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Metalepse

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Metalepse oder griechisch Metalepsis (wörtlich etwa "Herübernahme") ist ein Begriff aus der klassischen Rhetorik, der in der Erzähltheorie eine neue Verwendung erfuhr. Da der Begriff auch innerhalb der Rhetorik schon in verschiedenen Kontexten gebraucht wurde, sind insgesamt drei, jedoch miteinander zusammenhängende Verwendungen zu unterscheiden:

  • Die Metalepsis als Form der uneigentlichen Rede, als Sinnfigur oder Trope der klassischen Rhetorik.
  • Die Metalepse als Begriff für ein besonderes Verhältnis der Erzählebenen in der Erzähltheorie.
  • Die älteste Verwendung des Begriffs ist die in der Theorie der Gerichtsrede. Siehe dazu den Artikel Statuslehre (Rhetorik).

Für den Begriff der klassischen Rhetorik wird bevorzugt die griechische Form verwendet, für den der Erzähltheorie das auch im Französischen gebräuchliche "Metalepse", man begegnet aber auch jeweils der anderen Form.

Inhaltsverzeichnis

Die Metalepsis der klassischen Rhetorik

Die Metalepsis oder Metalepse wird in der klassischen Rhetorik unterschiedlich definiert:

  • Als Ersetzung eines Wortes durch ein teilweises Synonym, das aber im Kontext nicht gemeint ist, so wenn man statt "Das Gericht tagt" sagen würde "Die Mahlzeit tagt". Diese Definition findet sich erstmals bei Tryphon im 1. Jahrhundert v. Chr., in seiner Schrift Peri tropon, und wurde von Quintilian aufgegriffen. Letzterer nennt als Beispiele herablassende Wortspiele mit der Bedeutung von Eigennamen (z. B. Verres, Eber, oder Catus, schlau), die bei den Römern offensichtlich verpönt waren.
  • Als Anspielung über mehrere vermittelnde Vorstellungen hinweg, quasi als "Fern-Metonymie", so wenn, um gleich eines der am häufigsten zitierten Beispiele anzuführen, Vergil an einer Stelle (Eklogen 1, 69) von Ähren spreche, aber damit Ernten und übertragen Jahre meine. In Quintilians Erörterung der Metalepse in der Institutio oratoria ist diese Auffassung bereits angelegt, als Hauptbedeutung favorisiert wird sie von Aelius Donatus im 4. Jahrhundert, der auch das Vergilbeispiel nennt.
  • Als Darstellung des Vorhergehenden durch das Nachfolgende und umgekehrt. Inhaltlich auf Philipp Melanchthon zurückgehend, wird diese Definition meist nach César Dumarsais' Des Tropes ou des différents sens von 1729 zitiert.

Die erstgenannte Bedeutung wurde zwar in der Nachfolge Quintilians häufig theoretisch dargestellt, aber seine Ablehnung dieser Figur teilte sich in gleicher Weise mit. Er nennt sie "höchst selten und ungebührlich, bei den Griechen aber häufiger" (Institutio oratoria 8.6.37). Als ein griechisches Beispiel bringt er die Benennung des Kentauren Cheiron (was auch "geringer" heißt) als "der Kümmerling". Eine sinnvolle Verwendungsmöglichkeit sieht er allenfalls in der Komödie (ebd. 39).

George Puttenham versteht die Metalepsis in seinem einflussreichen Buch The Arte of English Poesie von 1589 in der zweiten Bedeutung und übersetzt sie von daher als the farfet, "die Weithergeholte".

Bereits Quintilian schrieb, die Metalepse öffne "gleichsam den Weg von einer Trope zu einer anderen" (a. a. O. 37). Giambattista Vico fasst in seinen Institutiones oratoriae von 1711 die erste und die zweite Wortbedeutung zu der allgemeineren, aber ebenfalls präzisen Definition zusammen: die Metalepse sei eine "Verknüpfung mehrerer Tropen" (plurium troporum nexus, § 42). Im Kapitel "Poetische Chronologie" seiner Scienza nuova hebt er die "evolutionäre Rationalität" (A. Burkhardt) des Vergilbeispiels hervor, indem er darauf hinweist, dass in einer bäuerlichen Gesellschaft die Jahre lange Zeit nach den Ernten gezählt worden sein müssen, bevor sich ein abstrakter Begriff "Jahr" herausbildete.

Die Metalepse der Erzähltheorie

In der Literaturwissenschaft wird von einer Metalepse immer dann gesprochen, wenn eine Erzählebene überschritten und durch Überlagerung, Spiegelung oder andere Verfahren verdoppelt oder sogar vervielfacht wird. Der Begriff wurde hier von Gérard Genette eingeführt, in "Discours du récit" (Figures III, 1972).

Bei Genette bezeichnet Metalepse das Überschreiten der Grenze zwischen erzählter und realer Welt, indem der Autor sich in das Geschehen einmischt, wie es im "auktorialen" Roman häufig geschieht, oder Figuren der Erzählung aus ihr in die Wirklichkeit (die hier selbst eine fiktive ist) heraustreten. Genette nennt Julio Cortázars Erzählung "Continuidad de los Parques" aus Final del Juego (dt. Ende des Spiels), in der die Figuren ihren Leser umbringen. In Métalepse von 2004 dehnt Genette diesen Ansatz auf die Beschreibung von Filmen und anderen Kunstwerken aus, z. B. Woody Allens The Purple Rose of Cairo.

John Hollander versteht die Metalepse in The Figure of Echo als literarische Anspielung und kulturelles Echo, womit er sie in die Nähe des Topos rückt.

Die bekannteste Metalepse ist die narrative Mise en abyme (frz.: "in den Abgrund schicken") nach Lucien Dällenbach. Die Bezeichnung lehnt sich an die Heraldik an und bezieht sich auf die Wiederholung desselben Wappens en miniature auf dem Schild. Entsprechend steht die mise en abyme für einen Text, der (im Maßstab herabgesetzt) im selben Text nochmals enthalten ist. Einen ähnlichen Effekt kann man auch in einer Spiegelflucht beobachten, in der das eigene Spiegelbild schier unendlich wiederholt und von Spiegelung zu Spiegelung kleiner wird.

Einen interessanten Hinweis auf die Funktion von Metalepsen gibt Jorge Luis Borges in "Magias parciales del Quijote" (span.: "Partielle Magie im Don Quichotte"): "Warum beunruhigt es uns so sehr, dass die Landkarte in der Landkarte beinhaltet ist und die 1001 Nächte im Buch Tausendundeine Nacht? Warum beunruhigt es uns, dass Don Quichotte Leser des Quichotte, Hamlet Zuschauer des Hamlet ist? Ich denke, die Ursache herausgefunden zu haben: solche Inversionen legen nahe, dass wenn die Figuren einer Fiktion Leser oder Zuschauer sein können, wir, ihre Leser oder Zuschauer, fiktiv sein können" (Jorge Luis Borges, Obras Completas, Bd. 2, Buenos Aires: Emecé 1989, S. 47). Passend ist auch das Drama von Luigi Pirandello: Sechs Personen suchen einen Autor von 1921.

Literatur

  • A. Burkhardt: Metalepse, in: Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. 5, Tübingen 2001, Sp. 1087-1096
  • Gérard Genette: Figures III, Paris 1972, S. 243-246 (auf Deutsch in ders: Die Erzählung, hg. von Jochen Vogt, München 1988)
  • Ders.: Métalepse. De la figure à la fiction, Paris 2004
  • John Hollander: The Figure of Echo. A Mode of Allusion in Milton and After, Berkeley, Los Angeles, London 1981
  • Lucien Dällenbach: Le récit spéculaire. Essai sur la mise en abyme, Paris 1977

Weblinks

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