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Relativismus

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Bild:Disambig-dark.svg Dieser Artikel beschreibt die philosophische Denkrichtung des Relativismus. Weitere Erläuterungen finden Sie im Artikel Relativität. Albert Einsteins Theorien zur Relativität beschreibt der Artikel Relativitätstheorie.
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Relativismus ist eine philosophische Denkrichtung, in der davon ausgegangen wird, dass die Wahrheit von Aussagen stets bedingt ist, und dass die Reihe der Bedingungen von Bedingungen in historisch bedingten Festsetzungen oder in subjektiven Überzeugungen endet, nicht aber in unbedingten Wahrheiten. Daraus folgt, dass Relativisten die Auffassung vertreten, dass sie keine absoluten Wahrheiten kennen und keine absoluten ethischen Werte. Ähnliche Gedanken gibt es im Nihilismus und im Skeptizismus.

Inhaltsverzeichnis

Einteilung

Relativistischen Theorien zufolge ist die Geltung von Aussagen prinzipiell abhängig von Voraussetzungen, die ihrerseits keine allgemeine Geltung beanspruchen können. Daher lassen sich relativistische Positionen danach einteilen, welche Klasse von Geltungsansprüchen als relativ angesehen wird und welche Art von Voraussetzungen in Anschlag gebracht wird. Entsprechend den dabei möglichen Kombinationen ergibt sich eine Vielzahl verschiedener Spielarten relativistischen Denkens.

Der erkenntnistheoretische Relativismus

Vor dem Hintergrund einer anscheinend objektiv erkennbaren Welt – etwa auch mit Hilfe von Messinstrumenten – sind Wissenschaftler oft geneigt, an eine objektive wissenschaftliche Wahrheit zu glauben. Bei genauer Betrachtung allen wissenschaftlichen Arbeitens aber zeigt sich, dass es keine Wissenschaft gibt, die nicht bestimmter Festsetzungen bedarf, um überhaupt zu klären, worin ihr Objektbereich besteht und von welcher Art die Erkenntnismethoden über diesen Objektbereich sein sollen. Dieser Zusammenhang ist durch die historistische Wissenschaftstheorie des Gegenwartsphilosophen Kurt Hübner explizit gemacht worden[1]. Dennoch aber ist damit noch nicht das Problem gelöst, wie sich Objektivität im Mantel der Relativität denken lässt. Der Mathematiker, Physiker und Philosoph Hermann Weyl hat jedoch die Richtung zur Lösung dieses Problems mit Hilfe der Invariantentheorie angegeben[2].

Bedeutungsrelativismus

Der Bedeutungsrelativismus (linguistischer Relativismus) nimmt an, dass sprachliche Ausdrücke nur im Zusammenhang der Sprache verständlich sind, in der sie formuliert werden. Es wird davon ausgegangen, dass die Sprachen oder Sprachfamilien in andere Sprachen prinzipiell oder partiell unübersetzbar sind.

Kritik

Der linguistische Relativismus wird unter anderem dafür kritisiert, dass er, um seine These zu belegen, auf Beispiele aus der betreffenden Sprache oder auf ausführliche Sprachvergleiche zurückgreifen muss, was ihm unter seinen eigenen Voraussetzungen überhaupt nicht möglich wäre. Deshalb argumentiert u.a. Donald Davidson, dass der Begriff der Sprache selbst bereits Übersetzbarkeit impliziert, da es andernfalls keine Möglichkeit gebe, etwas überhaupt als Sprache zu identifizieren.

Wahrheitsrelativismus

Der Wahrheitsrelativismus (epistemischer Relativismus) wiederum vertritt die Ansicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern die Wahrheit vom Beobachter abhängt. Jede Überzeugung (Religionen, Ideologien, Wissenschaften, Weltbilder etc.) baue auf Dogmen und Axiomen auf. Da diese Dogmen und Axiome hinsichtlich ihres Absolutheitsanspruches von Relativisten angezweifelt werden, findet er keine absolute Wahrheit mehr. Weil aber absolute Wahrheiten wegen ihrer grundsätzlichen Beziehungslosigkeit gar nicht für spezielle Problemlösungen verwertbar sind, sucht der Relativist auch keine absoluten Wahrheiten, sondern nur Begründungsendpunkte, von deren Geltung er zwar persönlich überzeugt ist, für die er aber grundsätzlich keinen Absolutheitsanspruch stellen kann und will.[3].

Kritik

Der Standardeinwand gegen den epistemischen Relativismus ist das Argument einer selbstreferentiellen Inkonsistenz: Wenn alle Behauptungen nur relativ gültig sind, betreffe dies auch die relativistische Behauptung selbst. Somit könne diese nicht als gültiger denn ihre Negation angesehen werden. Ginge man davon aus, dass der epistemische Relativismus universell gültig sei, beginge der Relativist einen performativen Selbstwiderspruch (Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas, Vittorio Hösle): Der propositionale Gehalt seiner Behauptung stünde dann im Widerspruch zu dem Sprechakt, den er selbst vollzöge. Autoren wie Hösle und Apel sehen in diesem Argument eine Letztbegründung notwendiger Wahrheiten. Der Fehler in dieser Behauptung besteht für Vertreter der relativistischen Position darin, dass ein Relativist keinen Anspruch auf universelle Gültigkeit erhebe, weil er keinerlei Anlass dazu habe. Von ihrem absolutistischen Standpunkt gingen Absolutisten wie etwa Vittorio Hösle wie selbstverständlich davon aus, dass Relativisten auch einen Anspruch auf universelle Gültigkeit stellen müssten, was sie aber nach ihrem Selbstverständnis grundsätzlich nicht tun; denn dann würden sie sich in ihrer Position freilich widersprechen. Tatsächlich behaupten Relativisten, ohne einen Absolutheitsanspruch auszukommen. Natürlich braucht auch ein Relativist Begründungsendpunkte zum Begründen. Diese sind von ihm aber nicht als Letztbegründungen im Sinne einer absoluten Wahrheit gedacht, wie etwa von Hösle unterstellt wird; denn Begründungsendpunkte sind für ihn bezogen auf den subjektiven Standpunkt des Begründenden selbst. [3]

Werterelativismus

Der Wertrelativismus (ethischer Relativismus) schließlich ist der Auffassung, dass normative Maßstäbe menschlichen Handelns nicht universell wahr sind, sondern höchstens innerhalb einer bestimmten Kultur (Kulturrelativismus) beziehungsweise einer bestimmten historischen Epoche (historischer Relativismus) faktisch gültig sind.

Zentrales Element des Werterelativismus ist die Unterscheidung zwischen deskriptiven (was ist) und normativen Aussagen (was sein soll). Er macht keine Aussage dazu, ob und in welchem Sinne deskriptive Aussagen wahr sind, er verneint jedoch, dass normative Aussagen universell wahr sein können. Dies widerspricht nicht seinem eigenen Wahrheitsanspruch als deskriptive meta-ethische Position. Er selbst beinhaltet keine Normen und Werte. Seine Vertreter können somit unterschiedlichste Wertvorstellungen haben.

Der Versuch die Wahrheit von Werten aus deskriptiven Aussagen herzuleiten oder beschreibende Theorien mittels moralischer Argumente zu kritisieren wird als naturalistischer Fehlschluss bezeichnet.

Kritik

Der ethische Relativismus wird von manchen Kreisen als moralisch verwerflich oder gar politisch gefährlich angesehen. Er bezweifele die universelle Geltung der Menschenrechte. Weiterhin mache er die moralische Verurteilung von Praktiken wie der Verstümmelung oder Beschneidung weiblicher Genitalien auf einer absoluten Ebene unmöglich. Der Fehler in dieser Argumentation besteht nach relativistischer Ansicht darin, dass gerade die Befürworter dieser unmenschlichen Praktiken sich auf ein absolutes Wertesystem bezögen. Gerade der Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht, d. h. die Möglichkeit des Einzelnen nach seinen eigenen Wertsetzungen zu leben, nähme den Absolutisten die Möglichkeit, sich mit einem absolutistischen Argument über den Willen einzelner hinwegzusetzen. Die Forderung, die Handlungen des Einzelnen dürften sich nicht gegen den Willen oder die Freiheit anderer richten, ist jedoch selbst von ihrer Natur her normativ. Gegen den ethischen Relativismus argumentieren insbesondere der Realismus, die (Neu-)Scholastik und das Naturrecht. Diese bestreiten keinesfalls, dass ethische Relativisten auch ethische bzw. moralische Überzeugungen haben bzw. praktizieren können. Allerdings weisen sie darauf hin, dass sich ihre Überzeugungen häufig widersprechen und so nicht (alle) wahr sein können. Relativisten sehen jedoch keine Möglichkeit, absolute Wahrheiten zu etablieren, so daß alle unterstellten Widersprüche nur aus der Sicht von absolutistischen Positionen als solche erscheinen.

Geschichte

Die zunehmende Bekanntschaft mit fremden Völkern und die damit einhergehende Einsicht in die Pluralität religiöser Vorstellungen, Weltbilder und lokaler Sitten und Gebräuche führte bereits in der antiken Sophistik zur Entwicklung relativistischer Auffassungen. So ist etwa der Homo-Mensura-Satz des Protagoras bereits von seinen zeitgenössischen (göttertreuen, aristokratischen) Widersachern als Ausdruck eines extremen epistemischen Relativismus gedeutet worden: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der Seienden für ihr Sein und der Nicht-Seienden für ihr Nicht-Sein“. Mit der begrifflichen Unterscheidung von Natur („physis“) und menschlicher Satzung („nomos“) wurde zudem die Grundlage für einen ethischen Relativismus geschaffen, dem zufolge moralische Normen und Gesetze nicht auf der Natur, sondern auf menschlicher Übereinkunft beruhen und somit kontingent, das heißt sowohl kulturrelativ als auch historisch veränderlich sind.

Neuere kritische Quellenforschung geht allerdings davon aus, dass der Homo-Mensura-Satz des Protagoras wie auch andere überlieferte erkenntnistheoretische Positionen der Sophisten statt im Sinne der heutigen (platonischen) Relativismusdefinition eher im Sinne der neuzeitlichen Systemtheorie beziehungsweise des (Radikalen) Konstruktivismus zu verstehen sind.

Der neuzeitliche Relativismus entwickelte sich insbesondere seit dem 18. Jahrhundert. Beeindruckt von der Entdeckung und Erkundung neuer Kontinente und der wachsenden Anzahl von Reiseberichten aus fernen Ländern entwickelten Gelehrte wie beispielsweise Herder, Humboldt oder Hamann in kritischer Distanz zum universalistischen Vernunftbegriff der Aufklärung Ansätze zu Sprach-, Kultur- und Rationalitätstheorien mit relativistischen Implikationen. Der Siegeszug der neuzeitlichen Wissenschaften schuf die weltanschaulichen Voraussetzungen für das Aufkommen einer Vielzahl relativistischer Theorien im Verlauf des 19. Jahrhunderts. So ging etwa der geschichtswissenschaftliche Historismus von der historischen Bedingtheit aller menschlichen Lebensäußerungen aus, während Biologismus und Psychologismus die relativistische Ansicht nahe legten, dass menschliches Denken und Verhalten nur mehr als Ausdruck der biologischen beziehungsweise psychischen Konstitution des Menschen zu verstehen seien, womit auch das Naturrecht auf eine relativistische Grundlage gestellt wurde.

Im 20. Jahrhundert wurden explizit relativistische Positionen, insbesondere von Evans-Pritchard und anderen in der Ethnologie, von Benjamin Lee Whorf und anderen in der Linguistik (Sapir-Whorf-Hypothese) und von Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend in der postempiristischen Wissenschaftstheorie entwickelt. Im Kontext der zeitgenössischen Philosophie weisen vor allem der Konstruktivismus, der Poststrukturalismus und der Pragmatismus vielfach relativistische Tendenzen auf.

Im 21. Jahrhundert wendet sich vor allem das römisch-katholische Christentum unter Papst Benedikt XVI. gegen einen „um sich greifenden Relativismus“[4]: Es bilde sich eine „Diktatur des Relativismus“ heraus, die nichts als definitiv anerkenne und die als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lasse.[5]

Quellen

  1. Kurt Hübner Kritik der wissenschaftlichen Vernunft, Alber Verlag, Freiburg 1978ff. ISBN 3-495-47592-3.
  2. Wolfgang Deppert, Hermann Weyls Beitrag zu einer relativistischen Erkenntnistheorie, in: Wolfgang Deppert/Kurt Hübner/Arnold Oberschelp/Volker Weidemann (Hrsg.): Exact Sciences and their Philosophical Foundations/Exakte Wissenschaften und ihre philosophische Grundlegung, Vorträge des Internationalen Hermann-Weyl-Kongresses, Kiel 1985, Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main/Bern/New York/Paris 1988, ISBN 3-8204-9328-X, S. 445-467.
  3. . a b Wolfgang Deppert, Relativität und Sicherheit, in: Michael Rahnfeld (Hg.): Gibt es sicheres Wissen?, Bd. V der Reihe Grundlagenprobleme unserer Zeit Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2006, ISBN 3-86583-128-1, ISSN 1619-3490, S. 90-188.
  4. Bf. Mons. Agostino VALLINI, Emeritierter Erzbischofbischof von Albano, Präfekt des Obersten Gerichtshofs der Apostolischen Signatur (VATIKANSTADT), Presseamt des Heiligen Stuhls
  5. FAZ Wider die Diktatur des Relativismus 19. April 2005


Siehe auch

Literatur

  • Meiland, J.W., M.Krausz (Hg.): Relativism, Cognitive and Moral. Notre Dame Ind., London 1982.
  • Hollis, M., S. Lukes (Hg.): Rationality and Relativism. Oxford 1982.
  • Neusüss, Arnhelm: Ein Ausflug ins Gebirge - Wie unser Horizont sich verschob. Ein Lob des Relativismus. wjs-Verlag, Berlin 2007. ISBN 9-783-937989-28-0

Weblinks

Wikipedia
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