Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Identifizierung mit dem Aggressor
Aus Kefk.
| Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite angegeben. Hilf bitte mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung. |
Inhaltsverzeichnis |
Definition
Sigmund Freud hat diesen Abwehrmechanismus dargestellt. Dieser wurde zum einen durch seine Tochter Anna Freud, sowohl auch durch verschiedene andere große Psychoanalytiker weiterentwickelt.
Identifikation mit dem Aggressor? Was ist das eigentlich?
Wenn der Sohn den Vater als übermächtige Konkurrenz zu seiner Mutter erlebt, unterwirft er sich ihm und Identifiziert sich mit seiner Macht.
So wird das Eigene, wie auch die vom Vater übernommene Verurteilung seines Schmerzes, zum Fremden, um es dann außerhalb der Grenzen des eigenen Selbst zu bestrafen.
Wenn Angst des Kindes in Geborgenheit umkippt. Wie ist das möglich? Es kann zu einer Identifizierung mit dem Aggressor kommen, wenn ein Mensch Ohnmachtserfahrungen, welche sein Sein beeinträchtigen, erlebt. Der Mensch fühlt sich als Opfer (z.B. wird ein Sohn von seinem Vater geschlagen). Hier kommt es zu einem psychischen Prozess, der es möglich macht, sich mit dem Angreifer zu identifizieren und sein eigenes Opfersein zu verneinen. Menschen verneinen ihr Opfer, wenn dieses Opfersein eine Autoritätsperson in Frage stellen würde. Sie dürfen dieses Opfer in sich nicht zeigen. Deswegen unterwerfen sie sich der Macht und identifizieren sich mit ihren Peinigern (vgl. Kindersoldaten in Ruanda).
Beispiele
Dieses Beispiel soll näher erläutern, wie sich die Identifikation mit dem Aggressor in Gang setzt:
Die Gründe dafür liegen in der frühen Kindheit: Wenn ein Kind von einem Erwachsenen, der es eigentlich schützen sollte, physisch und/oder psychisch überwältigt wird und wenn es bei niemand anderem Zuflucht findet, dann wird es von einer immensen Angst heimgesucht. Um dieser enormen und lähmenden Angst zu entkommen, kann es entweder sterben wollen, eine Psychose entwickeln oder ein außerordentliche Überlebensstrategie verfolgen.
Welche "Überlebensstrategie" ist das? Nach psychoanalytischer Sichtweise beginnt ein Kind, um die Angst und den mit ihr verbundenen Schmerz fernzuhalten, seinen Unterdrücker, den Aggressor, zu idealisieren, ihn zum Objekt seiner Identifikation zu machen.
Diese Identifikation führt dazu, dass das Opfer sich mit dem Täter verbündet. Der Täter strahlt in den Augen des Opfers Geborgenheit aus. Seine Gefühle von Schmerz empfindet das Opfer dann als Schwäche und lehnt sie ab, erkennt sie jedoch in anderen Opfern wieder, die allerdings als Feinde wahrgenommen werden. Wir benötigen also Feinde, weil Feindbilder unsere Persönlichkeitsstruktur, die auf einer Idealisierung des Aggressors und einer Identifikation mit dem Aggressor beruht, aufrechtzuerhalten. Eine so entstandene Identität braucht Feinde, um existieren zu können, sie kann ohne sie gar nicht existieren.
Noch ein weiteres Beispiel, um die politische Konsequenz darzulegen:
Klaus Barbie, der Gestapo-Schlächter von Lyon, der den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin zu Tode folterte, sagte in einem Interview mit Neal Ascherson (1983): "Als ich Jean Moulin vernahm, hatte ich das Gefühl, dass er ich selber war." Das heißt: Was der Schlächter seinem Opfer antat, tat er in gewisser Weise sich selbst an. Auf was ich hinaus will: Fremdenhass hat auch immer etwas mit Selbsthass zu tun. Wenn wir verstehen wollen, warum Menschen andere Menschen quälen und demütigen, müssen wir uns zuerst mit dem beschäftigen, was wir in uns selbst verabscheuen. Denn der Feind, den wir in andern zu sehen glauben, muss ursprünglich in unserem eigenen Innern zu finden sein. Diesen Teil von uns wollen wir zum Schweigen bringen, indem wir den Fremden, der uns daran erinnert, weil er uns ähnelt, vernichten. Nur so können wir fernhalten, was uns in uns selbst fremd geworden ist. Nur so können wir weiter aufrecht gehen.
früher Kindstod im Diskurs über die Identifizierung mit dem Aggressor
Dies soll eine Theorie darstellen. Auch die Fachleute sind sich nicht einig darüber. Hier wird dargestellt inwiefern ein Zusammenhang, zwischen frühem Kindstod und Identifikation besteht.
Silverberg beschreibt diesen Mechanismus der Identifizierung mit dem Aggressor als eine bereits in frühester Kindheit auftretende Reaktion auf die äußerste Hilflosigkeit. Hierbei kommt es sehr früh zu einer seelischen Spaltung - vielleicht schon in den ersten Tagen, Wochen und Monaten. Um mit dem erlebten Terror weiterleben zu können, muss es aus dem Bewusstsein ausgeschaltet werden. Der Mensch Identifiziert sich mit seinen Unterdrückern. Nicht immer kommt es dazu: es gibt auch einen "Weg" sich vollkommen von der Welt "abzukapseln" (Autismus) oder zu sterben (früher Kindstod).
Identifikation mit dem Aggressor? Was hier zu passieren scheint, ist eine Verneinung der Differenzierung, der Trennung von der Mutter, weil das in diesem Entwicklungsstadium zu bedrohlich wäre. Diese Trennung kann nicht wahrgenommen werden, da sonst das Überleben gefährdet wäre. Damit dies ermöglicht wird, so Silverberg, bedarf es eines Manövers vergleichbar mit einer Halluzination, einer Phantasie oder einem Traum. Es besteht darin, dass die Wirklichkeit zwischen sich selbst und dem anderen verdreht wird. Es ist als ob das frühkindliche Ich doch einmal etwas Besseres erlebt hat und versucht dies wieder herzustellen. Der plötzliche Kindstod sowie der Autismus sind Beispiele dafür, dass manche diesen Weg nicht gehen.
seelische Krankheiten im Kontext der Identifikation mit dem Aggressor (Autismus usw.)
William James (1950) schrieb in seinem psychologischen Klassiker aus dem Jahr 1905, dass die Nicht-Anerkennung eines Menschen einer Nicht-Existenz gleichkomme. Ein solches Erlebnis kann mit einem extremen Trauma verglichen werden, einer unmenschlichen Bestrafung, derzufolge ein Mensch aufhört, sich selbst wahrzunehmen und in eine ohnmächtige Verzweiflung gerät.
Wenn die Anforderungen als zu hoch erlebt werden, wenn die Angst zu schwer wird, dann hat der Mensch eine Überlebensstrategie um nicht zu "sterben". Hier kann auch der frühe Kindstod erwähnt werden. Und zwar spaltet sich der Mensch von allen schmerzhaften Erfahrungen ab und bleibt voll in seiner Welt. Er kapselt sich ab, damit er diesen unglaublichen Schmerz nicht mehr ertragen "muss" .
Das aber in der Existenz jener Menschen die als seelisch krank gelten, ist die uns verschleierte Tatsache, dass sie sich gegen die in unserer Zivilisation vorherrschende Bewusstseinsspaltung wehren. Wir verneinen das aber, weil uns die Ursache unseres Unbehagens verschleiert ist, die in der "Identifikation mit dem Aggressor" liegt. Statt dessen kämpfen wir gegen jene politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die wir dafür verantwortlich machen - und die es zum Teil ja auch sind -, und fühlen uns wie Helden in einem immer verheerenderen Kampf gegen Phantome, die wir selbst heraufbeschworen haben.
politische Konsequenzen
Arno Grün sagte dazu: "Eine Identität, die auf Identifikation mit Autorität basiert, hat nichts mit Eigenständigkeit zu tun. Mit solch einer Entwicklung kommt es dazu, dass aus menschlicher Identität eine Attrappe wird, die zwar die Sprache des Menschseins nachahmt, das Herz des Menschen aber verrät. Solch eine Entwicklung hat politische Konsequenzen, die zur freiwilligen Knechtschaft und das Bestrafen anderer führen."
Literatur
- Arno Grün - Der Verlust des Mitgefühls
- Arno Grün - Der Fremde in uns
- Arno Grün - Der Wahnsinn der Normalität
- Anna Freud, Das Ich und Die Abwehrmechanismen
Weblinks
- [ http://info.uibk.ac.at/c/c6/bidok/texte/beh1-00-identifikation.html Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor]
- [ http://www.lukesch.ch/Text99_01.htm Interview mit Arno Grün über sein Buch der Wahnsinn der Normalität]
