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Pianolist
Aus Kefk.
Ein Pianolist hat die Aufgabe, die Musik einer von Musikeditoren gezeichneten Notenrolle in eine lebendige, dem Spiel eines Pianisten nahekommende oder sogar entsprechende Aufführung zu gestalten.
Solchen Notenrollen fehlt naturgemäß jede künstlerische Note, es werden einfach nach den Noten einfügte Töne aneinandergereiht.
Die Tätigkeit oder den Beruf des Pianolisten gibt es nicht mehr. Seit den späten 1930er-Jahren hat die elektro-akustische Wiedergabe von Musik die Tradition der mechanischen Musikinstrumente völlig abgelöst, und damit auch den Beruf des Pianolisten.
Zum Verständnis dieser Tätigkeit muss man sich mit der Entwicklung der Reproduktion von Musik, in diesem Fall speziell der von Klaviermusik, auseinandersetzen.
Das Musikstück wird durch gelochte Papierstreifen, die sogenannte Notenrolle, gelegentlich auch Klavierrolle genannt, als Trägermedium, auf das Instrument, in diesem Fall ein automatisches Klavier oder ähnliches, übertragen. Diese Notenrollen sind auswechselbar und waren im Musikalienhandel zu kaufen.
Beim erst ab 1905 von M. Welte & Söhne, später auch von anderen Herstellern produzierten Reproduktionsklavier werden Musikstücke von mehr oder weniger berühmten Pianisten auf speziellen Aufnahmeapparaten live aufgenommen und weitgehend originalgetreu wiedergegeben.
Das vorher bereits, seit ca. 1900 produzierte Pianola oder Kunstspielklavier hingegen spielt Musik, die nicht von Pianisten aufgenommen, sondern von der Partitur direkt auf die Notenrolle übertragen, also gezeichnet wurde. Musikeditoren oder Musikzeichner übertrugen die Noten mit einem Bleistift auf eine leere Mutterrolle. Diese konnten nun von Hilfskräften mit Hämmern und verschiedenen Stanzwerkzeugen in die Rolle gestanzt werden. Die so entstandenen, gezeichneten Musikrollen oder Notenrollen hatten keinerlei künstlerischen Charakter, sie gaben einfach die Noten wieder. Eine dynamische Wiedergabe kann die „gezeichnete Rolle“ nicht bieten, da ihr im Gegensatz zu den Rollen fürs Reproduktionsklavier Spuren für die Dynamik fehlen. Die musikalische Interpretation des Stückes war Sache des Pianolisten.
Es gab verschiedene Hersteller von automatischen Klavieren, jeder hatte seine eigene Regelung der Wiedergabe. So wie ein erfahrener Autofahrer den von Fabrikat zu Fabrikat unterschiedlichen Schaltern, mit Links- und Rechtssteuerung, automatischem und handgeschaltetem Getriebe, Blinker und Scheibenwischer und sonstigen Schaltern kreuz und quer über das ganze Armaturenbrett zurechtkommen muss, so muss eben ein Pianolist lernen, mit den von Hersteller zu Hersteller verschiedenen Regelungen für Tempo, Lautstärke und Pedale zurechtzukommen. Das am meisten verbreitete System waren die Instrumente der Aeolian Company, eben die „Pianolas“ und „Pianola Pianos“ sowie die Phonolas der Ludwig Hupfeld AG aus Leipzig.
Die Regler für das Pianola
Der motorische Antrieb des Pianola erfolgt durch Unterdruck, also Saugluft. Dieser wird durch zwei Tretpedale erzeugt, die zwischen den normalen Klavierpedalen sind. Die Hauptaufgabe der Tretpedale ist die, eine musikalische Dynamik, also eine künstlerische Wiedergabe, herzustellen, die beim Pianola nicht automatisch stattfindet. Der Spieler beeinflusst durch schwächeres oder stärkeres Treten die Saugluft bzw. die Höhe des Vakuums und damit die Anschlagstärke der Pneumatik. Die damit erzeugte Dynamik sollte nicht stufenförmig sein, sondern eine flüssige Mischung von Akzenten und Subakzenten sein, die eine Grundlautstärke überlagern. Akzente werden durch einen Klick mit dem Fuß gesetzt, auch ist hier wiederum die Parallele zum Dirigenten vorhanden, wo der Taktschlag bei stark akzentuierter Musik mehr hervortritt.
Der wichtigste Regler ist der für das Tempo. Die Grundeinstellung dieses Reglers bestimmt zwar das Grundtempo für ein Musikstück, aber es war kein Musikstück vor der Erfindung des Computers jemals geschrieben worden, um ganz ohne Temposchwankungen, ohne Rubato, gespielt zu werden. Mit diesem Regler lassen sich Accelerandi oder Ritardandi erzielen.
Die anderen Handregler sind für die Pedale, da die Füße des Pianolisten ja andere Tätigkeiten ausüben. Zwei weitere regulieren die Dynamik zwischen Diskant und Bass. Die Pneumatik des Kunstspielklaviers ist meistens in zwei Hälften, also in zwei Windladen geteilt, normalerweise zwischen e' und f'. Diese beiden Regler können nun das Vakuum und damit die Lautstärke in Bass und Diskant getrennt weiter beeinflussen.
Ein weiterer Regler ist eine ausschaltbare automatische Regelung für das Sostenuto-Pedal durch Lochungen in der Notenrolle, um dem ungeübten Pianola-Spieler dessen Bedienung über den Handhebel abzunehmen.
Bestimmte Regler sind nur an Aeolian-Pianolas vorhanden, Metrostyle genannt. Indem man den Temporegler einer auf der Rolle rot aufgezeichneten Linie folgend hin- und herschob, konnte ein vorgegebenes Rubato erreicht werden. Dies ist bestimmt nicht die ideale Wiedergabe, hat aber größere Bedeutung bei Rollen, bei denen diese Linie unter der Überwachung bzw. nach den Vorgaben des Komponisten gezeichnet wurde. Edward Elgar beispielsweise „metrostylte“ Rollen seiner 1. Symphonie, die frühesten Aufnahmen eines seiner größeren Werke. Andere Firmen kennzeichneten ihre Rollen später allerdings ähnlich.
Des weiteren gibt es noch Schalter für den Rollentransport, für PLAY wie Spiel und REROLL für den Rücklauf. Ein nicht bei allen Instrumenten vorhandener Schalter ist ein Regler, der die Dynamik steuern half. Bei Aeolian hieß er „Themodist“, bei Hupfeld „Solodant“, bei Wilcox & White „Melodant“, andere Firmen hatten ähnlich klangvolle Namen dafür. Im Wesentlichen erlaubt der Themodist oder Solodant, Akzente mit größerer Präzision zu setzen, und führt die Lautstärke bei komplexen Passagen schneller auf die Basis zurück. Er wird durch spezielle Lochungen in der Rolle ausgelöst, synchron zu einer Note im Bass oder Diskant.
Diese Beschreibung ist deutlich vereinfacht. Das Pianola oder Kunstspielklavier ist ein einfaches Instrument für den Anfänger, wird aber zunehmend schwieriger zu spielen, wenn man gute musikalische Aufführungen anstrebt.
Literatur
- William Braid White: The player-piano up-to-date: a comprehensive treatise ... New York 1914.
- Percy Alfred Scholes: The listener's History of music. A book for any concert-goer, pianolist or gramophonist providing also a course of study for adult classes in the appreciation of music. London 1929.
- William Braid White: Piano playing mechanisms: a treatise on the design and construction of the pneumatic action of the reproducing piano. 2. ed. Boston, Mass. 1953.
