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Seevölker

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Bild:Seevölker.jpg
Seeschlacht im Nildelta zwischen den Seevölkern und den Streitkräften Ramses III. (1198-1166 v. Chr.) Umzeichnung Wandrelief im Tempel von Medinet-Habu/Theben

Als Seevölker werden von der modernen Forschung die in verschiedenen ägyptischen Quellen des Neuen Reichs erwähnten „Fremdvölker“ bezeichnet, die um 1200 v. Chr. Ägypten angriffen und auf die auch eine Reihe von Zerstörungen im östlichen Mittelmeergebiet zurückgeführt wird.

Inhaltsverzeichnis

Definition

Der Ausdruck Seevölker wurde von dem französischen Ägyptologen Gaston Maspero geprägt, um die von Ramses III. auf den Reliefs von Medinet Habu abgebildeten Fremdvölker zu bezeichnen. Inzwischen bezeichnet man so eine Reihe von Völkerschaften, die in ägyptischen Quellen des Neuen Reichs, vor allem aus der Zeit Merenptahs (ca. 12131203 v. Chr.) und Ramses III. (ca. 118453), erwähnt sind.

Ägyptische Quellen zu den „Seevölkern“

  • Auf Inschriften in Karnak und Atribis wird aus dem 5. Jahr des Merenptah (Baenre-hotephirmaat, 1213–1203, 19. Dynastie) von einem Angriff einer Koalition bestehend aus Libyern und „Seevölkern“ (Hnw [Haunebu]), altägyptisch für „die von hinter den Inseln“, auf Ägypten berichtet. Er wird teilweise auch als Revolte gewertet, die niedergeschlagen werden konnte. Dem libyschen Herrscher Merju folgen die Hilfstruppen der Šrdn (Schardana) und Šklš (Schekelesch), außerdem Eqeš (Ekwesch).
  • Auf den Reliefs von Medinet Habu sind mehrere Fremdvölker dargestellt, die teils gegen die, teils auf der Seite der Ägypter kämpfen. Die Träger eines Federhelms, die in der Land- und der Seeschlachtszene gegen die Ägypter stehen, werden dabei als Peleset (plst), Tjekker (tkr), Denyen (dnjn) und Weschesch bezeichnet, die Träger eines Hörnerhelms ohne Aufsatz als Schardana (vielleicht auch Schekelesch), die Träger eines Hörnerhelms mit Knopf oder Scheibe als Šekeleš (šklš). Diese Fremdvölker werden einheitlich mit einem kurzen Rock dargestellt; sie sind meist bartlos. Oft tragen sie Panzer. Die Bewaffnung besteht aus einem runden Schild, Speer, Lanze und Schwert. Ihre Schiffe sind einheitlichen Typs mit Segeln und einem Vogelkopf an beiden Enden. Ob sie Ruder besaßen, ist umstritten.
  • Im Papyrus Harris, einem Rechenschaftsbericht von Ramses III., kurz nach dessen Tode verfasst, wird berichtet, wie der Pharao die ‚Dnjn‘, „die auf ihren Inseln sind“, tötet. Gefangene ‚Šrdn‘ werden als Hilfstruppen angesiedelt. Die meisten Kommentatoren nehmen hier eine Verwechslung mit den ‚Šklš‘ an, denn die ‚Šrdn‘ sind schon länger als ägyptische Hilfstruppe bekannt.
  • Die Šrdn sind unter Ramses II.(1279-1213) auf ägyptischer Seite in der Schlacht von Kadesch belegt. Sie kamen als Kriegsgefangene in die Armee und werden als Hörnerhelmträger mit Knauf abgebildet.
  • Die Šrdn entsprechen wohl den Šardanu in den Amarnabriefen (18. Dynastie). In einem Brief des Königs von Byblos an den Pharao werden Šardanu als Leibwache erwähnt.

Deutung der geographischen Begriffe

  • Hnw: wörtlich verstanden: hinter der Ägäis, vielleicht schwarzes Meer, alternativ: nördlich in der Ägäis liegt Makedonien und Thrakien mit Orten wie Kilkis, Thessaloniki und Chalkidike, es könnte aber genauso gut hinter Zypern und Kreta gemeint sein und damit Anatolien, evtl. Westanatolien.
  • Dnjn: Ägäis

Verlauf des „Seevölkersturms“

Die Reliefs auf dem Totentempel und der Papyrus Harris berichten, dass sich hauptsächlich zur See operierende Völker zu einer Koalition zusammengeschlossen und im östlichen Mittelmeergebiet viele Städte und Reiche zerstörten. Die in weiten Teilen des östlichen Mittelmeerraums nachgewiesenen Zerstörungen um und kurz nach 1200 v. Chr. werden oft mit diesen „Seevölkern“ verbunden; z. B. soll Ugarit dadurch vernichtet worden sein, und Zypern wurde etwa 200 Jahre lang durch die nördlichen Räuber bedrängt.

Anschließend griffen sie Ägypten an. Im 8. Regierungsjahr Ramses III. (ca. 1177 v. Chr.) soll der Hauptstoß sowohl zu Lande als auch zur See erfolgt sein. Bedeutendstes Zeugnis hierfür sind die Bildwerke und Inschriften im Totentempel Ramses III. in Medinet Habu, in denen die Abwehrschlachten Ramses III. detailliert beschrieben werden. Ramses gelang es zwar, die Seevölker zu besiegen, doch Ägypten war durch die vielen Kriege geschwächt und verlor viel Macht und Einfluss, insbesondere natürlich im nordöstlichen Mittelmeer.

Theorien zur Identität der „Seevölker“

Bild:AlterOrient2.png
Alter Orient im 13. Jh. v. Chr.

Das Thema „Seevölker“ zählt zu den meistdiskutierten, komplexesten und schwierigsten Forschungsbereichen der Altertumsforschung. Zahlreiche multidisziplinäre Kongresse widmeten sich ausschließlich diesem Thema. Eine allseits befriedigende und akzeptierte Lösung der „Seevölker“-Frage konnte trotzdem bis heute nicht gefunden werden. Weder ist die genaue Herkunft der einzelnen Völker geklärt, noch, welche Dimensionen der sogenannte „Seevölkersturm“ hatte.

Auch die Identität der meisten aufgeführten sogenannten „Seevölker“ ist bis heute ungeklärt. Viele Althistoriker, Sprachwissenschaftler und Archäologen gingen früher davon aus, dass es sich in der Mehrzahl um indogermanische Illyrer gehandelt habe. Ihr Vordringen führte nach Meinung einiger Forscher zum Niedergang der mykenischen Kultur in Griechenland (Pylos, Mykene u. a.) und besiegelte das Schicksal des Hethiterreichs Šuppiluliumaš' II.. Heute wird diese These – wenn überhaupt – nur noch in abgeschwächter Form vertreten. Die Theorie eines „Völkersturms“, der vom Balkan oder gar noch weiter nördlich ausgehend die Kulturen Griechenlands und Anatoliens weggefegt haben soll, hält neueren Erkenntnissen nicht mehr stand.

Die am weitesten verbreitete Theorie besagt, dass der Ausgangspunkt der „Seevölker“-Unruhen der west- bzw. süd-kleinasiatische oder/und der ägäische Raum war. Dafür spricht auch die ägyptische Bezeichnung Haunebu für die Seevölker, die „Volk hinter den Inseln“ bedeutet und auf die Region um die Ägäis hinweist (im neuen Reich bezeichnete man in Ägypten die gesamte Ägäis mitsamt ihren Festlandküsten als die ‚Inseln‘). Zu den Bewohnern der angrenzenden Küsten zählen auch die u. a. in der Bibel erwähnten Philister (von ihnen stammt die Bezeichnung Palästina). Andere sehen die „Seevölker“ schlicht als Piraten.

Die Philister werden mit den in den ägyptischen Quellen genannten Peleset (oder Pereset von pl(r)st) gleichgesetzt und ihnen werden als Hinterlassenschaften insbesondere Keramiken aus Tell el-Jehudijeh zugeschrieben. Auf der Rückseite dieser Keramiken sind Zeichen eingebrannt, die griechischen Buchstaben ähneln (SH IIIC bzw. auf Zypern LC IIIC-Ware). Da allerdings das griechisches Alphabet damals noch nicht entwickelt war, werden die Zeichen dem Alphabet der Philister zugeordnet. Diese Zuordnung ist allerdings aufgrund der doch deutlichen Zeichenunterschiede umstritten.

Als gesichert wird die Gleichsetzung der „Lukku“ mit den Bewohnern der Lukka-Länder angesehen. Diese werden in hethitischen Texten oft genannt und waren in Südwest-Kleinasien angesiedelt. „Lukku“ sollen – wie auch die berühmten Schardana – nicht erst gegen 1200 v. Chr. als „Seevölker“ ins Blickfeld der Ägypter treten. Vermutlich haben sie bereits auf hethitischer Seite bei der berühmten Schlacht bei Kadesch (ca. 1274 v. Chr.) gegen Ramses II. gekämpft.

Die letzte Korrespondenz aus Ugarit spricht von sehr verlustreichen Kämpfen des hethitischen Herrschers im Bereich der Lukka-Länder. Gleichzeitig war Zypern nach den Alašija-Briefen von nicht näher bezeichneten „Feinden“ angegriffen worden, die jedoch weiterzogen, und die Flotte Ugarits wurde vom hethitischen Herrscher an der kleinasiatischen Südküste eingesetzt. Truppen Ugarits waren ins hethitische Kernland verlegt worden. Unmittelbar nach dieser Schilderung wurde das schutzlose Ugarit selbst von See aus zerstört (zwischen 1194 und 1186).

Siehe auch

Literatur

  • Trude Dothan, Moshe Dothan: Die Philister, Zivilisation und Kultur eines Seevolkes. Diederichs, München 1995. ISBN 3-424-01233-5
  • Wolfgang Helck: Die Beziehungen Ägyptens und Vorderasiens zur Ägäis bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. Harrassowitz, Wiesbaden 1962, Wiss. Buchges., Darmstadt 1979, 1995. ISBN 3534129040
  • Othniel Margalith: The sea peoples in the Bible. Wiesbaden, Harrassowitz 1994. ISBN 3-447-03516-1
  • Abraham Malamat: The Egyptian decline in Canaan and the Sea-Peoples. Massadah, Tel-Aviv 1971.
  • N. K. Sandars: The sea peoples - warriors of the ancient Mediterranean 1250—1150 BC. Thames and Hudson, London 1978, 1985, 1987. ISBN 0-500-27387-1
  • Fritz Schachermeyr: Die Levante im Zeitalter der Wanderungen, vom 13. bis zum 11. Jahrhundert v. Chr. Wien 1982. ISBN 3-7001-0428-6
  • Immanuel Velikovsky: Die Seevölker, 1978, ISBN 3-524-69006-8
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