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Flüssiges Glas
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Moin! Schaut doch hier und auf der Loeschdisku mal rein! 8-) -- Hedwig in Washington (Post) 15:00, 9. Jan. 2007 (CET)
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Der Begriff des flüssigen Glases bei Raumtemperatur geht wahrscheinlich ursprünglich auf eine missverständliche oder falsche Übersetzung von Gustav Tammanns Werk Der Glaszustand zurück. Hier wird erstmals versucht, Glas aus thermodynamischer Sicht zu beschreiben. Tammann beschreibt Glas als gefrorene unterkühlte Flüssigkeit. Es wird vermutet, dass Übersetzungen oder Zitate aus diesem einflussreichen Buch nunmehr als einfache unterkühlte Flüssigkeit wiedergegeben wurden; d. h. jeglicher Hinweis auf den Feststoffcharakter ausgelassen wurde.
Inhaltsverzeichnis |
Unterschiedliche Behauptungen zum Wesen der Flüssigkeit
Die Behauptungen, dass Glas flüssig sei, lässt sich anhand ihrer Radikalität in verschiedenen Gruppen zusammenzufassen.
- Glas ist im umgangssprachlichen Sinn (zäh-)flüssig
- Glas ist im allgemeinen physikalischen Sinn flüssig
- Glas ist im thermodynamischen Sinn flüssig
Es kommt vor, dass ein Verfechter sich von einem anfänglichen Standpunkt 1 sich im weiteren Verlauf einer Diskussion auf 2 und bei hinreichender Spitzfindigkeit schließlich auf 3 zurückzieht.
Im umgangssprachlichen Sinn (zäh-)flüssig
Die erste Gruppe führt angebliche Berichte von fließenden Kirchenfenstern an. Mittelalterliche Kirchenfenster weisen tatsächlich am oberen Ende kleinere Dicken als am unteren Ende auf. Dies soll auf die (zäh-)flüssige Eigenschaft des Glases und den langen Zeitraum zurückzuführen sein. In diesem Rahmen wird oft auf das Pechtropfenexperiment hingewiesen.
Als vermeintliche Belege werden Kirchenfenster angeführt, die oben dünner sind oder gar Löcher aufweisen. Allerdings zeigte sich bei genaueren Untersuchungen, dass nicht alle Kirchenfenster diese Eigentümlichkeit aufweisen. Einige haben seitlich oder gar oberhalb eine Verdickung. Für alte Kirchenfenster wurde Mondglas benutzt, das eine ungleichmäßige Dicke hat. Es ist plausibel, dass der Handwerker beim Einsetzen der Glasstücke die dickere Seite aus Stabilitätsgründen nach unten gesetzt hat.
Im allgemeinen physikalischen Sinn flüssig
Hier wird darauf verwiesen, dass Glas als amorpher Stoff, im Gegensatz zu Kristallen, keinen festen Schmelzpunkt hat und langsam erstarrt. Da es keinen richtigen Schmelzpunkt hat - so die Argumentation - wird es auch nie richtig fest.
Das Maß für Viskosität, also der Grad der Festigkeit, ist die Pascal-Sekunde (Pa s). Kalk-Natron-Glas besitzt bei Verarbeitungstemperatur von etwa 900 °C eine Viskosität von ca. 104 Pa s; zum Vergleich: Olivenöl hat einen Wert von ca. 10² Pa s. Kalk-Natron-Glas bei 20 °C hat einen Wert von ca. 1019 Pa s.
Im thermodynamischen Sinn flüssig
Die letzte Gruppe schließlich führt an, dass Glas im thermodynamischen Sinn flüssig sei. Welche Konsequenzen dies hat oder wie sich dies bemerkbar macht, wird allerdings nicht dargelegt. Es wird nur gefolgert, dass, was im thermodynamischen Sinn flüssig ist, auch im allgemeinen Sinn flüssig sei.
Wie eingangs mit dem Tammann-Zitat schon angerissen, hat Glas eine spezielle Eigenschaft mit Flüssigkeiten gemeinsam. Die Atome sind nicht geordnet. Doch anders als bei Flüssigkeiten, bei denen sich die Bindungen zwischen den Atomen fortwährend ändern, sind diese im Glas eingefroren. Die klassische Thermodynamik ist statischer Natur; sie zeigt nur einen momentanen Schnappschuss und aus diesem Blickwinkel ist die Struktur von Flüssigkeit und Glas vergleichbar. Dessen soll man sich sehr bewusst sein und den wichtigen Vorsatz gefroren nicht vergessen – gerade weil hierdurch eine offensichtliche Unsinnigkeit (gefroren = fest und flüssig) entsteht.
Literatur und Weblinks
- Brill, Robert: No, it doesn't flow pdf
- Plumb, R. C.: Antique windowpanes and the flow of supercooled liquids, in: Journal of Chemical Education, 1989 66(12): S. 994-996.
- Tammann, G.: Der Glaszustand, Leipzig 1933: Voss, S. 123 pp.
- http://www.robinsonglass.com/liquid_or_solid.htm Flüssiges Glas als Urban Legend
- http://tafkac.org/science/glass.flow/origins_of_claim.html Zu der Entstehungsgeschichte der Behauptung (en)
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