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Wirtschaftssoziologie

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Die wissenschaftliche Disziplin Wirtschaftssoziologie befasst sich mit der soziologischen Analyse von ökonomischen Phänomenen. Im Zuge der wissenschaftlichen Entwicklung hat sie sich in eine Vielzahl von Teilgebieten ausdifferenziert, z.B. in die Finanzsoziologie, die Industrie- und Betriebssoziologie, die Marktsoziologie, die Konsumsoziologie, die Soziologie der Gewerkschaften und der Genossenschaft sowie in Teilbereiche der Agrarsoziologie, der Organisationssoziologie, oder der Techniksoziologie.

Die Wirtschaftssoziologie geht davon aus, dass wirtschaftliches Handeln immer in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet ist und dabei gleichzeitig wiederum wesentlich auf die Gesellschaft zurückwirkt und diese selbst beeinflusst.

Solche Einsichten finden sich bereits in den frühesten Stadien der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Ökonomie, so versuchte etwa der schottische Moralphilosoph und Begründer der Nationalökonomie Adam Smith wirtschaftliches Handeln durch soziale Prozesse erklären zu können. Dazu führte er die Metapher der unsichtbaren Hand ein und kam zu der Erkenntnis, dass jeder Mensch im Grunde nach Verbesserung seiner wirtschaftlichen Situation strebt.

Karl Marx Beitrag für die Wirtschaftssoziologie besteht darin, dass er alle gesellschaftlichen Prozesse auf ökonomische Verhältnisse zurückführte und gleichzeitig das Wirtschaften als gesellschaftlichen Vorgang interpretierte, der immer in seinem historischen Kontext betrachtet werden muss. Für Max Weber wiederum sind es nicht die materiellen Verhältnisse, sondern vielmehr das ethisch-religiöse Bewusstsein, die die ökonomische Lebensführung wesentlich bestimmen. Die Beschäftigung mit dem Kapitalismus als kulturell – historische Epoche, ähnlich dem Feudalismus, führte ihn schließlich zu der Erkenntnis, dass es sich beim Kapitalismus um ein Kulturphänomen handelt, d.h. der moderne Kapitalismus ist nicht nur auf die Marktteilnehmer beschränkt, sondert wirkt sich auf alle Menschen in der Gesellschaft aus, greift tief in ihren Alltag ein und bestimmt die Lebensführung jedes Einzelnen. Weitere wichtige Beiträge zur Wirtschaftssoziologie leisteten im 20. Jahrhundert die Arbeiten von Joseph Schumpeter, Talcott Parsons zur Theorie sozialer Systeme bzw. die Weiterentwicklungen und Neuformulierung von Niklas Luhmann zur soziologischen Systemtheorie.

In den verschiedenen wirtschaftssoziologischen Theorien drückt sich auch die zunehmende Kritik am Modell des homo oeconomicus aus, welches etwa in der volkswirtschaftlichen Neoklassik eine zentrale Rolle spielt. Ein Paradigma, dass sich so stark auf mikroökonomische Prozesse konzentriert und das sich rational verhaltende Individuum ins Zentrum seines Erkenntnisinteresses rückt, müsse aus Sicht der Wirtschaftssoziologie zwangsläufig die Sicht auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Entwicklungen verlieren. Im Gegenzug gab es auch Versuche den methodologischen Individualismus in der Soziologie zu verankern (Rational Choice Theorie).

Die moderne Wirtschaftssoziologie, die sich in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA entwickelte, bekräftigte die bekannten Thesen, dass Wirtschaft in ein Gesellschaftssystem eingebettet ist und sich wirtschaftliches Handeln nicht auf individuelle Motive zurückführen lässt. Wirtschaftliches Handeln ist also in höchstem Maße sozial geprägt. Bedeutende Vertreter sind Mark Granovetter (Theorie sozialer Netzwerke) Amitai Etzioni (Sozioökonomischer Ansatz), Richard Swedberg und Paul DiMaggio.

Bedeutende Werke der Wirtschaftssoziologie

  • Weber, Max (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der Verstehenden Soziologie. Hrsg.: Johannes Winckelmann, Mohr, Tübingen
  • Schumpeter, Joseph (1942), Capitalism, Socialism, and Democracy
  • Polanyi, Karl (1977): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Europa Verlag, Wien
  • Parsons, Talcott/ Smelser, Neil J. (1984): Economy and Society. A study in the integration of economic and social theory. Routledge, London
  • Luhmann, Niklas (1991): Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main
  • Granovetter, Mark (1985): Economic Action and Social Structure: The Problem of Embeddedness. The American Journal of Sociology, Vol.91, S.481-510
  • Baecker, Dirk (2006): Wirtschaftssoziologie, Bielefeld, transcript [1]
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