Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Niger-Kongo-Sprachen
Aus Kefk.
Die Niger-Kongo-Sprachen − früher auch niger-kordofanische Sprachen genannt − bilden eine Familie von fast 1400 Sprachen, die von etwa 400 Millionen Menschen im westlichen, zentralen, östlichen und südlichen Afrika gesprochen werden. Das Verbreitungsgebiet reicht von der Westspitze Afrikas bei Dakar östlich bis Mombasa und südlich bis Kapstadt.
Das Niger-Kongo ist eine der vier von Joseph Greenberg etablierten Spracheinheiten in Afrika. Die anderen sind das Afroasiatische, das Nilosaharanische und die Khoisan-Sprachen (eine Übersicht bietet der Artikel Afrikanische Sprachen). Die Niger-Kongo-Sprachen grenzen im Nordwesten und äußersten Nordosten an afroasiatische, im zentralen und östlichen Sudangebiet an nilosaharanische Sprachen. Im Südwesten bilden die Khoisan-Sprachen eine Enklave im Niger-Kongo-Gebiet. Die bedeutendste Untergruppe des Niger-Kongo sind die Bantusprachen, die im südlichen Teil des Niger-Kongo-Gebietes von Ostnigeria bis Südafrika gesprochen werden (Siehe Karte).
Zur Bezeichnung
Die früher auch verwendete und auf Joseph Greenberg (1963) zurückgehende Bezeichnung Niger-Kordofanisch suggeriert eine Zweiteilung der Sprachfamilie in das Kordofanische und die restlichen Niger-Kongo-Sprachen. Da sämtliche sechs Primärzweige des Niger-Kongo heute aber als gleichrangig betrachtet werden, hat sich die ursprüngliche − 1949 ebenfalls von Greenberg eingeführte − neutralere Bezeichnung Niger-Kongo in der Fachliteratur wieder allgemein durchgesetzt.
Vor den Arbeiten Greenbergs wurden die Nicht-Bantu-Sprachen des Niger-Kongo als westsudanische Sprachen bezeichnet, deren genetische Verwandtschaft erst relativ spät erkannt wurde (Westermann 1927). Die Erkenntnis, dass die Bantu-Sprachen mit den westsudanischen Sprachen genetisch verwandt sind, setzte sich erst durch Greenbergs Arbeiten (seit 1949) durch, allerdings kam auch Diedrich Westermann etwa gleichzeitig zu einer ähnlichen Ansicht. Greenberg klassifizierte die Bantusprachen als eine Unter-Unter-Einheit des Niger-Kongo, was 1950 revolutionär wirkte, heute aber allgemein als zutreffend akzeptiert wird.
Zur Statistik
Mit 1400 Sprachen, die sich in viele tausend Dialekte gliedern, bildet Niger-Kongo die sprachenreichste Sprachfamilie der Welt, gefolgt vom Austronesischen mit 1100 und dem Transneuguinea-Phylum mit 550 Sprachen. Nach der Zahl seiner Sprecher (370 − 400 Millionen) nimmt das Niger-Kongo − allerdings mit großem Abstand − den dritten Rang nach dem Indogermanischen (2,7 Mrd.) und dem Sinotibetischen (1,3 Mrd.) ein.
Etwa 45 % der Bevölkerung Afrikas (925 Mio., siehe Artikel Afrika) sprechen eine Niger-Kongo-Sprache, 70 % aller etwa 2.000 afrikanischen Sprachen gehören zur Niger-Kongo-Gruppe, weltweit macht sie fast ein Viertel aller Sprachen aus. Die größte homogene Untergruppe des Niger-Kongo sind die Bantusprachen mit 500 eng verwandten Sprachen und 210 Mio. Sprechern. Die durchschnittliche Sprecherzahl der Niger-Kongo-Sprachen beträgt nur knapp 300.000, die Familie weist also eine relativ hohe Diversität auf.
Bedeutende Niger-Kongo-Sprachen
Es gibt etwas über 20 Niger-Kongo-Sprachen mit mindestens fünf Millionen Sprechern, davon sind die Mehrzahl Bantusprachen. Viele dieser „großen“ afrikanischen Sprachen sind sogenannte Verkehrssprachen, die nicht nur muttersprachlich (als Erstsprache) erlernt, sondern von vielen Sprechern als Zweit- oder Drittsprache erworben werden, um eine Kommunikation in einem größeren Gebiet über die engen Sprachgrenzen einzelner Volksgruppen und Stämme hinweg zu ermöglichen. Bei manchen Sprachen ist der Anteil der Zweitsprecher größer als der der Erstsprecher (z. B. Suaheli).
Die Niger-Kongo-Sprache mit den meisten Sprechern ist das Suaheli, das als Verkehrssprache von 30 bis 40 Mio. Menschen in Ostafrika gesprochen wird. Der Größe nach folgt das nigerianische Yoruba mit 20 bis 25 Mio. Sprechern, das zum Benue-Kongo gerechnet wird. Fulfulde oder Ful(ani) ist ein großes Dialektcluster der atlantischen Gruppe im westlichen Afrika mit über 20 Mio. Sprechern. Igbo wird von fast 20 Mio. Menschen in Südost-Nigeria gesprochen, es gehört wie das Yoruba zum Benue-Kongo-Zweig. Niger-Kongo-Sprachen mit etwa 10 Mio. Sprechern sind das Shona, Zulu, Nyanja, Lingala (alle Bantu), Bambara in Mali, Akan oder Fante-Twi in Ghana und das Wolof im Senegal. Bambara, Fante-Twi und Wolof gehören verschiedenen Untergruppen des Niger-Kongo an. Eine Liste sämtlicher Niger-Kongo-Sprachen mit mindestens drei Millionen Sprechern ist als Anhang zu diesem Artikel aufgeführt.
Klassifikationsübersicht
Die folgende Übersicht stellt die aktuell in der Forschung allgemein konsensfähige Klassifikation des Niger-Kongo dar. Sie basiert auf Bendor-Samuel 1989 und Williamson-Blench (in Heine-Nurse 2000) und liegt dem gesamten Artikel zugrunde. Ihre historische Entwicklung wird im Abschnitt „Geschichte der Klassifikation“ ausführlich dargestellt.
Gesamt-Klassifikation des Niger-Kongo nach Williamson-Blench 2000
- Niger-Kongo
Bisher ist nicht endgültig geklärt, ob die Gruppierungen Benue-Kongo und Nord-Bantoid genetische Einheiten bilden. Die sprachlichen und statistischen Eigenschaften der Untergruppierungen werden im Abschnitt „Niger-Kongo und seine Untereinheiten“ dargestellt.
Niger-Kongo als genetische Einheit
Bei der Größe des Niger-Kongo mit 1400 Sprachen ist es nicht erstaunlich, dass bisher noch keine Protosprache für die gesamte Familie rekonstruiert werden konnte. Es fehlte allein schon die Forschungskapazität, um dieses Projekt durchzuführen. Dieses Faktum wurde − und wird vereinzelt noch − als Argument der Gegner einer genetischen Einheit des Niger-Kongo benutzt. Es stellt sich also die Frage: Ist das Niger-Kongo eine genetische Einheit, so dass die lexikalischen und grammatischen Gemeinsamkeiten auf eine gemeinsame Vorgängersprache zurückgehen, oder ist es nur eine Ansammlung von typologisch ähnlichen Sprachgruppen, die sich durch arealen Kontakt gegenseitig mehr oder weniger stark beeinflusst haben?
Die Antwort fällt seitens der Fachleute der Niger-Kongo-Forschung heute völlig eindeutig aus: die Gemeinsamkeiten in Grammatik und Wortschatz lassen sich nur durch eine genetische Verwandtschaft erklären. Dabei sind drei Merkmale von besonderer Bedeutung: das System der Nominalklassen, die vielfältigen Verbalerweiterungen und natürlich der gemeinsame Basiswortschatz.
Nominalklassensystem
Struktur und Funktion
Die Niger-Kongo-Sprachen besitzen in vielen Zweigen ein ausgeprägtes Nominalklassensystem, das die Zugehörigkeit aller (oder der meisten) Substantive einer Sprache zu einer Klasse festlegt. Diese Klassen treten für zählbare Nomina in der Regel als Singular-Plural-Paare auf, für Massenbezeichnungen, Flüssigkeiten und Abstrakta als Einzelklassen. Die Markierung (Kennzeichnung) der Klasse erfolgt durch Affixe am Nomen − die Klassenaffixe −, meist durch Präfixe, manchmal durch Suffixe und sehr selten durch Infixe. Die Klassenzugehörigkeit des Nomens übt häufig einen Konkordanzzwang auf untergeordnete Komponenten der Nominalphrase (Genitivattribut, Adjektivattribut, Numerale, Possessiva, Demonstrativa) und/oder auf das Prädikat des Satzes aus, das das Nomen zum Subjekt hat. Oft dienen spezifische Affixe an den Attributen und dem Verb dazu, diese Konkordanz zu markieren, manchmal sind die Konkordanzaffixe sogar identisch mit den Klassenaffixen des Nomens.
Am deutlichsten ist das Nominalklassensystem in den Bantusprachen ausgeprägt, in anderen Zweigen des Niger-Kongo wurde es umgeformt oder reduziert, teilweise ist das System auch ganz verloren gegangen, z. B. bei den Mande-Sprachen. Für diese Zweige müssen dann andere Kriterien für die genetische Zugehörigkeit zum Niger-Kongo herangezogen werden.
Nominalklassen in den Bantusprachen
Zur Verdeutlichung der Begriffe Nominalklassen, Klassenpräfixe und Konkordanz werden im Folgenden einige Beispiele aus den Bantusprachen angeführt, in denen diese Phänomene am klarsten erkennbar sind. Es gab im Proto-Bantu etwa zwanzig Nominalklassen. Diese Anzahl hat sich bei einigen der heutigen Bantusprachen erhalten (z. B. im Ganda), in anderen wurde sie bis auf etwa zehn Klassen reduziert. Die Nominalklassen werden im Bantu ausschließlich durch Präfixe markiert. Es herrscht Konkordanz des Nomens mit seinen Ergänzungen in der Nominalphrase und zwischen Subjektnomen und Verb im Satz, allerdings können die Konkordanzpräfixe einer Klasse bei Nomen, Numerale, Pronomen und Verb unterschiedlich sein.
Nominalklassen im Ganda
- zur Wurzel -ganda:
- mu-ganda „ein(e) Ganda“ > ba-ganda „die Ganda-Leute“ (Plural der mu-Klasse)
- bu-ganda „das Land der Ganda“
- lu-ganda „die Sprache der Ganda“
- zur Wurzel -ntu:
- mu-ntu „Mensch“ > ba-ntu „Menschen“
- gu-ntu „Riese“ > ga-ntu „Riesen“
Weitere Beispiele aus dem Suaheli zeigen die weitverbreitete Dopplung in Singular- und Pluralklasse.
Singular – Plural − Klassenpaare im Suaheli
- m-tu „Person“ > wa-tu „Leute“
- ki-tu „Ding“ > vi-tu „Dinge“
- ji-cho „Auge“ > ma-cho „Augen“
- u-fumbi „Tal“ > ma-fumbi „Täler“
Konkordanz in den Bantusprachen
Zur Demonstration von Nominalklassen und Konkordanzverhalten folgen einige weitere Beispiele aus dem Suaheli.
Konkordanz in der Nominalphrase
Bei Verwendung von Adjektiven, Zahlwörtern und Demonstrativpronomen ergibt sich im Suaheli folgende Reihenfolge in einer Nominalphrase: Nomen + Adjektiv + Zahlwort + Demonstrativum. Sämtliche Glieder einer Nominalphrase unterliegen dabei der Klassenkonkordanz. Dazu einige Beispiele:
- m-tu m-kubwa „große Person“ (m-tu „Mensch“, kubwa „groß“)
- wa-tu wa-kubwa „große Leute“ (die wa-Klasse ist der Plural der m-Klasse)
- ki-kapu ki-kubwa „großer Korb“ (ki-kapu „Korb“)
- vi-kapu vi-kubwa „große Körbe“ (die vi--Klasse ist der Plural der ki-Klasse)
- ki-kapu ki-dogo ki-le „jener kleine (-dogo) Korb“
- vi-kapu vi-dogo vi-tatu vi-le „jene drei (-tatu) kleinen Körbe“
- wa-tu wa-zuri wa-wili wa-le „jene (-le) zwei (-wili) guten (-zuri) Menschen“
Hier sind sämtliche Konkordanzmarker identisch mit dem Klassenpräfix des Nomens. Man spricht deswegen auch von Alliteration.
Konkordanz zwischen Subjekt und Prädikat
In den Sprachen mit ausgeprägtem Nominalklassensystem muss die Klasse des Subjekts vom Prädikat eines Satzes kongruent aufgenommen werden, es herrscht also auch hier Konkordanz. Folgende Beispiele aus dem Suaheli zeigen das Prinzip:
- ki-kapu ki-kubwa ki-me-fika „der große Korb ist angekommen“ (ki-kapu „Korb“, -fika „ankommen“, -me- Perfekt-Marker)
Hinweis: gleiche Klassenpräfixe ki- bei Nomen und Verb, sog. Alliteration - m-toto m-kubwa a-me-fika „das große Kind (m-toto) ist angekommen“
Hinweis: verbales a-Präfix entspricht der nominalen m-Klasse; also verschiedene Präfixmorpheme bei gleicher Klasse - wa-tu wa-zuri wa-wili wa-le wa-me-anguka „jene (wa-le) zwei (wa-wili) guten (wa-zuri) Menschen sind niedergefallen (-anguka)“
- wa-geni wa-zungu w-engi wa-li-fika Kenya
- lit. „Fremde (wa-geni) europäische (wa-zungu) viele (w-engi < *wa-ingi) kamen an (-li- Vergangenheitsmarker) in Kenya“
- „viele Europäer kamen in Kenya an“
Die Bedeutungskategorien der Nominalklassen
Die einzelnen Klassen hatten ursprünglich eine festumrissenes Bedeutungsfeld, z. B. Menschen, Tiere, Pflanzen, Massenbegriffe, Flüssigkeiten, Ortsnamen, Abstrakta etc. Die zugehörigen Affixe waren im Prä-Niger-Kongo wahrscheinlich bedeutungstragende Morpheme, die dann bereits im Proto-Niger-Kongo grammatikalisiert wurden, so dass ihre Etymologie nicht mehr erkennbar ist. Immerhin ist in manchen Sprachen noch eine Ähnlichkeit von Personenklassenaffixen und Personalpronomina vorhanden.
Obwohl die Klassenzugehörigkeit von Nomina heutiger Niger-Kongo-Sprachen nur sehr schwer semantisch bestimmbar ist, wurde in vielen Forschungsarbeiten zu diesem Thema eine Liste der Bedeutungsfelder der einzelnen Nominalklassen erarbeitet. Eine Zusammenfassung dieser Ergebnisse insbesondere für die Bantusprachen geben Hendrikse und Poulos (1992), hier zitiert nach Nurse (2003). Die Bedeutungsfelder sind in der Tabelle des nächsten Abschnitts zusammengefasst. Ein Blick in diese Tabelle zeigt viele Überschneidungen der Bedeutungsfelder der einzelnen Klassen, z. B. können Tiere den Klassen 3-4, 5-6, 7-8, 9-10 und anderen zugeordnet werden. Somit ist fast nie vorhersagbar, zu welcher Klasse ein Substantiv einer bestimmten Bedeutungskategorie gehört. Eine Ausnahme stellen die Personenbezeichnungen dar, die fast immer den Klassen 1 (Singular) und 2 (Plural) zugeordnet sind. Ansonsten ist die Klasse eines Nomens ein lexikalisches Merkmal.
Formale Ähnlichkeit der Klassenaffixe
Das von den Gegnern einer genetischen Einheit des Niger-Kongo häufig vorgebrachte Argument, Nominalklassensysteme seien nur typologische Merkmale ohne genetische Relevanz und sie seien außerdem in fast allen afrikanischen Sprachen verbreitet, ist nach Auffasung nahezu aller Spezialisten dieser Sprachgruppe falsch. Die Systeme der Nominalkategorisierung sind in den afrikanischen Sprachen im Gegenteil sehr unterschiedlich. So hat das Afroasiatische ein Genussystem, Nord-Khoisan eine kleine Zahl von Nominalklassen, die aber nicht am Nomen gekennzeichnet werden, Zentral-Khoisan wiederum ein Genussystem mit Femininum, Maskukulinum und Neutrum. Einige Gruppen des Nilosaharanischen haben einfache Nominalklassensysteme, was ein Hinweis auf eine entfernte Verwandtschaft des Niger-Kongo mit dem Nilosaharanischen sein könnte (siehe unten „Niger-Kongo und Nilosaharanisch“). Natürlich gibt es Nominalklassensysteme auch in anderen Teilen der Erde, so in den kaukasischen, australischen und − besonders ausgeprägt − in den jenisseischen Sprachen.
Entscheidend für die genetische Verwandtschaft ist aber die Tatsache, dass die Klassenaffixe in den einzelnen Zweigen des Niger-Kongo eine Übereinstimmung oder Ähnlichkeit in Form und Bedeutung aufweisen, sie also ein gemeinsames Erbe aus der gemeinsamen Protosprache sein müssen.
Klassenaffixe in den Zweigen des Niger-Kongo und die Bedeutungsfelder der Klassen im Bantu
| Klasse | Proto- Bantu Präfix | Kordof. | Atlant. | Gur | Kwa | Benue | Bedeutungsfeld der Klasse im Bantu |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | mu-, u- | gu-, w- | . | u | o- | u- | menschliche Wesen, Personifikationen, Verwandtschaftsbezeichnungen |
| 2 | ba- | b- | ba- | ba | ba- | ba- | Plural der Klasse 1 |
| 3 | mu-, gu- | gu- | . | ŋu | o- | u- | Naturphänomene, Körperteile, Pflanzen, Tiere |
| 4 | mi-, gi- | gi- | . | ŋi | i- | i- | Plural der Klasse 3 |
| 5 | i-, di- | j-,li- | e-de- | di | . | li- | Naturphänomene, Tiere, Körperteile, Paariges, Derogativa |
| 6 | ma-, ga- | m-,ŋ- | a-ga- | ŋa | . | a- | Plural der Klassen 5 und 14; Massenbegriffe, Flüssigkeiten, Zeitangaben |
| 7 | ki- | . | a-ka- | . | ki- | ki- | Körperteile, Werkzeuge, Insekten; Krankheiten u. a. |
| 8 | bi- | . | . | . | bi- | bi- | Plural der Klasse 7 |
| 9 | n-, ji- | . | in- | . | . | i- | Tiere; auch Menschen, Körperteile, Werkzeuge |
| 10 | n-,ji- | . | a-na- | . | . | i- | Plural der Klassen 9 und 11 |
| 11 | du-, lu- | . | u-du- | . | . | lu- | lange, dünne Dinge, längliche Körperteile; Sprachen, Naturphänomene u. a. |
| 12 | tu- | . | . | si | ti- | ti- | Plural der Klassen 13 und 19 |
| 13 | ka- | . | . | ka | ka- | ka- | Diminutiva, Derogativa; aber auch Augmentativa |
| 14 | bu- | . | u-bu- | bu | bu- | bu- | Abstrakta, Eigenschaften, Kollektiva |
| 15 | ku- | . | . | ku | ku- | ku- | Infinitive; einige Körperteile, z. B. Arm, Bein |
| 19 | pi- | . | V-pV- | fu | . | . | Diminutiva (sg.) |
Diese Tabelle basiert auf Bendor-Samuel 1989 (Vergleich der Affixe in mehreren Zweigen) und auf Hendrikse und Poulos 1992 (Bedeutungsfelder der Klassen im Bantu). Die Tonangaben wurden zur Vereinfachung weggelassen. Die Tabelle zeigt eindeutig, dass die Affixe vergleichbarer Klassen auch ihrer Form nach in den einzelnen Zweigen des Niger-Kongo erkennbare Ähnlichkeiten aufweisen. Das ist ein starkes Indiz für die gemeinsame Herkunft dieser Morpheme aus dem Proto-Niger-Kongo und damit für die genetische Einheit der Niger-Kongo-Sprachen.
Verbalerweiterungen
Durch verschiedene Suffixe am Verbalstamm können in allen Niger-Kongo-Sprachen abgeleitete Verben (Derivate) gebildet werden. Auf diese Weise werden aus einem Grundverb Kausative, Intransitive, Reziproke (wechselseitige Handlung), Benefaktive, Reflexive (Handlung bezieht sich auf die handelnde Person), Passive und andere Bedeutungsvarianten abgeleitet. Einige der Derivationsendungen zeigen in mehreren Zweigen des Niger-Kongo bei gleicher Funktion eine ähnliche Form, sie haben sich also aus gemeinsamen protosprachlichen Vorgängern entwickelt (vgl. E. Voeltz: Proto-Niger-Congo Verb Extensions 1977). Dazu zwei Beispiele aus den Bantusprachen:
Der protosprachliche Reziprok-Marker (reziprok = wechselseitig) „-ana“ hat sich in vielen Bantusprachen erhalten, z. B.
- Suaheli: pend-ana „sich gegenseitig lieben“
- Lingala: ling-ana „sich gegenseitig lieben“
- Zulu: bon-ana „sich gegenseitig sehen“
- Ganda: yombag-ana „miteinander kämpfen“
Der Kausativ-Marker „-Vsha“ erscheint als -Vsha im Suaheli, -ithia im Gikuyu, -isa im Zulu, -Vtsa im Shona, -Vsa im Sotho und -isa im Lingala. („V“ steht hier für einen beliebigen Vokal.)
Gemeinsamer Grundwortschatz
Die folgende Tabelle gibt einige Beispiele für Wortgleichungen, die alle Hauptzweige des Niger-Kongo und vor allem auch das Kordofanische umfassen. Leider ist es beim heutigen Forschungsstand noch nicht möglich, für jede größere Untereinheit des Niger-Kongo ein rekonstruiertes Proto-Lexem heranzuziehen. Deswegen werden in jeder Untergruppe stellvertretend Sprachen ausgewählt (und angegeben), die das entsprechende Wort in einer ähnlichen Lautgestalt aufweisen. Die Quellen sind Westermann 1927, Greenberg 1963, Blench 1995 und Williamson 2000.
Wortgleichungen des Niger-Kongo
| Gruppe | schwarz | Blut | Bogen | Hund | Ohr, hören | Bein, Fuß | Mund |
| Kordofanisch | piim (Lafofa) | nyi (Lafofa) | thai (Tegem) | bwa (Eliri) | geenu (Talodi) | kpaga (Koalib) | ŋger (Rashad) |
| Mande | biine (Soninke) | ɲemi (Wan) | sa (Boko) | gbɛɛ (Tura) | . | keŋ (Vai) | na (Kpelle) |
| Atlantisch | bir (Temne) | ɲif (Safut) | ta (Gola) | o-bol (Pepel) | kenu (Gola) | ekpa (Gola) | o-nyââ (Gola) |
| Ijoid | bire (Defaka) | . | tei (Kolok.) | e-bere (Defaka) | naa (Ijo) | . | . |
| Kru | . | ɲimo (Kuwaa) | tâ (Seme) | gbe (Guere) | noa (Grebo) | . | ŋo (Bete) |
| Gur | biri (Birifor) | ɲim (Bieri) | ta-mo (Dgare) | baara (Moore) | nuu (Lobiri) | kparaɤa (Lorhon) | . |
| Adamawa-Ub. | vir (Pangseng) | ngia (Gbaya) | ta (Mumuye) | bwe (Yungur) | t-naa (Zing) | kanga (Mba) | nyaa (Zing) |
| Kwa | bile (Agni) | ŋga (Edile) | to (Baule) | gba (Ebrie) | nu (Logba) | akpa (Logba) | nɛɲ (Adyukru) |
| Benue-Kongo | virki (Dakoid) | egya (Nupe) | o-ta (Piti) | ebua (Efik) | nu (Igbo) | okpa (Igbo) | inwa (Efik) |
| Proto-Bantu | pi(r) | ŋinga | taa | bua | . | kono | nua |
Die aufgeführten Wortgleichungen enthalten keine weitverbreiteten „allafrikanischen“ Wörter, wie z. B. für „wissen“, „kaufen“, „Knie“, „Hals“ oder „Nacken“, „Zunge“, „Zahn“, „Mond“, „Stein“ oder „Hügel“ u.a., die natürlich zur genetischen Frage nichts beitragen können (sie sind allenfalls ein Hinweis auf noch größere verwandtschaftliche Einheiten). Insgesamt ist das verfügbare etymologische Material sehr umfangreich (mehrere hundert Wortgleichungen gelten als gesichert), allerdings enthalten nur relativ wenige auch kordofanische Vertreter.
Bemerkungen zur Phonologie
Da es bisher keine umfassende Rekonstruktion des Proto-Niger-Kongo gibt, kann auch keine definitive Phonemliste der Protosprache präsentiert werden. Deswegen hier nur einige Bemerkungen zur Phonologie (basierend auf Bendor-Samuel 1989).
Wurzelstruktur
Die Wurzelstruktur des Proto-Niger-Kongo scheint KVKV (K = Konsonant, V = Vokal) gewesen zu sein, wie sie im Mande, Ijoid und Bantu bezeugt ist. In anderen Gruppen wurde sie durch Lautveränderungen vereinfacht. Verben haben häufig ein KV-Suffix, das zur Bildung von Verbalableitungen verwendet wird (siehe oben „Verbalerweiterung“), Nomina tragen ursprünglich ein Klassenpräfix der Form KV oder V. Damit ergeben sich folgende Grundformen:
- Nomen: (K)V-KVKV
- Verb: KVKV[-KV]
Konsonanteninventar
Stewart rekonstruierte 1983 für das Proto-Volta-Kongo, den größten Primärzweig des Niger-Kongo, folgende Konsonanten:
Rekonstruierte Konsonanten des Proto-Volta-Kongo
| labial | alveolar | palatal | velar | labiovel. | |
|---|---|---|---|---|---|
| Stops stimmlos | p | t | c | k | kp |
| Stops stimmhaft | b | d | j | g | gb |
| Nasale | m | n | ɲ | . | ŋm |
| Approximanten | w | ɫ | y | . | . |
Mukarovsky kam 1977 für sein „Proto-West-Nigritisch“ (entspricht dem Niger-Kongo ohne die Mande-Gruppe) zu im Wesentlichen denselben Ergebnissen. Diese Verhältnisse haben sich auf dem langen Weg bis zu den heutigen Sprachen natürlich in den einzelnen Gruppen zur sehr unterschiedlichen Lautsystemen entwickelt. Ein Beispiel zeigt das Konsonanteninventar heutiger Bantusprachen, bei dem die Pränasalierung (/n-/ oder /m-/ tritt vor den einleitenden Konsonanten, z. B. wird /t/ zu /nt/) eine große Rolle spielt:
Konsonanteninventar heutiger Bantusprachen
| labial | alveolar | palatal | velar | |
|---|---|---|---|---|
| stimmlose Plosive | p | t | . | k |
| stimmhafte Ejektive | b | d | . | g |
| stimmhafte Implosive | ɓ | ɗ | . | ɠ |
| Affrikate | . | ts/dz | tʃ/dʒ | . |
| Approximanten | β | l | . | ɣ |
| Nasale | m | n | ɲ | ŋ |
| Pränasalierte 1 | mp | nt | . | ŋk |
| Pränasalierte 2 | . | nts | ntʃ | . |
| Pränasalierte 3 | mb | nd | . | ŋg |
| Pränasalierte 4 | . | ndz | ndʒ | . |
Die Ejektivlaute entsprechen der deutschen Aussprache von b, d und g. Einige südliche Bantusprachen haben durch Kontakt mit Khoisan-Sprachen auch deren Klicklaute übernommen. Dies betrifft vor allem Sprachen der Guthrie-Gruppen S40 und S50, insbesondere Zulu (12 Klicklaute) und Xhosa (15 Klicks).
Vokale
Für das Proto-Niger-Kongo wird ein System von bis zu zehn Vokalen angenommen (das Proto-Bantu hat davon sieben behalten). Weit verbreitet ist in den heutigen Niger-Kongo-Sprachen eine Art der Vokalharmonie, die im Idealfall durch die beiden Vokalklassen /i, e, ə, o, u/ und /ɨ, ɛ, a, ɔ, ʊ/ definiert ist. Infolge der Vokalharmonie werden die Vokale der Affixe von Nomina und Verben der Färbung des Wurzelvokals angepasst. Allerdings findet dieses Prinzip in den einzelnen Untereinheiten und Sprachen des Niger-Kongo sehr unterschiedliche Anwendungen. Nasalierung von Vokalen ist weit verbreitet und hat phonemische Bedeutung.
Tonsprache
Man kann annehmen, dass das Proto-Niger-Kongo eine ausgeprägte Tonsprache war (was natürlich nur typologisch, aber nicht genetisch relevant ist), da auch heute seine meisten Zweige ein bedeutungsdifferenzierendes System von zwei oder drei Tonhöhen besitzen. So sind z. B. über 95% der Bantusprachen Tonsprachen, eine Ausnahme bildet gerade die bekannteste, das Suaheli.
Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die Verwendung der Tondifferenzierung in den einzelnen Untergruppen des Niger-Kongo. Es kommen bis zu fünf unterschiedliche Tonstufen vor: H hoch, T tief, M mittel; in Ausnahmefällen SH sehr hoch, ST sehr tief.
Tonsysteme in den Niger-Kongo-Sprachen
| Zweig | H, T | H, M, T | SH, H, M, T | SH, H, M, T ST |
|---|---|---|---|---|
| Kordofanisch | fast alle | . | . | . |
| Mande | Jula Ligbi Mende | Mwan Ngain Yakuba | Gban Tura | Dan |
| Atlantisch | Sherbro Temne | Basari Bedik | . | . |
| Ijoid | Ijo | . | . | . |
| Kru | . | Godie Klao | Nyabwa Seme | . |
| Gur | Dagbani Konkomba Kusal | Basari Nafaara Kasem | Bwamu Baatonum | . |
| Adamawa- Ubangi | Longuda Gbaya | Mumuye Duru Zande | Dowayo | . |
| Kwa | Ga Akan Anyi Baule | Ega Dangme Krobu Mbatto | Sele | . |
| Benue-Kongo | Efik Igbo Edo Tiv Ekpeye | Yoruba Jukun Bekwarra | Kutep Icen Mambila | Ashuku |
Die Tabelle ist nach Bendor-Samuel 1989 zusammengestellt.
Niger-Kongo und seine Untereinheiten
Das Niger-Kongo ist also - wie die Ausführungen des vorigen Abschnitts belegen - eine genetische Einheit, d.h. eine Sprachfamilie, deren Sprachen phonologische, grammatische und lexikalische Gemeinsamkeiten aufweisen, die nur dadurch zu erklären sind, dass alle Sprachen von einer gemeinsamen Vorgängersprache, dem Proto-Niger-Kongo abstammen. Den wichtigsten − wenn auch nicht ersten − Schritt zu dieser Erkenntnis vollzog Joseph Greenberg 1948 vor allem auf lexikalischer Basis (mit der nicht unumstrittenen Methode des lexikalischen Massenvergleichs). Seine Ergebnisse und Unterklassifikationen, die er in seinem Buch von 1963 zusammenfasste, wurden zwar in Details korrigiert, haben aber im Wesentlichen bis heute Bestand und sind die Basis für zukünftige Forschungsarbeiten. Allerdings wurde wegen des riesigen Umfangs des Niger-Kongo bisher keine Protosprache für die Gesamtfamilie rekonstruiert (deren Alter mit mindestens 10.000 Jahren anzusetzen ist), es gibt lediglich Rekonstruktionen für einzelne Untergruppen, am gründlichsten für die Bantusprachen.
Die Primärzweige des Niger-Kongo
Nach der aktuellen Klassifikation von Williamson-Blench (in Heine-Nurse 2000) besitzt das Niger-Kongo die sechs Primärzweige oder Haupteinheiten, nämlich Kordofanisch, Mande, Atlantisch, Dogon, Ijoid und Volta-Kongo, wobei vor allem das Volta-Kongo wiederum aus sehr vielen Untereinheiten besteht, eine davon ist das Bantu. Die folgende Tabelle zeigt die Anzahl der Sprachen, die Sprecherzahlen und geographische Verbreitung der Primärzweige.
Die Primärzweige des Niger-Kongo
| Zweig | Anzahl Sprachen | Anzahl Sprecher | Hauptverbreitungsgebiet |
|---|---|---|---|
| Kordofanisch | 23 | 0,3 Mio | Sudan (Staat): Nuba-Berge |
| Mande | 59 | 21 Mio | Westafrika: Mali, Guinea, Liberia, Elfenbeinküste |
| Atlantisch | 50 | 27 Mio | Westafrika: Senegal, Gambia, Guinea, Sierra Leone |
| Dogon | 1 | 0,6 Mio | Mali, Burkina Faso |
| Ijoid | 10 | 1,6 Mio | Nigeria: Niger-Delta |
| Volta-Kongo | 1253 | 322 Mio | West-, Zentral- und Südafrika |
Die Angaben zu den Sprachen- und Sprecherzahlen basieren auf dem unten angegeben Weblink „Klassifikation der Niger-Kongo-Sprachen“. Für diese Zahlen gelten die üblichen Vorsichtsregeln (dazu ausführlich der Artikel Sprachfamilien der Welt).
Abspaltung der Primärzweige
Es ist nun nicht davon auszugehen, dass alle Primärzweige sich gleichzeitig aus dem Proto-Niger-Kongo abgespalten haben. Nach dem aktuellen Forschungsstand (Williamson und Blench in Heine-Nurse 2000) geht man auf Grund sprachvergleichender Untersuchungen davon aus, dass das Kordofanische sich als erste Gruppe abgetrennt hat, gefolgt vom Mande- und Atlantik-Zweig (hier kann man bisher keinen zeitlichen Unterschied erkennen). Von diesem Rest trennten sich dann die kleinen Gruppen Ijoid und Dogon, die schließlich den großen Primärzweig Volta-Kongo zurückließen, der heute den Kern des Niger-Kongo ausmacht.
Angaben über die absolute Chronologie der Abspaltungen sind äußerst schwierig. Das Proto-Niger-Kongo hat mindestens ein Alter von 10.000, die letzte große Abspaltung aus dem Volta-Kongo − die Entstehung der Bantusprachen − wird etwa auf 3000 bis 2500 v. Chr. angesetzt. Dazwischen − also in einem Zeitraum von mindestens 5.000 Jahren − sind die Abspaltungen der Primärzweige in der oben beschriebenen Reihenfolge zu positionieren. Ehret gibt (in Heine-Nurse 2000) folgende ungefähre Daten: vor fast 10.000 Jahren die Abspaltung des Kordofanischen, vor 8.000 Jahren Abspaltung des Mande und Atlantischen, vor 6.000 Jahren Abspaltung des Ijoid und Dogon und Beginn der Ausbreitung des Volta-Kongo.
Urheimat
Hinweise auf die Urheimat des Niger-Kongo sind in der Literatur äußerst spärlich. Wahrscheinlich ist aber der Bereich des westlichen Sudan (also das subsaharanische westliche Afrika), in dem die Niger-Kongo-Sprachen auch heute noch ihre größte Vielfalt zeigen. Das weit im Osten davon angesiedelte Kordofanische muss dann auf eine sehr frühe Auswanderung zurückgehen, oder die Urheimat erstreckte sich bis an den Nil, was eher unwahrscheinlich ist. Die Ausbreitung über das ganze zentrale, östliche und südliche Afrika erfolgte nahezu ausschließlich durch die Sprecher der Bantusprachen (dazu ausführlich der Artikel Bantusprachen).
Kordofanisch
Hauptartikel: Kordofanische Sprachen
Das Kordofanische besteht aus einer kleinen Gruppe von etwa 25 Sprachen mit zusammen 320.000 Sprechern, die im Gebiet der Nuba-Berge in der Republik Sudan gesprochen werden. Der von Joseph Greenberg 1949 eingeführte Name „Kordofanisch“ ist nicht besonders glücklich gewählt, da die Nuba-Berge nicht zu Kordofan (Kurdufan) gehören, sondern nur daran angrenzen. Das kordofanische Sprachgebiet stellt eine Exklave des ansonsten weitgehend zusammenhängenden Niger-Kongo-Gebietes dar, es ist von nilosaharanischen Sprachen (Nubisch, Nyimang, Temein, Daju-Sprachen) und dem Arabischen umgeben. Die bedeutenderen Sprachen sind Koalib, Tira, Moro, Dagik-Ngile und Tegali, jeweils mit etwa 30 − 40.000 Sprechern. Von keiner kordofanische Sprache gibt es bisher eine umfassende grammatische Beschreibung, eine Rekonstruktion des Proto-Kordofanischen (Protosprache der kordofanischen Sprachen) war deswegen bisher nur in Ansätzen möglich.
Das Kordofanische hat sich als erste Gruppe vom Niger-Kongo abgespalten und weist nur relativ geringe gemeinsame Merkmale mit anderen Niger-Kongo-Sprachen auf. Diese reichen aber aus, um nach heutigem Wissensstand die Zugehörigkeit zur Niger-Kongo-Familie wahrscheinlich zu machen. So zeigten Greenberg (1963) und Schadeberg (1981), dass sich die Nominalklassenaffixe der kordofanischen Sprachen regulär auf die der übrigen Niger-Kongo-Sprachen beziehen lassen. Allerdings sind die lexikalischen Gemeinsamkeiten des Kordofanischen mit dem restlichen Niger-Kongo eher gering, so dass ein Restzweifel an der Einordnung der kordofanischen Sprachen bestehen bleibt.
Nominalpräfixe der kordofanischen Sprachen im Vergleich (Schadeberg 1981)
| Sprachgruppe | Klasse 1 Mann, Frau | Klasse 3 Baum, Holz | Klasse 4 Plural zu 3 | Klasse 5 Kopf, Name | Klasse 6 Plural zu 5 | Klasse 7 Blut, Wasser |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Kordofanisch | gu-, w-, b- | gu-, w-, b- | j-, g- | li-, j- | ŋu-, m- | ŋ- |
| Atlantisch | gu- | gu- | ci- | de- | ga- | ma- |
| Gur | -a | -bu | -ki | -de | -a | -ma |
| Kwa | o- | o- | i- | li- | a- | n- |
| Benue-Kongo | u- | u- | ti- | li- | a- | ma- |
| Bantu | mu- | mu- | mi- | di- | ma- | ma- |
Das Nominalklassensystem ist bei den kordofanischen Sprachen in unterschiedlichem Umfang ausgeprägt. In manchen Sprachen gibt es Systeme mit etwa 15 Klassen mit unterschiedlichen Präfixen für Singular und Plural für zählbare Objekte oder Wesen. Nur Eigennamen und Verwandtschaftsbezeichnungen werden nicht präfigiert, die Pluralbildung der Verwandtschaftstermini erfolgt durch Suffixe. In den einzelnen Nominalklassen werden teilweise sehr heterogene Dinge zusammengefasst, so dass man kaum von Bedeutungsfeldern sprechen kann (jedenfalls sind sie nicht mehr erkennbar). In anderen Sprachen fehlen die Nominalklassen ganz, der Plural wird durch vokalisches Präfix und/oder das Suffixe gebildet. Die präfigierenden Klassensprachen haben in der Regel auch Konkordanz, d.h. dass die vom Subjekt abhängigen Wörter eines Satzes Formative besitzen, die mit den Klassenpräfixen des Subjekts übereinstimmen.
Verbalerweiterungen sind in allen kordofanischen Sprachen häufig, es handelt sich aber in der Regel um Innovationen (Neubildungen, die nicht aus dem Proto-Niger-Kongo stammen). Die Satzstellung ist in der Regel SVO (Subjekt − Verb − Objekt), es werden ausschließlich Präpositionen verwendet. In der Nominalphrase steht das bestimmte Nomen vorn, seine Erweiterungen und Ergänzungen (Attribute, Possessivum, Numerale und Demonstrativum) folgen nach.
Mande
Hauptartikel: Mande-Sprachen
Die Mande-Sprachen haben sich − wie die kordofanischen − ebenfalls relativ früh von den übrigen Niger-Kongo-Sprachen abgespalten und weisen etliche spezifische Merkmale auf, insbesondere besitzen sie keine Nominalklassen. Dennoch gilt ihre Zugehörigkeit zum Niger-Kongo inzwischen als gesichert, wenn auch Ähnlichkeiten mit dem heute als nilosaharanisch klassifizierten Songhai von mehreren Forschern festgestellt wurden. Als Gruppe verwandter Sprachen wurden die Mande-Sprachen bereits im 19. Jahrhundert identifiziert. Sigismund Wilhelm Koelle benutzte 1854 als erster den Namen „Mandenga“ für diese Gruppe, der auf einheimische Bezeichnungen zurückgeht.
Die etwa 60 Mande-Sprachen werden von rund 19 Mio. Menschen im Westsudangebiet in den Staaten Mali, Guinea, Liberia, Elfenbeinküste und Burkina Faso gesprochen. Sie zerfallen in zwei Hauptzweige, den größeren West-Mande-Zweig mit 16 Mio. Sprechern (sein Kern sind die Manding-Sprachen) und Ost-Mande mit zusammen nur 2-3 Mio. Sprechern. Die bedeutendsten Mande-Sprachen sind Bambara (Verkehrssprache in Mali mit bis zu 10 Mio. Sprechern inkl. Zweitsprecher), Dioula oder Jula (4 Mio. inkl. Zweitsprecher), Maninka (Ost-Malinke) (2 Mio.) und Mandinka (1,2 Mio.), alle aus dem Manding-Hauptzweig. Weitere Millionensprachen sind Mende (2 Mio.), Soninke (1,1 Mio.) und Kpelle (1 Mio.). Dan oder Yakuba (1 Mio. Sprecher, Elfenbeinküste) ist die größte Sprache des Ost-Zweigs.
Die Mande-Sprachen besitzen keine Nominalklassen, weswegen ihre Zugehörigkeit zum Niger-Kongo häufiger in Frage gestellt wurde. Die meisten Mande-Sprachen sind Tonsprachen mit bis zu drei Tonebenen, der Ton wird auch zur Unterscheidung von Singular und Plural eingesetzt und ist eher an Morpheme als an einzelne Silben gebunden. Es gibt freie und gebundene Nomina, letztere werden grundsätzlich von einem Possessivpronomen begleitet; dazu gehören die Verwandtschaftsbezeichnungen und Namen von Körperteilen (also grundsätzlich „meine, deine ... Hand“, aber nicht „die Hand“).
Atlantisch
Hauptartikel: Atlantische Sprachen
Die etwa 50 atlantischen Sprachen (von Joseph Greenberg ursprünglich „westatlantisch“ genannt) werden von der Mündung des Senegal entlang der atlantischen Küste bis Liberia − vor allem in den heutigen Staaten Senegal, Gambia, Guinea, Sierra Leone, Mali, Niger, Nigeria, Ghana und Burkina Faso − von etwa 27 Mio. Menschen gesprochen. Die mit Abstand wichtigste atlantische Sprache ist das Fulfulde (auch Ful, Fula, Fulani, Pulaar oder Peul genannt), dessen Dialekte von 18 Mio. Muttersprachlern und von mindestens weiteren 4 Mio. Zweitsprechern gesprochen werden. Weitere nordatlantische Hauptsprachen sind das dem Ful nah verwandte Wolof (8 Mio. mit Zweitsprechern, die Hauptsprache des Senegal), das Serer-Sine mit 1,2 Mio Sprechern und das südatlantische Temne (1,5 Mio Sprecher, Sierra Leone).
Das Atlantische gliedert sich in drei Hauptzweige: Nord-Atlantisch mit 24,5 Mio. Sprechern der größte Zweig, Süd-Atlantisch (2,5 Mio. Sprecher) und die isolierte Sprache Bijago oder Bissago, die auf dem Guinea-Bissau vorgelagerten Bissagos-Archipel gesprochen wird und keinem der beiden großen Zweige zugeordnet werden kann. Das Atlantische hat sich schon früh − etwa gleichzeitig mit den Mande-Sprachen − von der Hauptlinie des Niger-Kongo abgespalten.
Die atlantischen Sprachen besaßen ursprünglich ein voll ausgebildetes Nominalklassensystem, das durch Präfixe und Augmente (Prä-Präfixe) markiert wurde und über Konkordanz auf den gesamten Satz wirkte. Die Klassenpräfixe wurden später häufig abgeschliffen und durch Suffixe oder Augmente ersetzt. Der Wechsel des Anlautkonsonanten hat grammatische Bedeutung, häufig kennzeichnet er die Pluralbildung. Die übliche Satzstellung ist SVO (Subjekt-Verb-Objekt), es werden in der Regel Präpositionen. In der Nominalphrase steht das bestimmte Nomen in der Regel vorn, es folgen seine Attribute und Ergänzungen.
Für die Einbettung des Atlantischen in das Niger-Kongo spricht insbesondere die Ähnlichkeit mancher atlantischer Klassenpräfixe mit denen des Bantu:
- be- Plural von Lebewesen, vgl. Bantu ba-
- mo-, wo- Singular von Lebewesen, vgl. Bantu mu-
- ma- Kollektiva, vgl. Bantu ma-
Dogon
Hauptartikel: Dogon
Das Dogon ist innerhalb des Niger-Kongo eine isolierte Sprache, die einen eigenen Primärzweig bildet. Alle Versuche, sie anderen Gruppen des Niger-Kongo zuzurechnen, sind bisher fehlgeschlagen. Dogon wird von rund 600.000 Menschen in Mali und Burkina Faso gesprochen. Das Zentrum der Dogonkultur ist das Dogon-Land in Zentral-Mali mit dem Hauptort Bandiagara (etwa 60 km östlich von der am Niger gelegenen Stadt Mopti). Viele Dogon − vor allem die Männer und jungen Leute − beherrschen auch die Landessprache Bambara (eine Mande-Sprache). Ob das Dogon eine einzige Sprache mit vielen, teilweise recht abweichenden Dialekten oder eine kleine Sprachfamilie mit etwa fünf bis acht Sprachen ist, lässt sich kaum endgültig entscheiden.
Das Nominalklassensystem ist in der Dogon-Sprache in Resten erhalten, allerdings gibt es keine Klassenpräfixe. Bezeichnungen für menschliche Wesen haben spezielle Plural suffixe. Die Satzstellung ist SOV (Subjekt-Objekt-Verb). Das Nomen steht vor seinem Attribut, Possessivum, Numerale und Demonstrativum.
Ijoid
Hauptartikel: Ijoid-Sprachen
Ijoid ist eine kleine Familie von etwa 10 Sprachen, die von rund 1,6 Mio. Menschen im Niger-Delta in Nigeria gesprochen werden. Es besteht einerseits aus dem Defaka, das nur noch 200 Sprecher hat, andererseits aus der Ijo-Gruppe. Dazu gehören außer dem eigentlichen Ijo (auch Ijaw oder Izon; 1 Mio. Sprecher) Kalabari und Kirike mit jeweils 250.000 Sprechern und sechs kleinere Sprachen.
Die Ijoid-Sprachen sind untereinander eng verwandt und bilden − abgesehen vom Defaka − ein Dialektkontinuum. Von den anderen Niger-Kongo-Sprachen unterscheiden sie sich deutlich durch mehrere Merkmale. Das Nominalklassensystem ist noch in Resten erhalten, für „menschliche Wesen“ entstanden neue Klassensuffixe. Die Pronomina haben ein Genussystem ausgebildet (Maskulinum, Femininum, teilweise Neutrum), was ansonsten für Niger-Kongo-Sprachen völlig unüblich ist. Die Satzstellung ist wie bei den Mande-Sprachen und beim Dogon SOV (Subjekt-Objekt-Verb), während sonst im Niger-Kongo eher SVO bevorzugt wird (dazu Claudi 1993).
Volta-Kongo
Hauptartikel: Volta-Kongo-Sprachen
Übersicht und Gliederung
Das Volta-Kongo stellt mit Abstand den größten und komplexesten Primärzweig des Niger-Kongo dar. Die etwa 1250 Volta-Kongo-Sprachen werden in West-, Zentral- und ganz Südafrika gesprochen. Volta-Kongo besteht nach dem aktuellen Forschungsstand (Williamson-Blench 2000) aus den beiden Hauptzweigen Nord-Volta-Kongo mit 276 Sprachen und 28 Mio. Sprechern und dem Süd-Volta-Kongo (auch Kwa-Benue-Kongo) mit 977 Sprachen und fast 300 Mio. Sprechern, zu dem auch die Bantusprachen gehören.
Nord-Volta-Kongo gliedert sich in die Zweige Kru, Gur, Senufo und Adamawa-Ubangi. Sie werden in Westafrika von Liberia bis Kamerun gesprochen. Das nach seiner Sprecherzahl etwa zehn mal so große Süd-Volta-Kongo hat die Haupteinheiten Kwa (das „westliche Kwa“ nach Greenberg) und Benue-Kongo, das wiederum aus dem West-Benue-Kongo (Greenbergs „Ost-Kwa“) und Ost-Benue-Kongo („Benue-Kongo“ nach Greenberg) besteht. Ob die Benue-Kongo-Sprachen insgesamt − wie seit Greenberg allgemein angenommen und in Bendor-Samuel 1989 dargestellt − eine gültige genetische Einheit ausmachen, ist bisher nicht eindeutig geklärt.
Die etwa 75 (westlichen) Kwa-Sprachen werden von 21 Mio. in den Staaten Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Benin und Nigeria gesprochen. West-Benue-Kongo (bestehend aus Yoruboid, Edoid, Igboid, Nupoid, Idomoid und kleineren Gruppen) wird in Togo, Benin und Süd-Nigeria gesprochen (73 Sprachen mit 48 Mio. Sprechern), Ost-Benue-Kongo hat insgesamt etwa 800 Sprachen mit 225 Mio. Sprechern und gliedert sich in die beiden Hauptgruppen Platoid (unter anderem Kainji, Plateau-Sprachen, Jukunoid) und Bantoid-Cross. Letzteres besteht aus den Cross-River-Sprachen und den Bantoid-Sprachen. Zum Cross-River zählen rund 70 Sprachen mit 6 Mio. Sprechern, sie werden in Südost-Nigeria und Kamerun gesprochen. Das Bantoid enthält alle ca. 500 Bantusprachen, zusätzlich einige in Süd-Nigeria und Kamerun gesprochene Gruppen (Jarawoid, Tivoid, Beboid, Ekoid, Grasland-Sprachen u.a.), die mit den Bantusprachen eng verwandt sind.
Weitere Details über das Volta-Kongo und seine Untergruppen sind dem folgenden Stammbaum, der tabellarischen Übersicht (Sprachen- und Sprecherzahlen, geographische Verbreitung) und den speziellen Artikeln über die Hauptgruppen des Volta-Kongo zu entnehmen.
Gliederung des Volta-Kongo
- Volta-Kongo
- Nord-Volta-Kongo
- Kru
- Gur (Voltaisch)
- Senufo
- Adamawa-Ubangi
- Süd-Volta-Kongo
- Kwa
- Benue-Kongo
- West-Benue-Kongo (mit Yoruboid, Edoid, Igboid, Nupoid, Idomoid u.a.)
- Ost-Benue-Kongo
- Nord-Volta-Kongo
Man erkennt, dass die große Gruppe der Bantusprachen genetisch innerhalb des Niger-Kongo und Volta-Kongo nur eine Unter-Unter-Einheit darstellt. Die folgende Tabelle enthält für die größeren Untergruppen des Volta-Kongo-Zweiges die Anzahl der Sprachen und Sprecher, sowie die Hauptverbreitungsgebiete.
Die bedeutenden Untergruppen des Volta-Kongo-Zweiges
| Unterzweig | Anzahl Sprachen | Anzahl Sprecher | Hauptverbreitungsgebiet |
|---|---|---|---|
| Kru | 29 | 2,3 Mio | Elfenbeinküste, Süd-Liberia |
| Gur (Voltaisch) | 74 | 15 Mio | Mali, Elfenbein, Burkina Faso, Ghana, Togo, Nigeria |
| Senufo | 15 | 2,7 Mio | Burkina Faso, Elfenbeinküste, Mali, Ghana |
| Adamawa-Ubangi | 158 | 7,6 Mio | Nigeria, Kamerun, Zentralafrika, Tschad, Sudan |
| Kwa | 75 | 21 Mio | Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Benein, Nigeria |
| Yoruboid | 14 | 22 Mio | Südwest-Nigeria, Benin, Togo |
| Edoid | 26 | 2,6 Mio | Zentral-Süd-Nigeria |
| Igboid | 7 | 19 Mio | Südost-Nigeria |
| Nupoid | 11 | 3 Mio | West-Zentral-Nigeria |
| Idomoid | 9 | 1,1 Mio | Süd-Nigeria |
| Kainji | 54 | 1 Mio | Nordwest- und Nord-Zentral-Nigeria |
| Plateau | 43 | 2 Mio | Nord-Zentral-Nigeria (keine genet. Einheit) |
| Cross-River | 65 | 5,6 Mio | Nigeria: Cross-River-Staat; Kamerun |
| Dakoid | 3 | 0,5 Mio | Ost-Nigeria |
| Tivoid | 18 | 2,4 Mio | Ost-Nigeria, West-Kamerun |
| Grasland | 67 | 2,5 Mio | West-Kamerun |
| Bantu | 487 | 210 Mio | gesamtes mittleres und südliches Afrika |
Die Bezeichnung X-oid bezeichnet eine Hauptsprache X mit ihren nah verwandten Schwestersprachen, z. B. ist Igboid die Gruppe der mit dem Igbo unmittelbar verwandten Sprachen. In der Regel handelt es sich um Dialektkontinua. Manche Forscher werten solche Gruppen auch als eine einzige Sprache.
Kru
Hauptartikel: Kru-Sprachen
Die etwa 30 Kru-Sprachen gehören zum Nord-Volta-Kongo-Zweig, sie werden in der Elfenbeinküste und in Süd-Liberia von etwa 2,3 Mio. Menschen gesprochen. Der Name „Kru“ ist offensichtlich eine Verballhornung des Sprachnamens „Klao“, begünstigt durch englisch „crew“, da die Kru-Leute früher häufig als Matrosen auf europäischen Schiffen arbeiteten. Westermann (1927) und Greenberg (1963) rechneten Kru zu den Kwa-Sprachen, Bennet und Sterk (1977) verlagerten es in den Nord-Volta-Kongo-Zweig. Kru gliedert sich in einen östlichen und einen westlichen Zweig und drei isolierte Sprachen.
Nominalklassensysteme sind im Kru kaum erhalten, der Plural wird durch Suffixe und Veränderung des Auslautvokals gebildet. In den Nominalphrasen gibt es Konkordanzstrukturen. Die Kru-Sprachen machen regen Gebrauch von Verbalerweiterungen, etwa zur Bildung von Kausativen, Benefaktiven, Inchoativen und dem Passiv. Die Personalpronomina unterscheiden in einigen Sprachen Femininum und Maskulinum in der 2. und 3. Person Singular, sonst gibt es keine Genusdifferenzierung. Die Satzstellung ist SVO, es werden Postpositionen verwendet. Während das „Genitivattribut“ und das Possessivum vor dem bestimmten Nomen stehen, werden Adjektivattribut, Demonstrativum und Numerale dem Nomen nachgestellt.
Gur (Voltaisch)
Hauptartikel: Gur-Sprachen
Gur oder Voltaisch ist eine große Sprachfamilie von etwa 75 Sprachen, die in einem zusammenhängenden Territorium, das vom Südosten Malis über die nördliche Elfenbeinküste, Ghana, Togo und Benin bis nach Burkina Faso und Nigeria reicht, von zusammen etwa 15 Mio. Menschen gesprochen werden. Der Name „Gur“ wurde 1895 von Gottlob Krause vorgeschlagen, da einige Sprachen dieser Gruppe die erste Silbe Gur- aufweisen (Gurma, Gurunsi, Gurenne). Die Bezeichnung „Voltaisch“ nimmt Bezug auf den Fluss Volta, sie wird vor allem in der französischen Literatur verwendet (langues voltaïque).
Die genetische Einheit der Kerngruppe „Zentral-Gur“ ist seit langem unbestritten, die Zugehörigkeit einzelner Sprachen außerhalb dieses Kerns nach wie vor ungeklärt. Früher wurden auch Dogon und die Senufo-Gruppe zu den Gur-Sprache gerechnet (z. B. Bendor-Samuel 1971, De Wolf 1981). Die genetische Nähe der Gur-Sprachen zu den Kwa-Benue-Kongo-Sprachen gab den Anlass, innerhalb des Niger-Kongo den Primärzweig Volta-Kongo einzuführen.
Die mit Abstand bedeutendste Gur-Sprache ist das Mòoré, die Sprache der Mossi (mit 7 Mio. Sprechern einschließlich der Zweitsprecher). Es ist die Hauptverkehrssprache von Burkina Faso und wird auch in Mali, Togo, Benin und der Elfenbeinküste gesprochen. Andere bedeutende Gur-Sprachen mit mindestens 500.000 Sprechern sind Dagaari, Frafra, Dagbani, Kusaal, Gurma, Konkomba, Tem (Verkehrssprache in Togo), Kabiye, Lobiri und Bariba.
Fast alle Gur-Sprachen haben ein Nominalklassensystem, die meisten zeigen Konkordanz. Durchschnittlich gibt es elf Nominalklassen, die durch Suffixe markiert werden, einige Sprachen besitzen noch Klassenpräfixe bei häufig vorkommenden Substantiven. Die Wortstellung im Satz ist SVO, in der Regel werden Postpositionen verwendet. Genitivattribute und [Possessivpronomen|Possessivpronomina]] stehen vor dem Nomen, das sie näher bestimmen, Adjektivattribute, Demonstrativa und Numerale folgen ihrem Nomen. Die meisten Gur-Sprachen sind Tonsprachen mit zwei bis drei Tonhöhen, im Extremfall (Bariba) werden sogar sechs bedeutungsrelevante Tonvarianten differenziert.
Senufo
Hauptartikel: Senufo-Sprachen
Die Senufo-Sprachen bilden eine kleine Gruppe von 15 nah verwandten Sprachen mit 2,7 Mio. Sprechern. Ihr Verbreitungsgebiet ist Burkina Faso, Elfenbeinküste, Mali und Ghana. Die sprecherreichste Senufo-Sprache ist Cebaara mit 1 Mio. Sprechern, andere bedeutende Sprachen sind Supyire, Mamara, Shempire, Tagwana, Djimini und Syenara. Das Senufo ist ein Zweig des Nord-Volta-Kongo, früher wurde es zu den Gur-Sprachen gerechnet. Es gliedert sich in sechs Untereinheiten, von denen Supyire-Mamara, Tagwana-Djimini und Senari die bedeutendsten sind, die restlichen weisen nur kleinere Sprachen auf.
Adamawa-Ubangi
Haupartikel: Adamawa-Ubangi-Sprachen
Adamawa-Ubangi besteht aus zwei getrennten Teilgruppen − Adamawa und Ubangi -, die innerhalb des Nord-Volta-Kongo eine genetische Untereinheit von 160 Sprachen mit knapp 8 Mio. Sprechern bilden, davon 2 Mio. Adamawa- und 6 Mio. Ubangi-Sprecher. Die Adamawa-Ubangi-Sprachen erstrecken sich von Nordwest-Nigeria über Nord-Kamerun, den Süd-Tschad, die Zentralafrikanische Republik, Nord-Gabun, beide Kongo-Staaten bis nach Südwest-Sudan, also fast durch ganz Zentralafrika. Sango ist eine Kreolsprache auf Basis der Ubangi-Sprache Ngbandi, als Verkehrssprache der Zentralafrikanischen Republik wird sie von bis zu 5 Mio. Sprechern genutzt. Weitere größere Sprachen sind Zande, Ngbaka, Gbaya, Mumuye, Mundang und Tupuri.
Greenberg (1949) gruppierte sie als Erster als eine Untereinheit des Niger-Kongo, zunächst unter dem Namen Adamawa-Eastern. Die Aufteilung dieser Einheit in Adamawa und Ubangi lässt sich linguistisch durch einige Unterschiede rechtfertigen: phonologisch durch eine unterschiedliche Silbenstruktur (Adamawa-Sprachen tendieren eher zu geschlossenen Silben, die bei den Ubangi-Sprachen selten sind), lexikalisch durch spezielle für die eine oder andere Gruppe charakteristische Lexeme (Boyd 1989). Allerdings sieht Bennett (1983) eher ein Sprachenkontinuum quer durch beide Untergruppen, die eine klare Trennung in „Adamawa“ und „Ubangi“ problematisch erscheinen lässt.
Die Adamawa-Sprachen sind bisher schlecht erforscht, die großen Ubangi-Sprachen etwas besser. Das Nominalklassensystem ist reduziert, es werden Klassensuffixe verwendet, Konkordanz ist teilweise vorhanden, in einigen Sprachen sind nur noch Spuren des Klassensystems erhalten. Verbalerweiterungen sind nicht sehr häufig, üblich sind sie für Iterative, Benefaktive und Kausative. Die normale Satzstellung ist SVO, es werden ausschließlich Präpositionen benutzt. Das Nomen steht vor seinen Ergänzungen, also vor dem Genitivattribut, Adjektivattribut, Numerale und Demonstrativum, in den Ubangi-Sprachen kann das Adjektiv auch vor dem Nomen stehen.
Kwa
Hauptartikel: Kwa-Sprachen
Die Kwa-Sprachen bilden zusammen mit den Benue-Kongo-Sprachen das Süd-Volta-Kongo oder Kwa-Benue-Kongo. Die rund 75 Kwa-Sprachen werden von 21 Mio. Menschen in der Elfenbeinküste, Ghana, Togo, Benin und Südwest-Nigeria gesprochen. Im Norden grenzen die Kwa-Sprachen an das Gur-Gebiet, im Osten an die Platoid-Sprachen, im Westen an Mande- und Kru-Sprachen. Die bedeutendsten Kwa-Sprachen sind Akan (Fante-Twi) (eine der wichtigsten Sprachen Ghanas, 10 Mio Sprecher), Ewe (4 Mio., Südost-Ghana und Togo), Baule (2 Mio.), Fon (1,7 Mio, vor allem in Benin), Ga-Dangme (1,4 Mio., Accra) und Anyin (1 Mio.).
Der Name „Kwa“ wurde 1885 von Gottlob Krause eingeführt. Die Zusammenfassung der Kwa-Sprachen erfolgte zunächst nach typologischen Kriterien (Anwesenheit von Labiovelaren, Tonsprachen, Fehlen fast aller morphologischen Elemente wie Klassenaffixe und Derivationsmorpheme). Für Diedrich Westermann (1927) bildete das Kwa eine Untergruppe des Westsudanischen, für Joseph Greenberg (1963) einen Primärzweig des Niger-Kongo. Er teilte die Kwa-Sprachen in acht Untereinheiten und integrierte die zentralen Togo-Sprachen („Togo-Restsprachen“) in die Kwa-Gruppe. So werden die Kwa-Sprachen von De Wolf 1981 dargestellt. Bennett und Sterk (1977) reduzierten Greenbergs Kwa, indem sie
- die wenig einheitlichen östlichen Kwa-Untergruppen als „West-Benue-Kongo“ zum Benue-Kongo hinzufügten,
- das Ijoid als unabhängigen Primärzweig des Niger-Kongo etablierten und
- das Kru als eine selbständige Einheit des Nord-Volta-Kongo auffassten.
Das verbleibende „neue“ Kwa deckt sich mit Greenbergs „West-Kwa“. Dieser Ansatz wird heute mit kleinen Modifikationen allgemein akzeptiert.
Die Kwa-Sprachen haben unterschiedlich stark ausgeprägte Nominalklassensysteme; während das des Ega voll etabliert ist, haben andere Kwa-Sprachen reduzierte oder rudimentäre Systeme. Üblicherweise werden in der Morphologie Präfixe verwendet, es gibt einige Pluralsuffixe. Der Anlautkonsonant kann alternieren, was aber keine semantischen, sondern nur phonetische Gründe hat. Kausative, Reflexive („sich selbst lieben“) und Reziproke („sich gegenseitig lieben“) werden durch Verbalableitungen mittels Suffixen gebildet. Die 3. Person der Personalpronomina unterscheidet die Kategorien belebt und unbelebt. Die Satzstellung ist SVO, üblicherweise werden Postpositionen und keine Präpositionen verwendet. Die Nominalphrase hat keine einheitliche Struktur, häufig sind Genitiv + Nomen, Possessivum + Nomen, aber Nomen + Adjektiv, Nomen + Numerale und Nomen + Demonstrativum.
Etliche Kwa-Sprachen weisen eine serielle Verbalkonstruktion auf. Wenn eine ganze Reihe von Verben in derselben Tempus-Modus-Aspekt-Funktion hintereinander auftreten, die dasselbe Subjekt und Objekt haben, werden pronominales Subjekt und Objekt nur beim ersten Verbum markiert. Fast alle Kwa-Sprachen sind Tonsprachen, meist gibt es zwei, manchmal drei Tonhöhen, in einigen Kwa-Sprachen sogar vier Basistöne. In einigen Kwa-Sprachen gibt es Vokalharmonie; so bestimmt die Vokalharmonie im Akan (gespannte und ungespannte Vokalserien /i,e,a,o,u/ und /ɨ,ɛ,ɑ,o,ʋ/) die Vokalstruktur der Possessiv- und Subjektspronomina in Abhängigkeit von der Vokalfärbung des Stamms.
Benue-Kongo
Hauptartikel: Benue-Kongo-Sprachen
Die Benue-Kongo-Sprachen bilden zusammen mit den Kwa-Sprachen den Südzweig der Volta-Kongo-Sprachen, eines Primärzweigs des Niger-Kongo. Die rund 900 Benue-Kongo-Sprachen werden von über 270 Millionen Menschen in West-, Zentral- und Süd-Afrika gesprochen. Das Benue-Kongo besteht aus zwei ungleich großen genetische Untereinheiten, nämlich West-Benue-Kongo (70 Sprachen mit knapp 50 Mio. Sprechern in Togo, Benin und Nigeria) und das ungleich größere Ost-Benue-Kongo (830 Sprachen mit 225 Mio. Sprechern in Südost-Nigeria und ganz Zentral- und Südafrika). Das Ost-Benue-Kongo schließt insbesondere die große Familie der Bantusprachen mit ein.
Der Name Benue-Kongo wurde von Joseph Greenberg 1963 geprägt, der diese Gruppe in vier Einheiten teilte: Plateau-Sprachen, Jukunoid, Cross River und Bantoid. Nach Shimizu (1975) und Gerhardt (1989) wurden die Plateau-Sprachen, Tarokoid und Jukunoid als Zentral-Nigerianisch oder Platoid zusammengefasst. Bennett und Sterk (1977) erweiterten das Benue-Kongo durch die östlichen Gruppen von Greenbergs Kwa, nämlich Yoruboid, Edoid, Igboid, Nupoid und Idomoid. Diese Gruppen wurden dann von Blench 1989 zum West-Benue-Kongo zusammengefasst, während das ursprüngliche Greenbergsche Benue-Kongo zum Ost-Benue-Kongo wurde. Ohiri-Aniche vermuteten 1999, dass die Sprache Ukaan (vielleicht zusammen mit dem Akpes) ein Bindeglied zwischen West- und Ost-Benue-Kongo bildet, Connell (1998) schlug dagegen das Cross River als ein solches Bindeglied vor.
Untereinheiten des Benue-Kongo (Williamson-Blench 2000)
Die sprachlichen Eigenschaften der Benue-Kongo-Sprachen werden in den Abschnitten über die Untereinheiten West-Benue-Kongo, Platoid, Cross River und Bantoid behandelt.
West-Benue-Kongo
Hauptartikel: West-Benue-Kongo-Sprachen
Das West-Benue-Kongo ist die kleinere, westliche Untergruppe des Benue-Kongo, es deckt sich ungefähr mit den Ost-Kwa-Sprachen von Greenberg 1963. Es besteht aus etwa 70 Sprachen, die in Togo, Benin und Süd-Nigeria von rund 48 Mio. Menschen gesprochen werden. Die fünf bedeutendsten Sprachen dieser Gruppe sind Yoruba (20 − 22 Mio. Sprecher, Verkehrssprache in Südwest-Nigeria), Igbo oder Ibo (18 Mio.), Edo oder Bini (1 Mio.), Nupe (1 Mio.) und Idoma (600 Tsd.), die alle in Süd-Nigeria gesprochen werden. Die fünf genannten Sprachen bilden zusammen mit kleineren, eng verwandten Nachbarsprachen die Untergruppen Yoruboid, Igboid, Edoid, Nupoid und Idomoid des West-Benue-Kongo. Außerdem werden noch vier Kleingruppen − Akokoid, Ayere-Ahan, Oko und Ukaan-Akpes − dazugerechnet.
Das Nominalklassensystem der West-Benue-Kongo-Sprachen weist verschiedene Ausbaustufen auf: ein volles System z. B. im Gade, ein reduziertes im Edoid, ein rudimentäres im Yoruba; es werden Nominalklassenpräfixe verwendet. Die Verbalerweiterungen sind in der Regel Innovationen (Neubildungen, die nicht aus dem Proto-Niger-Kongo stammen). Adjektive können von Zustandsverben durch eine Reduplikation der ersten Silbe (in hohem Ton) gebildet werden. Es gibt unabhängige Personalpronomen und abhäng