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Konzilstheologe

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Als Konzilstheologen werden im innerkatholischen Diskurs jene Theologen bezeichnet, deren Konzeption die Beschlussfassung des pastoral orientierten II. Vatikanischen Konzils stark beeinflusst hat. Ihnen ist eine theologische Aufwertung der Konzilstexte geglückt, deren Entwürfe seitens der Kurie recht streng dem Stil des päpstlichen Lehramts seit 1740 (erste Enzyklika, Benedikt XIV.) folgte. Inhaltlich hat die Theologie des Konzils die Aussagen der neueren Päpste aber nicht abgewertet, sondern bestätigt und weiter ausgeführt.

Im engeren Sinne sind mit Konzilstheologen die Periti gemeint (Ez.: Peritus), also die theologischen Berater bedeutender Teilnehmer des Konzils. Als Vertreter der wissenschaftlichen Theologie deutscher Sprache waren dies insbesondere der Jesuit und Dogmatiker Karl Rahner, der für den Wiener Erzbischof und Kardinal Franz König tätig wurde und Joseph Ratzinger als Peritus des Kölner Kardinals Josef Frings.

Von besonderem Einfluss war auch die zeitgenössische französische Theologie, vertreten insbesondere durch die Jesuiten und späteren Kardinäle Henri de Lubac ("Catholicisme", 1938; "Surnaturel", 1946) und Jean Daniélou sowie den Dominikaner Yves Congar, der kurz vor seinem Tod gleichfalls noch zum Kardinal berufen wurde. Allen diesen ist gemeinsam eine Bereicherung der Theologie um historisch argumentierende Betrachtungsweisen, gegenüber einer eher spekulativen Philosophie. Keiner von diesen hatte jedoch persönlich die Absicht, die Lehre der Kirche einem gleichfalls spekulativen Naturalismus zu unterwerfen.

Auch der theologische Bestsellerautor und Papstkritiker Hans Küng nennt sich Konzilstheologe. Hingegen ist, abgesehen von der publizistischen Aufmerksamkeit, die sein frühes Buch "Konzil und Wiedervereinigung" 1960 fand, seine relativierende, das Mysterium der Kirche (vgl. Lumen Gentium, Kapitel 1) abwertende Konzeption im Konzil nicht zum Zuge gekommen.

Über den Einfluss, den der spekulative Theologe Karl Rahner bzw. der eher historisch orientierte Joseph Ratzinger insgesamt hatten, wird rege gestritten. Letztlich ausschlaggebend für die Gesamtlinie des Konzils wurde jedoch die theologische Richtung, die Papst Paul VI., überdies politisch erfahren und liturgisch interessiert, selbst favorisierte. Unter starkem Einfluss neuerer frz. Theologie (im Anschluss an philosophische Vorarbeiten von Maurice Blondel und Jacques Maritain), zugleich marianischer Frömmigkeit zugeneigt, war dieser Konzilspapst bereit, einem historisch bewährten Begriff der Offenbarung, dessen Mittelpunkt eine christozentrische Ekklesiologie bildet, zum Durchbruch zu verhelfen (so insb. in den Konstitutionen Dei Verbum und Lumen Gentium).

Starke Kräfte in der Kurie verdächtigten Montini, den späteren Papst, bereits in den 1950er Jahren zu große Sympathien für "liberale" (also vor dem Hintergrund der ital. Politik: allzu antifaschistische und zu wenig antikommunistische) Tendenzen zu hegen. Anders als Papst Pius XII. wollten diese aber nicht anerkennen, dass in der Weltsituation des 20. Jh. keine andere Methode als eine eben auf die Situation bezogene Methode (des anstrengenden Dialogs) Erfolg verspricht: "Die Arbeit beginnt heute - und hört nicht mehr auf" (Paul VI., Enzyklika Ecclesiam Suam, 1964).

Die Tragödie der eigentlichen Konzilstheologie besteht freilich darin, dass jene theologischen Richtungen, die sich in den Dokumenten nicht hinreichend wiederfanden, alsbald, und über ca. zehn Jahre hinweg, eine die Kirche schwer gefährdende Debatte in der Öffentlichkeit austrugen, die der Durchsetzung nicht-konziliarer Positionen im kirchenpolitischen, internen Diskurs dienen sollte. Signalwirkung hatten hier der liberale Holländische Katechismus von 1966 einerseits und die traditionalistischen Priesterweihen von Ecône 1976 andererseits. Diese internen Kämpfe werden heute weithin als Beweis dafür angesehen, dass die kirchliche Krise schon vor dem Konzil weitreichendere Wurzeln hatte (z.B. "Autoritätskrise" in Folge der Kriege) als man in Rom wahrnehmen konnte. Kritiker behaupten, dass etwa die 40 Lehrschreiben Pius XII. bereits Makulatur waren, ehe die Vatikandruckerei sie auslieferte: eine päpstliche Stimme ohne Tragweite (Jean d'Hospital). Das gilt sicherlich nicht für seine vier großen Enzykliken, die allesamt Eingang in das Konzil fanden. Erste Anfänge der Konzilstheologie muss man gerechterweise sogar im Lehrwerk bereits Pius XI. sehen. Nach Meinung des Konzilspapstes Johannes XXIII. darf das II. Vatikanum nur in Kontinuität mit dem I. Vatikanum Pius IX. interpretiert werden, das 1870 unterbrochen werden musste.

Was lehrt ein pastorales Konzil?

Ein Pastoralkonzil wie das Zweite Vatikanum konnte nur den Zweck einer Aufwertung des kirchlichen Amtes ("Hirtensorge") gegenüber der Theologie (auch der traditionellen) verfolgen, um dem Glaubensleben neue Horizonte zu erschließen. Dieses Anliegen wurde von der wissenschaftlichen Theologie zwar begriffen, aber umgedeutet in eine (ihr nicht gegebene) Ermächtigung, je neu "aktuelle" Theologie zu betreiben. Diese Selbstaufwertung der Theologie wurde im gläubigen Volk aber durchweg mit Misstrauen aufgenommen, so dass heute, jedenfalls in Deutschland, die universitäre Theologie nur mehr marginale Bedeutung hat, während beispielsweise Neue Geistliche Bewegungen neben anderen Formen christlicher Praxis mehr und mehr als anziehend empfunden werden (vgl. Weltjugendtag).

Die dogmatische Selbstbesinnung des Katholizismus auf seinen Weg durch die Zeit gestattete, ohne dass neue Lehrdefinitionen verabschiedet oder abweichende Auffassungen verurteilt wurden (also mittels Bestätigung der gesamten Tradition), eine Öffnung zum modernen Zeithorizont hin. Daher wurden in der öffentlichen Wahrnehmung die Zuwendung der Kirche zur Ökumene, zur Religionsfreiheit (für diese trat vehement Karol Wojtyla ein) und der explizite Verzicht auf politische Vorrechte im Staatswesen, zum markanten Kennzeichen des aggiornamento. Die Fundierung und Bereicherung der katholischen Identität löste hingegen keine Sensationsnachrichten aus, stellt aber die eigentliche "Sensation" dar:

Demgemäß fasste die besondere Bischofssynode zwanzig Jahre nach dem Konzil 1985 die Konzilstheologie in die markante Aussage: Kirche - unter dem Wort Gottes - feiert die Geheimnisse Christi - zum Heile der Welt (eine Zusammenfassung der vier Konzilskonstitutionen in einem Satz). Man darf vermuten, dass diese Prägung auf Joseph Ratzinger zurückgeht, der als "letzter" Konzilstheologe schließlich 2005 zum Nachfolger der Konzilspäpste berufen wurde.

Quellen

  • Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Aufl.
  • K. Rahner/ H. Vorgrimler: Kleines Konzilskompendium.
  • J. Ratzinger: Zur Lage des Glaubens. 1985.
  • J. d'Hospital, Drei Päpste, 1971.
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