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Jenische Sprache

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Jenisch
Gesprochen in Deutschland, Schweiz, Österreich, Beneluxstaaten, Frankreich
Sprecher > 0,5 Millionen
Linguistische
Klassifikation
Jenische Sprache
Sprachcodes
ISO 639-2: (B) yec (T) yec
ISO 639-3 (SIL): YEC

Das Jenische ist eine im deutschsprachigen Raum und Frankreich entstandene Muttersprache jenischer Menschen. Einige Linguisten bezeichnen sie als eine "Geheim- oder Sondersprache", was jenische Leute als Beleidigung ihres Volkes und ihrer Sprache empfinden.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft der Sprache

Das Jenische enthält Elemente des Deutschen, Hebräischen, Keltischen und wenige Lehnwörter aus dem Romani.

Das Begriffsfeld "Rotwelsch" ist nicht deckungsgleich mit Jenisch. Als Rotwelsch wird eine Anzahl Soziolekte bezeichnet, die untereinander nah, mit der jenischen und der westjiddischen Sprache aber nur entfernt verwandt sind. Die hebräische Prägung des Jenischen bewegt sich lautlich und lexikalisch im gleichen zeitlichen und geographischen Raum wie die Entwicklungsgeschichte des Westjiddischen. Sie geht offensichtlich auf die seit dem 18. Jahrhundert einsetzenden innigen Kontakte der Jenischen mit jüdischen Wanderhändlern zurück. Die Hebraismen sind im Jenischen viel zahlreicher als im Rotwelsch und zudem direkt aus dem Hebräischen entlehnt (z.B. laufen - holeche, Weg – derech, Küche - Sicheri). Hebraismen fanden ihren Weg ins Rotwelsch zumeist über die jiddischen Dialekte (z.B: Hebräisch chochem = gescheit wird über jiddisch gekochert und zigeunerisch Kochano = Lügner zu Rotwelsch Ausgekochter, im Jenischen bleibt es aber bei chochem = gescheit).

Im Jenischen vollzieht sich also der Bedeutungswandel wie auch in den jiddischen Sprachen ohne das Begriffsfeld zu verlassen (z.B jenisch Galach - Mönch aus hebräisch Galach = Geschorener). Friedrich Kluge verbindet in seinem Rotwelschen Quellenbuch etymologisch das jenische kefahr = Dorf mit dem zigeunerisch gav, dem rotwelschen Gefahr und dem umgangssprachlichen Kaff. Angesichts der zahlreichen Hebraismen im Jenischen und der offenbaren Lautverwandtschaft drängt sich aber die direkte Herleitung des jenischen Kefahr vom Hebräischen Kefar = Dorf auf. Ein weiteres Beispiel ist das jenische Wort medineholcher = Hausierer, das aus dem hebräischen Medina = Land und holech = Läufer den "Überlandläufer" bildet.

Das Jenische weist auch eine kleine Anzahl modifizierter romanischer Lexeme auf (z. B. Straße: Stradi - Strada). Gewisse Wörter aus dem Grundwortschatz lassen darauf schließen, dass es seinen Ursprung im Keltischen haben könnte (z.B. Hand - feme, Kopf - kibes, Milch - glis). Eigene jenische Wortschöpfungen haben oft einen hebräischen Hintergrund (Arbeit: Schinagel aus hebr. Schin-gole gebildet). Auch germanisch-romanische Hintergründe sind feststellbar (z. B. endlich: schlußement aus germ. schluss / rom.sufix -ment gebildet). Entgegen weit verbreiteter Meinungen ist das Jenische nicht nur kein Dialekt des Romani sondern enthält auch nur sehr wenige aus dem Romani adaptierte Wörter (z.B. flüchten: nasche - naschel).

Die Syntax des Jenischen folgt heute hauptsächlich der deutschen. Das Jenische weist zudem Rudimente älterer Sprachsysteme sowie eigentümliche Wortstellungen auf. Bei in frankophonen Ländern lebenden Jenischen überwiegt eine Aussprache des Jenischen, die sich an das Französische anlehnt. Regionale Dialekte des Jenischen in Österreich, der Schweiz, Deutschland, den Benelux-Staaten und Frankreich lassen auf unterschiedlich enge Kontakte zwischen Jenischen und jüdischen Leuten oder Angehörigen der Sinti und Roma schließen.

Verwandte Sprachen und Idiome

Nicht zu verwechseln ist das Jenische mit dem Soziolekt der Schausteller und Zirkusleute, welcher sich vor allem aus Wörtern des Deutschen, Jenischen und Romani zusammensetzt. Die spanischen Quinqui, die mit den Jenischen ethnisch-soziologisch verwandt sind, haben Elemente in ihrer Sprache, dem sogenannten Germania Argot, die auf das Jenische zurückgehen.

Die Sprecher des Jenischen

Die Sprecher, die Jenischen, sind eine eigenständige Gruppe und anders als oft vermutet, keine Sinti oder Roma. Die Jenischen sind traditionell Hausierer, Kesselflicker, Scherenschleifer, Bürstenmacher, Schrotthändler, Schausteller und Artisten. Da man einen keltischen Ursprung ihrer Sprache vermutet, werden die Jenischen manchmal als Nachfahren eines sehr alten, nomadisch lebenden Volkes angesehen.

Da die Jenischen oft in ihrer Umgebung gut verwurzelt waren und Kontakte zu anderen Händlern pflegten, wurden Varianten des Jenischen im südwestlichen Deutschland bis vor einigen Jahren als Handelssprache von Viehhändlern und Metzgern benutzt. Einige ältere Händler und Metzger beherrschen diese Sprache heute noch.

Lokal (z.B. in Leinzell) wird Jenisch noch von jungen Menschen gelernt; sie nehmen einzelne Wörter der jenischen Sprache in die Jugendsprache auf.

Jenische Schriftsteller

Obwohl das Jenische eigentlich bis heute keine Verschriftlichung kennt, wurde es schon seit langem in persönlichen Briefen, Nachrichten, usw. individuell verschriftlicht. Jenische Schriftsteller bedienen sich üblicherweise in ihren Arbeiten nicht des Jenischen, sondern der Sprache ihres Herkunftslandes. In Deutschland veröffentlichte Engelbert Wittich (1878-1937) verschiedene Bücher über die Sinti und die Jenischen, worin er auch jenisch geschriebene Gedichte und Lieder publizierte. Der schweizerische Jenische Albert Minder (1879-1965) publizierte 1948 die "Korber-Chronik", eine Art Sittengemälde der Jenischen in der Schweiz des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die schweizerische Jenische Mariella Mehr (*1947) wurde durch ihre Schriften über ihre Vergangenheit als Opfer des Hilfswerks Kinder der Landstrasse international bekannt. Der österreichische Jenische Romed Mungenast (1953-2006) publizierte ebenfalls in Deutsch und Jenisch. Die österreichische Jenische Simone Schönett (*1972) verarbeitete in ihrem Roman "Im Moos" ihre Kindheit in Österreich. Der schweizerische Jenische Peter Paul Moser (1926-2003) veröffentlichte im Eigenverlag eine dreibändige Autobiographie mit vielen Reprints von Dokumenten aus seiner Akte als Opfer des Hilfswerks Kinder der Landstrasse. Der schweizerische Jenische Venanz Nobel (*1956) publiziert in deutscher Sprache Zeitungsartikel und Buchbeiträge über die Geschichte der Jenischen und jenisches Leben heute.

Literatur der Jenischen

Satzbeispiel

Beispiel des Satzbaues mit interlinearer Übersetzung (schweizerisches Jenisch):

Jenisch Deutsch interlinear Deutsch
Am verholchten Schai isch mir de Laschischmadori muli tschant, Am gestrigen Tag ist mir die Kaffeemaschine kaputt gegangen, Gestern ist mir die Kaffeemaschine kaputt gegangen,
selber linstne ne zgwand zmenge, selber schaute ihn ganz zu machen, ich versuchte sie selber zu reparieren,
isch me abe gehochlt lori, ist mir aber gelungen nicht, aber es gelang mir nicht,
drum delt ne mim olmische zem ne menge gwand. Darum gab ihn zu meinem Vater zum ihn machen ganz. darum brachte ich sie zu meinem Vater, um sie reparieren zu lassen.

Wortbeispiele der jenischen Sprache

jenisch deutsch jenisch deutsch
A - K K - Z
Tschuri Messer kari Scheinheilig / Schauspielern
bachum Mark klufte Kleidung
bibrisch kalt knöpfhing Kirschen
blätling Salat längling Wurst
boscher Pfennig lowie Geld
Bahlen Haare lorischmunilaschi koffeinfreier Kaffee
bummerling Äpfel lursche, huscher, huim Schuhe
eckel Kälbchen maro Brot
fehmen Hände, Finger Muj Mund
Schucker Schön nasch tschiwes geh fort
hegel(chen) Dummerchen/Dummkopf/Depp schächer-blamm Bier
fisel Kerl schaller Sänger
gadsch Nicht-Jenischer scheunchen Augen
Kuffe schlagen Frau moss
kaserum Schwein schmungich Pummelich
Tschi Nein Pucke Reden/Sagen
tschuckel Hund stami zu Hause
chali fremdes Mädchen latscho diewes hallo wie gehts? Herzlich Willkommen! Geh nach Haus!
mecka mautut ich liebe Dich was gersten was machst Du?
ralo Knecht
digg schauen
tschai Mädchen/junge Frau

Literatur

Die nachfolgend genannte Literatur wurde für den Artikel noch nicht ausgewertet:

  • Roland Girtler: Rotwelsch, die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden. Böhlau Verlag, Wien, 1998, ISBN 3205989023
  • Edith Nierhaus-Knaus: Geheimsprache in Franken: das Schillingsfürster Jenisch. Verlag J. P. Peter, Rothenburg ob der Tauber, 1973
  • Hansjört Roth: Jenisches Wörterbuch: aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz. Huber, Frauenfeld, 2001, ISBN 3719312550
  • Robert Schläpfer: Jenisch: zur Sondersprache des Fahrenden Volkes in der deutschen Schweiz. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 67 (1981), S. 13-38
  • Heidi Schleich: Das Jenische in Tirol: Sprache und Geschichte der Karrner, Laninger, Dörcher. EYE Literaturverlag, Landeck, 2001 ISBN 3-901735-09-7 (= Pro Vita Alpina, 63-64)
  • Heidi Schleich: "Die jenische Sprache in Tirol", Diplomarbeit, Universität Innsbruck, 1998
  • Klaus Siewert (Hrsg.): Rotwelsch Dialekte. Symposion Münster, 10. bis 12. März 1995. Harrassowitz, Wiesbaden, 1996 (= Sondersprachenforschun g, 1), ISBN 3447037881
  • Siegmund Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen: Deutsche Gaunersprache. Bibliographisches Institut, Mannheim, 1956, 2. durchges. Aufl. Buske, Hamburg, 1985, ISBN 3871187364
  • Stirnweiss, Werner Rudolf, Sprache, Sitte und Brauch einer schwäbischen Ackerbürgerstadt (= Höchstädt a.d. Donau) des mittleren Donaugebietes um die Jahrhundertwende, phil. Diss. München 1975
  • Efing, Christian, Das Lützenhardter Jenisch. Studien zu einer deutschen Sondersprache; mit einem Wörterbuch und Sprachproben auf CD-ROM, phil. Diss. Darmstadt 2004, Wiesbaden 2005
  • Efing, Christian, Jenisch unter Schaustellern. Mit einem Glossar aus schriftlichen Quellen, Wiesbaden 2004
  • Kluge, Friedrich, Rotwelsch. Quellen u. Wortschatz d. Gaunersprache u. d. verwandten Geheimsprachen, Straßburg o.J.
  • D'Arcangelis, Andrew, Die Jenischen - verfolgt im NS-Staat 1934 - 1944. Eine sozio-linguistische und historische Studie (Studien zur Zeitgeschichte 55), Hamburg 2006
  • Roth, Hansjörg, Jenisches Wörterbuch. Aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz, Frauenfeld 2001

Weblinks

siehe auch

Manische Sprache, Masematte , Rotwelsch, Sintitikes, Mattenenglisch

Wikipedia
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