Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Philosophie der normalen Sprache
Aus Kefk.
Philosophie der normalen Sprache ("ordinary language philosophy", auch "linguistic philosophy"; dt. auch "natürliche Sprache", "Umgangssprache", "Alltagssprache") ist weniger eine genau abgegrenzte philosophische Lehre oder Schule, als vielmehr ein loser Verbund von Herangehensweisen an traditionelle philosophische Probleme. Typischerweise vermeiden diese Annäherungen philosophische "Theorien", um ihre Aufmerksamkeit eher den Details der Verwendung "alltäglicher" Sprache zu widmen und daraus Erkenntnis zu ziehen. Generell ist die "Philosophie der normalen Sprache" verknüpft mit den Arbeiten von J. L. Austin, Gilbert Ryle und mit dem Spätwerk von Ludwig Wittgenstein. Der Name kommt vom Kontrast zwischen diesen Ansätzen und den früheren Ansätzen, die in der analytischen Philosophie vorherrschend waren, und die nun gelegentlich "Philosophie der idealen Sprache" (ideal language philosophy) genannt werden.
Geschichte
Die frühe analytische Philosophie hatte eine weniger positive Meinung über normale Sprache. Bertrand Russell verwarf Sprache im allgemeinen, da ihre philosophische Signifikanz gering sei, und normale Sprache im Besonderen als zu ungenau, konfus, um als Werkzeug zur Lösung metaphysischer oder epistemischer Probleme zu dienen. Gottlob Frege, der Wiener Kreis (ibs. Rudolf Carnap), der junge Wittgenstein und W.V. Quine; alle versuchten darauf aufzubauen, besonders durch Verwendung der Hilfsmittel moderner Logik. Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus stimmte im Großen und Ganzen mit Russell dahingehend überein, dass Sprache neu formuliert werden sollte, um Eindeutigkeit zu ermöglichen, so dass die Welt exakt in Sprache wiedergegeben werden könnte, damit mit den Fragen der Philosophie besser umgegangen werden könnte.
Die Meinungsänderung, die Wittgensteins Arbeiten in den 1930er Jahren ausdrückten, basierten hauptsächlich auf der Idee, dass die normale Sprache, wie wir sie üblicherweise benutzen, nicht falsch (ungeeignet) sei, und dass viele traditionelle philosophische Probleme nur Illusionen seien, die durch Missverständnisse über Sprache und verwandte Themen entstanden seien. Diese erste Idee führte zur Zurückweisung früherer Ansätze der analytischen Philosophie -- möglicherweise auch aller früherer Philosophie -- und die zweite führte dazu, diese (früheren Ansätze) zu ersetzen mit der Reflexion über Sprache in ihrer normalen Verwendung, so dass philosophische Fragen eher geklärt (als Missverständnisse, "dissolve") würden, anstatt (im missverständlichen Kontext) zu versuchen, sie zu beantworten. Philosophie der normalen Sprache wird insofern gelegentlich verstanden als Erweiterung, gelegentlich aber auch als Alternative zur analytischen Philosophie.
Obwohl sie von Wittgenstein und seinen Studenten in Cambridge schwer beeinflusst wurde, blühte und entwickelte sich Philosophie der normalen Sprache hauptsächlich in Oxford der 1940er Jahre, unter Austin und Gilbert Ryle, und war für einige Zeit recht weit verbreitet, bevor ihre Popularität in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren rasch nachließ. Es ist heute nicht ungewöhnlich zu hören, dass Philosophie der normalen Sprache tot sei. Vielleicht ist Wittgenstein der Einzige unter ihren Protagonisten, der sich etwas von der Reputation dieser Zeit hat erhalten können.
Zentrale Ideen
Wittgenstein schlug vor, die Bedeutung von Worten ihrem normalen Gebrauch zu entnehmen. Der Verzicht darauf sei der Grund dafür, warum Philosophen bei abstrahierender Verwendung dieser Worte ins Stolpern geraten. Aus England kam die Idee, dass Philosophie in Schwierigkeiten geriet, als sie versuchte, Worte außerhalb des Kontextes ihrer Verwendung in normaler Sprache zu verstehen (vgl. Kontextualismus).
Ein Beispiel: Was ist Wirklichkeit? Philosophen haben dies als ein Substantiv behandelt, welches ein Etwas mit bestimmten Eigenschaften bezeichnet. Über die Jahrtausende haben sie diese Eigenschaften diskutiert. Philosophie der normalen Sprache würde stattdessen schauen, wie Menschen das Wort Wirklichkeit verwenden. In einigen Fällen sagen die Leute, "Mir scheint, dass dies-und-das gilt; aber in Wirklichkeit ist doch jenes-und-welches der Fall". Diese Ausdrucksweise möchte aber nicht sagen, dass es eine bestimmte Dimension des Seins (eine Eigenschaft, nämlich Wirklichkeit) gibt, welche jenes-und-welches hat, dies-und-das aber nicht. Wir meinen eigentlich: "Dies-und-das hörte sich zwar richtig an, war aber irgendwie irreführend. Jetzt verrate ich dir die Wahrheit: Jenes-und-welches". In dieser Verwendung heißt "in Wirklichkeit" eher so etwas wie "statt dessen". Und die Phrase "In Wirklichkeit ist es doch so, ..." erfüllt eine ähnliche Funktion -- die Erwartung des Zuhörers in die richtige Richtung zu lenken. Auch wenn wir von einer "richtigen Knarre" sprachen ("real gun"), dann machen wir keine metaphysische Aussage über die Natur der Realität; vielmehr wollen wir den Gegensatz dieser Knarre gegenüber einem Spielzeuggewehr oder einem bloß vorgestellten Gewehr betonen.
Die Kontroverse beginnt da, wo Philosophen der normalen Sprache die selbe Tendenz zur Nivellierung (levelling tendency) auf Fragen wie etwa "Was ist Wahrheit? Was ist Bewusstsein?" anwenden. Diese Philosophen werden darauf bestehen, dass wir nicht annehmen dürfen, dass "Wahrheit" ein "Ding" "sei" (in der Bedeutung von "sein" wie Tische und Stühle "Dinge" sind), welches durch das Wort "Wahrheit" repräsentiert wird. Stattdessen sollten wir die verschiedenen Weisen betrachten, in denen die Worte "Wahrheit" und "Bewusstsein" tatsächlich in der normalen Sprache funktionieren. Wir könnten dabei nach genauer Untersuchung entdecken, dass es keine einzelne, einzige Entität gebe, welche mit dem Wort "Wahrheit" korrespondiert; ein Umstand, den Wittgenstein mit seinem Konzept der Familienähnlichkeit (family resemblance, vgl. Philosophical Investigations) zu umgehen sucht. Insofern neigen Philosophen der normalen Sprache dazu, Anti-Essentialisten zu sein. Diese Ansicht ist jedoch umstritten.
Wichtige Namen in der Schule der normalen Sprache sind: John Wisdom, Gilbert Ryle, Peter Strawson und Stanley Cavell.
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Philosophie_der_normalen_Sprache, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
