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Intellektueller

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Ein Intellektueller ist eine Person, die sich eingehend und reflektiert mit gesellschaftlichen oder anderen grundlegenden theoretischen Themen und Fragestellungen beschäftigt und die häufig aber nicht notgedrungen in der Literatur, Kunst oder im wissenschaftlichen Bereich tätig ist. Dort hat sie i.d.R. Kompetenzen erworben oder ist qualitativ ausgewiesen. In den öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskursen interveniert sie oder bezieht kritisch oder affirmativ Position, hinterfragt, analysiert, kritisiert soziale und politische Vorgänge und beeinflusst dadurch deren Entwicklung; dabei ist der Intellektuelle nicht an einen politischen oder moralischen Standort gebunden. Dies führt häufig zu Konflikten mit den politischen Machthabern.

Die intellektuelle Eigenschaft einer Person bezeichnet die verstandesorientierte Weltauffassung, die grobe Begriffsbildungen hinterfragt und natürliche Vorgänge nach ihrem genauen Maß analysieren möchte. Die Eigenschaften gebildet und intellektuell sind verschieden, intellektuelles Gerede ohne Bildungshintergrund ist im Sprachgebrauch stark negativ belegt. Der Gegenpol zu intellektuellen Problem- und Fragestellungen sind pragmatische, lebenspraktische Problemstellungen.

Darüberhinaus sind die Begriffe intellektuell und intelligent scharf voneinander abzugrenzen.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsgeschichte

Der Begriff Intellektueller wurde von Georges Clemenceau geprägt, der 1892 in einem Artikel die prominenten Unterstützer (darunter Émile Zola) von Alfred Dreyfus damit als Gruppe kennzeichnet. In der Folge wurde der Begriff dann abwertend für Personen gebraucht, die der eigenen Nation illoyal gegenüber stehen. Gramsci prägt den Begriff organischer Intellektueller für Menschen, die die Ideen einer bestimmten Klasse vertreten und reartikulieren.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Ausdruck ebenfalls als abwertender Kampfbegriff für Vertreter des ideologisch abgelehnten „Intellektualismus“ gebraucht, um jüdische oder politisch unerwünschte Personen zu denunzieren.

Die Begriffe Akademiker und Intellektueller werden oft verwechselt oder irrtümlich synonym verwendet. Dies ergibt sich dadurch, dass intellektuell Gebildete als Begriff positiv belegt und in der öffentlichen Wahrnehmung hervorgehoben sind. Akademische Bildung kann jedoch auch durch harte Lernarbeit erlangt werden, während intellektuelles Kritisieren auch ohne Fachwissen erfolgen kann. Intellektuellen wird jedoch ein allgemeiner Bildungsdrang unterstellt, allerdings meist ohne dessen Manifestierung in einem akademischen Grad. Oft wird der Begriff Intellektueller auch zu Würdigung einer Person verwendet, dessen geistige Leistungen sich nicht leicht oder wertungsfrei ausdrücken lassen. Beispiel für letzteres wären sicherlich Autodidakten die auf keinen Titel oder akademischen Grad verweisen können, sowie Literaten ohne ein Schlüsselwerk.

Einbettung in Gesellschaften

Obwohl im Wort Intellektueller ein kritischer Anspruch mitschwingt, wie er von Sartre und anderen vertreten wurde, ist die Haltung der Intellektuellen zu Gesellschaften und Ideologien meist ambivalent - sie akzeptieren viele Varianten als diskussionswürdig bis sinnvoll.

In Bezug zu den Regierungen ihres jeweiligen Landes reicht ihre Haltung von offener Unterstützung der gerade anstehenden „Reformen“ bis zu offener Ablehnung. Die Intellektuellen sind dabei zugleich Produzenten und Kritiker der Ideologie.

Sofern ihre eigenen Ideen mit denen der herrschenden Klasse übereinstimmen, so können sie für diese sehr effektive Assistenten sein, wo es fehlende Übereinstimmung gibt, können sie vom Staatswesen verfolgt werden und zu Dissidenten werden. Die erfolgreichen Dissidenten werden zum Teil wieder in ein Staatssystem eingebunden, wo sie für dieses nützlich sind. So sind Intellektuelle für Machthaber sogleich unbequeme wie effektive Mittel in der Fortentwicklung der Gesellschaft.

Intellektuelle entwickeln gesellschaftlich untereinander informelle Beziehungen, die über die üblichen Lebensmittelpunkte von Arbeit und Familie hinausgehen. Intellektuelle Machthelfer im Staatsdienst sind so oft besser informiert als ihre behördlichen oder politischen Mitstreiter, und haben so den Respekt dieser, auch wenn sie wegen ihrer Kontakte zu politischen Gegnern misstrauisch beäugt werden. Demgegenüber sind auch intellektuelle Gegner oft besser informiert über Probleme der Gesellschaft als die durchschnittliche Bevölkerung, selbst wenn das vorliegende Staatssystem die Pressefreiheit stark beschränkt hat. Diese innere Kenntnis staatlicher Details macht sie auch häufig zum Ziel der Aufklärungsdienste aller Staaten.

Nach der Beobachtung von Bernhard von Mutius (Die andere Intelligenz) bildet sich gegenwärtig ein neuer Typ des Intellektuellen heraus, der als Wissensarbeiter - ob fest angestellt oder freiberuflich - in diversen Organisationszusammenhängen mit komplexen Entwicklungsprojekten betraut ist. Projekte, die wissenschaftliche und technische Innovationsvorhaben ebenso wie soziale und kulturelle Veränderungs- und Lernprozesse umfassen. Er nennt ihn den „konstruktiven Intellektuellen“. Hierbei wird erwartet, die Wirklichkeit als einen – gemeinsam mit anderen zu konstruierenden und veränderbaren – Möglichkeitsraum zu begreifen, und aus der Analyse daraus handhabbare Vorschläge zu generieren. Neben der organisatorischen Anbindung als Beratergruppe innerhalb größerer Institutionen gibt es auch die Ausgründung als formal selbständige Denkfabriken.

Zitate

  • Ein Intellektueller zu sein ist eine Berufung für jedermann: es bedeutet, den eigenen Verstand zu gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die für die Menschheit wichtig sind. Einige Leute sind privilegiert, mächtig und gewöhnlich konformistisch genug, um ihren Weg in die Öffentlichkeit zu nehmen. Das macht sie keineswegs intellektueller als einen Taxifahrer, der zufällig über die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klüger und weniger oberflächlich als sie. Denn das ist eine Frage der Macht. (Noam Chomsky, 3. Mai 2002)
  • Die Politik braucht in jedem Land den Intellektuellen, denn bei ihm ist es am wahrscheinlichsten, dass der Mensch im Zentrum seiner Überlegungen steht. Jede Konzentration auf etwas anderes ist unmoralisch. (Michail Sergejewitsch Gorbatschow zu einer Delegation der UNESCO, Oktober 1986)
  • Die Intellektuellen dienen der herrschenden Klasse als ‚Angestellte‘. Sie sind für die Vielzahl subalterner Aufgaben der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Regierung zuständig, d. h. 1. für die ‚spontane‘ Zustimmung der großen Masse der Bevölkerung zum gesellschaftlichen Leben der herrschenden Hauptgruppe, eine Zustimmung, die sich ‚historisch‘ aus dem Prestige (und damit dem Vertrauen) ableitet, das der herrschenden Gruppe aufgrund ihrer Position und Funktion im Produktionsbereich zufällt; und 2. für den staatlichen Zwangsapparat, der ‚gesetzlich‘ die Disziplinierung der Gruppen sicherstellt, die aktiv oder passiv ‚die Zustimmung verweigern‘ - dieser Apparat ist aber für die gesamte Gesellschaft geschaffen, in Voraussicht von Herrschafts- und Führungskrisen, in denen die ‚spontane‘ Zustimmung nachläßt. (Antonio Gramsci, 1930)
  • Intellektuelle sind in der Tat Leute, die die Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes handhaben, und eine Eigentümlichkeit, die sie von anderen Leuten, die das gleiche tun, unterscheidet, ist das Fehlen einer direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge. (Joseph A. Schumpeter)
  • ... die Intellektuellen mit ihrem Wunschbild: unbegrenzte Freiheit für sich, Gleichheit für die Anderen. (Arnold Gehlen)

Siehe auch

Literatur

  • Alfred von Martin: Die Intellektuellen als gesellschaftlicher Faktor. In: ders.: Mensch und Gesellschaft heute. Frankfurt am Main 1965
  • Noam Chomsky: The Responsibility of Intellectuals. In: The New York Review of Books. Februar 1967
  • Franco Basaglia et al.: Befriedungsverbrechen. Über die Dienstbarkeit der Intellektuellen. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1980 ISBN 3434004270
  • Dietz Bering: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes. Berlin, Wien 1982
  • Alan Maynard Wald: The New York intellectuals : the rise and decline of the anti-Stalinist left from the 1930s to the 1980s. 2. Auflage, University of North Carolina Press, Chapel Hill und London 1987
  • Dahrendorf, Ralf: Engagierte Beobachter. Intellektuelle in ihrer Zeit. Wien 2005. (Passagen)
  • Derrida, Jacques: Die Intellektuellen. Definitionsversuch durch sie selbst. - In: J. Derrida: Maschinen Papier. Wien 2006, S. 211ff.
  • Kaucic, Gerhard/Greta Henning: Schriftsteller Künstler Intellektuelle in postrevolutionärer Zeit. - In: Die Grüne F Abyss. Internationale polylinguale Zeitschrift für Grüne Kultur/Politik. Nr.14a/1993, S. 13ff.
  • Wolfgang Eßbach: Die Junghegelianer. Soziologie einer Intellektuellengruppe. München 1988
  • Christophe Charle: Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahrhundert. Fischer, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3596601517
  • Wolfgang J. Mommsen (Hrsg.): Kultur und Krieg: Die Rolle der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller im Ersten Weltkrieg. Oldenbourg, München 1996, ISBN 3486560859
  • Martin Strickmann: "L´Allemagne nouvelle contre l´Allemagne éternelle: Die französischen Intellektuellen und die deutsch-französische Verständigung 1944–1950. Diskurse, Initiativen, Biografien", Frankfurt a. M., New York u.a. 2004, ISBN 3-631-52195-2
  • Wilhelm Hofmeister (Hg.), Die Entzauberung des kritischen Geistes : Intellektuelle und Politik in Lateinamerika, - Bielefeld : Transcript, 2004.
  • Richard Faber, Christine Holste (Hg.): Kreise – Gruppen – Bünde. Zur Soziologie moderner Intellektuellenassoziation. Würzburg 2000
  • Jacques Le Goff: Die Intellektuellen im Mittelalter. 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2001
  • Dai Jinhua: The imagination of Intellectuals and the Role of the Mass Media. In: Asian Exchange. Vol. 18, No. 2 und Vol. 19, No. 1, 2002/2003, S. 152–161
  • Sartre, Jean Paul/Philippe Gavi/Pierre Victor: Der Intellektuelle als Revolutionär. Reinbek bei Hamburg 1976.
  • Michel Winock: Das Jahrhundert der Intellektuellen. Uvk, Konstanz 2003, ISBN 3896699482
  • Bernhard von Mutius (Hrsg.): Die andere Intelligenz. Wie wir morgen denken werden. Klett-Cotta, Stuttgart 2004. ISBN 3-608-94085-5
  • Stephan Moebius: Die Zauberlehrlinge. Soziologiegeschichte des Collège de Sociologie. Uvk, Konstanz 2006, ISBN 3896695320
  • Franz-Josef Deiters: Auf dem Schauplatz des "Volkes". Strategien der Selbstzuschreibung intellektueller Identität von Herder bis Büchner und darüber hinaus. Freiburg i. Br., Berlin u. Wien: Rombach Verlag, 2006 (= Litterae 138). ISBN 3-7930-9444-8; 978-3-7930-9444-9
  • Martha Zapata Galindo: Der Preis der Macht. Intellektuelle und Demokratisierungsprozesse in Mexiko 1968-2000, Berlin: edition tranvia, 2006, ISBN 3-925867-96-1

Weblinks

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