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Paul Robien
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Paul Robien (* 2. September 1882 in Bublitz-Abbau, Pommern (heute Bobolice, Polen); † vermutlich November 1945 in Stettin, Pommern (heute Szczecin, Polen); eigentlich Paul Ruthke) war ein deutscher Ornithologe, linker Naturschützer und Umweltaktivist, der sich selbst als „Naturrevolutionär“ bezeichnete. Seine Kritik an Militarismus, Industrialisierung und vor allem Naturzerstörung in der Zeit der Weimarer Republik machen ihn zum Vordenker der Ökosozialisten und der Radikalökologen in der „grünen“ Bewegung in Deutschland.
Inhaltsverzeichnis |
Familie
Er war Sohn der unverheirateten Wilhelmine Ruthke. Mit seiner Ehefrau Emma Wendland bekam Robien 1908 einen Sohn, Paul (jun.). Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er mit seiner Lebensgefährtin Eva Windhorn.
Leben
Nachdem Paul Robien die Volksschule in Stettin beendete, verbringt er seine Jugend in ärmlichen Verhältnissen. Später wird er Schiffsheizer und Seemann und besucht so die USA, Mittelamerika, Indien sowie mehrere europäische Länder. Als Marinesoldat kämpft er gegen den Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika. Der 1. Weltkrieg polarisiert seine politischen Ansichten und macht ihn zum Pazifisten. Schon früh erwacht sein Interesse für die Natur. Autodidaktisch bringt er sich naturwissenschaftliche Kenntnisse bei und betreibt anschließend systematisch Ornithologie. Nach mehreren erlittenen seelischen Krisen in der Zeit des Krieges und Arbeitslosigkeit findet er eine Anstellung am Stettiner Naturmuseum. Am Anfang der 20. Jahre wird Robien politisch aktiv: Zunächst wirbt er bei den Gewerkschaften um Unterstützung für die „Siedlungs-Aktion“. Anschließend versucht er die Siedler- und andere Lebensreformbewegungen sowie die Arbeiterbewegung für seine „Naturrevolution“ zu gewinnen. Er lebt seine Ideale vor und errichtet mit einigen Gesinnungsgenossen eine Naturwarte auf der Mönne, einer sumpfigen Insel in der Odermündung und dem Dammschen See zwischen Stettin und Altdamm, dem heute polnischen Stettiner Stadtteil Dabie. Nachdem er für seine „Naturrevolution“ keine Unterstützung findet und angesichts der 1933 erfolgten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, widmet er sich nun in Abgeschiedenheit seiner Naturwarte vorwiegend dem Naturschutz. Paul Robien und seine Lebensgefährtin, Eva Windhorn, weigern sich trotz der 1945 heranrückenden Ostfront die Naturwarte aufzugeben. Sie werden vermutlich von sowjetischen Soldaten Ende 1945 auf der Insel Mönne ermordet, in deren unmittelbarer Nähe die Rote Armee den unvollendeten Flugzeugträger „Graf Zeppelin“ erobert und die umliegenden Gebiete zu einer Sonderzone erklärt. Die leiblichen Überreste der beiden werden nie gefunden. Das Gebäude seiner Naturschutzstation samt umfangreicher ornithologischer Sammlung wird zerstört. An ihn und seine Station erinnert heute in polnischer und deutscher Sprache eine Gedenktafel, die 1995 auf den Fundamenten seiner Naturwarte enthüllt wurde.
Wirken
Die Anfänge
Sein politisches Wirken beginnt 1919 mit antimilitaristischen Protestbriefen an den Reichswehrminister, den Chef der Heeresleitung und die Vertreter der Entente, in denen er die ausbleibende, im Friedensvertrag von Versailles vereinbarte, deutsche Abrüstung anklagt. Robiens Antimilitarismus bringt ihn in die Nähe der Weimarer anarchistischen Arbeiterbewegung, in deren Blatt „Der freie Arbeiter“ er seine politischen Überzeugungen in Aufsätzen von 1920 bis 1925 veröffentlicht. Angesichts des Hungers und der Inflation im Anschluss an den 1. Weltkrieg wird er zum Verfechter der Landname und Selbstversorgung durch die Arbeiter. In dem Zusammenhang trifft er auf den Gartenarchitekten Leberecht Migge, mit dem er in Worpswede im Januar 1921 die erste „deutsche Siedlungskonferenz“ mit dem Ziel veranstaltet, einen Aktionsplan zur „Sicherstellung und Ernährung aller produktiv Schaffenden“ zu beraten. Eine „grüne“ Revolution auf dem Lande wird angestrebt. Da Robiens Meinung nach Migges Konzept einer „grünen Siedlung“ nicht radikal genug für den Naturschutz eintritt, stellt er sein Konzept der Naturschutzsiedlung als Konterpart.
Werben um ein rot-grünes Bündnis für die „Naturrevolution“
Dem Marxismus wirft Robien Blindheit auf die Belange der Natur vor und propagiert den linken radikalen Naturschutz unter der Arbeiterbewegung. Dem Klassenkampf setzt er einen ökologischen Kampf vor: „Wir kennen nur einen Krieg, einen Krieg des Kosmosmenschen gegen den das Gleichgewicht in der Natur in blinder Vermessenheit störenden Kulturmenschen, einerlei, unter welcher Maske er sich verbirgt, einen Krieg der Reinen, Aufrechten, gegen die Brunnenvergifter, die nur die Luft verpesten, uns foltern mit teuflischen Geräuschen, uns auf Schritt und Tritt quälen bis zur Verzweiflung. Alle sonstigen Ideale: Befreiung der Arbeiterklasse, der materiellen, die Natur bis auf den letzten Rest verderbenden Masse erscheinen uns, weil falsch und kurzsichtig, nichtig.“ Die Gewerkschaften reagieren mit Unverständnis oder Ablehnung auf die grundsätzliche „grüne“ Kritik Robiens an Konsumorientiertheit, Wachstumseuphorie, Technikbegeisterung und Industrieglauben. Zudem wurde ihm die Zusammenarbeit mit „Der freie Arbeiter“ gekündigt, nachdem er wiederholt antisemitische Artikel verfasste, in denen er den Juden die Schuld am Scheitern der „Naturrevolution“ gab, in ihrer vermeintlichen Rolle, sei es als Industriekapitalisten, sei es als naturblinde Klassenkämpfer. (Es wird dennoch überliefert, dass er während des 2. Weltkriegs polnische Juden auf der Mönne versteckt und ihnen schließlich zur Flucht verhilft.)
Werben um die Unterstützung seitens alternativer sozialer Bewegungen
Erfolglos kämpft er ebenfalls um Unterstützung für die Verwirklichung seiner „grünen“ Ideen seitens der vielfältigen Lebensreformbewegungen, deren Vertreter er 1922 zu einem Naturschutz-Kongress nach Berlin einlädt. Vor 200 Anwesenden hält er einen Vortrag über seine Vision von einem Netzwerk von Naturwarten und Naturschutzreservaten. So soll „Jeder Kreis ein Schutzgebiet freigeben. An den Rändern der Gebiete sollen Naturwarten und Siedlungen als Ernährungsbasis für die Beobachter und Schützer, Leiter und Schüler errichtet werden“; „Die Naturwarten sollen wissenschaftliche Beobachtungsstationen sein, der Leiter der Warte muß selber Wissenschaftler sein von einigen Schülern umgeben, die er zu gleicher Aufgabe heranbildet. […]Das kapitalistische System ist insofern ausgeschaltet, als die Wärter kein Gehalt beziehen, sondern ihren Unterhalt durch ihrer Hände Arbeit einen Stückchen Gartenland abgewinnen, und die Warten weder durch Kauf noch Pacht erworben, sondern vom Staat als Volkseigentum zur Verfügung gestellt werden sollen. Die Naturwarten sind also nicht nur Zufluchtstätten für die bedrängte Tier- und Pflanzenwelt, sondern sie bieten auch dem nach Gesundung, nach Einheit mit der Natur zurückstrebenden Teil der Menschheit die einzige Möglichkeit, sich reinzuhalten von den physischen und moralischen Giften der Kultur, denen Herren und Knechte, Ausbeuter wie Ausgebeutete, nicht mehr entsagen können noch wollen.“ Sein Vortrag wird allerdings verhalten aufgenommen. Zu fremd ist den Teilnehmern die Idee des Naturschutzes von linker politischer Position her. Nur eine Siedlergruppe im Kölner Raum versucht die Idee der Naturwarte zu verwirklichen. Die Idee wird auch von der französischen Gruppe Neo-Naturien aufgegriffen.
Realisierung der Ideale
Das einzig sichtbare Ergebnis der Konferenz bleibt allein die Errichtung einer ersten Naturwarte durch Robien selbst im Mai 1922 auf der Mönne. Die sumpfige Insel gehört der Stadt Stettin, doch eine Landbesetzung liegt nicht vor: Lokale Regierungsvertreter stellen ihm ein Wohnschiff samt 12 Morgen Gartengrund zur Verfügung. 1926 wird mit staatlicher Hilfe ein festes Stationshaus gebaut, das zu einem der beliebtesten Ausflugziele der Bevölkerung aus dem Stettiner Raum avanciert. Robien fällt dabei die Rolle eines ökologischen Aufklärers der Stadtmenschen zu. Die Errichtung weiterer geplanter Dauerstationen entlang der Pommerschen Küste sowie die von ihm angedachte internationale Vernetzung von Naturschutzstationen und -Gebieten scheitern am Widerstand der naturschutzfeindlichen Behörden und an der politischen Wende 1933. Seinen Plänen, gemeinsam mit seinem Sohn, eine umfassende Darstellung der Vögel Pommerns zu verfassen, setzte der Einmarsch der Roten Armee in Pommern 1945 ein Ende.
Erbe
Paul Robien, der bereits 1929 auf die Gefahren des Schwundes an Artenvielfalt, der Ölverseuchung der Meere, die Vergiftung der Wälder, und des drohenden Weltuntergangs durch einen Atomkrieg hinwies, war seiner Zeit weit voraus. Bis heute sind viele seiner Anschauungen und Vorahnungen aktuell und lesen sich wie das Parteiprogramm der Grünen. Teile seiner naturkundlichen Aufzeichnungen, die 1947 von polnischen Naturwissenschaftlern aus den Ruinen der Naturwarte Mönne gerettet werden konnten, befinden sich heute im Museum des Instituts für Zoologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Im heutigen Pommern wird er als Pionier der Umweltbewegung von polnischen Umwelt- und Naturschützern verehrt.
Schriften
Zahlreiche Aufsätze in „Der freie Arbeiter“ (1920-1925) sowie in „Der Syndikalist“ (1921), in denen Paul Robien seine politischen Ansichten publiziert und über die Naturwarte Mönne berichtet.
- Siedlungs-Aktion. Wien 1921
- Die Vogelwelt des Bezirks Stettin, 2. Teil. Stettin 1923
Quellen
- Heinz Gelinski: Stettin. Eine deutsche Großstadt in den dreißiger Jahren. Leer 1984, S.200-201.
- Ulrich Linse: Ökopax und Anarchie. Eine Geschichte der ökologischen Bewegungen in Deutschland. München 1986.
- [1]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Robien, Paul |
| ALTERNATIVNAMEN | Ruthke, Paul |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Naturschutzaktivist |
| GEBURTSDATUM | 2. September 1882 |
| GEBURTSORT | Bublitz-Abbau/Pommern |
| STERBEDATUM | 1934 |
| STERBEORT | Stettin/Pommern |
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