Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Partikularismus
Aus Kefk.
Als Partikularismus (lat.: pars = Teil; Partikel = sehr kleines Teilchen) bezeichnet in der Politikwissenschaft, Soziologie, Geschichtswissenschaft und Philosophie einen Zustand, in dem innerhalb eines Ganzen stets der kleineren Einheit der Vorzug gegeben wird. Grundsätzlich kann man den Partikularismus als ein System bezeichnen, in dem das jeweils Untergeordnete (Peripherie) gegenüber dem Übergeordneten (Zentrale) an Gewicht gewinnt.
Im Einzelnen bedeutet es
- ein politisches Phänomen wie es die Politologie beschreibt
- ein soziologisches Phänomen wie es die Soziologie beschreibt
- ein historisches Phänomen wie es die Geschichtswissenschaft verwendet
- einen Begriff der Politischen Philosophie als Gegenbegriff zum politischen Universalismus
Inhaltsverzeichnis |
Partikularismus als politisches Phänomen
Innerstaatlicher Partikularismus
Partikularinteressen sind hier die Einzelinteressen von Gruppen einer Bevölkerung bzw. eines Staates. Unterschieden werden drei Größen innerhalb des Gemeinwesens (Staates):
- Das Gemeinwesen als Ganzes oder der Staat
- Die Partikularinteressen bestimmter Interessengruppen oder staatlicher Subsysteme (Länder, Kommunen)
- Individuelle Interessen
Als Partikularismus wird in der Politologie also ein Phänomen bezeichnet, in dem weniger den Interessen von Individuen, als vielmehr die von Interessengruppen (pressure groups) und untergeordneten staatlichen Einheiten gegenüber dem Gesamtstaat so an Gewicht gewinnen, dass die Steuerung und Kontrolle des Ganzen nachhaltig erschwert wird. Die vollständige Desintegration (Auflösung) des Gesamtgebildes oder Staates wird dort als radikaler Individualismus bezeichnet. Der Föderalismus der BRD wird in der Politologie noch nicht als Partikularismus gesehen, obwohl vor Tendenzen dazu gewarnt wird. Der Gegenbegriff zum Partikularismus als politischem Phänomen ist der Zentralismus
Internationaler Partikularismus
Die momentan bekannteste partikularistische Theorie in globalem Maßstab wird von Samuel Huntingtons Clash of Civilations (dt. Kampf der Kulturen) propagiert. Dort ist die Welt in Zivilisationen oder religiös-ethnisch definierte Kulturkreise aufgeteilt, von denen jede eigene, in den meisten Fällen auch gegensätzliche Interessen vertritt.
Partikularismus in der Geschichte
Partikularismus in der Geschichte ist eng verwandt mit dem politologischen Begriff, was auch nicht wundert, nachdem die Mainstream-Geschichstwissenschaft weitgehend Politikgeschichte ist. Hier wird Partikularismus als Zersplitterung oder Auflösungserscheinung einer Zentralmacht durch die Stärkung von lokalen oder regionalen Mächten gesehen. Die führt dazu, dass viele kleine Einzelmächte und Einzelmeinungen entstehen, die Unabhängigkeit von einer Zentralgewalt suchen. Das bekannteste Beispiel für Partikularismus in der Geschichte ist Deutschland im 19. Jahrhundert. Während überall in Europa Nationalstaaten entstanden, blieb das deutsche Territorium noch lange in viele kleine Fürstentümer und Königreiche zersplittert. Die Einzelinteressen jener Herrscher dieser Gebiete, die ihre Macht nicht verlieren wollten, verhinderten lange Zeit eine Reichseinigung. Partikularismus bezeichnet daher auch das Streben einzelner Landesteile, ihre Interessen auf Kosten einer größeren politischen Einheit durchzusetzen, wie es zum Beispiel Preußen im 18. und 19.Jahrhundert tat.
Feudaler Partikularismus in Europa
Partikularismus als soziologisches Phänomen
Hier wird der Begriff vor allem im Kontext mit den Begriffen Pluralismus sowie Universalismus (nach Max Weber und Talcott Parsons) diskutiert.
- Partikularismus ist hier einmal eine Radikalisierung oder ein falsch verstandener Pluralismus (U. Beck, A. Giddens, E. Grande), also eine Auffassung, dass kleinere Einheiten, die auf ihren Interessen bestünden, eine gerechtere globale Ordnung herbeiführen könnten.
- Als weitere Gestalt des Partikularismus kann die Anomie nach Durkheim angesehen werden. Unter Anomie versteht man den Zustand fehlender gesellschaftlicher Ordnung oder Regeln.
- Zum anderen wird mit Partikularisierung auch ein Prozess beschrieben, in dem die Individuen sich weniger größeren Einheiten (Staat, Volk, Welt) als vielmehr kleineren, unmittelbar erfahrbaren Einheiten (Ort, Kirche, Vereine) zugehörig fühlen und sich damit identifizieren (sozialpsychologischer Begriff).
- Und schließlich wird als Partikularismus als systematisches Konzept ein Begriff verstanden, welches das Eigene über das Andere stellt. Dazu gehören dann so heterogene selbstzentristische Auffassungen wie Androzentrismus (Mann als Zentrum), Sexismus, Eurozentrismus und alle Arten des Rassismus.
Partikularismus als Begriff der Politischen Philosophie und Gegenbegriff zum politischen Universalismus
In der Politischen Philosophie wird der Partikularismus vor allem als Gegenbegriff zum Universalismus in oft abwertender Weise gebraucht. Der Streit zwischen Partikularisten und Universalisten geht um die Frage, ob es Werte gibt, die für alle Menschen gelten und begründbar sind, oder ob Werte gruppenanhängige Einstellungen sind, die von je nach kultureller, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit unterschiedlich sind. Vor allem im Rahmen des Gerechtigkeitsbegriffs kamen die gegensätzlichen Positionen zum Ausdruck. Die Auseinandersetzung lässt sich gut mit den beiden Aristotelischen Auffassungen von Gerechtigkeit vergleichen: Während die Kommunitaristen der Meinung sind, dass gerecht nur etwas sei, wenn man es in Ansehung dessen sehe, was Person als gut betrachten (proportionale Gerechtigkeit), meinen Universalisten, dass gerecht abstrakt und unabhängig von diesen Vorstellungen des Guten existiere. So gelten etwa die Menschenrechte universalistisch, ohne Ansehung der Person und damit ihrer Herkunft, Religion und kulturellen Zugehörigkeit. Partikularisten würden hier grundsätzlich einwenden, dass solche Menschenrechte ein zu abstraktes Konstrukt sind, das erst auf die jeweilige kulturelle Welt anzuwenden sei. Partikularistische Positionen werden vor allem vom Kommunitarismus (Michael Walzer, Alastair McIntyre, Etzioni) vertreten, während dem Universalismus von liberalen, sozialistischen und den so genannten wert-konservativen Vertretern die Stange gehalten wird.
Zitat
Partikularismus ist der Geisteszustand, in welchem wir uns nicht für verpflichtet halten, mit den anderen zu rechnen. – José Ortega y Gasset (Aufbau und Zerfall Spaniens, 1921)
Weblinks
- http://evakreisky.at/onlinetexte/nachlese_ismen.php#1 – eine Beschreibung zum Spannungsfeld von Universalismus und Partikularismus
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Partikularismus, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
