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George Herbert Mead

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George Herbert Mead (* 27. Februar 1863 in South Hadley, Massachusetts, USA26. April 1931 in Chicago, USA) studierte u.a. in Leipzig und Berlin und war von 1894 bis zu seinem Tode Professor für Philosophie und Sozialpsychologie an der Universität Chicago.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

George Herbert Mead wurde am 27. Februar 1863 in South Hadley, Massachusetts, als Sohn von Hiram Mead, einem kongregationalistischen Geistlichen, und dessen Ehefrau Elizabeth Storr Billings geboren. Als der Vater 1867 zum Professor für Predigtwissenschaft am Oberlin College in Ohio berufen wurde, siedelte die Familie dorthin um. Mead selbst trat 1879 als Student ins Oberlin College ein. Nach dem Tod des Vaters 1881 arbeitete Meads Mutter als Dozentin in Oberlin.

Während seines Studiums beschäftigte sich Mead unter anderen mit der Evolutionstheorie Charles Darwins, die damit einhergehenden Spannungen zu seiner religiösen Erziehung prägten seine Entwicklung am College. 1882 wurde Mead zusammen mit seinem Freund Henry Castle zum Herausgeber des Oberlin Review gewählt, beide traten in dieser Position für ein naturwissenschaftlich aufgeklärtes Christentum ein.

Nach seiner Graduierung im Jahr 1883 nahm Mead eine Stelle als Lehrer an, ihm wurde jedoch aufgrund disziplinarischer Schwierigkeiten mit den Schülern nach vier Monaten gekündigt. Daraufhin arbeitete Mead drei Jahre als Vermessungsingenieur bei der Wisconsin Central Railroad Company und war am Bau der 1100 Meilen langen Eisenbahnstrecke von Minneapolis nach Moose Jaw beteiligt.

1887 begann Mead ein zweites Studium an der Harvard University. Er studierte Philosophie bei Josiah Royce, George H. Palmer und Francis Bowen. Gleichzeitig nahm er eine Stelle als Hauslehrer bei William James an, um sich die Finanzierung seines Studiums zu erleichtern. Mead spezialisierte sich auf physiologische Psychologie und erhielt zum Wintersemester 1888/1889 ein Stipendium für den Besuch der Universität Leipzig. Dort studierte er bei Wilhelm Wundt, bevor er 1889 nach Berlin wechselte und Schüler von Wilhelm Dilthey, Hermann Ebbinghaus, Gustav von Schmoller und Friedrich Paulsen wurde.

Ohne Promotion wurde Mead 1891 als Dozent für Psychologie, Philosophie und Evolutionstheorie an die University of Michigan berufen. Dort lernte Mead Charles H. Cooley und John Dewey kennen, letzterer wurde für Mead zu einem lebenslangen Freund. Als Dewey 1894 an die kurz zuvor gegründete University of Chicago wechselte, folgte ihm Mead und erhielt eine Stelle als Assistenzprofessor in der Abteilung für Philosophie und Psychologie.

Chicagoer Schule – Wirkung auf den Symbolischen Interaktionismus

Mead zählt zu den amerikanischen Pragmatisten und Vertretern der Schule von Chicago. Meads Schüler Charles W. Morris (1903–1979) veröffentlichte 1934 auf der Basis von Vorlesungsmitschriften von Studierenden das später viel beachtete Werk: "Mind, Self and Society from the Standpoint of a Social Behaviorist". Mead selbst hat seine Theorie nie systematisch niedergelegt. Die Entwicklung des Symbolischen Interaktionismus durch seinen Schüler Herbert Blumer geht auf Meads Arbeiten zur Theorie der symbolvermittelten Kommunikation zurück, die Mead in jener Vorlesung über Sozialpsychologie, die er von 1900 bis 1930 in Chicago hielt, ausgearbeitet hat.

Meads Hauptwerk: „Geist, Identität und Gesellschaft“

In „Mind, Self and Society“ (dt. „Geist, Identität und Gesellschaft“), bzw. in seinen Vorlesungen, aus denen der Herausgeber Morris nach Meads Tod das Buch zusammengestellt hat, hat sich Mead in erster Linie mit zwei Fragen auseinandergesetzt:

  • Wie entsteht Bewusstsein im Laufe der Phylogenese (stammesgeschichtlichen Entwicklung)?
  • Wie entsteht (sozialisierte) Identität im Laufe der Ontogenese (individualbiographischen Entwicklung)?

In Abgrenzung zum deutschen Idealismus (Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg Wilhelm Friedrich Hegel), dem Mead „solipsistischen Spuk“ vorwarf, versteht Mead – inspiriert von der Evolutionstheorie Darwins – das Bewusstsein des Menschen als evolutionäres Produkt der Auseinandersetzung des Organismus mit seiner Umwelt und nicht als Gabe, die dem Menschen etwa in die Wiege gelegt wäre und in Aprioris der Erkenntnis zu beschreiben wäre. Dabei setzt man, so Mead, das zu Erklärende bereits voraus.

Gegen den Idealismus wandte sich auch die moderne Psychologie: behavioristische Psychologie (John B. Watson), physiologische Psychologie (Wilhelm Wundt), funktionalistische Psychologie (bzw. Pragmatismus, John Dewey), frühe Sozialpsychologie (William McDougall) und Psychoanalyse (Sigmund Freud).

Es ist ungeklärt geblieben, in welchem Maße "Mind, Self and Society" nicht völlig authentisch Meads Auffassungen wiedergibt, da für die Edition des Buches verschiedene Studentenmitschriften von Meads Vorlesungen herangezogen wurden, und Morris diese nach eigenem Gutdünken recht frei editiert hat. Daher kommt neben dem "Hauptwerk" für ein Verständnis der Philosophie und Sozialtheorie Meads seinen von ihm selbst veröffentlichen Aufsätzen und den Manuskripten aus dem Nachlaß große Bedeutung zu.

Theorien Meads – Gegenstimmen

All diese Theorien haben Meads Schaffen geprägt, aber er konnte bei der Formulierung seiner anthropologischen Theorie zur Genese von Bewusstsein ganz besonders an Dewey – ein guter Freund Meads – anknüpfen und hat sich wiederholt sehr ausdrücklich von Watson abgegrenzt. Wie Dewey versteht er Bewusstsein als ein Produkt der Kooperation von Individuen, das der (molekulare oder klassische) Behaviorismus, der jegliches Handeln in unverbundene Reiz-Reaktions-Phasen zerlegt, gar nicht fassen kann. Handeln versteht der Behaviorismus in den Begriffen Reiz, Reaktion und bedingte Konditionierung (später erweitert durch Skinner um die operante Konditionierung). Der Sozialbehaviorismus Meads dagegen sieht die Entwicklung von Bewusstsein einhergehen mit der Entwicklung signifikanter Symbole (Sprache).

Symbole – Optimierung

Symbole entstehen aus der Optimierung der Kooperation von Subjekten: Der Mensch realisiert, dass sein Verhalten der Reiz für das Verhalten anderer ist. Indem er sein Verhalten kontrolliert, kann er das der anderen kontrollieren, so dass sich Kooperationsprozesse optimieren lassen. Diese Optimierung ist nur möglich über die Sprache, denn nur die stimmliche Geste können wir ebenso wahrnehmen wie unser Gegenüber. Daher können wir mit unserer Geste die Reaktion des Gegenübers verbinden, der Sinn unserer Geste liegt in der Reaktion des Anderen – unsere Geste ist damit eine signifikante Geste, d.h.: ein (signifikantes) Symbol. Über Symbole können wir unser Verhalten kontrollieren. Damit entsteht auch die Möglichkeit zum Selbstbewusstsein: Indem man sein Verhalten aus der Perspektive anderer kontrollieren kann, ist man aus dem Status des nur handelnden Subjekts entlassen. Man kann sich selbst zum Objekt werden aus der Perspektive der anderen mittels der Sprache, man kann sich in die Lage der Anderen versetzen, um sein Verhalten zu beurteilen. Dies ist notwendig für das Selbstbewusstsein, weil der Mensch sich als Subjekt seines Handelns nicht erfahren kann: Das Erleben des eigenen Erlebens erlebt man nicht aus der Perspektive des gerade Erlebenden.

Phasen

Mead nennt diese Phase der Reflexion das ME. Im ME sieht man sich aus der Perspektive des (generalisierten) Anderen. Das Handeln ist durch die eigene Reaktion auf das ME geprägt, durch die verinnerlichten Erwartungen der Anderen. Jene Phase des Handelns, der Reaktion des Subjekts auf die Hereinnahme der Haltungen des (generalisierten) Anderen nennt Mead I. I und ME bilden die Einheit der Differenz des SELF (Selbst, Identität).

Die Identität bildet sich individualbiographisch durch das Durchleben des Kindes zweier Spielphasen: PLAY und GAME. In diesen lernt das Kind die Haltung anderer zu übernehmen, sein Verhalten nach deren Erwartungen abzustimmen. Zunächst im freien und naiven Spiel mit sich selbst (PLAY), dann im organisierten Wettkampf mit vielen Anderen (GAME). Das Kind übt eine Selbstkontrolle auf sich aus und unterliegt damit der sozialen Kontrolle der Gemeinschaften, denen es angehört und nach denen sich die soziale Struktur der Identität (ME) ausgebildet hat. Die unterschiedlichen Ansprüche verschiedener Gruppen zu koordinieren, das heißt verschiedene verinnerlichte Gruppenhaltungen zu synthetisieren, also die Einheit der Differenz von MEs herzustellen, ist eine der Aufgaben der Identität. Aus den daraus entstehenden moralischen Konflikten entwickelt Mead seine Theorie der Ethik und des Sozialen Wandels, die jedoch weit weniger beachtet wurden als seine Theorie der symbolvermittelten Kommunikation und der Entstehung von Identität und Bewusstsein.

Werke

Mead hat zeit seines Lebens keine Bücher veröffentlicht. Jedoch sind nach seinem Tod vier Bücher erschienen, für die Text aus seinen Vorlesungen (teilweise Mitschriften der Studenten), verschiedenen Aufsätzen, und Arbeiten aus dem Nachlaß verwendet wurden. Das bekannteste Buch ist:

  • Mind, Self, and Society. Edited by Charles W. Morris. Chicago 1934. (Deutsche Übersetzung: Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1968, ISBN 0226516687)

Die anderen drei Bücher:

  • The Philosophy of the Act. Edited by Charles W. Morris et al. Chicago 1938
  • The Philosophy of the Present. Herausgegeben von Arthur E. Murphy. La Salle (Illinois) 1932
(Neuausgabe 2002: Prometheus Books, Amherst, New York)
  • Movements of Thought in the Nineteenth Century. Edited by Meritt H. Moore. Chicago 1936

Einige Sammelbände enthalten Auszüge aus diesen Büchern sowie weitere Aufsätze von Mead, hier seien genannt, weil auf deutsch erschienen:

  • Anselm Strauss (Hg.), G.H. Mead on Social Psychology. Chicago 1964. (Deutsche Übersetzung: Anselm Strauss (Hg.): Sozialpsychologie, Luchterhand-Verlag, Neuwied 1969)
(Auszüge aus allen vier Büchern sowie zwei ergänzende Aufsätze)
  • Hansfried Kellner (Hg.), G.H. Mead. Philosophie der Sozialität. Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie. Frankfurt am Main 1969
(Auszüge aus Philosophy of the Act und Philosophy of the Present, sowie einige weitere Aufsätze)
  • Gesammelte Aufsätze, 2 Bände, herausgegeben von Hans Joas. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1980–1983
(Die umfassendste Aufsatzsammlung in deutscher Sprache, mit Auszügen aus den Büchern Philosophy of the Present, Philosophy of the Act)

Eine weitgehend vollständige Bibliographie findet sich in der Neuauflage (2000, Frankfurt am Main, Suhrkamp) von Hans Joas Buch "Praktische Intersubjektivität". Joas gibt auch an, in welchen Sammelbänden jeweils welche Aufsätze erschienen sind. Eine Bibliographie gleicher Qualität kann über den unten angegebenen Weblink "The Mead-Project" erreicht werden, größtenteils sind die Texte Meads dort auch Online verfügbar.

Literatur

  • Heinz Abels, Interaktion, Identität, Repräsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie. 3.Auflage. Wiesbaden 2004: VS Verlag
  • Harald Wenzel: George Herbert Mead zur Einführung. Junius-Verlag, Hamburg 1990. ISBN 3-88506-855-9
(Anmerkung: Der Titel des Buches impliziert, dass es sich hierbei um eine Einführung handelt, jedoch setzt es zum Verständnis umfassendes Vorwissen zu diesem Thema voraus)
  • Hans Joas: Praktische Intersubjektivität: die Entwicklung des Werkes von George Herbert Mead. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1989. ISBN 3-518-28365-0
(Neuauflage 2000: Vorwort zur neuen Auflage, sowie ergänzte Bibliographie)
  • Dieter Krallmann, Andreas Ziemann: George Herbert Meads sozialbehavioristische Kommunikationstheorie. In: Grundkurs Kommunikationswissenschaft. Fink, München 2001. ISBN 3-8252-2249-7
  • Rainer Schützeichel: Cooley, Mead und die symbolische Interaktion. In: Soziologische Kommunikationstheorien. Konstanz 2004. ISBN 3-8252-2623-9

Weblinks

Wikipedia
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