 276.
  2. Aufruf zur Alternative - Joseph Beuys 12.1978 [1]
  3. HS-Säule: Fieldstudies II Joseph Beuys - 7000 Eichen [2]
Wikipedia
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