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Nivchische Sprache

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Das Nivchische oder Giljakische wird von etwa 1.100 Nivchen gesprochen, die in Russland an der Mündung des Amur und auf der Insel Sachalin leben. Nivchisch ist eine isolierte Sprache, also mit keiner anderen bekannten Sprache genetisch verwandt.

Es wird jedoch mit anderen sibirischen Sprachen zu der Gruppe der paläosibirischen Sprachen zusammengefasst. Die paläosibirischen Sprachen bilden keine genetische Einheit, sondern eine Gruppe altsibirischer Restsprachen, die schon vor dem Eindringen uralischer, turkischer und tungusischer Ethnien dort gesprochen wurden.

Inhaltsverzeichnis

Ethnolinguistischer Hintergrund

Das Nivchische oder Giljakische ist eine isolierte Sprache mit noch etwa 1.100 Sprechern (Zählung 1989) aus einer ethnischen Gruppe von rund 5.000 Personen, die in kleinen Einheiten als Fischer und Jäger auf Sachalin (Dörfer Nekrasowka und Nogliki, Poronaj-Distrikt in Südsachalin) und im Mündungsgebiet des Amur (Chabarowsk, Komsomolsk, Ocha, Nikolajewsk) – oft in der Gemeinschaft mit den tungusischen Negidalen und Russen – leben.

Die Selbstbezeichnung von Volk und Sprache ist Nivch, was "Mensch" bedeutet (genauer: m’er n’ivch dif von m’er – "wir", n’ivch – "Mensch" und tif – "Sprache"). Der Name "Giljak" stammt von der Mandschu-Bezeichnung Giljami, die mit der russischen Endung /-jak/ erweitert wurde.

Schriftsprache

Nach frühen Versuchen (1880), die wieder in Vergessenheit gerieten, wurde 1931 für das Nivchische eine auf der lateinischen Schrift und dem Amur-Dialekt basierende Schriftsprache eingeführt (es erschienen einige Nummern einer nivchischen Zeitung). 1953 fand der Übergang zur kyrillischen Schrift mit einigen Sonderzeichen statt, die der nivchische Ethnologe Taksami 1980 besser an die nivchische Phonetik anpasste. Wurde die nivchische Schriftsprache zunächst noch in der Primarausbildung benutzt, so findet sie seit den 1960er Jahren auch dafür keine Verwendung mehr. Auch als (mündliche) Unterrichtssprache im Primarbereich ist das Giljakische ganz dem Russischen gewichen. Der nivchische Dichter Sangi publizierte neben russischen Werken auch einige auf Sachalin-Nivchisch.

Anteil der Sprecher an der ethnischen Gruppe

Der Anteil der ethnischen Nivchen, die ihre Sprache noch beherrschen, nahm in den letzten Jahrzehnten stark ab, wie die folgende Übersicht der Volkszählungsdaten zeigt. Die meisten kompetenten Sprecher des Nivchischen sind älter als 55 Jahre, Kinder sprechen kein Nivchisch mehr, alle Giljaken sprechen heute auch Russisch.

Ethnische Nivchen und Anteil der Nivchisch-Sprecher

Jahr Ethnische
Nivchen
Nivchisch
Sprecher
Prozent
1926 4.100 4.100 100%
1959 3.700 2.800 76%
1970 4.400 2.200 50%
1979 4.400 2.100 48%
1989 4.700 1.100 23%

Obwohl neuere Zählungen fehlen, ist von einem weiteren Rückgang der Sprecherzahlen im letzten Jahrzehnt auszugehen. Das Nivchische ist also eine vom baldigen Aussterben bedrohte Sprache.

Dialekte

Nivchisch gliedert sich in drei Dialekte: Amur, Nordsachalin und Ostsachalin, wobei Amur und Ostsachalin wegen deutlicher Unterschiede in Phonetik, Grammatik und Lexikon nicht wechselseitig verständlich sind. Das Nordsachalin nimmt eine Zwischenposition ein. (Manche Forscher sehen die Dialekte als separate Sprachen an; dann wäre das Nivchische eine kleine Sprachfamilie und keine isolierte Sprache.) Das Ostsachalin-Nivchische hat einige Lehnwörter aus dem Ainu und Japanischen aufgenommen, während sonst der Einfluss der tungusischen Sprachen größer war. In den letzten Jahrzehnten hat der russische Lehn- und Fremdwortbestand stetig zugenommen, allerdings werden für die Begriffe des traditionellen täglichen Lebens nach wie vor durchgehend nivchische Bezeichnungen verwendet.

Beziehungen zu anderen Sprachen?

Morphologisch und syntaktisch könnte man das Nivchische als eine typisch "altaische" Sprache ansehen, was natürlich nicht viel über seine genetische Beziehung aussagt. Es gibt zahlreiche Versuche, die Verwandtschaft des Nivchischen mit anderen Sprachen nachzuweisen. Insbesondere tungusische Sprachen, aber auch Tschuktschisch, Japanisch und die eskimo-aleutische Sprachen wurden dazu herangezogen.

Joseph Greenberg fasst das Nivchische als eine Untereinheit seiner eurasiatischen Makrofamilie auf (Greenberg 2000). Die Argumente für solche genetischen Beziehungen sind für die große Mehrheit der Forscher allerdings bisher nicht überzeugend gewesen, so dass von ihnen das Giljakische weiterhin als isolierte Sprache angesehen wird. Allerdings sprechen sich auch frühere Vertreter einer Urverwandtschaft des Indogermanischen und des Uralisch-Jukagirischen sowie von letzterem mit sibirischen Sprachen (ausser dem Jenissejischen) wie Kortlandt (2004) für einen genetischen Zusammenhang des Nivchischen mit dem Eurasiatischen oder zumindest mit Teilen davon aus. Eine Zuordnung zur nostratischen Makrofamilie ist bisher nicht erwogen worden. Die Einordnung in die allein areal definierte Restgruppe der paläosibirischen Sprachen ist genetisch nicht relevant.

Sprachcharakteristik

Phonetik

Das Nivchische weist ein reiches Konsonanteninventar auf. Es gibt stimmhafte und stimmlose Frikative; stimmhafte, aspirierte und nicht-aspirierte Verschlusslaute mit labialer, dentaler, palataler, velarer und uvularer Artikulationsstelle, mehrere Nasale, verschiedene l- und r-Laute (G. L. Campbell 1995). Die Konsonanten sind in Abstufungs- oder Alternationsserien eingeteilt, z.B. /p-v-b/, /t-r-d/, /t'-z-d'/, /k-γ-r/ (insgesamt gibt es 20 solcher Serien). In Abhängigkeit vom Auslaut des vorausgehenden Wortes durchlaufen die worteinleitenden Konsonanten die Allophone einer Serie:

Beispiel (1)

  • tıf "Haus" (lexikalische Form mit anlautendem /t-/))
  • ıtık rıf "Vaters Haus" (/r-/ nach k-Laut)
  • oγlagu dıf "Haus der Kinder" (/d-/ nach Vokal)

Beispiel (2)

  • v?kzd' "verlieren"
  • nux p?kzd' "eine Nadel verlieren"

Lange Vokale erscheinen oft als Ergebnis der Elision eines velaren oder uvularen Spriranten: z.B o:la < oγla "Junge". Sie haben Phonemcharakter, wie folgendes Beispiel zeigt:

  • t'u:r "Feuer", aber t'ur "Erbsen".

Nominalflexion

Die Nominalflexion ist agglutinierend, sie unterscheidet durch Suffixe Numerus (Singular und Plural) und Kasus (8 Fälle), durch Präfixe den Possessivus. Der Pluralmarker ist /-ku/ (allophon /-xu/, /-gu/)

  • ıtık "Vater" , ıtık-xu "Väter"
  • oγla "Junge" , oγla-gu "Jungen"

Neben dem unmarkierten Nominativ-Absolutiv gibt es u.a. einen Dativ-Akkusativ (Suffix /-ax/), Dativ-Aditiv (/-rox/), Lokativ (/-uin/) und Instrumentalis (/-γir/). (Das Nivchische ist keine Ergativsprache.) Die Präfixe für den Possessivus sind im Singular /n'i-/, /či-/ und /p'i-/:

  • n'-rıf "mein Haus", č-rıf "dein Haus", p'-rıf "sein/ ihr Haus"

Verbalflexion

Das nivchische Verb unterscheidet die Kategorien Genus (Aktiv, Hortativ, Reflexiv; ein eigentliches Passiv gibt es nicht), Aspekt (perfektiv, iterativ, habituell, durativ), Modus und Tempus in affirmativer, negativer, interrogativer und affektiver Version. Auf die äußerst komplexe Formenbildung kann hier nicht eingegangen werden (einige Details bei Campbell 1995).

Zahlwörter

Eine interessante Eigenschaft des Nivchischen (die es mit südostasiatischen Sprachen teilt), ist die Existenz verschiedener Serien von Zahlwörtern, die in Abhängigkeit von der Klasse des Gezählten benutzt werden. Zum Beispiel heißt das Zahlwort "drei" t'aqr bei Menschen, t'or bei Tieren, t'em bei Booten, t'for bei Netzen usw., insgesamt gibt es 26 Klassen. Stabil bleibt bei allen 26 Zahlwörtern für "drei" der einleitende Konsonant /t'-/, der offensichtlich die eigentliche Zahlinformation enthält. Eine ähnliche Situation liegt bei allen Zahlwortserien vor, z.B. bei "eins": nim für Boote, nir für Hundeschlitten; bei "zwei": mim bei Booten, mir bei Hundeschlitten u.s.w.

Siehe auch

Literatur

  • Campbell, George L. 1995. Concise Compendium of the World's Languages. London u. New York: Routledge.
  • Greenberg, Joseph H. 2000. Indo-European and its Closest Relatives. The Eurasiatic Language Family, Bd. 1: Grammar. Stanford University Press.
  • Gruzdera, Ekaterina. 1998. Nivkh. (Languages of the world). München: LINCOM Europa. ISBN 3895860395
  • Kortlandt, Frederik. 2004. "Nivkh as a Uralo-Siberian language". In: Per aspera ad asteriscos (Festschrift für Jens Elmegård Rasmussen). Innsbruck: Institut für Sprachen und Literaturen der Universität. S. 285-289.

Weblinks

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