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Letztbegründung

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Unter einer Letztbegründung versteht man einen unbezweifelbar gültigen Beweis einer Aussage. Die Frage der Letztbegründung wird in der Gegenwart zum einen in der Erkenntnistheorie und zum anderen in der Ethik diskutiert. Dabei geht es um die Frage, ob es notwendige allgemeingültige theoretische Wahrheiten oder unbedingte moralische Verpflichtungen gibt.

Die Möglichkeit einer Letztbegründung bejahen für die Erkenntnistheorie u.a. Vittorio Hösle und für die Ethik u.a. Karl-Otto Apel/Diskursethik und Wolfgang Kuhlmann. In der Fundamentaltheologie benutzt neben anderen Hansjürgen Verweyen den philosophischen Erweis eines letzten Grundes (K-O. Apel, aber auch: Anselm, Descartes und Fichte), um zu zeigen, dass eine christlich verstandene Offenbarung für die menschliche Vernunft "vernehmbar" sei (vgl. Natürliche Theologie).

Inhaltsverzeichnis

Kritik und Gegenkritik

Die Möglichkeit einer Letztbegründung wird vor allem von Vertretern des Kritischen Rationalismus (speziell von Hans Albert) in Frage gestellt. Sie verweisen auf ein grundsätzliches Problem eines jeden Versuches einer letzten Begründung. Man kann dieses Problem an einem einfachen Beispiel aus dem Alltag verdeutlichen. Würde ein Kind die Frage stellen, warum der Himmel blau ist und auf jede Antwort mit der Frage „Warum?“ reagieren, so würde man früher oder später nach dem Münchhausen-Trilemma in eine logische Sackgasse geraten, die nach Auffassung der Letztbegründungsgegner lediglich drei Alternativen zur Wahl lässt:

  • Infiniter Regress - unendliche Reihe von Antworten
  • Logischer Zirkel - in der Reihe der Antworten wird irgendwann auf das zu Beantwortende als Voraussetzung zurückgegriffen (Der Himmel ist blau, weil er blau ist)
  • Dogmatismus - an die Stelle einer Begründung tritt eine unbegründete Behauptung (Der Himmel ist blau, weil der liebe Gott wollte, dass wir einen blauen Himmel haben).

In keinem Fall würde vollkommen unabhängig von der gestellten Frage jedoch eine Letztbegründung möglich.

Die genannte Kritik, die selbst als wissenschaftlich ernst genommen werden will, übersieht nach der Auffassung der Realisten, dass Wissenschaft nur dann möglich ist, wenn Argumentieren und Beweisen möglich ist. Da Beweisen das Zurückführen von Wahrheiten auf andere ist, kann dies tatsächlich nicht durch einen unendlichen Regress oder Zirkel geschehen. So wie nach dem Universalienproblem nicht alle Begriffe durch andere erklärt werden können, so kann auch nicht jede Aussage auf (eine) andere zurückgeführt werden. Vielmehr muss es erste Begriffe und erste Wahrheiten geben.

Als diese ersten Wahrheiten bzw. Grundwahrheiten werden mindestens seit der Scholastik von vielen Philosophen die Evidenzen gesehen. Diese sind weder beweisbar noch widerlegbar, da jeder Beweis sie bereits voraussetzt. Die - insgesamt sehr wenigen - Evidenzen gelten den Realisten als aus sich heraus einsichtig bzw. einleuchtend. Ein Beispiel aus der modernen Philosophie ist die Protokollsatzlehre des logischen Positivismus. Sie geht davon aus, dass Wahrnehmungserlebnisse unmittelbar evident und daher zur Begründung empirischer Sätze geeignet sind.

Beide Positionen - Verfechter und Gegner der Letztbegründung - sehen sich mit logischen Problemen konfrontiert: Eine logisch begründete Argumentation gegen die Letztbegründung kann für sich nicht in Anspruch nehmen, eine endgültige Antwort zu sein. "Es gibt keine Letztbegründung" ist - sofern der Satz "sich selbst" ernst nimmt, d. h. auf sich referenziert - widersprüchlich, da er keine endgültige Wahrheit aussprechen kann (dass es nämlich keine Letztbegründung gibt). Letztbegründung kann nicht absolut als unmöglich angesehen werden, da dies eine endgültige Wahrheit, demnach eine letztbegründete, darstellen würde. Gegnern der Letztbegründung bleibt als sinnvolles Argument nur der Hinweis auf bisher ausgebliebene, erfolglose Versuche einer Letztbegründung.

Befürworter einer möglichen Letztbegründung beziehen sich in der aktuellen Diskussion um das Münchhausen-Trilemma zumeist auf die Möglichkeit eines zirkulären Beweises, da weder ein Regress noch ein Dogma befriedigend wären. An sich ist die Möglichkeit eines sich selbst beweisenden Systems per se zirkulär. Hier wird an einigen Stellen von Gegnern der Letztbegründung Gödels Unvollständigkeitstheorem in Stellung gebracht; dennoch lässt sich hierzu sagen, dass sich dieses (bisher) nur auf formale und nicht auf semantische Systeme bezieht. Ein letztbegründetes System wäre schlussendlich eine Erklärung der Welt, wie sie - ohne dieselbe Intention - auch in der Physik mit einer Theory of Everything angestrebt wird.

Die kritisch-rationale Lösung

Der Kritische Rationalismus hat zu zeigen versucht, dass eine letzte Begründung (logisch) unmöglich ist, und zwar mit Hilfe des Münchhausen-Trilemmas. Auch wenn sicher begründetes Wissen nicht möglich ist, führt das keineswegs zu einer Aufweichung des Wahrheitsbegriffs. Die beiden wichtigsten Vertreter des Kritischen Rationalismus Karl Popper und Hans Albert betonen, dass man nach wie vor die absolute Wahrheit aussprechen kann. Sie bestreiten, dass man wissen kann, dass man die Wahrheit sagt, weil es kein Wahrheitskriterium gibt. (Siehe die zahlreiche Literatur bei den entsprechenden Einträgen 'Wahrheit' und 'Absolute Wahrheit' im Lexikon des Kritischen Rationalismus Tübingen 2004).

Man gibt den Anspruch auf sicheres (bewiesenes) Wissen auf und führt stattdessen alles, was man 'begründen' will (begründen nun in einem schwächeren Sinn), auf zur Zeit unproblematisches Wissen zurück. Dieses Wissen braucht man zur Zeit nicht zu begründen, weil es ja keine Probleme aufwirft. Sobald es aber problematisch wird, muss man daran arbeiten, es wiederum auf Unproblematisches zurückzuführen oder es mit unproblematischen Theorien zu erklären. Das ist genau die Art, wie die Wissenschaftler uns etwas erklären. Solange das Ohmsche Gesetz nicht angezweifelt wird, ist man mit allen Erklärungen, in denen es verwendet wird, zufrieden. Jederzeit dürfen Zweifel angemeldet werden.

Im Gegensatz zum Regress auf "Evidenzen" wird beim Regress auf "Unproblematisches" der Anspruch auf sicheres Wissen fallengelassen, und zwar ohne Schaden: Warum begründen, was unproblematisch ist? Im Gegensatz zu den Dogmatikern braucht man sich hier nicht für alle Zeiten auf eine Wahrheitsbehauptung ("evident=wahr") festzulegen. Jederzeit können das Ohmsche Gesetz und alles, was uns heute unproblematisch scheint, problematisch werden. Wir brauchen deshalb aber nicht auf Erklärungen zu verzichten: Es stört die Wissenschaft nicht, dass sie nicht heute schon das Wissen von morgen verkünden kann, oder gar endgültiges Wissen.

Diese Methode des Kritischen Rationalismus, sich nicht auf letzte Sätze, sondern auf unproblematische Sätze zu stützen, findet sich relativ verstreut in kritisch-rationalen Schriften (die verschiedenen Quellen findet man in der unten angegebenen Literaturstelle).

Hinweise auf verwandte Probleme

Literatur

  • Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft. Tübingen 1968.
  • Hans Albert: Transzendentale Träumereien. Hamburg 1975.
  • Karl-Otto Apel: Diskurs und Verantwortung. Das Problem des Übergangs zur postkonventionellen Moral. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988
  • Wolfgang Kuhlmann: Reflexive Letztbegründung. Untersuchungen zur Transzendentalpragmatik. Alber, Freiburg/München 1985
  • Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie. C. H. Beck, München 1990
  • Hans-Dieter Klein: Letztbegründung als System? Bonn 1994
  • Dieter Wandschneider: Grundzüge einer Theorie der Dialektik. Rekonstruktion und Revision dialektischer Kategorienentwicklung in Hegels "Wissenschaft der Logik". Klett-Cotta, Stuttgart 1995
  • Hanul Sieger: Die Logik der Liebe. Von Erich Fromm zur Letztbegründung. Peter Lang, Frankfurt am Main 1997
  • Hansjürgen Verweyen: Gottes letztes Wort. Grundriß der Fundamentaltheologie. Düsseldorf: Patmos 1991. [1] Dritte, vollst. überarb. Aufl. Regensburg: Pustet 2000.
  • Zu 'Regress abbrechen bei Unproblematischem', siehe Stichwort 'Unproblematisches' in: Lexikon des Kritischen Rationalismus, Tübingen 2004.

Weblinks

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