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Graswurzelrevolution
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Graswurzelrevolution (abgekürzt GWR) ist der Titelname einer 1972 von Wolfgang Hertle in der Bundesrepublik Deutschland gegründeten anarchopazifistischen Zeitschrift, die sich als ein Sprachrohr der internationalen Graswurzelbewegung im deutschsprachigen Raum versteht und nach ihrem Selbstverständnis für gewaltfreie gesellschaftliche Veränderungen eintritt, wobei sie ihre inhaltlichen Schwerpunkte insbesondere auf die Themenbereiche Gleichberechtigung, Antimilitarismus und Ökologie legt. Sie gilt als die langlebigste und einflussreichste anarchistische Zeitschrift der deutschen Nachkriegszeit. Der Sozialwissenschaftler Ralf Vandamme charakterisiert die Graswurzelrevolution in seiner Dissertation „Basisdemokratie als zivile Intervention“ (Opladen 2000) zudem als „das Hauptorgan basisdemokratischer Akteure“. In verschiedenen Verfassungsschutzberichten wird sie dem sogenannten linksextremen Spektrum zugeordnet.
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Geschichte und Inhalte der Graswurzelrevolution
Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und von internationalen gewaltfreien Friedensaktionen inspiriert, wurde die erste Ausgabe („Nullnummer“) der Zeitschrift im Sommer 1972 von der „Gewaltfreien Aktion Augsburg“ herausgegeben, einem kleinen Kreis libertärer Pazifisten um den Augsburger Studenten Wolfgang Hertle. Ab der dritten Ausgabe im Frühjahr 1973 erschien das Blatt in Berlin, später wurde es in verschiedenen Städten Deutschlands produziert. Wechselnde Redaktionen erstellten die GWR in Göttingen (Nr. 20/21/1976 - Nr. 28/1978), in Hamburg (Nr. 29/1978 bis Nr. 123/Feb. 1988), in Heidelberg (Nr. 124/Mai 1988 bis Nr. 167/Sommer 1992), im wendländischen Wustrow (Nr. 168/Sept. 1992 bis Nr. 201/Okt. 1995) und in Oldenburg (Nr. 202/November 1995 bis Nr. 235/Januar 1999). Seit März 1999 (Nr. 237 ff.) wird die Zeitschrift in Münster im Eigenverlag (Verlag Graswurzelrevolution e.V.) herausgegeben und presserechtlich von Koordinationsredakteur Bernd Drücke verantwortet.
Von 1972 bis 1981 erschien die GWR in wenig regelmäßigen Abständen etwa vierteljährlich, seit 1981 erscheint sie (bis heute) monatlich, mit einer zweimonatlichen Erscheinungspause im Sommer. Von 1981 bis 1987 wurde die Zeitschrift von der Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA) herausgegeben, danach wieder von einem unabhängigen Herausgeberkreis. Die GWR ist Mitglied beim linken Politik- und Wissenschaftsportal www.linksnet.de und assoziiert mit der War Resisters' International (WRI), der 1921 gegründeten Internationale der KriegsgegnerInnen, der heute etwa 90 pazifistische und antimilitaristische Organisationen in 45 Ländern angehören. Der Verlag Graswurzelrevolution mit Sitz in Heidelberg gibt auch verschiedene Bücher heraus, u.a. zur Theorie und Praxis des Anarchismus und Pazifismus.
Die Geschichte der Graswurzelrevolution „muss im politischen und historischen Kontext mit der Entwicklung des libertären Pazifismus gesehen werden“, so der Soziologe Bernd Drücke 1998 in seiner Dissertation: „In den zwanziger Jahren hatte die anarchistisch-pazifistische Bewegung in Deutschland zahlreiche Periodika wie Junge Anarchisten (1923-1931) und Die Schwarze Fahne (1925- 1929) hervorgebracht. 1933 wurde die Bewegung zerschlagen, die libertär-antimilitaristische Literatur, wie z. B. ‚Krieg dem Kriege‘ von Ernst Friedrich, das meistverbreitete antimilitaristische Buch der zwanziger Jahre, war unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verboten worden, fiel den Bücherverbrennungen zum Opfer und wurde erst nach 1968 wieder neu entdeckt und aufgelegt. Nach 1945 war die Tradition des libertären Antimilitarismus weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Nazis hatten nicht nur zahllose Menschen, sondern auch viele Erinnerungen vernichtet. So verfügte die, u. a. durch den indischen Politiker Mahatma Gandhi beeinflusste, gewaltfreie Bewegung im Nachkriegsdeutschland über wenig libertäre Anknüpfungspunkte. Die Geschichte einer anarchistisch-pazifistischen Bewegung in Deutschland war ihr nicht bewußt. In der Zeit des kalten Krieges entstand in der Bundesrepublik zwar eine Massenbewegung gegen Remilitarisierung, Aufrüstung und Atombewaffnung. Der Einfluss anarchistischer Gruppen auf die pazifistische Bewegung war aber kaum wahrnehmbar. Die gewaltfreien AktivistInnen in der Bundesrepublik waren in den fünfziger und sechziger Jahren zum großen Teil entweder christlich oder etatistisch-sozialistisch orientiert. Das begann sich erst ab Mitte der sechziger Jahre zu ändern, mit der Gründung der ersten Graswurzelgruppen. Sie wurden nicht zuletzt durch französische, schweizerische, britische und US-amerikanische AktivistInnen und Publikationen aus dem Umfeld der international vernetzten War Resisters' International (WRI) beeinflusst. (...) Im Jahre 1965 gründete Wolfgang Zucht gemeinsam mit anderen Menschen aus Hannover die libertär-pazifistische Direkte Aktion, ‚Blätter für Anarchismus und Gewaltlosigkeit‘ (Untertitel). Dieses hektographierte ‚Organ gewaltfreier Anarchisten‘ (Untertitel) wurde monatlich bis 1966 als Zeitschrift zur Theorie und Praxis des gewaltfreien Anarchismus publiziert.“ (Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht?, S. 165 ff.) In Konzept und Ausrichtung wurde die GWR inspiriert durch die Direkte Aktion - libertär pazifistische Blätter, sowie durch die im frankophonen Sprachraum von der gleichnamigen Gruppe verbreitete gewaltfrei-anarchistische Anarchisme et Nonviolence (Lausanne, 1964-1967) und die seit 1936 in London erscheinende Peace News. (vgl. Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht?, ebd.)
Wolfgang Zucht und Helga Weber gründeten 1974 in Kassel die Graswurzelwerkstatt, was auch der Zeitschrift eine festere politische Basis gab.
Die GWR erscheint mit einem Umfang von mindestens 20 Seiten im Berliner Tageszeitungsformat. Seit ihrem Bestehen beträgt ihre Auflage mindestens 3.000 bis 3.500 Exemplare pro Einzelausgabe. Auf dem Höhepunkt ihrer Verbreitung während der Friedensbewegung gegen die „Nachrüstung“ (vgl. NATO-Doppelbeschluss) in den frühen 1980er Jahren erreichte sie über einen längerfristigen Zeitraum eine monatliche Auflage von etwa 5.000 Stück. In der Gegenwart werden noch die Oktober-Ausgaben, denen seit 1989 das Supplement Libertäre Buchseiten anlässlich der Frankfurter Buchmesse beiliegt, in dieser Auflagenhöhe verlegt. Von 2001 bis 2003 produzierte die GWR-Redaktion gemeinsam mit Kriegsdientverweigerern in der Türkei acht Ausgaben der Otkökü (türkisch: Graswurzel). Die zweisprachige, türkisch-deutsche Otkökü erschien vierteljährlich als Beilage der GWR und separat mit einer Auflage von jeweils bis zu 7.000. Nachdem die in die Türkei geschickten Ausgaben dort beschlagnahmt wurden, beschränkte sich der Otkökü-Vertrieb auf Westeuropa. „Nein zum Krieg!“-GWR-Extrablätter zum Jugoslawienkrieg 1999 erreichten Auflagen bis zu 35.000. Die höchste GWR-Auflage wurde mit einem GWR-„No WAR!“-Extrablatt im Vorfeld des 3. Golfkriegs 2003 erreicht: 55.000.
Abgesehen von Abonnements wird die GWR meist im Handverkauf bei Demonstrationen, Kundgebungen und anderen einschlägigen Veranstaltungen verkauft. Bundesweit ist sie auch in Bahnhofsbuchhandlungen vertreten. In größeren Städten ist sie vereinzelt auch in manchen Filialen des normalen Zeitschriftenhandels oder an einigen Kiosken erhältlich.
Die Redaktion der GWR versteht sich als nicht hierarchisch strukturiertes Kollektiv von gleichberechtigten Mitarbeitern, und hat dementsprechend auch keinen Chefredakteur. Viele GWR-Autoren veröffentlichen ihre Beiträge unter Pseudonym; - mit der Begründung, dass Inhalte Vorrang vor der (abgelehnten) Hervorhebung Einzelner und/oder deren möglicher Prominenz hätten.
Getragen wurde und wird die Zeitschrift Graswurzelrevolution von einem Netzwerk der seit Mitte/Ende der 1970er Jahre mit basisdemokratischem Anspruch gebildeten Gewaltfreien Aktionsgruppen (GAs), die vor allem während der 1980er Jahre durch spektakuläre Aktionen im Umfeld der Neuen sozialen Bewegungen öffentliche Aufmerksamkeit erregten. Dazu gehörten beispielsweise Bauplatzbesetzungen von geplanten Kernkraftwerken oder anderen umstrittenen Großprojekten, Sitzblockaden oder Selbstankettungsaktionen vor militärischen Einrichtungen und Ähnliches mehr.
Entsprechende Gruppen sind auch in der Gegenwart in der Friedensbewegung, bei Aktionen von Atomkraftgegnern, zum Beispiel gegen die Castortransporte oder in der Bewegung der Globalisierungkritiker aktiv.
Die entsprechenden Themen und Aktionen des Zivilen Ungehorsams, die Unterstützung von „totalen Kriegsdienstverweigerern“, bedingt durch die laut Diktion der GWR „Ablehnung jeglichen staatlichen Zwangsdienstes“, bilden neben theoretischen Artikeln einen wesentlichen Anteil an der Berichterstattung der GWR.
Nach eigenen Angaben setzt die Zeitschrift ihre inhaltlichen Schwerpunkte auf Themen wie Ökologie und Antimilitarismus. Des weiteren heißt es in ihrer Selbstdarstellung:
- „Wir kämpfen für eine Welt, in der die Menschen nicht länger wegen ihres Geschlechtes oder ihrer geschlechtlichen Orientierung, ihrer Sprache, Herkunft, Überzeugung, wegen einer Behinderung, aufgrund rassistischer oder antisemitischer Vorurteile diskriminiert oder benachteiligt werden. Wir streben an, daß Hierarchie und Kapitalismus durch eine selbstorganisierte, sozialistische Wirtschaftsordnung und der Staat durch eine föderalistische, basisdemokratische Gesellschaft ersetzt werden.“ (Graswurzelrevolution Nr. 316, Februar 2007, Seite 20)
Der Verlag Graswurzelrevolution setzt die inhaltliche Schwerpunktsetzung der Zeitung mit einem engagierten Buchprogramm fort.
Kritik: Einstufung durch den Verfassungsschutz
Die Graswurzelrevolution bzw. die Graswurzelbewegung wird von verschiedenen Landesbehörden für Verfassungsschutz sowie dem Bundesamt für Verfassungsschutz in einigen Jahresberichten erwähnt und darin dem linksextremistischen Spektrum zugeordnet.
Der am 22. Mai 2006 vom Bundesinnenministerium vorgelegte „Verfassungsschutzbericht 2005“ widmet der Zeitschrift etwa eine halbe Seite im Abschnitt „Traditionelle Anarchisten“. Zur Begründung heißt es dort:
- „Klassische anarchistische Konzepte werden in Deutschland vor allem von Gruppierungen der ‚Graswurzelbewegung‘ und der anarcho-syndikalistischen Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) als deutscher Sektion der ‚Internationalen Arbeiter Assoziation‘ (IAA) vertreten.“
Die Stärke der „Graswurzelbewegung“ veranschlagt der Bericht auf ...
- „... etwa 200 in Aktionsgruppen, Trainingskollektiven und sonstigen Zirkeln zusammengeschlossenen Anhänger“.
Zu ihren Aktionsformen gehöre ...
- „... das Konzept des zivilen Ungehorsams mit bewussten Regelverletzungen“.
- „... Auch ‚gewaltfreien Widerstand‘, der zwar Sachbeschädigung, nicht aber Übergriffe auf Personen einschließt, halten sie für legitim.“
Frühere Berichte enthalten weitgehend gleichlautende Erwähnungen und Einschätzungen.
Während die Erwähnung in den Verfassungsschutz-Berichten von der Redaktion eher als „Trophäe“ gewertet wird, löste die Titelgestaltung eines der VS-Berichte erheblichen Unmut aus, da das Emblem der Zeitschrift neben Symbolen neonazistischer Gruppierungen zu sehen war, worin eine unzulässige Gleichsetzung von Gewalt und Diktatur befürwortendem Rechtsradikalismus und gewaltfrei-anarchistischen Linken gesehen wurde.
Siehe auch
Anarchopazifismus, Anarchismus, Antimilitarismus, Ziviler Ungehorsam, Direkte Aktion, Totalverweigerung, Direkte Aktion (Zeitung), Graswurzel-Journalismus
ISSN: 0344-2683
Literatur
- Graswurzelrevolution (Hg.): Gewaltfreier Anarchismus. Herausforderungen und Perspektiven zur Jahrhundertwende, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 1999, ISBN 3-9806353-1-7
- Bernd Drücke: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm 1998, ISBN 3-932577-05-1, (Zur Geschichte der Graswurzelrevolution siehe insbesondere S. 165-181)
- Bernd Drücke (Hg.): ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert. Interviews und Gespräche, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-87956-307-1 (Zur Geschichte der Graswurzelrevolution siehe Kapitel 3: Gewaltfreier Anarchismus und Graswurzelrevolution, S. 114-201)
- Holger Jenrich: Anarchistische Presse in Deutschland 1945-1985, Trotzdemverlag, Grafenau 1988, ISBN 3-922209-75-0
- Günter Saathoff: Graswurzelrevolution. Praxis, Theorie und Organisation des gewaltfreien Anarchismus in der Bundesrepublik, 1972-1980, Diplomarbeit, Universität Marburg 1980
Weblinks
- Website der Graswurzelrevolution
- Ausführlicher Beitrag zur Geschichte der Graswurzelrevolution incl. einer Klärung des Begriffs „Graswurzelrevolution“
- Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen (FöGA) war Herausgeber der GWR
- Diverse Zeitungsartikel und (wissenschaftliche) Arbeiten zur Geschichte Graswurzelrevolution
- Verfassungsschutzbericht 2005
- „Graswurzelrevolution Nr. 300-Jubiläumscomic, Juni 2005“
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