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Judith Butler
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Judith Butler (* 24. Februar 1956 in Cleveland, Ohio) ist eine amerikanische Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der European Graduate School und an der University of California, Berkeley in Berkeley.
Inhaltsverzeichnis |
Biographie
Aufgewachsen in einer jüdischen Familie mit ungarischen und russischen Wurzeln, kommt Judith Butler früh mit philosophischen und theologischen Schriften in Berührung. 1974 beginnt sie ihr Studium der Philosophie an der Universität von Yale, wo sie sich insbesondere mit der Tradition der Phänomenologie auseinandersetzt. 1978-1979 studiert sie an der Universität Heidelberg Philosophie (Schwerpunkt: deutscher Idealismus). 1982 schließt sie ihr M.A. – Philosophie-Studium in Yale ab, 1984 folgt ihre Dissertation „Recovery and Invention: The Projects of Desire in Hegel, Kojève, Hyppolite and Sartre (1987 veröffentlicht unter dem Titel: „Subjects of Desire. Hegelian Reflections in Twentieth Century France“). 1988 schrieb Butler einige Essays über feministische Theorie, 1989 erscheint ihr einflussreiches Buch „Gender Trouble. Feminism and the subversion of identity.“ (deutsch: „Das Unbehagen der Geschlechter", veröffentlicht 1992). 1991 erhält Butler eine Professur für Humanwissenschaften an der Johns-Hopkins-Universität, 1993 wechselt Butler an die Universität Berkeley, wo sie eine Professur für Rhetorik annimmt; im selben Jahr erscheint „Bodies that matter" (deutsch: „Körper von Gewicht“, veröffentlicht 1997). 1998 erhält sie den Maxine-Elliot-Lehrstuhl für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft. 1997 erscheint „Excitable Speech. A Politics of the performance.“ (deutsch: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, veröffentlicht 1998). Es folgen Schriften zur politischen Theorie („Contingency, Hegemony, Universality“, 2000) und eine Auseinandersetzung mit einem normativen Begriff von Familie und Verwandtschaft („Antigone’s Claim: Kinship Between Life and Death“), sowie eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Begierde, Anerkennung und Subjektwerdung („Politics and Kinship. Antigone for the Present“, 2001). 2002 wendet sich Butler dem Projekt einer Theorie des moralischen Subjekts und der Kritik moralischer Gewalt zu. In ihrer ersten umfangreichen Veröffentlichung zu Moralphilosophie, („Giving an Account of Oneself", 2005) bietet Butler einen provokativen Umriss für eine neue ethische Praxis, die der Notwendigkeit von kritischer Autonomie entgegenkommt.
Denken und Werk
Übersicht zum Werk
Wie kaum eine andere Philosophin provoziert Butler durch ihren radikal-konstruktivistischen Duktus die Diskussion von Identitätskategorien, dekonstruiert lieb gewonnene Denkgewohnheiten und fasst Konzepte wie das Denken in Kategorien von Körper und Identität neu, wodurch sowohl die philosophische als auch die politische und lebensweltliche Auseinandersetzung mit Kategorien neu entfacht wurden.
Schwerpunkte
Judith Butlers Arbeit lässt sich in drei inhaltlich voneinander abgrenzbare Komplexe ordnen:
- Butlers theoretisches Gedankengebäude, das sie auf Überlegungen von oben genannten Theoretikern gründet und von denen aus sie ihre eigene sprachphilosophische und diskursanalytische Position entwirft.
- Butlers spezifisch feministische Theorie, welche die normierende Wirkung des zweigeschlechtlichen Denkens aufzeigt und in der Geschlechterforschung verankert.
- Butlers politische Strategien, die aus ihrer Kritik an Identitäts- und Subjektbegriff und der normativen Heterosexualität münden und mit denen eine Materialisierung des Geschlechts verhindert werden soll.
Einer von Judith Butlers wichtigsten Beiträgen ist ein performatives Modell von Geschlecht, in welchem die Kategorien "männlich" und "weiblich" als Wiederholung von Handlungen verstanden werden, und nicht als natürliche oder unausweichliche Materialisierungen. Judith Butler bedient sich in ihrer Analyse verschiedenster Theorien und Forschungsansätze, unter anderem derer von Michel Foucault, Sigmund Freud, Jacques Derrida, und Louis Althusser. Diese zielt auf ein Verständnis der Verschränkung von Subjekt und Macht, von Physischem und Diskursivem in der Materialität des Körpers ab. Körper materialisieren sich (hier lehnt Butler an Aristoteles an) nie unabhängig von ihrer kulturellen Form, sind also immer an ihre kulturspezifische Wahrnehmung gebunden, die zugleich konstitutiv für die Materie selbst ist.
Butler wendet diese Überlegung auf das biologische Geschlecht des Geschlechtskörpers an, der sich als reglementierendes Ideal etabliert hat. Butlers Beiträge waren auch in der feministischen und kritischen Theoriebildung einflussreich, weil Butler damit die Kategorie "Frau" als Subjekt des Feminismus in Frage stellte. Dies führte besonders in Deutschland zu erbitterten Debatten innerhalb der feministischen Theorie.
Weitere Arbeitsgebiete Butlers sind die Ethik (etwa in Kritik der ethischen Gewalt), politische Philosophie und die Frage nach dem Subjekt (am deutlichsten in Psyche der Macht, und in Das Unbehagen der Geschlechter). Die Subjektwerdung vollzieht sich nach Butler innerhalb gesellschaftlicher (Macht-) Strukturen, wodurch jede Identität im Zusammenhang mit den sozialen/kulturellen Verhältnissen zu denken ist.
Sprach- und diskurstheoretisches Programm
Butler beschäftigt sich mit der Frage nach dem Verhältnis von Subjekt, Körper und Macht. Dabei hinterfragt sie das transzendental gedachte kohärente Subjekt und nimmt eine fundamentale Gegenposition ein, die sie aus ihrer zentralen These der Performativität begründet. Die Kernvorstellung hierbei ist, dass Worte die Macht besitzen, Dinge wie etwa den biologischen Körper aus einer Begriffssubstanz heraus zu schaffen. Materie und Körper als apriorische Voraussetzungen von Sprache oder (allgemeiner) Zeichen werden infragegestellt. Die somit verursachte neuerliche Ungewissheit bezüglich der Erzeugungsart körperlicher Materialität wird sprachphilosophisch gelöst. Ausgangspunkt ist hier die Annahme, dass Diskurse körperliche Gestalt annehmen können. Dieser Vorgang wird mit Hilfe der Begriffe „Materialisierung“ und „Performativität“ erklärt. Problematisch ist hierbei, dass der Begriff Performanz fast willkürlich anwendbar ist und dadurch vieldeutig und inflationär gebraucht wird. Performanz bezieht sich etwa in der Sprachphilosophie auf sprechakttheoretische und universalpragmatische Geltungsansprüche von Sprache, wobei er etwa theaterwissenschaftlich viel eher als ein Aufführen von theatralen Handlungen, also als performance, verstanden wird.
Butler verwendet den Begriff der Performativität in Anlehnung an John L. Austin, der diejenigen Akte als performative Sprechakte bezeichnet, die das, was sie benennen, in Kraft setzen. Worte als performative Akte besitzen nicht nur die Macht, etwas zu beschreiben, sondern besitzen handlungsartige Qualität, indem sie das, was sie bezeichnen, auch vollziehen. Worte bzw. Sprache nimmt hier also den Charakter einer sozialen Tatsache an, wie z. B. die Aussage „Es ist ein Junge“, der einem bezeichneten Körper eine Kategorie wie etwa Geschlecht zuordnet. Performativität erzeugt durch das wiederholte Zitieren von Normen die Wirkung von Materialität, und kann daher nicht als einzelner, absichtsvoller Akt verstanden werden, sondern vielmehr als eine sich ständig wiederholende und zitierende Praxis. Sprechakte erzeugen durch diese Praxis eine Wirklichkeit, verschleiern gleichzeitig aber ihre Geschichtlichkeit und ihren Bezug auf Konvention.
Dieses Erzeugen bezeichnet Butler als Materialisierung und meint damit nach Foucault den Vorgang der unlösbaren Verschränkung von formierenden Diskursen und Materie. Materie ist nicht unabhängig von Sprache und Diskurs wahrnehmbar, sondern konstituiert sich immer gleichzeitig mit Diskurs und Sprache. Somit sind alle drei Elemente grundlegend für die Materialität von Dingen - Sprache und Diskurs verlieren ihren Sekundärstatus. An dieser Stelle tritt auch die Macht ins Spiel, die für Butler in der materialisierenden Wirkung von Diskurs eingeschrieben ist. So ist jeder Punkt der Wissensbildung gleichzeitig ein Ort der Machtausübung. Macht zeigt etwa sich darin, dass etwas zum Gegenstand von Wissen wird und in weiterer Folge Wahrheitswirkungen erzielt. Wahrheit ist somit nicht diskurs-extern verankert, sondern wird erst durch historisch-diskursive Verläufe geschaffen. Macht ist hier ein dezentriertes, regelgeleitetes Operieren mit geordneten Elementen eines übersubjektiv aufgebauten Systems, das Diskurse, Wirklichkeiten und Wahrheiten konstituiert. Materialität entsteht so gedacht als Machtwirkung einer gesellschaftlichen Normativierung.
Kritisiert wurde an Butlers Theorie insbesondere, dass sie nicht zwischen Sprache und Praxis trennt, was ihre Zentrierung auf eine sprachlich-diskursive Subjektbildung hermetisch macht. Ebenso angegriffen wurde Foucaults Machtbegriff, auf dem Butler bekennenderweise aufbaut, aufgrund seines Ausschließens einer Sphäre des Außen, einer Sphäre jenseits von Macht.
Feministische Theorie
Butler selbst positioniert sich im Feld der Geschlechterforschung als feministische Theoretikerin, die ihren Schwerpunkt in der Erforschung des Zusammenhangs von Macht, Geschlecht, Sexualität und Identität legt, nicht zwangsläufig im Bereich der queer studies, dem sie oft zugeordnet wird.
In ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter meint Butler, dass die feministische Forschung fälschlicherweise Frauen als Gruppe mit gemeinsamen Merkmalen und Interessen betrachtet hat. Dabei wurden trennende (ethnische, kulturelle, klassenspezifische, ..) Differenzen zwischen Frauen übersehen, und darüber hinaus noch ein binäres System der Geschlechterbeziehungen impliziert. Butler bezeichnet die feministische Forschung an dieser Stelle als inkohärent, zumal Feminist/innen einerseits darin übereinkommen, dass Anatomie kein Schicksal ist, andererseits ein binäres System der Geschlechtlichkeit (männlich/weiblich) tradiert, das die Auffassung einer patriarchalen Kultur verfestigt. Die Hervorhebung der Differenz der Geschlechter stehe zudem der feministischen Forderung nach Gleichheit grundsätzlich entgegen, die maskuline Asymmetrie der Geschlechter würde lediglich umgekehrt. “Die feministische Kritik muss einerseits totalisierende Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, muss aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben. Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehrdiskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen.“ (Unbehagen der Geschlechter, S. 33). Butler macht also ganz und gar nicht die Differenz der Geschlechter zum Ausgangspunkt politischer Bewegungen, und wirft dem Feminismus vor, vorhandene Geschlechtsrealitäten noch zu verhärten, anstatt die Möglichkeit zu bieten, neue Identitäten zu entwickeln. Kritiker werfen Butler hier vor, mit ihrer Positionierung den Feminismus zu einer Debatte über symbolische Repräsentationsformen von Geschlecht zu verkürzen, anstatt sich auf Themen zu konzentrieren, die Frauen wirklich betreffen. Geschlecht bilde nun mal einen wesentlichen Teil vieler individueller Identitäten, deren Umgestaltung würde für die meisten Frauen nicht in Frage kommen.
Butlers erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt ist der dekonstruktivistischen Geschlechterforschung zuzuordnen, die Geschlecht im Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur ansiedelt. Diese Stelle ist Schauplatz des politischen Kampfes zwischen sozialem und natürlichem Geschlecht. Sie vertritt die Auffassung, dass Geschlecht ausschließlich eine soziale Kategorie darstellt, die dem Körper ein biologisches Geschlecht einschreibt. Die kulturell definierte Vorstellung von als Geschlechtskörpern codierten Körpern erscheint als Sedimentation eines diskursiven Machtmechanismus, der die Verfestigung von Begriffen als Natürliches verschleiert. Natur erscheint nach Butler dort, wo Körper mittels diskursiver Praktiken begrifflich erzeugt werden. Sie stellt die biologische, binäre Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit radikal in Frage und sprengt durch ihre mimetischen Rekonstruktionen der Voraussetzungen für soziale Geschlechtsmerkmale und (hetero-)sexuelle Orientierungen jede kausallogische Fundierung von körperlichen Geschlechtsmerkmalen und sozialer Geschlechtsidentität. Butler kehrt also konsequent mit der feministischen Idee einer Spaltung von Subjekten in soziales und biologisches ab, indem sie sprachtheoretisch konsequent mit dem naturalistischen Geschlechtskörper bricht. Sie bricht mit der Annahme, dass Geschlecht eine natürliche Eigenschaft von Körpern ist, welche die Grundlage für eine natürliche Geschlechtsordnung bildet. Folglich existiert auch keine vordiskursive Differenz zwischen Geschlechtern. Für Butler lässt sich das Paradoxon einer natürlichen Geschlechterordnung nur auflösen, wenn aufgezeigt wird, dass diese Ordnung als natürliche konstruiert wird und wie diese Ordnung konstruiert wird. Ausgangspunkt ist hier die Frage, ob angeblich natürliche Sachverhalte nicht diskursiv durch kulturelle Denksysteme und Sprachregeln bestimmt sind, ebenso wie durch wissenschaftliche Diskurse und politische Interessen. Butler geht davon aus, dass die biologische Bestimmung von Körpergeschlechtern der binären Konzeption von Geschlecht und deren Kategorien folgt, also Teil des kulturellen Konstruktionsapparates ist. So ist das natürliche Geschlecht definitionsgemäß immer schon soziales Geschlecht, das auf Grund verwischter Machtsedimentierungen biologisch gedacht wird. Der Körper wird also als sozialer Geschlechtskörper aktiv-diskursiv ins Leben gerufen und ist nicht passiver Gegenstand kultureller Einschreibungen.
Diskurse über die eindeutige Geschlechtszuordnung finden immer wieder statt und sind genau aus diesem Grund auch Veränderungen unterworfen, zumal Geschlecht diskursiv konstruiert wird. So ist die Einordnung in eine geschlechtliche Norm insofern instabil, als dass die Norm an sich bereits durch Diskurse ebenso verändert wird wie die Zuordnung zu ihr. Eine kritische Genealogie der Geschlechterontologie, welche die Veränderbarkeit und die Historizität von Natur und Kultur hervor streicht, wird bei Butler nicht explizit gemacht. Allerdings beruft sich Butler auf eine kulturelle „Matrix der Intelligibilität“, die das Geschlecht auf einen Körper zurückführt und ihn der Norm unterwirft. Körper sind für Butler hier Gegenstände, die allein mittels Verstand und Vernunft vorgestellt werden können, also Konzepte und Konstrukte, die in der Gesellschaft akzeptiert und dadurch sichtbar und wahrnehmbar werden, wie etwa das heteronormative Modell der binären Geschlechtlichkeit. Diese Vorstellungen werden in einer Matrix des Sozialen gedacht, einem feinen Netz von Diskursen und Machtstrategien, die um einen (diskursiv hervorgebrachten) Gegenstand gespannt werden. Butlers zentraler Gedanke, dass Geschlecht ein soziales und künstliches Konstrukt sei, wird in der Frage nach dem Gewicht von Körpern noch weiter präzisiert. In dem gleichnamigen Buch denkt Butler die Materialität von Körpern als produktive Wirkung von Macht und stellt sich die Frage, wie es zu einer besonderen Bedeutung eines Körpers, einer Identität oder eines Subjekts kommen kann, die das Andere ausschließt. Butler beantwortet die Frage, indem sie eine gesellschaftliche Vorstellungsmatrix annimmt, die von binärer Körperdifferenz ausgeht. Die Unterwerfung unter diese verlangt, dass andere, nicht einzuordnende Formen von Körpern verworfen werden. Das Verworfene sind nicht lebbare Möglichkeiten des sozialen Lebens, die aufgrund ihrer Ausschließung das Subjekt konstituieren. Zurückgewiesene, nicht lebbare Körper werden zur Bedingung derjenigen, „die sich mit der Materialisierung der Norm als Körper qualifizieren, die ins Gewicht fallen.“ (Körper von Gewicht, S. 40) Was an machtvollen Interventionsmöglichkeiten bleibt ist Performativität als die Macht des Diskurses, Wirkungen durch ständiges Wiederholen hervorzurufen.
Politische Theorie
Die politische Theorie von Judith Butler kann unter dem Titel subversive Politik des Subversiven subsumiert werden. Performativität bildet hierbei das sprachtheoretische Bindeglied zwischen Feminismus und Politik, in dem sich die Annahme der sozialen Wirksamkeit von Sprechakten verbindet.
Butlers Überlegungen kreisen immer wieder um das Problem, wie subversive Wiederholungen zustande kommen können. Trotz der von Foucault übernommenen Idee der Ubiquität der Macht versucht Butler, einen Raum zu eröffnen, der Veränderungen denkbar macht, ohne auf souveräne Subjekte zurückgreifen zu müssen. Der Interessensschwerpunkt gilt bei Butler also der Gesellschaftswirksamkeit von Performativität und der kritischen Machtwirkung performativer Sprechakte. Eine Möglichkeit, existierende Wirklichkeiten aufzubrechen sieht Butler in der Reproduktion der Struktur durch wiederholende Sprachpraxis. Durch eine Wiederverwendung und Neudeutung von Denkfiguren von Identität und Norm werden sozial autorisierte „Körper/Subjekte von Gewicht“ durch eine durchbrechende performative Verschiebung entwertet. Sprechakte nehmen in diesem Fall nicht-konventionelle Bedeutungen an, die durch Wiederholung politischen Stellenwert gewinnen.
Konsequent verweigert Butler auch in ihrem politischen Denken die Unterscheidung von sex und gender. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass auch das biologische Geschlecht/sex durch materialisierende Akte von Sprache entsteht. Durch Dekonstruktion gilt es auch hier, Spielraum für ein Erproben von alternativen Geschlechtsidentitäten, „queer identities“, zu schaffen. Queer ist hierbei nicht als ständig wechselbare Identität gedacht, ebenso wenig wie queer auf den Wunsch eines Körpers jenseits von Macht verweisen soll. Ziel soll vielmehr sein, die Kontingenz von anatomischen Körpermerkmalen und performativer Geschlechtsidentität aufzuzeigen und Geschlechter-Verwirrung anzustiften. Butlers Konzept der Subversion setzt die Annahme voraus, dass Subjekte, die gegebene Geschlechtsidentitäten annehmen zwangsläufig inkohärente Konfigurationen erzeugen, die durch die Valenz überschneidender und widersprüchlicher Diskurse Widerstand erzeugen. Durch diese Koexistenz der Diskurse entsteht die Möglichkeit der Rekonfiguration und Neu-Einsetzung, etwa durch Parodie, Travestie oder andere experimentelle Praktiken.
Kritik gab es auch an Butlers Einstellung zu Israel. In ihrem Buch "Gefährdetes Leben" versucht sie philosophisch/moralisch zu begründen, warum sie einen Boykott israelischer Universitäten empfiehlt und warum sie die Kritik an dieser Empfehlung durch den Harvard-Präsidenten Lawrence Summers für autoritär hält. Diese Einstellung brachte Butler den Vorwurf ein, "Apologetin des Antisemitismus" zu sein, in Bahamas Nr. 48 wird ihr Vorgehen gegen die Kritik am Antizionismus als Antisemitismus bewertet. Ihr Rechtfertigungsmodell ähnele zudem der Auschwitzkeule Martin Walsers.
Ferner sorgte folgender Absatz in "gefährdetes Leben" für Kritik: “Ein paar Tage später besuchte ich eine Konferenz, auf der ich einen Vortrag über die wichtigen kulturellen Bedeutungen der Burka hörte, darüber, wie sie für Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie, zu einer umfangreichen Geschichte von Verwandtschaftsbeziehungen steht, dass sie eine Übung in Bescheidenheit und Stolz, einen Schutz vor Scham symbolisiert und dass sie auch als Schleier dient, hinter dem und durch den weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann.“ ("Gefährdetes Leben", S. 168)
Der auch im weiteren Text positive Bezug darauf sei eine Aufkündigung sämtlicher feministischer Forderungen nach Selbstbestimmung und sexueller Unversehrtheit ungeachtet der getragenen Kleidung, unter dem Zeichen eines zweifelhaften Kulturalismus.
Werke (deutsche Übersetzungen)
- Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2003 (1.Aufl. 1991), ISBN 3-518-12433-1
- Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2001 (1. Aufl. 1993), ISBN 3-518-11737-8
- Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-8270-0166-8
- Antigones Verlangen. Verwandtschaft zwischen Leben und Tod, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2001, ISBN 3-518-12187-1
- Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, Suhrkamp, Frankfurt/M 2002, ISBN 3-518-11744-0
- Kritik der ethischen Gewalt. Adorno-Vorlesungen 2002, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2003, ISBN 3-518-58361-1
- Gefährdetes Leben. Politische Essays, Suhrkamp, Frankfurt/M. 2005, ISBN 3-518-12393-9
Literatur
- Hannelore Bublitz: Judith Butler zur Einführung, Junius-Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3-8850-6359-X
- Stephan Moebius: Die soziale Konstituierung des Anderen. Grundrisse einer poststrukturalistischen Sozialwissenschaft nach Lévinas und Derrida, Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2003, ISBN 3-593-37268-1
- Jutta Sommerbauer: Differenzen zwischen Frauen. Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus, Unrast-Verlag, Münster 2004, ISBN 3-89771-300-4
- Paula-Irene Villa: Judith Butler, Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2003, ISBN 3-593-37187-1
- Heike Kämpf: Judith Butler. In: Stephan Moebius & Dirk Quadflieg (Hg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS- Verlag für Sozialwissenschaften, 750 S., 2006, ISBN 3-531-14519-3
- Ann-Christin Stockmeyer: Identität und Körper in der (post)modernen Gesellschaft. Zum Stellenwert der Körper/Leib-Thematik in Identitätstheorien. Marburg: Tectum, 2004 (Schwerpunkt: Kultur- und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Gedanken Judith Butlers) ISBN 3-8288-8615-9
Siehe auch
Weblinks
Texte
- Literatur von und über Judith Butler im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- theory.org.uk Judith Butler Resources (englisch)
- Die Grenze Textauszüge von Judith Butler, Transkription eines Vortrags, Einführung und Essays zu Poststrukturalismus
Linksammlungen, Bibliografie
- Butler @ UC Berkeley Judith Butler at University of California, Berkeley (englisch)
- Butler @ European Graduate School Informationsseite mit Biografie, Vorlesungsverzeichnis, Bibliographie, Artikeln und Zitatesammlung (englisch)
- Butler: A Bibliography Sehr umfangreiches, laufend aktualisiertes Werkverzeichnis mit Suchfunktion (englisch)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Butler, Judith |
| KURZBESCHREIBUNG | Philosophin; Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft in Berkeley |
| GEBURTSDATUM | 24. Februar 1956 |
| GEBURTSORT | Cleveland |
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