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Konjunktur

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Als Konjunktur bezeichnet man die Gesamtsituation einer Volkswirtschaft. Sie leitet sich aus der gleichzeitigen Betrachtung verschiedener volkswirtschaftlicher Größen ab. Der wichtigste Indikator ist das BIP (Bruttoinlandsprodukt).

Sie ist dabei durch Konjunkturzyklen, mehrjährige Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität in marktwirtschaftlich organisierten Volkswirtschaften, gekennzeichnet. Diese Zyklen betreffen die Wirtschaft als Ganzes und weisen eine Regelmäßigkeit auf. Konjunkturzyklen bestehen im Regelfall aus Aufschwungphasen (Expansion), der Hochkonjunktur (Boom), Abschwungphasen (Rezession) und den Tiefphasen (Depression). Tiefphasen können Normaltiefphasen (positives Wirtschaftswachstum), Stagnationen (kein Wirtschaftswachstum), Rezessionen (gering negatives Wirtschaftswachstum) oder Depressionen (stark negatives Wirtschaftswachstum) darstellen. Während das Wirtschaftswachstum hauptsächlich auf Angebotseffekte zurückzuführen ist, sind konjunkturelle Schwankungen stets nachfragebedingt.

Solche Schwankungen werden schon seit langem beobachtet, waren aber oft Folge singulärer Ereignisse wie z. B. Spekulationskrisen. Eine gewisse Regelmäßigkeit dieser Schwankungen lässt sich zumindest bis ins 19. Jahrhundert hinein belegen. Diese Regelmäßigkeit ist es, die letztlich eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Konjunktur begründet.

Inhaltsverzeichnis

Wirtschaftsschwankungen

Folgende Arten vom Wirtschaftsschwankungen lassen sich aufgrund der Länge der Zyklen unterscheiden:

  • Saisonale Schwankungen sind kurzfristiger Natur (ca. 3 Monate), sie sind vorher einplanbar und werden durch sich ändernde Wetterbedingungen in den Jahreszeiten verursacht.
  • Konjunkturelle Schwankungen sind mittelfristiger Natur (ca. 4 Jahre): Sie sind schwieriger in den Griff zu kriegen und bilden die Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik. Sie kommen durch Ungleichgewichte zwischen gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und gesamtwirtschaftlichem Angebot zustande und werden zudem noch von zeitlichen Anpassungsverzögerungen beeinflusst.
  • Strukturelle Schwankungen (Kondratjew-Zyklen) sind langfristiger Natur (ca. 50 - 60 Jahre). Sie werden durch tiefgreifende Veränderungen in der Wirtschaft ausgelöst (technischer Fortschritt, Industrialisierung, Computertechnologie) und haben große Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

Länge der Zyklen

Unabhängig von einander haben mehrere Konjunkturforscher Schwankungen unterschiedlicher Länge identifiziert. Kitchin beispielsweise fand Zyklen mit einer Länge von 2 bis 4 Jahren, Spiethoff solche mit einer Dauer von 7 bis 11 Jahren. Gefunden wurden außerdem Zyklen mit einer Dauer von etwa 40 bis 60 Jahren, die Schumpeter als „lange Wellen“ oder Kondratjew-Zyklen bezeichnete.

Die Länge, die man einem Konjunkturzyklus zuschreibt, hängt wesentlich davon ab, ob man das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität (in der Regel gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Produktion, also dem Bruttoinlandsprodukt) als Maßstab heranzieht, oder die Wachstumsraten. Grenzt man Anfang und Ende eines Konjunkturzyklus danach ab, ob die Wirtschaftsleistung absolut rückläufig war („Klassische Konjunkturzyklen“), so findet man längere Zyklen. Eine Einteilung anhand von Zuwachsraten führt zu einer größeren Zahl von kürzeren „Wachstumszyklen“. Alternativ kann man Konjunkturen auch daran messen, wie stark die Produktionskapazitäten der Unternehmen ausgelastet sind. Hier sind Schwankungen zwischen etwa 70 Prozent (Rezession) und 100 Prozent (Boom) denkbar. Entsprechend lautet die betriebswirtschaftliche Definition der Konjunktur nach gängiger Lehrmeinung: Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials einer Volkswirtschaft. Hier wird sowohl ein Makrozyklus von mehreren Jahren bis zu Jahrzehnten Dauer beschrieben als auch beinhaltete Microzyklen von wenigen Jahren, nicht jedoch unterjährige Saisonszyklen.

Phasen des Zyklus

Eigenschaften von Konjunkturphasen*
Konjunkturphase Erwartungen Lageeinschätzung
Rezessionnegativnegativ
Aufschwungpositivnegativ
Boompositvpositv
Abschwungnegativpositv
*gemäß der im ifo Geschäftsklimaindex verwendeten Systematik
Wikipedia
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Bild:Konjunkturverlauf.png
Konjunkturverlauf (Theorie)
Bild:Konjunkturuhr.PNG
theoretischer Konjunkturverlauf in der Konjunkturuhr, wie sie z. B. im Rahmen des Ifo Geschäftsklimaindex Verwendung findet.

Von verschiedenen Forschern und Institutionen werden Konjunkturzyklen in mehrere Phasen eingeteilt. Verbreitet ist ein Zwei-Phasen-Schema, bei dem man den Konjunkturzyklus in einen Aufschwung und einen Abschwung einteilt. Dabei nehmen die Aufschwungphasen meist den weitaus größten Teil des Zyklus ein, während Abschwungphasen im Allgemeinen recht kurz sind. Dieses Schema ist insbesondere in den USA sehr verbreitet. Nach einer Einteilung dauerten die Aufschwünge nach dem Zweiten Weltkrieg im Durchschnitt 52 Monate, die Abschwünge hingegen nur 10 Monate.

Expansive Phase (Aufschwung)

Als expansive Phase bezeichnet man die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Sie ist geprägt durch steigende Auftragsbestände und Produktionen, das Sinken der Arbeitslosenquoten, eine tendenziell wahrnehmbare jedoch noch geringe Preissteigerung, niedrige Zinsen mit steigender Tendenz sowie optimistische Prognosen betreffend der wirtschaftlichen Entwicklung.

Hochkonjunktur

In der Phase der Hochkonjunktur (obere Wendepunktphase, Boom) sind aufgrund von starker Nachfrage die Kapazitäten einer Wirtschaft voll ausgelastet. Es herrscht Vollbeschäftigung. Das Lohnniveau steigt, allerdings ziehen auch die Preise und die Zinsen weiter an. Die Produktion wird solange gesteigert, bis eine Überhitzung des Marktes eintritt - wenn also steigende Zinsen aufgrund erhöhter Kreditnachfrage und vermehrte Fehlinvestitionen aufgrund übermäßig optimistischer Erwartungen immer mehr Unternehmen Probleme bereiten. Man spricht auch von Marktsättigung. Merkmale eines gesättigten Marktes:

  • Marktvolumen steigt nur noch in geringem Umfang
  • Teilmärkte werden von Stagnation oder Schrumpfung erfasst
  • Preisverfall
  • weniger produktive und viele kleine Unternehmen scheiden aus dem Markt aus
  • Unternehmensübernahmen verstärken Konzentrations- und Konsolidierungsprozesse
  • polypolistische Marktstrukturen werden durch oligopolistische Strukturen ersetzt

Von nun an nimmt das Bruttoinlandsprodukt zwar noch weiter zu, jedoch mit sinkenden Wachstumsraten, eine Wende wurde somit eingeleitet. Die Phase des Abschwungs wurde eingeleitet.

Rezession

Die Rezession (Abschwung, kontraktive Phase) bezeichnet die Konjunkturphase, in der eine Stagnation bis hin zum Abschwung der Wirtschaft auftritt. Die am meisten verbreitete Definition besagt, dass eine Rezession vorliegt, wenn die Wirtschaft drei Quartale nacheinander nicht wächst, bzw. ein Rückgang zu verzeichnen ist (sinkendes Bruttoinlandsprodukt), allerdings verglichen mit dem jeweiligen Quartal des Vorjahres (nicht im Vergleich zum Quartal direkt vor dem betrachteten!). Eine Rezession hat üblicherweise Kursverluste an der Börse zur Folge. Verschärft sich eine Rezession bzw. kommt es zu einer längeren kontraktiven Phase, spricht man von Depression.

Die Rezessionsphase ist gekennzeichnet durch:

  • Abschwächung der Hochkonjunktur
  • pessimistische Beurteilung der Wirtschaftslage
  • Rückgang der Nachfrage
  • überfüllte Lager
  • Abbau von Überstunden und beginnende Kurzarbeit
  • fehlende Investitionen
  • teilweise Stilllegung von Produktionsanlagen
  • stagnierende bzw. sinkende Preise, Löhne und Zinsen

Konjunkturtief

Ein Konjunkturtief ist der Tiefstand nach dem Abschwung einer Volkswirtschaft. Verstärkt wird sie durch Strukturkrisen, in denen über einen längeren Zeitraum die wirtschaftliche Tätigkeit (wie es etwa das Bruttoinlandsprodukt anzeigt) zurückgeht, die Börsenkurse fallen, die Arbeitslosigkeit stark ansteigt und Deflation aufkommt, d. h. das Preisniveau sinkt, Güter werden billiger.

Die ebenfalls häufig verwendete Bezeichnung Depression (von lat. deprimere = niederdrücken) meint im eigentlichen Sinne nicht ein Konjunkturtief, sondern eine negative Wachstumsrate, also ein sinkendes, absolutes Bruttoinlandprodukt. Häufig wird der Begriff Depression mit der Weltwirtschaftskrise am Ende der 1920er Jahre in Zusammenhang gebracht, wo er erstmals genannt wurde. Diese Depression war geprägt von einer Massenarbeitslosigkeit bisher unbekannten Ausmaßes. Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise war der Zusammenbruch der Börsen am so genannten schwarzen Freitag.

Den Befürwortern psychologischer Gründe für Wirtschaftskrisen zufolge liegt der Hauptgrund für eine Depression in einem Vertrauenszusammenbruch der Bevölkerung in das Wirtschaftssystem. Angst vor Jobverlust führt ihnen zufolge zu verminderten Ausgaben, die wiederum zu vermehrten Entlassungen führen. Andere machen wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen verantwortlich (im Fall der Weltwirtschaftskrise z. B. übermäßiger Protektionismus und mangelnde Maßnahmen um Einflüsse von Kursverlusten auf wichtige Märkte zu reduzieren) oder andere Faktoren - exogene Einflüsse, Herdentrieb bei Investitionen, usw.

Konjunkturtheorien

Dem Phänomen Konjunktur kann man sich aus unterschiedlichen Perspektiven nähern:

  • Eine phänomenologische Sichtweise setzt sich mit dem Konjunkturzyklus als solchem auseinander. Sie versucht, aus dessen Dauer, der Länge der verschiedenen Phasen und dem Verhalten verschiedener Teilaggregate (z. B. Beschäftigung, Investitionen, Exporte) Lehren für den künftigen Ablauf der Konjunktur zu ziehen. Diese Sichtweise ist insofern wichtig, als sie Konjunkturzyklen überhaupt erst als eigenständiges Forschungsobjekt etabliert.
  • Eine analytische Sichtweise versucht das Zustandekommen von Konjunkturschwankungen durch Ansätze aus der Wirtschaftstheorie zu erklären. Einen Ansatzpunkt bieten Akzelerator-Multiplikator-Ansätze (Multiplikator-Akzelerator-Modell). Andere Erklärungsversuche stellen Lagerzyklen in den Mittelpunkt der Erklärung. Als Auslöser von Konjunkturschwankungen werden zudem finanz- oder geldpolitische Maßnahmen analysiert; auch werden politische Zyklen diskutiert, sowie psychologische und sonstige Ursachen.
  • Eine exogene (außerwirtschaftliche) Sichtweise: Man betrachtet hier Faktoren die nicht unmittelbar mit der Wirtschaft zu tun haben, so sind Bspw. Kriege, Naturkatastrophen, Entdeckungen, Erfindungen, Neue Rohstoffquellen, etc. auch Faktoren die, die Konjunktur verändern können.

Die verschiedenen Schulen der Volkswirtschaftslehre favorisieren dabei unterschiedliche Erklärungsansätze:

  • Die Klassiker kannten zwar schon das Phänomen konjunktureller Schwankungen, sie erklärte diese aber mit singulären Ereignissen (Schocks) wie Missernten oder dem Platzen von Spekulationsblasen. William Stanley Jevons machte Sonnenflecken für Konjunkturschwankungen verantwortlich. Dadurch seien die Ernten beeinflusst. Dass exogene Schocks Auslöser von Konjunkturen sein können, findet neuerdings in Gestalt von real business cycle-Modellen wieder größere Beachtung.
  • Der Keynesianismus versteht hingegen Konjunkturen als Ausdruck temporärer Ungleichgewichte auf den Güter- und Faktormärkten, die ihren Ausdruck z. B. in Unterkonsumtion oder in Überinvestitionen fänden. Ein Beispiel für eine solche Überinvestition (der Begriff Fehlinvestition wäre angebrachter, da nur ein Teil der Wirtschaft betroffen war) findet man in den USA in den Jahren 1999/2000, als im Vertrauen auf die New Economy erhebliche Investitionen in IT-Ausrüstungen und -Unternehmen getätigt wurden, die sich bald als zu optimistisch herausstellten, was eine der Ursachen für die Rezession 2001 war. Da Keynesianer Marktungleichgewichte bzw. Strukturkrisen als Auslöser derartiger Rezessionen ansehen, sehen sie auch die Möglichkeit, dass die Wirtschaftspolitik die Wirkungen konjunktureller Schwankungen abmildern kann, indem sie z. B. in der Rezession die fehlende private durch staatliche Nachfrage ersetzt (antizyklische Wirtschaftspolitik). Der Ansatzpunkt des Keynesianismus um der Gleichgewichtsstörung entgegenzuwirken ist, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch Konsumsteigerung (nachfrageorientiert) oder Investitionen in die Infrastruktur bzw. Wirtschaft (angebotsorientiert) gestärkt werden müsse.
  • Der Monetarismus schließlich fasst hingegen Konjunkturen als die Folge von staatlichen Eingriffen in den Wirtschaftskreislauf auf. Insofern empfehlen sie der Finanz- wie der Geldpolitik konjunkturpolitische Abstinenz. Statt dessen soll die Politik festen Regeln folgen, Eingriffe in den Markt möglichst vermeiden und das langfristige Wachstum fördern. Der Ansatzpunkt des Monetarismus um der Gleichgewichtsstörung entgegenzuwirken ist, dass man das gesamtwirtschaftliche Angebot durch Verbesserung der Produktions- und Leistungsbedingungen stärkt.

Diese unterschiedlichen Auffassungen spiegeln sich auch in den konjunkturpolitischen Empfehlungen wider.

Konjunkturpolitik

Aufgrund der Weltwirtschaftskrise wurden die Vorschläge der klassischen Ökonomie als wirkunglos wenn nicht gar kontraproduktiv angesehen, dem Staat konjunkturpolitische Abstinenz zu empfehlen und einen stabilen, ausgeglichenen Staatshaushalt anzustreben. Das lag zwar auch an Fehlentscheidungen wie z. B. dem vermehrten Protektionismus, der den Handel zusammenbrechen ließ, sowie den durch Reparationsforderungen verstärkten Problemen in Deutschland, mit Auswirkungen auch auf andere Länder, aber das änderte nichts an einem schwindenden Vertrauen in eine fiskalisch konservative Wirtschaftspolitik. Ein Musterbeispiel für eine solche Politik war in Deutschland die brüningsche Sparpolitik. Stattdessen führten die Erfolge insbesondere einiger militaristischer Länder bei der Überwindung der Krise durch verstärkte staatliche Ausgaben für Rüstung und Infrastruktur dazu, dass die Ideen des Keynesianismus mehr und mehr an Bedeutung gewannen, der Staat müsse durch staatliche Ausgabenprogramme wirtschaftliche Ungleichgewichte kompensieren. In den USA kam es unter Präsident Franklin D. Roosevelt zum New Deal, einem staatlichen Investitionsprogramm, mit dessen Hilfe es gelang, die Wirtschaft wieder zu stabilisieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Industrieländern für viele Jahre kräftig und ohne all zu kritische Einbrüche aufwärtsgerichtet. Die Gründe dafür lagen darin, dass vielfach ein erheblicher Nachholbedarf bestand, die USA mit dem Marshallplan und einem hohen Dollarkurs Europa zu einem Bollwerk gegen den Kommunismus machten, und der kommende Bedarf sich relativ genau abschätzen ließ. Als es in den sechziger Jahren erstmals nach 1945 wieder zu einer größeren konjunkturellen Schwäche kam, hatte sich das keynesianische Gedankengut so weit durchgesetzt, dass viele Wirtschaftspolitiker davon ausgingen, konjunkturelle Schwankungen mit Hilfe einer antizyklischen Fiskalpolitik ausgleichen zu können.

In Deutschland fand dies den Niederschlag in der Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes, das eine stetige Wirtschaftsentwicklung zum Ziel der Politik erhob und Instrumente einführte, dieses Ziel auch prinzipiell zu erreichen, z. B. einen Konjunkturzuschlag zur Einkommensteuer oder eine Konjunkturausgleichsrücklage.

Allerdings scheiterte die antizyklische Finanzpolitik in Deutschland wie in anderen Ländern in den siebziger Jahren. Zum einen waren die Schwierigkeiten unterschätzt worden, Ausgabenprogramme zeitgerecht zu verabschieden und richtig zu dimensionieren. Es kam zu Verzögerungen bei Erkennen des Abschwungs sowie bei Verabschiedung, Umsetzung und Wirkung der Programme, so dass sie oft erst im folgenden Aufschwung spürbar wurden, die Politik also prozyklisch wirkte. Zum anderen waren Politiker nicht bereit, in der Rezession erlassene Ausgabenprogramme wieder abzuschaffen, wie dies nach dem Konzept der antizyklischen Politik erforderlich gewesen wäre. Es wurden auch selten die nötigen Steuersenkungen durchgeführt, stattdessen sogar Steuern erhöht, um die mit den Konjunkturprogrammen verbundenen Ausgaben zu decken, was zu einer allgemeinen Verringerung des Wachstums führte. Teilweise führten die staatlichen Ausgaben zu einer Verlangsamung der Anpassung der Wirtschaft an sich verändernde Märkte. Außerdem verloren die staatlichen Ausgaben immer mehr an Effizienz, was z. B. mit einer Sättigung beim Straßenbau und einem Schwenk von angebots- zu nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik zu tun hatte.

Mit dem (in Deutschland allerdings sehr moderaten) Schwenk zur Angebotspolitik und mehr fiskalischer Zurückhaltung in den achtziger Jahren verzichtete die Politik auf eine antizyklische Konjunkturpolitik. Sie lässt aber weiterhin automatische Stabilisatoren zu; d. h. wenn aus konjunkturellen Gründen höhere Ausgaben (z. B. für die Arbeitslosenversicherung) fällig werden oder geringere Steuereinnahmen anfallen, so nimmt die Politik dies teilweise hin und wiederholt nicht den von vielen als Fehler angesehenen Versuch aus der Weltwirtschaftskrise, unter allen Umständen einen ausgeglichenen Staatshaushalt herbeiführen zu müssen. Allerdings wird auch hier eine Trendwende erkennbar, wie die immer deutlicher werdenden Sparbemühungen zeigen.

Konjunkturforschung und -prognose

Forschungseinrichtungen

In den USA wurde die Konjunkturforschung von Burns und Mitchell begründet. In Deutschland u. a. von Wilhelm Spiethoff und Ernst Wagemann. Der von Burns/Mitchell in den zwanziger Jahren entwickelte Harvard-Indikator geriet in Misskredit, als er die Weltwirtschaftskrise 1929 nicht anzeigte. Allerdings lebte die Tradition der Konjunkturforschung in den dreißiger Jahren wieder auf.

In Deutschland begann die Konjunkturforschung mit Gründung des Instituts für Konjunkturforschung in Berlin (heute: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW), das entstand, um jene Konjunkturanalysen durchzuführen, für die das Statistische Reichsamt kein Mandat hatte und die im Hochschulbereich auf wenig Interesse stießen. Daneben etablierten sich in Deutschland fünf unabhängige Wirtschaftsforschungsinstitute, die regelmäßig Konjunkturprognosen veröffentlichen:

Diese erstellen seit 1950 zweimal im Jahr eine Gemeinschaftsdiagnose im Auftrag der Bundesregierung. Nach der Wiedervereinigung kam mit

Nicht zu vergessen das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Daneben befassen sich auch die Forschungsinstitute der Arbeitgeber (Institut der Deutschen Wirtschaft) und der Gewerkschaften (seit 2005 das neu gegründete Institut für Marktwirtschaft und Konjunktur in der Hans Böckler Stiftung) mit Konjunkturanalysen.

Der 1963 gegründete Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erstellt ebenfalls einmal pro Jahr eine Konjunkturprognose, welche jeweils im November veröffentlicht wird.

Regelmäßig Prognosen veröffentlichen auch die internationalen Organisationen OECD, EU und IWF.

Methoden der Konjunkturprognose

Konjunkturprognosen werden ausgehend von Erfahrungen aus der Vergangenheit über den Ablauf früherer Konjunkturzyklen, empirisch überprüften wirtschaftlichen Zusammenhängen (z. B. die Wirkung von Zinsen auf Investitionen oder von Steuern auf die Konsumnachfrage) und schließlich Konjunkturindikatoren abgeleitet. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung liefert den definitorischen Rahmen, um die Konsistenz der Prognosen herzustellen. Dabei bedient man sich zum Teil intuitiver Verfahren, zum Teil ökonometrischer Methoden. Ökonometrische Konjunkturmodelle stützen sich auf mathematisch-statistische Verfahren, es können aber zusätzliche Informationen in die Modelle eingegeben werden, die sogenannten Adds (konstante additive, aber auch multiplikative Veränderungen der endogenen Variablen. Beispielsweise müssen Maßnahmen, wie sie jetzt im Koalitionsvertrag beschlossen wurden, „per Hand“ in die Modellstruktur eingegeben werden, die Wirkungen müsste dann das Modell selbst ausrechnen können.

Konjunkturzyklen in Deutschland

Im Gegensatz zu den USA, wo man eine „offizielle“ Datierung der Konjunkturzyklen vornimmt, liegt eine offizielle Klassifikation der Zyklen für Deutschland nicht vor. Betrachtet man nur Konjunkturen im engeren Sinne, die durch absolute Rückgänge in der Wirtschaftsleistung begrenzt werden, so lassen sich seit 1945 fünf volle Zyklen erkennen, die zumeist mit Abschwächungen der Weltwirtschaft zusammenfielen.

Der erste Nachkriegs-Aufschwung endete 1966, als das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit 1949 sank. Der zweite Zyklus endete mit der Rezession 1974, als es wegen der ersten Ölkrise zu einem Nachfrageentzug kam. Ein dritter Zyklus endete 1981/82, im Gefolge der zweiten Ölkrise. Das Ende des vierten Zyklus markiert die Rezession 1993, der bisher einzigen Rezession in der Bundesrepublik, die binnenwirtschaftlich ausgelöst wurde, wegen der im vorhergehenden Wiedervereinigungsboom aufgetretenen Übersteigerungen und der daraufhin restriktiven Geldpolitik, die wegen der zuvor hohen Inflation auf Bremskurs gegangen war.

Ein fünfter Zyklus endete nach dieser Zählung 2001, ausgelöst unter Anderem durch das Ende des Booms in der IT- und Kommunikationsbranche. Die Schwächephase zog sich außergewöhnlich lange hin (2001 - 2005). Erst das relativ starke Wirtschaftswachstum 2006 deutet auf den Beginn des sechsten Zyklus.

Konjunkturrisiken

Konjunkturrisiken stellen ein omnipräsentes Phänomen moderner Volkswirtschaften dar, denen ein Großteil der Wirtschaftssubjekte ausgesetzt ist. Dies tritt besonders in Zeiten einer Rezession in Erscheinung, so wenn die Unternehmensgewinne schrumpfen, Firmen geschlossen und Mitarbeiter entlassen werden. Es wäre eine wünschenswerte Situation im Risikomanagement, wenn Wirtschaftssubjekten die Option zur Verfügung stünde, bestimmte Konjunkturstati durch eine Hedgetransaktion auszuschließen. Dies könnte dadurch möglich gemacht werden, indem man Derivate auf Makroindices begibt, die den Konjunkturzyklus abbilden. Durch den Kauf oder Verkauf dieser Makroderivate könnte man so auf dem Konjunkturzyklus investieren.[1]

Aktuelle Konjunkturentwicklung

Rückblick auf die Konjunkturentwicklung 2005

2005 hat sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts auf 0,9 % verringert. 2004 war es noch um 1,2 % gestiegen.

Nach wie vor wurde die Konjunktur hauptsächlich von der Auslandsnachfrage getragen. Die Inlandsnachfrage nahm kaum zu (+ 0,5 %). Die Konsumausgaben der privaten Haushalte stagnierten. Die Kaufkraft der Haushalte wurde zwar durch Entlastungen bei der Einkommensteuer gestärkt, durch stark gestiegene Energiepreise aber geschwächt.

Ohne die Verteuerung von Haushaltsenergie und Kraftstoffen wäre der Anstieg der Verbraucherpreise, der sich 2005 von 1,6 % auf 2,0 % beschleunigte, auf 1,1 % zurückgegangen. So verzeichnete Deutschland die höchste Teuerungsrate seit 4 Jahren.

Die Anlageinvestitionen stiegen nach vierjährigem Rückgang etwas (+ 0,8 %). Ausschlaggebend dafür war die Zunahme der Ausrüstungsinvestitionen.

Die Arbeitslosenzahl stieg 2005 um 480.000 Personen auf 4,861 Millionen. Der sprunghafte Anstieg war jedoch kaum konjunkturell bestimmt, sondern weit überwiegend durch die erstmalige Aufnahme erwerbsfähiger Sozialhilfeempfänger in die Arbeitslosenstatistik bedingt. Allerdings hielt auch der Abbau sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze an. Insgesamt hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Jahresdurchschnitt 2005 also weiter verschlechtert. Immerhin gab es im Jahresverlauf Anzeichen für eine Besserung: die Arbeitslosenzahlen sind saisonbereinigt in den letzten Monaten gesunken.

Auch bei der Verringerung der öffentlichen Defizite konnten 2005 keine deutlichen Fortschritte erzielt werden. Das gesamtstaatliche Defizit näherte sich nur sehr langsam der „Maastricht-Grenze“ (3 % des Bruttoinlandsprodukts), die es seit 2002 deutlich überschritten hat. 2005 ist es auf 3,2 % des BIP gesunken. Dazu trugen allerdings vor allem verschiedene “Sondereffekte“ bei, z.B. Zahlungen von Landesbanken an die Länder.

Ausblick auf die Konjunkturentwicklung 2006/2007

Ergebnisse der Gemeinschaftsdiagnose der Arbeitsgemeinschaft der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute vom 19. Oktober 2006:

Voraussichtliche Konjunkturentwicklung 2006

2006 beschleunigt sich das Wirtschaftswachstum bei einer weiterhin rasch wachsenden Weltwirtschaft deutlich auf 2,3 Prozent.

Das kräftige Wachstum der Exporte legt auf 10 Prozent zu. Die Importe steigen aber fast ebenso stark.

Die Inlandsnachfrage, die 2005 nur um 0,5 Prozent zunahm, wird 2006 zum Wachstumsmotor und weitet sich um 1,7 Prozent aus. Die Anlageinvestitionen steigen um fast 4 Prozent, wobei die Ausrüstungsinvestitionen beschleunigt zunehmen. Selbst die Bauinvestitionen wachsen nach langjährigem Rückgang etwas. Der private Verbrauch erhält zwar Impulse von der 2007 bevorstehenden Mehrwertsteuererhöhung um 3 Prozentpunkte, weil Käufe vorgezogen werden. Sein Anstieg bleibt jedoch schwach (+ 0,9 Prozent).

Die Lage auf dem Arbeitsmarkt bessert sich etwas. Die Arbeitslosenzahl sinkt um rd. 340.000 Personen (rund – 7 Prozent) auf 4,52 Millionen, die Zahl der Erwerbstätigen steigt um 0,5 Prozent. Die gute Wirtschaftslage strahlt dabei auch auf den ostdeutschen Arbeitsmarkt aus. Dennoch bleibt die Arbeitslosenquote etwa doppelt so hoch wie im Westen.

Das raschere Wirtschaftswachstum sorgt dafür, dass das Haushaltsdefizit mit 2,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die im europäischen Stabilitätspakt von Maastricht vorgesehene Grenze (3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts) spürbar unterschreitet.

Bei ihren Prognosen unterstellen die Institute 2006 und 2007 einen Ölpreis von 60 US-Dollar je Barrel.

Prognosen für 2007

Das Wirtschaftswachstum halbiert sich fast und fällt auf 1,4 Prozent. Zur Begründung verweisen die Institute neben der leichten Abkühlung der Weltkonjunktur insbesondere auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer und den insgesamt „merklich restriktiven Kurs“ der Finanzpolitik.

Der private Verbrauch wird wegen der drastischen Anhebung von Steuern und Abgaben stagnieren. Gleichzeitig beschleunigt sich der Anstieg der Verbraucherpreise auf 2,3 Prozent. Allein durch das Vorziehen von Käufen in das Jahr 2006 wird das Wirtschaftswachstum im Jahr 2007 um rund einen viertel Prozentpunkt gedrückt. Zudem schwächt sich der Anstieg der Investitionen ab.

Bei diesen Bedingungen dürfte die Arbeitslosenzahl im Jahresdurchschnitt nur noch um rund 215.000 Personen auf rund 4,3 Millionen sinken (- 5 Prozent). Die Arbeitslosenquote wird damit um einen halben Prozentpunkt auf 9,9 Prozent zurückgehen.

Die Zahlen für die Entwicklung im Jahresverlauf, also vom Jahresanfang bis zum Jahresende, zeigen deutlicher als die Zahlen für den Jahresdurchschnitt, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt kaum noch verbessert. Die Institute erwarten wegen der restriktiven Wirkungen der Finanzpolitik und der damit verbundenen Dämpfung der Konjunktur für den Jahresverlauf nur noch einen Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen um 130.000 (2006: + 340.000). Die Arbeitslosenzahl fällt nur noch um 80.000 (2006: Rückgang um 400.000).

Bei der Wachstumsprognose der Gemeinschaftsdiagnose von 1,4 Prozent für das kommende Jahr handelt es sich um eine Kompromisslösung zwischen den Instituten, die unterschiedliche Auffassungen über den weiteren Konjunkturverlauf vertreten. Während einige Institute davon ausgehen, dass die Mehrwertsteuererhöhung sowie die restriktivere Finanzpolitik das Wachstum deutlich dämpfen werden, halten die anderen den Aufschwung des laufenden Jahres für so stark, dass er in das kommende Jahr hineinträgt.

Die optimistischeren Institute verweisen darauf, dass die Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung die Binnenkonjunktur stabilisieren werde.

Die Vertreter des Negativ-Szenarios führen an, dass die Unternehmen die Geschäftsaussichten für das kommende Jahr spürbar schlechter einschätzen als die heutige Lage.

Die Gutachter bekennen ihre Unsicherheit offen: „Niemals wurde die Mehrwertsteuer so stark angehoben. Daher ist es schwierig abzuschätzen, in welchem Maße die Finanzpolitik die Konjunktur dämpfen wird“ heißt es im Gutachten.

Quellen

  1. Michael Durica (2006). Product Development for Electronic Derivative Exchanges: The case of the German ifo business climate index as underlying for exchange traded derivatives to hedge business cycle risk. Pro Business. Berlin. ISBN 393953305X.

Literatur

  • Allen, R.G.D.: Macro-Economic Theory : A Mathematical Treatment. - London, Melbourne, Toronto : Macmillan, 1968.
  • G. Tichy, Konjunktur. Stilisierte Fakten, Theorie, Prognose. 2. Auflage ISBN 3-540-57437-9

Weblinks

Siehe auch

Wikipedia
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