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Simulacrum
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Als Simulacrum oder Simulakrum (Plural: Simulacra oder Simulakren) bezeichnet man ein wirkliches oder vorgestelltes Ding, das etwas oder jemand anderem verwandt ist oder ihm ähnlich ist. Der lateinische Ausdruck simulacrum leitet sich über simulo („Bild, Abbild, Spiegelbild, Traumbild, Götzenbild, Trugbild“) von simul („ähnlich, gleich“) ab. Die Bedeutung kann abwertend gemeint sein im Sinne eines trügerischen Scheins, sie kann aber auch positiv verstanden werden im Rahmen eines Konzepts produktiver Phantasie.
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Verwendung bei Lukrez
Die präzise Wortgestalt von Simulacrum geht zurück auf die atomistische Wahrnehmungstheorie des Lukrez. Diesem zufolge erzeugen die Dinge ihre eigene Sichtbarkeit, indem sie ständig feine Schichten ihrer äußeren Hülle in den Raum aussenden, die dann entsprechende Abdrücke auf der Netzhaut hinterlassen. Diese umherfliegenden Schichten bzw. „Häutchen“ sind die Simulacren. (vgl. Lukrez: De rerum natura, 4. Buch, V. 30-53)
Simulacrum als Erkenntnisinstrument
Nach Roland Barthes rekonstruiert ein Simulacrum seinen Gegenstand durch Selektion und Neukombination und konstruiert ihn so neu. Es entsteht eine „Welt, die der ersten ähnelt, sie aber nicht kopieren, sondern einsehbar machen will“. Das Simulacrum ist insofern auch ein Merkmal der strukturalistischen Tätigkeit:
- „Das Ziel jeder strukturalistischen Tätigkeit […] besteht darin, ein ‚Objekt‘ derart zu rekonstituieren, daß in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine ‚Funktionen‘ sind). Die Struktur ist in Wahrheit also nur ein simulacrum des Objekts, aber ein gezieltes, ‚interessiertes‘ Simulacrum, da das imitierte Objekt etwas zum Vorschein bringt, das im natürlichen Objekt unsichtbar oder, wenn man lieber will, unverständlich blieb.“ (Barthes: Die strukturalistische Tätigkeit, in: Kursbuch 5, Mai 1966, S. 190-196)
Simulacrum als Spur
Jacques Derrida sieht das Simulacrum als Merkmal der Spur (und damit als Gegensatz zu Walter Benjamins Begriff der Aura):
- „Da die Spur kein Anwesen ist, sondern das Simulacrum eines Anwesens, das sich auflöst, verschiebt, verweist, eigentlich nicht stattfindet, gehört das Erlöschen zu ihrer Struktur.“ (Derrida: Die différance, in: Peter Engelmann (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart: Reclam 1990, S. 107.)
Medientheorie
Das Simulacrum ist auch ein zentraler Begriff in zeitgenössischen Theorien der Virtualität bzw. Virtualisierung insbesondere von Gilles Deleuze, Paul Virilio, Pierre Bourdieu, Pierre Klossowski und vor allem Jean Baudrillard. Baudrillard unterscheidet verschiedene historische Formen von Simulacren (Imitation, Produktion, Simulation) und beschäftigt sich besonders mit dem Simulacrum der Simulation als dem dominanten Simulacrum der durch Massenmedien bestimmten Gegenwartsgesellschaft. Das Kennzeichen dieses modernen Simulacrums besteht nach Baudrillard darin, dass die Unterscheidung zwischen Original und Kopie, Vorbild und Abbild, Realität und Imagination unmöglich geworden und einer allgemeinen „Referenzlosigkeit“ der Zeichen und Bilder gewichen sei.
Auch in konstruktivistisch orientierten Medientheorien wird eine faktische Auflösung der klassischen Unterscheidungen und Differenzen konstatiert und unter den Schlagworten der Virtualisierung, Metamedialisierung, Autopoietisierung, Autologisierung, Kybernetisierung und Fiktionalisierung untersucht.
Sonstiges
Der Begriff Simulacrum wurde in der Waffentechnik auch gleichbedeutend mit Simulaker verwendet, einer zu Übungszwecken in leichter Ausführung nachgeahmten Geschützwaffe.
Siehe auch
- Simulation, Hyperrealität
- Ähnlichkeit, Repräsentation
- Slavoj Žižek
- Nancy Cartwright
- Theaterwissenschaft
- Golem
Literatur
- Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, München. Matthes & Seitz 1976
- Jean Baudrillard: Agonie des Realen, Berlin: Merve 1978
- Jean Baudrillard: Simulacra and Simulation, Michigan: University of Michigan Press 1995, ISBN 0472065211 (z.T. identisch mit Agonie des Realen)
- Jean Baudrillard: Der unmögliche Tausch, Berlin: Merve 2000, ISBN 3883961612
- Christa Karpenstein-Eßbach: Einführung in die Kulturwissenschaft der Medien, München: Fink 2004
- Roland Barthes: Die strukturalistische Tätigkeit, in: Kursbuch 5, Mai 1966, S. 190-196
- Jacques Derrida: Die différance, in: Peter Engelmann (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion, Stuttgart: Reclam 1990
- Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Suhrkamp 1982
Weblinks
- Richard Heinrich: Ausdruck und Abbild. Wissen, Zeichen, Ähnlichkeit
- Roland Barthes: Die strukturalistische Tätigkeit, in: Kursbuch 5, Mai 1966, S. 190-196
- Daniel Hermsdorf: Die 1000 Lügen des Kinos – Zu Baudrillards Begriff der Simulation und seiner filmtheoretischen Relevanzbe-x-old:Сымулякр
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