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Irrationalismus
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Irrationalismus (lat. irrationalis: unvernünftig) bezeichnet eine bestimmte Gemeinsamkeit unterschiedlicher Weltanschauungen: die teilweise oder völlige Ablehnung der Überzeugung, dass der menschliche Verstand verlässliche Kenntnis der Welt erwerben kann. Dem steht der sogenannte Rationalismus entgegen. Je nachdem, worin die irrationalistische These gründet, lassen sich erkenntnistheoretische und metaphysischen Positionen unterscheiden: für erstere sind Vernunft und Verstand, für letztere die irrationale Struktur der Wirklichkeit selbst verantwortlich.
Irrationalismus bezeichnet keine selbständige philosophische Strömung, sondern Moment und Bestandteil verschiedener philosophischer Strömungen und Systeme. Von Irrationalismus im eigentlichen Sinne spricht man bei Weltanschauungen, denen die genannten Momente in starkem Maße eigentümlich sind und die darüber hinaus das rationale Denken zugunsten alternativer höherer Erkenntnisfunktionen hintanstellen. Dafür wird oft eine bestimmte Form der Intuition beansprucht. In dieser Hinsicht hat Irrationalismus eine spezifischere Verwendung für einige Positionen gefunden (s. unten zur Geschichte). Diese Deutekategorie ist teils umstritten. Ansonsten wird das Wort auch ebenso unspezifisch und mit sehr verschiedenen Bedeutungen wie Rationalismus gebraucht.
Die Ablehnung der Rationalität als Quelle eines sinnvollen Erkenntnisgewinnes hat weitreichende Auswirkungen auf die Einschätzung wissenschaftlicher Methodik. Daher richten sich diese Positionen oft gegen wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungs- und Fortschrittsgedanken. Auch Traditionen der Philosophie werden diesen Voraussetzungen entsprechend spezifisch beurteilt.
Einen Sachverhalt als irrational zu kennzeichnen kann meinen, dass er möglicherweise oder faktisch besteht, aber dem Verstand nicht zugänglich ist (also nicht rational) - oder aber, dass er, weil er rationalen Kritierien (Nichtwidersprüchlichkeit etc) widerspricht, per se nicht bestehen kann (also nicht-rational).
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Erkenntnistheoretischer Irrationalismus
Vertreter dieser Richtung erklären die Ratio für unfähig, die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten der objektiven Realität zu erkennen. Als Alternativen für deskriptive und normative Welterklärungen werden „höhere“ Erkenntnisfunktionen wie etwa Wesensschau, Glaube, Intuition oder „direktes Erleben“ vorgeschlagen. Der rationalen Erkenntnis wird – anders als im Rationalismus – keine wahre Erkenntnis zugesprochen, die sich vielmehr auch auf Gefühle, den Geist oder die Seele berufen müsse. Diese Auffassungen spielen oft im Zusammenhang mit religiösen, esoterischen oder gesellschaftskritischen Anschauungen eine Rolle.
Metaphysischer Irrationalismus
Dem Irrationalisten in einer metaphysischen Auslegung gelten bestimmte Bereiche (etwa das Leben, die psychischen Prozesse, die Geschichte) als irrational, als nicht von Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten beherrscht. Irrationalität wird hier zum Wesen der Wirklichkeit selbst erklärt, unabhängig von der Erkenntnisfähigkeit des Menschen. In einer christlichen Theologie und praktisch allen Religionen wird diese Sicht abgelehnt und stattdessen eine natürliche bzw. göttliche Ordnung angenommen. Ein metaphysischer Irrationalismus kann somit auch als Gegenpol zu einem Naturalismus angesehen werden, wobei er aber keine übernatürlichen Entitäten impliziert. Obwohl einige mögliche Interpretationen der modernen Quantenphysik einen Irrationalismus als grundlegende Wirklichkeit nahelegen, so ist wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn selbst ohne eine Orientierung am Rationalismus nicht möglich.
Taktischer und strategischer Irrationalismus
Die Abwertung irrationalen Verhaltens geschieht oft vorschnell und führt zu Fehlern im Umgang mit Menschen. Proteanisches Verhalten[1] wirkt oft wie irrationales Verhalten. Beide Verhaltensweisen haben taktisch eingesetzt in bestimmten Konflikt-, Spiel- und Fluchtsituationen Nutzen. Die Spielzüge des irrationalen Gegners sind nicht (oder nur sehr beschränkt) vorhersagbar[2]. Ein irrationaler Verhandler kann nicht rational unter Druck gesetzt werden.
Eine indirekte Taktik ist die rationale Nutzung des Irrationalismus Dritter. Eine konkrete Umsetzung dieser Taktik war und ist zum Beispiel in der Menschheitsgeschichte immer wieder der Einsatz von Selbstmordattentätern insbesondere in der so genannten asymmetrischen Kriegsführung.
Soweit Attentate selbst aus dem Irrationalismus hervorgehen, sind sie jedoch wieder rational nutzbar, zum Beispiel mit dem Ziel, aus Konflikten Profite zu erzielen. Schon hier wird Irrationalismus strategisch. Taktischer Irrationalismus verleiht einem rational bekämpften Terrorismus seine starke Wirkung. Über Taktik hinaus kann Terrorismus sogar als strategischer Irrationalismus verstanden werden.
Weiterhin ist strategischer Irrationalismus eine wichtige Grundlage der Entwicklung und der Ausnutzung sowohl von Nischen im Esoterik-Markt und wie auch von sektiererischer Glaubensgemeinschaften. Aber selbst in gesellschaftlich breit akzeptierten Marktbereichen wird Irrationalismus taktisch und strategisch eingesetzt. Dort ist er einer der bedeutendsten Elemente von Werbung.
Geschichte
Ob der Begriff Irrationalismus sich als historische Kategorie eignet und welchen Positionen er zuzuschreiben ist, wird kontrovers beurteilt.
Häufig werden moderne irrationalistische Positionen zurückgeführt auf Usprünge im deutschen Idealismus. Hier werden insbesondere Friedrich Heinrich Jacobi, Hamann und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling genannt. Ausschlaggebend für die Zuschreibung ist meist, dass hier die (prominent von Kant abgelehnte) intellektuelle Anschauung und ästhetische Intuitionen besonderen Stellenwert erhalten.
Friedrich Engels polemisierte: in Schellings Schrift Philosophie der Offenbarung (1843) liege der "erste Versuch vor, Autoritätsglauben, Gefühlsmystik, gnostische Phantasterei in die freie Wissenschaft des Denkens einzuschmuggeln".
Auch ältere Philosophiegeschichten wie etwa diejenige Windelbands zeichnen Schelling und verwandte Positionen als "irrationalistische Metaphysik" aus.
Hin und wieder wurde der Romantik überhaupt eine irrationalistische Grundhaltung zugeschrieben. Neuere Studien halten dem jedoch etwa die aufklärerischen Impulse, die von dieser Strömung ausgingen, entgegen.
Irrationalistische Momente werden oft folgenden Denkern zugeschrieben:
- Kierkegaard. Seine Einschätzung religiösen Glaubens wird kontrovers beurteilt. Einige schreiben ihm einen Fideismus zu, da er religiöse Wahrheiten vor einem Zugriff durch den Verstand ausnehme.
- Arthur Schopenhauer.
- Friedrich Nietzsche.
Von diesen gehen mannigfaltige Einflüsse auf verschiedene Strömungen, vor allem im Rahmen der deutschen Philosophie aus. Hierunter werden unter anderem gezählt:
- die Lebensphilosophie
- einige Positionen des Neuhegelianismus
- der Existentialismus
Zahlreiche Historiker versuchen, die Ideologie des deutschen Nationalsozialismus auf irrationalistische philosophische Positionen zurückzuführen.
Auch in einigen philosophische Positionen des 20. Jh. und der Gegenwart werden von verschiedener Seite Elemente des Irrationalismus diagnostiziert. Diese Zuschreibungen sind freilich kontrovers. Sie wurden etwa vorgenommen für
- den Neuthomismus.
- den Personalismus.
- bestimmte Positionen der Hermeneutik, darunter Emil Staiger, Wolfgang Kaiser, Benno von Wiese, da diese - so die Kritiker - auf ein begründungsresistentes Moment subjektiver Einfühlung setzen würden. Bisweilen wird auch Dilthey als Irrationalist bezeichnet.
- tendenziöse Kulturgeschichtlicher wie Oswald Spengler
- intuitionistische Positionen in der Moral- und Normenbegründung
- den Pragmatismus. Diese Zuschreibung würden jedoch viele für besonders verfehlt halten.
- die Dekonstruktion und andere postmoderne Strömungen. Andere sehen in solcher Etikettierung dagegen beispielsweise eine unbegründete Polemik, welche die Auseinandersetzung mit der Rationalitätskritik der entsprechenden Positionen scheut.
Quellen
- ↑ P.M. Driver, D.A. Humphries: Protean Behaviour - The Biology of Unpredictability, 1988, ISBN 0198571704
- ↑ Menschliches Konformitätsverhalten - am Computer simuliert, 1974, ISBN 3764307129
Literatur
- Isaiah Berlin: Der Magus in Norden : J. G. Hamann und der Ursprung des modernen Irrationalismus. Hrsg. v. Henry Hardy; aus dem Engl. von Jens Hagestedt. Berlin: Berlin-Verlag 1995. ISBN 3-8270-0140-4
- Ewald Burger: J. G. Hamann. Schöpfung und Erlösung im Irrationalismus. Göttingen 1929.
- Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft: Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler. 4. Aufl. Aufbau, Berlin u.a. 1988, ISBN 3-351-00977-1
- Hans Peter Duerr (Hrsg.): Der Wissenschaftler und das Irrationale: Beiträge aus Ethnologie und Anthropologie, Philosophie und Psychologie in 4 Bänden. Syndikat Autoren- und Verlags-Gesellschaft, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-434-46060-8
- David Pears: Motivated irrationality. St. Augustine's Press, South Bend, Ind. 1998, ISBN 1-89031-841-8
- Rudolf Unger: Hamann und die Empfindsamkeit. Ein Beitrag zur Frage nach der geistesgeschichtlichen Struktur und Entwicklung des neueren deutschen Irrationalismus. In: Euphorion 30 (1929), S. 154-175.
- Larry Vaughan: The Organizing Principle of J. G. Hamanns Thinking: Irrationalism (Isaiah Berlin) or Intuitive Reason (James C. O'Flaherty)? In: Gajek, Acta VII, S. 93-106.
- Heinrich Weber: Zwei Propheten des Irrationalismus. J. G. Hamann und S. Kierkegaard als Bahnbrecher der Theologie des Christusglaubens. In: Neue Kirchliche Zeitschrift 28 (1917), S. 23-58; S. 77-125.
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