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Konjektur
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Konjektur oder Divination (von lateinisch coniectura = Vermutung, Deutung) ist ein Verfahren der Textkritik (oder Editionsphilologie), die wiederum ein wichtiger Teilbereich der Literaturwissenschaft ist. Es wird bei der Edition von Manuskripten oder Druckausgaben angewandt und umfasst die vom Herausgeber vorgenommene Ergänzung fehlender Textstellen und die inhaltliche und stilistische Verbesserung. Die Korrektur reiner Rechtschreib- oder Druckfehler heißt Emendation.
Konjekturen werden bei der Edition von Texten dort gemacht, wo der Herausgeber eine Verfälschung und Unechtheit des Textzeugen gegenüber dem zugrunde liegenden Original vermutet. Das kommt vor, wenn eine Stelle des Textes im Stil, Reimschema, Satzbau, Wortschatz usw. nicht zum übrigen Text zu passen scheint.
Werden mehrere handschriftliche Fassungen von Texten miteinander verglichen (z.B. die Gedichte von Friedrich Hölderlin, deren verschiedene Fassungen oft stark voneinander abweichen), muss ein Herausgeber von Fall zu Fall entscheiden, welche Textstelle in die Druckfassung übernommen wird. Er kann sich für die früheste Handschrift entscheiden, wenn er sie für die „ursprünglichere“ hält, und von ihr aus einen „Urtext“ konjizieren. Alternativ kann er z.B. auch die so genannte „Ausgabe letzter Hand“ als wichtigsten Textzeugen verwenden, das ist die letzte Druckfassung, die vom Autor selbst korrigiert wurde. Nicht selten überarbeiteten manche Autoren auch für die späten Druckfassungen ihre frühen Werke noch einmal, weil sie damit unzufrieden waren.
Oft sind jedoch gerade die vom Autor vorgenommenen Korrekturen und Veränderungen von Fassung zu Fassung interessant. In manchen Fällen muss auch ein Urtext konjiziert werden, wo er „Korrekturen“ des Druckers zum Opfer gefallen ist (etwa bei Shakespeares Werken, die nur in mehreren Erstdrucken erhalten sind, die zum Teil stark voneinander abweichen).
Alle durchgeführten Konjekturen werden bei kritischen Ausgaben im kritischen Apparat in den Anhang oder an den Fuß der Seite gedruckt. So bleibt die Möglichkeit, die Konjekturen des Herausgebers nachzuvollziehen.
Eine weitere Möglichkeit ist die ultrakritische Ausgabe, die etwa in der Frankfurter Ausgabe von Hölderlins Werken praktiziert wird: Jede Seite der Handschrift wird als Faksimile abgedruckt; daneben eine lesbare Druckfassung, die spezielle Markierungen für Durchstreichung, Hervorhebung und verschiedene Schreibwerkzeuge aufweist. Spezialisten können so bei der Textinterpretation nachverfolgen, in welcher Reihenfolge die Texte entstanden sind und warum ein Autor zu bestimmten Änderungen gegriffen hat. Konjekturen müssen hier dann gemacht werden, wenn die Handschrift unleserlich ist und die Bedeutung eines Wortes nur aus dem Kontext erschlossen werden kann.
In der Philologie des 19. Jahrhunderts wurden divinatorische Konjekturen wesentlich größzügiger praktiziert als heute. Ein Kritikpunkt der modernen Literaturwissenschaft ist, dass Konjekturen oft willkürlich und nach „Gefühl“ vorgenommen werden. Die Fiktion eines „Urtextes“ hat zudem an Attraktivität verloren. Moderne Methoden der Literaturwissenschaft beschäftigen sich nicht mehr mit dem „magischen“ schöpferischen Augenblick, zu dem dieser dem Autor aus der Feder floss, sondern gebrauchen als Ausgangsmaterial den erhaltenen Text. Bei Editionen werden deshalb häufig nur noch eindeutige Schreibfehler korrigiert; mögliche Konjekturen werden im kritischen Apparat oder im Kommentar des Herausgebers vermerkt.
Siehe auch: Textkritik
