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Porphyrie
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Unter den Porphyrien versteht man eine Gruppe erblicher Stoffwechselerkrankungen, die mit einer verminderten Produktion von rotem Blutfarbstoff Häm einhergehen. Betroffen sind die Enzyme der Hämbiosynthese, je nachdem welches der 8 Enzyme einen Defekt aufweist, reicheren sich spezifische Zwischenprodukte der Hämsynthese in den verschiedenen Organen an und verursachen die für die jeweilige Porphyrie typischen Symptome. Der Name leitet sich von der ringförmigen Grundstruktur des Häm ab, dem Porphyrin.
Inhaltsverzeichnis |
Formen der Porphyrie
Es existieren 7 verschiedene Formen genetisch bedingter Porphyrien: Die Häm-Gruppe (roter Blutfarbstoff) wird in 8 Schritten aus einfachen Vorstufen aufgebaut, jeder Schritt wird katalysiert von einem spezifischen Enzym. Je nachdem, welches der Enzyme eine eingeschränkte Aktivität zeigt, reichert sich ein anderes Stoffwechselprodukt an und verursacht die jeweiligen Symptome. Man unterscheidet die Porphyrien grob in zwei Gruppen, wobei es aber Überschneidungen der Symptome gibt. Die akuten oder akuten hepatischen Porphyrien gehen mit Attacken plötzlicher starker Bauchschmerzen einher, je nach Erkrankung und Schweregrad treten Leberprobleme und neurologische Ausfälle auf. Kutane Porphyrien zeigen eine schmerzhafte Lichtempfindlichkeit, auch die Leber kann in Mitleidenschaft gezogen werden.
Erythropoetische Porphyrien:
- Erythropoetische Protoporphyrie (EPP)[E80.0](Chr. 18q21.3)
- Kongenitale erythropoetische Porphyrie (CEP)-Morbus Günther[E80.2](Chr. 10q25.3-q26.3)
Hepatische Porphyrien:
- Akut intermittierende Porphyrie (AIP)[E80.2](Chr. 11q24.1-q24.2)
- Porphyria cutanea tarda (PCT)[E80.1] (Chr. 1p34)
- Doss-Porphyrie(δ-ALS-Defizienz-Porphyrie) (Chr. 9q34)
- Porphyria variegata (PV) (Chr. 1q23)
- Hereditäre Koproporphyrie (HCP) (Chr. 3q12)
Erworbene Porphyrien: Vergiftungen z.B. mit Blei oder bestimmten Pflanzenschutzmitteln schädigen Enzyme der Häm-Biosynthese und verursachen die gleichen Symptome wie die jeweilige genetisch bedingte Porphyrie.
Symptome
Akute Porphyrien: Charakteristisch ist der schubweise Verlauf, folgende Symptome können, müssen aber nicht in jedem Fall auftreten:
- Schwere, kolikartige Bauchschmerzen, Erbrechen,
- Rotfärbung des Urins.
- neurologische Ausfälle, z.T. bei falscher Behandlung irreversibel
- psychiatrische Symptome (Krampfanfälle und Psychosen)
- Lässt sich nur bei früher Erkennung komplett heilen
- Führt in 90% der Fälle zum Tod, durch nicht erkennen
Auslöser für Attacken sind Medikamente (!), viele Arten von chemischen Substanzen, Hormone (Menstruation, "Pille", Stress), Hungerzustände und andere Faktoren. Problematisch ist, vor allem bei undiagnostizierten Fällen, dass viele Medikamente nicht vertragen werden und zu einer Verschlimmerung des Zustandes des Patienten führen (Medikamente führen über die Aktivierung eines körpereigenen Entgiftungssystems zu einer vermehrten Hämgruppen-Synthese,was die Menge an Häm-Zwischenprodukten erhöht und damit die Symptome verschlimmert.) Eine Liste mit als sicher eingestuften Medikamenten befindet sich auf der Homepage der Europäischen Porphyrie Initiative EPI. Da viele Fälle von Porphyrie nicht erkannt werden (keine sichtbare Veränderung des Abdominaltraktes!) und neurologische Ausfälle auftreten können, werden die Patienten nicht selten als psychisch krank eingestuft.
Kutane Porphyrien:
Charakteristisch ist bei den kutanen Porphyrien die starke, extrem schmerzhafte Lichtempfindlichkeit der Haut gegenüber UV-A Licht und sichtbarem Licht (Sonnencreme schützt nicht!), Hautschäden durch oxidative Gewebeschädigung führen zu:
- Vernarbungen (Porphyria cutanea tarda (PCT)),
- Vernarbungen, Absterben des Gewebes und Einlagerung der Porphyrine in die Zähne und Knochen (Morbus Günther (CEP), sehr selten),
- oder aber in frühen Stadien keinerlei sichtbare Veränderungen an der Haut, bei langer Sonnenexposition Schwellungen und großflächige Verbrennungen des Gewebes (Erythropoetische Protoporphyrie (EPP))
- Die Leber kann durch Porphyrineinlagerungen bis zur Leberzirrhose geschädigt werden
Medikamente stellen für Patienten mit kutanen Porphyrien keine erhöhte Gefährdung dar.
Porphyrien sind sehr seltene Erkrankungen (z.B. ist von EPP ca. 1 Mensch von 100.000 in Deutschland betroffen),die meist einen komplizierten Erbgang aufweisen (Überspringen mehrerer Generationen etc.) und daher häufig nicht erkannt werden. Als potentiell lebensbedrohliche Erkrankungen stellt dies einen nicht unerheblichen Risikofaktor für die Betroffenen dar.
Therapie
Akute Porphyrien: Da der Enzymdefekt nicht zum vollständigen Fehlen funktionaler Enzyme führt, treten Schübe immer dann auf, wenn der Körper einen erhöhten Bedarf an Häm hat (beispielsweise während der Menstruation). Eine spezifische Therapie gibt es nicht. Als Vorbeugung ist Enthaltung von Noxen zu empfehlen, die einen Schub auslösen können (Expositionsprophylaxe). Eine spezielle Diät, aber auch Enthaltung von chemischen Noxen wie bestimmten Medikamenten oder Alkoholika, kann das Risiko eines Schubes senken.
Porphyrieschübe können durch die Gabe hoher Kohlenhydratmengen (Glukose) oder Hämatin symptomatisch therapiert werden.
Kutane Porphyrien: Vermeidung von (Sonnen)-Licht und allen leberschädigenden Substanzen (Alkohol etc.). Eine ursächliche Therapie existiert bisher nicht.
Chemie der Porphyrine
Porphyrine bezeichnen eine chemische Stoffklasse von gefärbten Molekülen (griechisch πορφυρ[ί]α, porfir[í]a, nach der chemischen Stoffklasse der Porphyrine, diese nach griechisch πορφυρά, porphyrá, dem Purpurfarbstoff). Das in Roten Blutkörperchen vorkommende, Sauerstoff tragende Molekül Hämoglobin (der rote Blutfarbstoff) enthält als funktionellen Teil das Häm, ein Porphyrin, welches wiederum aus Tetrapyrrol aufgebaut ist:
Ein Stickstoffring, aus vier Stickstoffatomen bestehend, bildet das Grundgerüst des Tetrapyrrols. In seinem Zentrum ist ein Eisenion, das für die Atmung unabdingbar ist, verankert. Bei Störungen der Hämsynthese entstehen stattdessen regelwidrig andere Porphyrine, die Namensgeber der Porphyrie. Bei diesen Porphyrinen ist kein Metallion im Stickstoffring verankert, sie sind lediglich Farbstoffe. Da das Häm auch Bestandteil von Enzymen wie den Cytochromen oder dem Myoglobin ist, bedingt dieser zentrale Ort der Störung der Biosynthese eine Fülle unterschiedlichster Symptome bei Porphyrie in den verschiedenen Systemen: Nerven- und Verdauungssystem, Atmung, Haut und Psyche.
Historische Persönlichkeiten, die vermutlich an einer Porphyrie litten:
- Friedrich Wilhelm I. (1688–1740), König in Preußen. Angesichts der Wutanfälle (z.B. gegenüber seinem Sohn Friedrich), für die der „Soldatenkönig“ geschichtlich berüchtigt war, wird auch bei Friedrich Wilhelm I. Porphyrie vermutet.
- Georg III. (1738–1820), König von England. Anscheinend litt er an Porphyrie. Die Medikamente, die ihm vom königlichen Leibarzt meist unter Zwang verabreicht wurden, enthielten vermutlich Arsen-Verunreinigungen. Dies würde die langen und ausgeprägten Wahnsinnsanfälle erklären.[1]
- Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), französisch-schweizerischer Philosoph, litt laut Christoph Kunze neueren Forschungen zufolge an Porphyrie (siehe Nachwort von Christoph Kunze, in: Jean-Jacques Rousseau Die Bekenntnisse / Die Träumereien des einsamen Spaziergängers, Artemis & Winkler Dünndruckausgabe, S. 766).
- Auch bei Vincent van Gogh wird vermutet, dass er sich in einem Porphyrie-Anfall befand, als er sich das rechte Ohr abschnitt und es zu einer Prostituierten brachte.
- Werwolf- und Vampirlegenden werden manchmal auf Porphyrien zurückgeführt, was aber sehr spekulativen Charakter hat und nicht belegt ist.
Literatur
Gutiérrez, Pamela Poblete et al. (2004): Diagnostik und Therapie der Porphyrien: Eine interdisziplinäre Herausforderung. Deutsches Ärzteblatt 101, Ausgabe 18 vom 30.04.2004[1]
Vetter, Christine (2006): Porphyrien- Erhebliche Dunkelziffer. Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 38 vom 22.9.2006 [2]
Die Erstbeschreibung der Porphyrie geschah durch Günther, Hans: Die Hämatoporphyrie. In: Dtsch. Arch. f. Klin. Med., 1912, 105, S.en 89-146.
Günther, Hans: Die Bedeutung der Hämatoporphyrine in Physiologie und Pathologie. In: Ergebnisse der allgemeinen Pathologie u. pathologischen Anatomie 1922. Jg. 20, Abt. 1. S. 608-764. München u. Wiesbaden 1922.
Waldenström, Jan: Studien über Porphyrie. Stockholm 1937. In: Acta med. scand., 1937, Suppl. 82.
Macalpine, Ida und Richard Hunter: The insanity of King George III, a Classic Case of Porphyria. British Medical Journal (BMJ) (1966), S. 65-71.
Macalpine, Ida; Hunter, Richard; Rimington, C.: Porphyria in the Royal Houses of Stuart, Hanover, and Prussia - A Follow-up Study of George III's Illness. In: Brit. med. Journal. 1968, 1, 7-18.
Macalpine. I. and R. Hunter: Georg III and the Mad Business. Penguin, London 1969.
Claus A. Pierach und Erich Jennewein: Friedrich Wilhelm I. und die Porphyrie. Sudhoffs Archiv. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte. Bd. 83 (1999), Heft 1. S. 50-66.
John C.G. Röhl, Martin Warren & David Hunt: Purple Secret. Genes, Madness’ and the Royal Houses of Europe. London 1998 und 1999.
Weblinks
- Homepage der europäischen Porphyrie Initiative EPI mit Adressen der nationalen Porphyrie-Zentren
- Selbsthilfe EPP (bundesweit aktiver Porphyrie-Selbsthilfeverein mit Schwerpunkt kutane Porphyrien, offen für alle Porphyrie-Formen)
- Artikel in den "Zahnärztlichen Mitteilungen"
Fußnoten
- ↑ Martin Warren (Universität Kent) et al.: The Lancet, Bd. 366, Seite 332 kurzer Bericht darüber
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