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Philosophische Praxis

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Philosophische Praxen sind ein noch junges Phänomen, es gibt sie erst seit den 1980ern. Der Prozess der Ausdifferenzierung und das Finden eines gemeinsamen Selbstverständnisses sind noch nicht abgeschlossen, was eine Definition schwierig und vorläufig macht: Eine Philosophische Praxis definiert sich durch drei Aspekte:

Zu dieser allgemeinen, nicht mehr allein fachphilosophischen Öffentlichkeit gehören Einzelpersonen, Organisationen oder Firmen, für die Philosophie aufbereitet wird in Form von philosophischen Gruppengesprächen, Einzelgesprächen, Seminaren, Reisen u.a.

In der Regel stehen hinter den Praxen eigene Räumlichkeiten, in denen der Philosoph seine Dienstleistungen anbietet, oder die Philosophische Praxis steht nur für diese Tätigkeit, die der Philosoph mobil ausübt. Diese Praxen sind meist privatwirtschaftliche Unternehmungen, daneben gibt es auch gemeinnützige Einrichtungen. Die Angebote sind zwar kostenpflichtig, die Tätigkeit wird aber häufig mit Idealismus verbunden ausgeübt.

Inhaltsverzeichnis

Angebote und Umfeld Philosophischer Praxis

Philosophische Praxis hat sich verwirklicht in Form unterschiedlichster Angebote. Am Anfang stand die Philosophische Beratung, doch bald kamen unterschiedliche Formen philosophischer Bildungsveranstaltungen (Seminare, Vorträge, Philosophische Reisen, Lehrgänge), Diskussionsforen wie Philosophische Cafés und Podien, philosophische Gesprächsgruppen, philosophische Unternehmensberatung und Coaching, Philosophieren mit Kindern und weitere Orientierung und Selbstdenken fördernde Angebote hinzu. Die Art, wie das Anliegen der Philosophischen Praxis umgesetzt wird, ist abhängig von Arbeits-, Ausbildungsschwerpunkten und der Persönlichkeit des Philosophen.

Als noch junges Phänomen begreifen sich Philosophische Praxen noch über Abgrenzungen zu anderen Angeboten, Einrichtungen oder Abspaltungen. Eine Philosophische Praxis hebt sich ab von

Philosophische Praxis philosophiesystematisch

Systematisch gesehen belegt die Philosophische Praxis als eine Form der Praktischen Ethik einen noch jungen Platz neben der Angewandten Ethik sowie neben der philosophisch-wissenschaftlichen Forschung. Sie steht für eine Form der Erprobung philosophischen Wissens im menschlichen Leben.

Philosophische Praxis philosophiehistorisch

Aus der Perspektive der oben genannten Verbindung zur Lebensführung lässt sich die Philosophiegeschichte der Philosophischen Praxis kursorisch so darstellen:

Die Philosophie nahm ihren Ausgang im antiken Griechenland. Damals stellte sie eine Art von avantgardistischer Strömung innerhalb eines nicht mehr ganz stabilen Weltbildes dar. Die damalige Situation von Instabilität und Verunsicherung lässt sich mit unserer heutigen Situation vergleichen.

Philosophie bemühte sich einerseits um eine Neuformulierung theoretischer Rahmenkonzepte für gesellschaftliches Zusammenleben. Sie war aber keineswegs bloss eine abgehobene theoretische Auseinandersetzung, sondern eigentliche Schulung in Lebensstil, Einübung in eine gute Lebensführung. Gutes Leben im antiken, griechischen Verständnis aber bedeutete Streben nach einer Übereinstimmung mit der Weltvernunft (dem Logos). Philosophie war somit Theorie und Praxis des guten Lebens. Philosophiert wurde in meist mehr oder weniger elitären Zirkeln (Platons Akademie, Aristoteles Lykeion, Epikurs Kepos). Philosophie als Organisation hatte in gewisser Weise damals im alten Griechenland die Gestalt und Funktion einer Art Seelenführung, sie war Geistige Übung3.

Seit dem 2. Jh. n. Chr. begann sich diese Aufgabe der Seelenführung und Übung in die Gemeinschaften des noch jungen Christentums zu verlagern. Die christliche Lehre übernahm mehr und mehr die Rolle der 'wahren Philosophie'. Sie verstand sich als dem wahren göttlichen Logos verpflichtet. Nach dem Vorbild der antiken Philosophenzirkel waren geistliche Übungen (¬geistige Übungen) zentrales Element im Tagesablauf vieler christlicher Klostergemeinschaften. Philosophie wurde dadurch im christlich-klösterlichen Umfeld zum Inbegriff von Seelsorge. Sie war Lebensschulung und Geistesübung im Sinn von gelebter Weisheit als Religiosität.

Mit der Bildung der ersten Universitäten im Mittelalter vollzog sich die Abspaltung der Philosophie von Belangen des praktischen Lebens: sie beschränkte sich zunehmend auf die Erörterung rein theoretischer Zusammenhänge. Schliesslich galt Philosophie bloss noch als Vorbereitung auf das Theologiestudium und wurde so degradiert zur "Magd der Theologie". Damit war Philosophie endgültig nicht mehr Lebensform, sondern abstrakter, theoretischer Diskurs. Die Aspekte von Übung und Lebensgestaltung wurden vollständig von der klösterlichen Praxis übernommen. Philosophie als Universitätsdisziplin wurde so zum elitären Spezialistendiskurs.

Mit der Renaissance und dem Rationalismus erfolgt zum Teil eine Befreiung aus diesem Korsett. Eine Rückgewinnung von Lebensnähe ist jedoch damit noch keineswegs erreicht.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts lässt sich eine Zunahme von schöpferischer Dynamik auch innerhalb universitärer Kreise verzeichnen (Kant, Vertreter des deutschen Idealismus wie Fichte, Schelling, Hegel). Ausseruniversitär und als Kontrapunkt zur Schulmeinung vor allem des deutschen Idealismus formulierten unter anderen Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche ihre Thesen, die sich als Vorläufertheorien der wesentlichen philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts (Phänomenologie und Existenzphilosophie) lesen lassen und deren Bewegung schliesslich in die postmoderne Konstruktion höchst artifizieller Spezialdiskurse mündet (Derrida, Deleuze, Guattari, |Lyotard u.a.).

Der Abstraktionsprozess hat sich bis in das 21. Jahrhundert durchgezogen. Für Philosophie und Lebenskunst ist nun vor allem von Bedeutung, dass inzwischen auch die ethische Diskussion, das heisst die philosophische Reflexion auf die Voraussetzungen und Möglichkeiten eines guten und gerechten Lebens und Zusammenlebens, in einer Sackgasse steckt. Die theoretischen Bemühungen verlieren sich im Formulieren allgemeiner Prinzipien, die in ihrer Allgemeinheit nicht mehr auf eine Lebenspraxis anwendbar sind. Ethik ohne Anwendung aber ist reines Gedankenspiel, das die Öffentlichkeit zu ratlosem Zuschauen verurteilt. Die professionelle Ethik versucht dieses Anwendungsproblem durch die Ausformulierung sogenannter Bereichsethiken zu lösen (z.B. Ökoethik, Medizinalethik, Tierethik, Rechtsethik, Verkaufsethik...). Eine wirkliche Anwendung ethischer Fragestellungen ist jedoch kaum auf rein kognitiver (gedanklicher) Basis, sondern nur auf dem Weg des persönlichen Erlebens unter Einbezug individueller Gefühlsaspekte zu erreichen. Dies aber setzt das persönliche Gespräch zwischen real präsenten Gesprächspartnern voraus. In Hans Krämers Worten: "Wenn [...] Ethik praktisch werden soll, [...] dann ist das philosophische Beratungsgespräch unverzichtbar"4. Hier ist ein anderer Umgang mit philosophischem Fragen und Wissen gefordert. Dies nicht nur, um die Philosophie aus ihrem Elfenbeinturm zu erretten, sondern um philosophisches Wissen wieder zugänglich zu machen für individuelle und gesellschaftliche Belange.

Eingeführt hat den Begriff "Philosophische Praxis" Gerd B. Achenbach, motiviert von seiner Beobachtung, dass die universitäre Philosophie ihre Philosopheme nicht am Alltag messe und auch die Psychologie ein Theoriedefizit aufweise. Bald darauf, 1985, fand die erste Konferenz zur Philosophischen Praxis statt. Der 'Erfinder' dieses Begriffs verstand unter Philosophischer Praxis eine philosophische Lebensberatung; mittlerweile haben sich die Konzepte philosophischer Praxen ausdifferenziert. Philosophische Praxen existieren inzwischen weltweit. Vor allem in skandinavischen Ländern, aber auch in der Schweiz, in Österreich, England, Israel, den USA, in Holland, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal oder Mexiko erfreuen sich Philosophische Praxen eines regen Zulaufs. Das Aufgabenfeld der Philosophischen Praxis besteht in der Organisation und Pflege philosophischer Gespräche als vielfältige, zum Teil neue Formen der Verständigung, Klärung und Sinnfindung.

Quellen

1. T.W. Adorno: Minima Moralia, Frankfurt a. M. 1980, S, 13.

2. Plutarch: quaestio, conv. I, 2, 613b.

3. Vgl. Hadot, Pierre: Philosophie als Lebensform. Geistige Übungen in der Antike, Berlin 1981.

4. Krämer, Hans: Integrative Ethik, Frankfurt a, M, 1992, 334.

Situation Philosophischer Praxen im deutschsprachigen Raum

Philosophische Praxen im deutschsprachigen Raum haben zur Zeit sehr unterschiedliche Schwerpunkte und Formen. Wie in den einzelnen Praxen gearbeitet wird, ist nicht reglementiert.

Inzwischen existieren mehrere Dachverbände sowie ein Praxenverzeichnis: Einen Überblick über die im deutschsprachigen Raum arbeitenden Philosophiepraxen gibt die Philosophiepraxis "pro-phil" im von ihr erarbeiteten Praxenverzeichnis sowie, auf Anfrage, der Berufsverband Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP). Einen Überblick über süddeutsche und Schweizer Praxen bietet die Gesellschaft für praktisches Philosophieren.


Weblinks

Literatur über Philosophische Praxis

1980 - 1999
  • Achenbach, Gerd B.: Die reine und die praktische Philosophie. Köln 1985.
  • Berg, Melanie: Philosophische Praxen im deutschsprachigen Raum. Eine kritische Bestandsaufnahme (Philosophische Praxis, Bd. 4). Essen 1992.
  • Dill, Alexander: Philosophische Praxis - eine Einführung. Frankfurt 1990.
  • Kaucic, Gerhard: Aus dem Leben eines Fauns. Die Philosophische Praxis: ein Teil grüner Kultur/Politik. - In: Die Grüne F Abyss. Internationale polylinguale Zeitschrift für Grüne Kultur/Politik". Nr.1/August 1989, S.5ff. und Nr. 21/Sept. 1997, S. 51ff.
  • Marquard, Odo: Philosophische Praxis. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 7, Sp. 1307 - 1308. Basel 1989.
  • Ruschmann, Eckart: Philosophische Beratung. Stuttgart 1999.
  • Witzany, Günther (Hg.): Zur Theorie der Philosophischen Praxis (Philosophische Praxis, Bd. 3). Essen 1991.
  • Witzany, Günther: Aus der Praxis der Praktischen Philosophie. In: Information Philosophie 4/1991. S. 28-37.
  • Zdrenka, Michael: Konzeptionen und Probleme der Philosophischen Praxis. Köln 1997.
2000 - heute
  • Fenner, Dagmar: Philosophie contra Psychologie? Zur Verhältnisbestimmung von philosophischer Praxis und Psychotherapie. Tübingen 2005.
  • Friesen, Hans; Berr, Karsten (Hsg.): Dimensionen praktizierender Philosophie. Essen 2003.
  • Ruschmann, Eckart: Die zentralen Begriffe philosophischer Beratung. In: Information Philosophie 1/ 2004. S. 60 - 63.
  • Schmid, Wilhelm: Kann die Philosophie eine Hilfe für das Leben sein? In: Information Philosophie 3/ 2004. S. 7 - 15.
  • Staude, Detlef (Hg.): Lebendiges Philosophieren: Philosophische Praxis im Alltag. Bielefeld 2005.
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