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Pseudoinverse
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Die Pseudoinverse einer Matrix ist ein Begriff aus dem mathematischen Teilgebiet Lineare Algebra. Sie ist eine Verallgemeinerung der Inversen Matrix auf singuläre und nichtquadratische Matrizen, weshalb sie häufig auch als verallgemeinerte Inverse bezeichnet wird. Der häufigste Anwendungsfall für Pseudo-Inversen ist die Lösung linearer Gleichungssysteme.
Eine erste Form wurde von E. H. Moore (1920)[1] und Roger Penrose (1955)[2] beschrieben. Die nach ihnen benannte Moore-Penrose-Inverse ist nicht die einzige Möglichkeit, eine Pseudoinverse zu definieren, häufig wird aber Pseudoinverse synonym mit Moore-Penrose-Inverse benutzt (wie z.B. in [3]). Die Moore-Penrose-Inverse ist für alle Matrizen mit Einträgen aus den reellen oder komplexen Zahlen definiert und eindeutig. Mit ihr kann man bei linearen Ausgleichsproblemen die optimale Lösung mit kleinster euklidischer Norm berechnen.
Eine numerisch robuste Methode zur Bestimmung der Moore-Penrose-Inversen baut auf der Singulärwertzerlegung auf.
Inhaltsverzeichnis |
Allgemeine Pseudoinversen
Die Verallgemeinerung der Bildung der Inversen einer Matrix auf singuläre Matrizen wird in der Literatur nicht einheitlich gehandhabt und orientiert sich oftmals an der zu lösenden Aufgabenstellung (einige Beispiele solcher Verallgemeinerungen sind weiter unten aufgeführt).
Nach [4] sollte eine Definition von verallgemeinerten Inversen zumindest die folgenden drei Forderungen erfüllen:
- Für reguläre Matrizen sollte sich eindeutig die gewöhnliche Inverse ergeben.
- Im verallgemeinerten Sinne sollten auch singuläre Matrizen invertierbar sein (wenigstens einige, nicht notwendigerweise alle).
- Für singuläre Matrizen sollten die verallgemeinerten Inversen ähnliche Eigenschaften haben, wie gewöhnliche Inverse regulärer Matrizen.
Als Ausgangspunkt für die Konstruktion von verschiedenen Pseudo-Inversen schwächt Israel[4] dann die vier definierenden Aussagen für die im nächsten Abschnitt beschriebene Moore-Penrose-Inverse in verschiedene Richtungen ab und ergänzt sie durch andere Bedingungen.
Dagegen bezeichnet Koecher in [5] eine Matrix B genau dann als Pseudo-Inverse von A, wenn für sie die Aussagen
- ABA = A und
- BAB = B
zutreffen.
Die erste Bedingung sichert dabei, dass die Spalten y von A durch B auf Lösungen x des Gleichungssystems y = Ax abgebildet werden. Durch die zweite Aussage können keine vom Nullvektor verschiedene Spalten von B im Kern von A liegen.
Die Moore-Penrose-Inverse
Die Moore-Penrose-Inverse (auch einfach Pseudoinverse) einer Matrix
ist die eindeutig bestimmte Matrix
, die die folgenden Eigenschaften („Moore Penrose Bedingungen“) erfüllt:
- AA + A = A
- A + AA + = A + (A + ist eine schwache Inverse der muliplikativen Halbgruppe.)
- (AA + )H = AA + (Die Matrix AA + ist hermitesch.)
- (A + A)H = A + A (Die Matrix A + A ist ebenfalls hermitesch.)
Dabei bezeichnet MH die adjungierte Matrix zu M. Bei Matrizen mit Einträgen aus den reellen Zahlen ist diese identisch mit der zu M transponierten Matrix MT.
Die Moore-Penrose-Inverse kann auch durch einen Grenzwert definiert werden:
Mit E wird hier die Einheitsmatrix bezeichnet. Dieser Grenzwert existiert auch, wenn (AAH) − 1 und (AHA) − 1 nicht existieren.
Rechenregeln
- (A + ) + = A
-
- (AH) + = (A + )H
- (λA) + = λ − 1A + für
Spezialfälle
Sind die Spalten der Matrix A linear unabhängig, dann ist AHA invertierbar. In diesem Fall gilt die folgende Gleichung[4]
- A + = (AHA) − 1AH.
Nimmt man die erste Grenzwertdefinition für die Moore-Penrose-Inverse, so verschwindet der Summand δE. Daraus folgt, dass A + eine Linkssinverse zu A ist.
- A + A = E
Sind die Zeilen der Matrix A linear unabhängig, dann ist AAH invertierbar. In diesem Fall gilt die folgende Gleichung
- A + = AH(AAH) − 1.
Nimmt man die zweite Grenzwertdefinition für die Moore-Penrose-Inverse, so verschwindet der Summand δE. Daraus folgt, dass A + eine Rechtssinverse zu A ist.
- AA + = E
Sind sowohl Spalten als auch die Zeilen einer Matrix unabhängig, dann ist die Matrix invertierbar und die Pseudoinverse stimmt mit der Inversen überein.
Ist das Produkt AB zweier Matrizen definiert und eine der beiden eine unitäre Matrix, dann gilt
- (AB) + = B + A + .
Man kann die Pseudoinverse auch für Skalare und Vektoren definieren indem man diese als Matrizen betrachtet. Bei Skalaren ist die Pseudoinverse von null wieder null und für alle anderen Werte x ist sie x − 1. Für Vektoren gilt
.
Diese Behauptungen lassen sich überprüfen indem man die Kriterien für die Moore-Penrose-Inverse nachprüft.
Berechnung
- Ist k der Rang der
-Matrix A, dann kann A in das Produkt A = BC einer
-Matrix B und einer
-Matrix C zerlegt werden. Es gilt
- A + = CH(CCH) − 1(BHB) − 1BH.
- A + = (AHA) − 1AH.
- Mit der Singulärwertzerlegung existiert ein anderes Verfahren zur Berechnung der Pseudoinversen. Ist A = UΣVH die Singulärwertzerlegung von A, dann gilt
- A + = VΣ + UH
.
- Mit Hilfe der Ränderung von Matrizen kann die Pseudo-Inverse implizit dargestellt oder auch berechnet werden[6].
- Der Algorithmus von Greville ist eine endliche iterative Methode zur spaltenweisen Berechnung der Moore-Penrose-Inversen[7]
Das Verfahren, bei dem man die Matrix AHA benötigt, wird zwar bei der numerischen Berechnung der Lösung überbestimmter Gleichungssysteme der Bequemlichkeit halber öfters benutzt, ist jedoch numerisch instabil. Das zweite, auf der Singulärwertzerlegung aufbauende Verfahren ist zwar das aufwendigste, dafür jedoch das numerisch gutartigste. Das auf der Ränderung beruhende Verfahren bietet einen Kompromiss zwischen Aufwand und numerischer Stabilität.
Einen Überblick über numerischen Aufwand und Stabilität der Verfahren gibt auch [6].
Anwendungen
Ist das Gleichungssystem Ax = b nicht lösbar so lässt sich mit der Pseudoinversen die Lösung nach der Methode der kleinsten Quadrate, also die mit kleinster euklidischer Norm
als
berechnen.
Gibt es für das Gleichungssystem Ax = b unendlich viele Lösungen so kann man diese über
- x = A + b + (I − A + A)y
bestimmen. Dabei ist x diejenige Lösung des Gleichungssystems die von y den kleinsten Abstand bezüglich der euklidischen Norm hat.
Ausgewählte weitere Versionen von verallgemeinerten Inversen
Drazin-Inverse
Sei
eine Matrix mit Index
(der Index von A ist die minimale ganze Zahl
für die
und
den gleichen Kern haben). Dann ist die Drazin-Inverse diejenige eindeutig definierte
-Matrix AD, die den Bedingungen
genügt.
Zur Berechnung kann man die Zerlegung
der Matrix
in Jordan-Normalform nutzen, wobei Λ der reguläre Teil der Jordan-Form sei und N nilpotent. Die Drazin-Inverse ergibt sich dann zu
.
Die Drazin-Inverse einer Matrix mit Index i = 1 (für die also N gleich der Nullmatrix ist) bezeichnet man auch als Gruppen-Inverse. Die Gruppen-Inverse ist eine Pseudo-Inverse nach der Definition aus Koecher[5].
Eine wichtige Anwendung für die Drazin-Inverse ist die analytische Darstellung der Lösung zeitinvarianter linearer Deskriptorsysteme. Als Beispiel diene die Differenzengleichung
- Axk + 1 = xk
eines zeitdiskreten Deskriptorsystems mit der reellen
-Matrix A. Die Lösung
der Differenzengleichung erfüllt die Gleichungen Akxk = x0 mit
. Anfangswerte x0 sind also nur dann konsistent, wenn sie in allen Bildern der Matrizen Ak liegen (sonst bricht die Lösung nach endlich vielen Schritten ab). Die Lösung der Differenzengleichung ist dann xk = (AD)kx0.
Restringierte verallgemeinerte Inversen -- die Bott-Duffin-Inverse
Bei manchen praktischen Aufgabenstellungen ist die Lösung x eines linearen Gleichungssystems
nur dann zulässig, wenn sie innerhalb eines gewissen linearen Teilraumes L von
liegt.
Man sagt auch, dass das Problem durch ein restringiertes lineares Gleichungssystem beschrieben wird (engl.: constrained linear equation).
Im Folgenden werde der orthogonale Projektor auf L mit PL bezeichnet. Das restringierte lineare Gleichungssystem
ist genau dann lösbar, wenn das für das unrestringierte Gleichungssystem
zutrifft. Ist der Unterraum L ein echter Teilraum von
, so ist die Systemmatrix des unrestringierten Problems (APL) auch dann singulär, wenn sich die Systemmatrix A des restringierten Problems invertieren lässt (in diesem Fall gilt m = n). Das erklärt, dass für die Lösung restringierter Probleme auch Pseudoinverse herangezogen werden. Man bezeichnet eine Pseudoinverse von (APL) dann auch als L-restringierte Pseudoinverse von A. Diese Definition scheint zunächst gegen die Forderung 1 aus Abschnitt "Allgemeine Pseudoinversen" zu widersprechen. Dieser Widerspruch relativiert sich jedoch wieder, wenn man bedenkt, dass die L-restringierte Pseudoinverse für bijektives A auf dem interessierenden Raum L injektiv ist und dass der Bildraum die gleiche Dimension wie L hat.
Ein Beispiel für eine Pseudoinverse mit der sich die Lösung eines restringierten Problems ermitteln lässt, ist die Bott-Duffin-Inverse von A bzgl. L, die durch die Gleichung
definiert ist, falls die auf der rechten Seite auftretende gewöhnliche Inverse existiert.
Die Bott-Duffin-Inverse kann zur Lösung der Gleichungen eines affin-linearen elektrischen Netzwerkes benutzt werden, wenn sich die Relation zwischen Zweigspannungsbelegungen
und Zweigstrombelegungen
in der Form
darstellen lassen, wobei L der Raum aller die kirchhoffschen Knotengleichungen erfüllenden Strombelegungen i ist und u0 die Spaltenmatrix der in die Zweige eingespeisten unabhängigen Quellspannungen sein soll. An dieser Stelle fließt der graphentheoretische Satz von Tellegen ein, der besagt, dass die Räume der Zweigspannungsbelegungen und Zweigstrombelegungen, die die kirchhoffschen Maschen- bzw. Knotengleichungen erfüllen, orthogonal komplementär zueinander sind.
Ein Feature der Bott-Duffin-Inversen ist, dass mit ihrer Hilfe die zu einer vorgegebenen Quellspannungsbelegung u0 zugehörigen Zweigströme
und Zweigspannungen
berechnet werden können (
steht für die Einheitsmatrix).
Quellen
- ↑ E. H. Moore: On the reciprocal of the general algebraic matrix. In: Bulletin of the American Mathematical Society 26, S. 394–395, 1920
- ↑ Roger Penrose: A generalized inverse for matrices. In: Proceedings of the Cambridge Philosophical Society 51, S. 406–413, 1955
- ↑ J. Stoer: Numerische Mathematik 1. Springer Verlag, 2002, ISBN 3-540-66154-9
- . a b c Adi Ben-Israel, Thomas N.E. Greville: Generalized Inverses. Springer-Verlag, 2003, ISBN 0-387-00293-6
- . a b Max Koecher: Lineare Algebra und analytische Geometrie, Springer-Verlag Berlin, 1997
- . a b Nobuo Shinozaki, Massaki Sibuya, and Kunio Tanabe: Numerical algorithms for the Moore-Penrose inverse of a matrix: Direct methods. Annals of the Institute of Statistical Mathematics, Springer Netherlands, Vol. 24, No. 1, Dec. 1972, pp. 193-203.
- ↑ T. N. E. Greville: Some applications of the pseudo inverse of a matrix. SIAM Rev., No. 2, 1960, pp. 15-22.
Literatur
- W. Mackens, H. Voß: Mathematik I für Studierende der Ingenieurwissenschaften
- A.Kielbasinski, H.Schwetlick: Numerische lineare Algebra, Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1988
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