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Kleinschreibung

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Unter Kleinschreibung (Verb: kleinschreiben, nicht klein schreiben) versteht man die konsequente oder weitgehende Vermeidung von Großbuchstaben. Die Einführung einer Kleinschreibung wird von Rechtschreibreformern immer wieder thematisiert.

Während die konsequente Kleinschreibung die Vermeidung aller Großbuchstaben meint, lässt eine gemäßigte Kleinschreibung (die man ebenso gut als gemäßigte Großschreibung bezeichnen könnte) bestimmte Fälle großgeschriebener Wörter zu, etwa am Satzanfang oder bei Eigennamen.

Inhaltsverzeichnis

Ziel

Die Vorteile der (konsequenten) Kleinschreibung sind aus Sicht ihrer Befürworter:

  • die Rechtschreibung wird radikal vereinfacht, da sämtliche Regeln zur Groß- und Kleinschreibung entfallen. Gerade für Fremdsprachler sind diese Regeln schwer zu durchschauen, selbst viele Muttersprachler beherrschen sie nicht vollständig.
  • einzelne Wortgruppen wie Substantive werden nicht willkürlich bevorzugt, die Konzentration auf das Wesentliche – die Inhalte – ermöglicht.
  • das Schreiben/Tippen wird erleichtert.
  • es werden keine zwei Alphabete benötigt.

Geschichte

Basis der Kleinschreibung ist die Entwicklung der Karolingeischen Minuskel als Verwaltungsschrift unter Karl dem Großen. Die überkommene Lateinische Großschreibung wurde aus Gründen der Alltagstauglichkeit durch eine schneller ausführbare und besser lesbare Kleinschreibung ersetzt. Die aus praktischen Gründen erfolgte Einführung der Minuskel ist u.a. im Bauhaus wie auch bei Otl Aicher Basis für die eigene Bevorzugung der Kleinschreibung.

Die Großschreibung im Deutschen entstand im Barock. Von Deutschland hat sie sich ins Dänische ausgebreitet und durch die Union mit Norwegen (1521 - 1814) auch dort Fuß gefasst.

Bereits Jacob Grimm äußerte sich 1854: „den gleichverwerflichen misbrauch groszer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heißsen kann, habe ich [...] abgeschüttelt.”

Im Jahr 1925 führte das Bauhaus die Kleinschreibung ein: „wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit. außerdem: warum 2 alfabete, wenn eins dasselbe erreicht? warum großschreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?”. Dadurch angeregt verfolgt die dj.1.11 das Prinzip der Kleinschreibung, was auch andere Gruppen in der Jugendbewegung beeinflusst.

Im Jahr 1934 verwendete die Stadtverwaltung von Biel, Kanton Bern, für ein halbes Jahr die Kleinschreibung.

Im Norwegischen wurde die gemäßigte Kleinschreibung 1869 wieder eingeführt. Dänemark folgte 1948. Seither schreibt man im lateinischen Alphabet nur noch im Deutschen (einschließlich der deutschen Varietäten des Niederdeutschen), Luxemburgischen und einigen (nicht allen) nordfriesischen Schriftdialekten Substantive groß.

Auch die Wiener Gruppe um H. C. Artmann, aber auch Elfriede Jelinek, setzten sich in ihrer dadaistischen Tradition für die Gleichwertigkeit aller Wortarten ein und sahen in der Großschreibung der Substantive eine unnötige Bevorteilung dieser.

Der deutsche Grafiker und Typograph Otl Aicher setzte in seinen Entwürfen und Publikationen bevorzugt Kleinbuchstaben ein.

Heinrich Böll bemerkte 1973, dass eine Sprache weder an Informationswert noch an Poesie verliere, wenn sie von der Groß- zur Kleinschreibung übergeht.

Die Rote-Armee-Fraktion verwendete in ihren Schriftstücken (Erpresserbriefe oder Bekennerschreiben) auch durchgehend die Kleinschreibung. Diese Praxis findet sich auch später in Dokumenten anderer linker Gruppen gelegentlich wieder.

die tageszeitung, die bereits seit 1982 ihren Titel klein schreibt, veröffentlichte am 12. August 2004 eine Ausgabe in einer gemäßigten Kleinschreibung. Dies war als Gegenreaktion auf die Ankündigung einiger deutscher Verlage zur Rückkehr zur alten Rechtschreibung gedacht.

Gerade im Internet ist in der jüngsten Vergangenheit in vielen Anwendungen eine Häufung der Kleinschreibung festzustellen, etwa beim Instant Messaging, in bestimmten Foren oder auch in E-Mails. Die Ursache dafür dürfte aber weniger in bewusster Kleinschreibung, sondern eher in der Bequemlichkeit bzw. Ignoranz mancher Benutzer zu suchen sein.

Studien zum Thema

In einer Studie aus dem Jahr 1999 findet das Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung, München: Die deutsche Groß- und Kleinschreibung erleichtere den Leseprozess und minimiere Fehler. Außerdem merkten die Autoren der Studie an, dass das richtige Erkennen einer Wortgruppe entscheidend für die Analyse eines Satzes sei.

In einer Studie aus dem Jahr 1989 (Bock, Hagenschneider & Schweer sowie Gfroerer, Günther & Bock) wurde die Lesegeschwindigkeit von Niederländern, die von ihrer Muttersprache an eine gemäßigte Kleinschreibung gewohnt sind, getestet. Im Versuch wurden den Testpersonen Texte in ihrer Muttersprache sowohl in der üblichen Kleinschreibung als auch mit Großschreibung nach deutschem Muster vorgesetzt.

„Die Untersuchungen brachten überraschende Ergebnisse: Auch für die niederländischen Versuchspersonen stellten die Regeln der deutschen Großschreibung eine Hilfestellung dar, die den Leseprozess beschleunigten. Sie konnten Texte in ihrer eigenen Muttersprache (!) mit den fremden satzinternen Großbuchstaben ohne Verständnisprobleme schneller lesen als solche mit der ihnen vertrauten gemäßigten Kleinschreibung. Detailanalysen der Augenbewegungsmuster ließen den Schluss zu, dass in der Tat der Orientierungscharakter der Großbuchstaben dafür verantwortlich war.“

Köbes: Kölner Beiträge zur Sprachdidaktik (1/2005)

Wikipedia
Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Kleinschreibung, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation.


Diskussion

Gegen die Kleinschreibung wird eingewendet, dass sie den Lesefluss störe. Das Auge benötige im Text markante Stellen wie eben auch Großbuchstaben. Die Großschreibung erleichtere das Querlesen, da dann Substantive und Satzanfänge, die für das Verständnis des Textes besonders bedeutsam seien, vom Auge schneller erfasst würden.

Fremdsprachige Leser deutscher Texte wenden jedoch ein, sie hätten im Gegenteil Mühe, deutsche Texte schnell zu lesen. Die Großbuchstaben wirkten eher irritierend.

In beiden Fällen spielt möglicherweise die Gewöhnung an die Schreibung der eigenen Muttersprache eine Rolle.

In bestimmten Fällen bietet das Erkennen eines Substantivs über seine Großschreibung eine Orientierungshilfe beim Verständnis eines Textes. Diesen Vorteil gleicht weder eine konsequente Kleinschreibung, noch die konsequente Großschreibung aller Anfangsbuchstaben aus. Beispiel: „er hat liebe Genossen“„er hat Liebe genossen“, „der Gefangene floh“„der gefangene Floh“ oder „helft den armen Vögeln“„helft den Armen vögeln“. Kritiker halten entgegen, dass diese Fälle sehr gesucht und auf jeden Fall zu selten seien, um eine Großschreibung damit zu rechtfertigen. Aus dem Kontext gehe auch stets zweifelsfrei hervor, was in den Beispielen Subjekt und was Prädikat ist.

Die sogenannte gemäßigte Kleinschreibung verringert einige von den Befürwortern der Großschreibung empfundenen Nachteile der konsequenten Kleinschreibung. Einige Nachteile der Großschreibung bleiben jedoch bestehen: Es sind Regeln für Klein- und Großschreibung nötig, und es bedarf zweier Alphabete.

Internationaler Vergleich

Die gemäßigte Kleinschreibung wird nicht in allen Ländern gleich gehandhabt. So werden Völkernamen im Englischen, Niederländischen, Französischen und Spanischen groß, im Italienischen, Dänischen, Schwedischen und Norwegischen klein geschrieben. Für Feiertage gilt das Entsprechende, mit der Ausnahme des Italienischen, das hier zu den großschreibenden Sprachen gehört. Auch die Schreibung von Institutionen und Titeln ist unterschiedlich; so heißt es auf englisch "Queen Elizabeth", auf französisch aber "la reine Elisabeth", und im Dänischen hat man nach Jahrzehnten ausschließlicher Kleinschreibung vor wenigen Jahren in solchen Fällen die Großschreibung wieder zugelassen (heute "dronningen" und "Dronningen"). Auch für die Schreibung der Wörter für "(ein bestimmter) Staat" und "(eine bestimmte) Kirche" gelten keine einheitliche Regeln.

Weblinks

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