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Fever (Roman)

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Fever ist ein Roman von Leslie Kaplan, der sich mit der Frage der Willensfreiheit, von Schuld und Verantwortung und mit dem Generationenproblem auseinandersetzt.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Das Buch ist ein philosophischer Adoleszenz-Roman. Zwei Klassenkameraden ermorden in Paris eine junge Frau, gefunden nach dem Zufallsprinzip, anscheinend ohne jedes Motiv (ein "acte gratuit"). Zunehmend belastet die Tat sie. Vom Unterricht angestoßen, wollen sie die Geheimnisse ihrer Großeltern aus der Zeit der deutschen Besetzung (1940 – 1944) des Landes enträtseln, jedoch Pierres jüdischer Großvater schweigt eisern. Damiens Opa, in der Kollaboration ein junger Beamter, weicht allen konkreten Nachfragen aus. Die Jungen beschäftigen sich nun mit den Deportationen von Juden in die Vernichtungslager im Osten und mit dem Papon-Prozess Ende der 90er Jahre. Sie lesen Zeugnisse über junge jüdische Opfer der Kollaboration und stoßen auf die Wannsee-Konferenz, den gesamteuropäischen Mordplan der Nazis und der Wehrmacht, und Hannah Arendts Eichmann-Buch. Das Schweigen der Großväter und ihre Beschäftigung mit den Tätern des deutschen Judenmordes lassen sie immer mehr in Alpträume und Angst geraten. Wie verrückt laufen sie im Quartier Montparnasse herum, auf der Flucht vor sich selbst und vor der familiären Vergangenheit, während sie zugleich erfolgreich das Abitur ablegen.

Anders als bei Holocaust-Themen üblich, wird nicht eine Biografie, Autobiografie oder Leidensgeschichte erzählt, sondern die sechs (z.T. auch nur versuchten) Deportations-Fälle und die Figur des Eichmann bilden Topoi, um die Hauptaussage des Buches - das Schweigen lässt Verbrechen weiterwuchern - zu untermauern. Wie auch sonst, schreibt Kaplan in einer musik-ähnlichen Sprache, mit vielen Wiederholungen, wobei jedes Wort eine eigene Nuance bildet, und mit einer ungewöhnlichen Interpunktion.

"Fever" ist sowohl fiktional, beginnend mit seiner Rahmenhandlung, dem Mord, als auch dokumentarisch, in den wie journalistisch geschriebenen Berichten über den Papon-Prozess sowie über Eichmanns mörderische Tätigkeit. Beide Ebenen mischen sich bisweilen, z.B. in den Szenen, in denen ein Dämon die realen Gewissensbisse Damiens verstärkt. Die inhaltliche Klammer zwischen den beiden Ebenen ist die Frage nach der Verantwortung von Menschen für ihre Taten, die Kaplan sowohl an die jugendlichen Mörder als auch (mit Arendt) an die Nazitäter richtet.

Als Literaturgattung kann man "Fever" gut als Parabel in Romanform, auffassen, da das Buch anregt, im Schicksal der gezeichneten Generationen allgemein-menschliche Probleme zu erkennen.

Die Schule, die Philosophie

In Fever werden die letzten drei Monate einer Klasse vor dem Abitur erzählt, mit Schwerpunkt auf dem Fach Philosophie, weiterhin Geschichte und Englisch. Im Unterricht der beliebten Philosophie-Lehrerin, die äußerlich dem Mordopfer ähnelt, wird lebhaft diskutiert, über Hannah Arendt, über den Zufall im Leben und in der Psychologie (Freud), über Eigenverantwortung.

Als die Jungen den Mord ins Auge fassten, im Herbst zuvor, sollte es ein Experiment sein: den Zufall für sich arbeiten lassen, frei sein. Das geplante Verbrechen übte eine große Faszination auf sie aus: Er war geblendet, von einem grellen Licht... Das ist eine grandiose Idee. Nach dem Mord allerdings ziehen sich die beiden immer mehr aus der Klassengemeinschaft zurück, ihre zeit-intensive Beschäftigung mit der Shoa und ihre Verrücktheit stören die Kommunikation mit den anderen. Sie werden zu Außenseitern. Ihre Selbstachtung wird immer geringer, der Mord war gerade kein Beweis ihrer Freiheit, sondern im Gegenteil, der ihrer Verstrickung in die zwei Familiengeschichten.

In der Schule gibt es viele Anspielungen auf Figuren der Literatur- und Geistesgeschichte, Antigone, Hamlet, Kant, Spinoza. Der Unterricht in der Abschlussklasse ist anspruchsvoll, die jungen Menschen sind meistens begeistert. Am Beispiel Antigones diskutieren die Schülerinnen und Schüler die Frage, ob im Konfliktfall dem Gewissen oder dem Gesetz der Stadt mehr zu gehorchen ist. Die beiden Jungen haben sich durch den Mord gegen das Gesetz gestellt - gab ihnen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft (z.B. die Arbeitslosigkeit) ein Recht dazu?

Zu den spaßigen Teilen in Fever gehört eine Diskussion, die zwei eingeladene Lehrer vor der Klasse halten, über Kapitalismus und Globalisierung. Kaplan stellt die beiden sehr ironisch dar, sie hacken aufeinander herum, haben aber überhaupt nicht das Schülerpublikum im Blick, was diese natürlich merken. Sie scheinen einen altbackenen Schlagabtausch zu führen.

Das Thema Nazi- und Kollaborationsverbrechen kommt in der Schule im Blickwinkel Arendts vor. Eine Mitschülerin hält ein Referat über die Occupation. Pierre selbst spricht erst in der Schlusswoche vor dem Abitur, als "Hamlet" zum Thema wird, plötzlich und spontan über seine intensive Lektüre in den letzten Wochen. ...begann er hastig und unzusammenhängend über Vichy zu sprechen, über die Spuren von Vichy, über Eichmann, ... es sprudelte nur so aus ihm heraus ...

Jugend, die Adoleszenz, die Frauen, die Arbeit

Die beiden Hauptfiguren benehmen sich oft pubertär, schon der lange geplante Mord sieht zunächst aus wie ein aus dem Gleis geratener Dummer-Jungen-Streich. Besonders am Verhältnis zu Frauen zeigt sich, dass ihnen die Einfühlung in andere Menschen fehlt. Ihr Verhalten zur Lehrerin schwankt zwischen erotisch gefärbter Anziehung und Angst vor ihrer Überlegenheit. Im Unterbewusstsein lauert eine Geringschätzung von Frauen, einmal stellen sie Frauen mit „Juden“ gleich, ein anderes Mal ruft Damien aus vollem Herzen: Nieder mit den Frauen!. – Im Gegensatz dazu zeichnet Kaplan Mitschülerinnen und Mitschüler und andere junge Leute positiv und lebendig, in der Schule oder Freizeit.

Kaplan zeichnet die Adoleszenz sowohl philosophisch, wie bei Dostojewski, als Anrennen gegen die Normen. Aber auch psychologisch wird argumentiert, die beiden morden aus pubertärem Größenwahn. Die Schüler hatten, als Zitat von Hannah Arendt, gelernt, dass der Mensch nur in Gemeinsamkeit existiert: Es sind "die Menschen" und nicht "der Mensch", welche die Erde bewohnen. Damien und Pierre wollen den Gegenbeweis dazu antreten: es kommt auf den Einzelnen in seinem Nihilismus und radikalen Individualismus, mit seiner subjektiven Ästhetik an: Diese Frau oder eine andere, sie hatten kein Motiv, keinen persönlichen Beweggrund, sie ließen den Zufall entscheiden, und wenn sie den Zufall entscheiden ließen, dann konnten sie nicht in Verdacht geraten, dann würden sie der Strafe entgehen, ganz sicher. Kurz gesagt, dann waren sie die Größten. Leicht? Eher einfach, wie ein mathematischer Beweis, der sich durch Einfachheit auszeichnet, daher seine Schönheit, seine Eleganz, wie Damien gerne sagte, der Vergleich gefiel ihm. Dadurch wird der Mord verklammert mit den politischen Ereignissen der vierziger Jahre: als Damiens Großvater sich weigert, über seine Zeit als Gleichaltriger zu berichten, geraten die Jungen völlig aus dem Gleis.

Eine Nebenfigur, Yves, hat eine (bei weitem nicht so üble) Untat begangen, er hat einen Lehrer aus dem Fenster gehängt, er stellt sozusagen eine proletarische Variante der beiden Jungen dar. An diesen Stellen reflektiert Kaplan, mit den Worten des arbeitslosen Vaters von Yves, über den Sinn der Arbeit, das literarische Hauptthema seit ihrem ersten Werk Exzess. Yves' Vater sagt: Ich habe mein Leben lang gearbeitet, aber eigentlich weiß ich nicht, was das ist, arbeiten. ...Alles wird ausgelöscht... Zu Lebzeiten der Menschen wird alles ausgelöscht. ... Die Menschen werden ausradiert.

Obwohl der Roman nur innerhalb eines halben Jahres spielt, ist es ein Adoleszenzroman - über eine misslingende Bildung von Identität, der Reifung zum Mann. Auf das Misslingen verweist sowohl, als Knalleffekt, der Mord am Beginn, als auch ihr Irrewerden im weiteren Verlauf. Pierre und Damien schaffen es nicht mehr, ein gelungenes Verhältnis zu Gleichaltrigen oder den (Groß-)Eltern aufzubauen. Die intensive Lektüre von Büchern und Artikeln über die Kollaborateure und über Eichmann ersetzt ihnen die Antworten, die sie bei diesen nicht erhalten - Identitätsgewinn durch ein Selbststudium. ... begann er zu recherchieren und klapperte Buchhandlungen ab. Er spürte eine große Dringlichkeit, er stand kurz vor dem Explodieren... Damien las hastig, er verschlang die Texte, er verleibte sie sich ein... (Es) schwebte über all diesen präzisen, stichhaltigen Informationen, den Tatsachen ..., die er anhäufte, etwas anderes, ein Eindruck, ein Gefühl, aber welches ? (141f.)

Paris Montparnasse, Leben und Tod

Fever ist auch ein Paris-Roman , vor allem über das Quartier Montparnasse. Die Jungen laufen viel herum, das tägliche Leben der Einwohner, Läden, Parks und Friedhöfe werden geschildert. Es überwiegt, von den beiden Tätern abgesehen, eine heitere Grundstimmung, die vor allem der titelgebende Song Fever markiert. Deshalb dient dieses englische Wort auch für beide Sprachversionen (das Original und die Übersetzung) als Titel. Der Song kommt immer wieder vor, er wird als Text wiedergegeben, er ist das Symbol für die hier vorgestellte Generation, und vor allem für die ihrer Eltern. Das Buch ist ein Beispiel, wie ein modernes Musikstück eine Erzählung wie ein Leitmotiv durchzieht und die Emotionen ausdrücken hilft.

Auf dem Friedhof Montparnasse halten sich die Jungen öfters auf, unter anderem trifft Pierre hier eine junge Frau, die im Selbstgespräch mit ihrer toten Mutter redet. Damit wird die Auseinandersetzung mit dem Tod in den Roman eingeführt. Der Tod ist ein Symbol für das Überflüssig-Werden von Menschen, wie auch bei Hannah Arendt. Menschen, die nichts zu tun haben ... Sie fühlen sich nutzlos, überflüssig. Sie sind unbrauchbar, ihr Leben ist vergeblich. Sie sind aus der Gesellschaft herausgefallen. Sie können an nichts teilhaben, das ist, als lebten sie auf einem Friedhof... Im Lauf des Romans beherrscht die Idee des Todes zunehmend die jungen Männer.

Wir blicken ausführlich in die Familien der Täter, die äußerlich einen Drei-Generationen-Zusammenhang bewahren, mit regelmäßigen Anlässen, zum Beispiel Sonntagsessen. Die Familiensituationen sind oft spaßig. Auffallend farblos bleiben die Eltern der beiden Täter, sie sind ja das Bindeglied zwischen den Großvätern, die den Generationszusammenhang durch (Ver-)Schweigen unterbrechen, und den Jungen. Die Väter sind nur an Arbeit interessiert, die Mutter Damiens lebt eine traditionelle Frauenrolle aus (Kochen, Erotik), Pierres Mutter ist labil, sie gerät schnell in Wut über Kleinigkeiten. Kaplan zeigt, dass schon für die Elterngeneration die familiäre Tradition, eine Weitergabe von Lebenserfahrungen, unterbrochen war. Die Eltern konnten das noch aktivistisch verdecken. Erst bei den Enkeln wird die Leere, welche die Nazi-Verbrechen erzeugten, offen sichtbar.

Kaplan ist deutlich vom Film beeinflusst. In Fever gibt es dazu eine Schlüsselszene. Pierre und seine Mutter sehen sich Stromboli an, der Film bewegt sie sehr stark, er bildet für die beiden ein Symbol menschlicher Existenz: durch die Katastrophe verändern wir uns, wir leben wie im Exil. (Andernorts lobt Kaplan an Roberto Rossellini, er "enthülle das Geheimnis des Kinos".)

Judentum

Pierres Familie ist jüdischer Herkunft. Alle Blutsverwandten des Großvaters Elie haben die Nazis in Galizien ermordet. Auch seine spätere Frau war deportiert worden, sie hatte aber überlebt. In der Wohnung leben drei Generationen zusammen, es ist unruhig.

Was bedeutet das Judentum dieser Familie in Fever? Es heißt zunächst: Erinnerung an das Leid. Oft überträgt der schweigende Großvater eine diffuse Traurigkeit auf Pierre. Das Trauma des Elie ist sehr groß, er fühlt sich wie im Exil, bisweilen empfindet auch der Enkel so: einsam, verlassen. Elie erinnert den Enkel an den ewigen Juden, der ruhelos durch die Welt streift. Das Buch liegt herum, Pierre hat es nicht gelesen. Und im Teeladen, den seine Großmutter und Mutter gemeinsam betreiben, hängt ein Talmud-Spruch an der Wand, der besagt, dass der Mensch nicht nur für sich allein lebt. Im Ganzen also ein wenig formelles Judentum, ungebunden, humanistisch, wie bei Spinoza, diesem kränklichen, lebensfrohen Juden, den seine Gemeinde der Theologie wegen hinausgeworfen hatte. Mit ihm hatte sich Pierre in der Schule gerne beschäftigt.

Die Shoah nimmt Pierre aber auch zum Anlass, an Gottes Gerechtigkeit überhaupt zu zweifeln (Theodizee). Gott hatte seinem auserwählten Volk den Rücken zugekehrt, er hatte zugelassen, dass es fast vernichtet wurde. In den Worten Pierres: Gott ist ein Versager.

Die Kollaboration

Damiens Großvater verweigert seinem Enkel eine Auskunft darüber, was er als junger Mann gedacht hatte, und wie konkret er in Deportations-Verbrechen verwickelt war. Der Frage Warst du in der Résistance ? weicht er aus. Indem er Verbrechen, die man ohne innere Beteiligung, ohne ein Motiv, begeht, nicht als solche einstuft, liegt der Schluss nahe, dass er selbst durchaus aktiv an solchen beteiligt war. Die beiden Jungen vermuten daher Böses, bekommen aber nichts Genaues heraus. Bis zu diesem Tag hatten beide ein ganz herzliches Verhältnis zu ihren Opas. Als Damien an einem gerahmten Kinderfoto von sich vorbeikam, das auf dem Kaminsims stand, durchströmte ihn ein angenehmes Gefühl, das mehr als angenehme Gefühl, diese Ähnlichkeit sei da, greifbar, etwas, das nur für ihn gemacht war, ein Erbe und Geschenk. Jedoch das Schweigen der Opas treibt sie in den Wahn. Deswegen greifen sie zu schriftlichen Quellen, zuerst aus dem Papon-Prozess mittels Zeitungen, dann zum Eichmann-Buch. Und erst recht die Lektüre lässt sie immer verzweifelter werden, wie versteht man jene Welt, in der tagtäglich und überall das Böse herrschte? Schließlich merken sie, dass auch ihre eigene Tat zur Reihe des Bösen in der Geschichte gehört. Das wird symbolisiert durch die Figur eines Eichmann-ähnlichen, schmutzigen Clowns, der Damien in seinen Alpträumen heimsucht.

Kaplan schildert einige konkrete Fälle aus dem Prozess gegen Papon, welche die Verantwortungslosigkeit dieses Karriere-Bürokraten zeigen, der mit einem Federstrich 1410 Juden aus Bordeaux in den Tod schickte. Aber auch kleinere Kollaborateure, Zeitungsschreiber, Polizisten, Verwalter, zur Zeit der Occupation werden bei ihrem miesen Job betrachtet. In diesen Passagen, wie auch bei denen über Eichmann, verlässt der Roman die Ebene der Fiktion und wird stellenweise zum Tatsachenbericht.

Die Opfer

Mit den bisher meist unbekannten Fallgeschichten wird den Opfern ein Denkmal gesetzt. Kaplan meint, dass der einzelne Franzose durchaus Handlungsräume hatte, jeder konnte sich in der schlimmsten Situation, sogar angesichts der Deportation, menschlich –oder eben mörderisch- zeigen. Deshalb dokumentiert sie Beispiele der Hilfe für Juden, auch vergeblicher Versuche dazu.

Die Opfer, welche Kaplan aus dem Papon-Prozess erwähnt, sind:

  • Sylvain Mohlo, 15 J., und sein Bruder, 13 J. (gerettet durch Einsatz ihres Vaters und durch Glück);
  • Irma Reinsberg, 20 J. alt, beim 2. Flucht-Versuch den Nazis entkommen;
  • Robert Goldenberg, geb. 26. August 1903 in Paris, verheiratet mit einer Nicht-Jüdin. Deportiert am 26. Juni 1942 von Bordeaux nach Drancy, mit Unterschrift Papons. Von dort nach Auschwitz deportiert mit Transport Nr. 62; ermordet in Auschwitz am 25. November 1943;
  • Marie Reille (es gab ein Hin und Her, ob sie nach den Nazi-Gesetzen Jüdin war, sie befand sich bereits in Auschwitz, sah den rauchenden Schornstein, sie wurde zurückgeholt, gerettet durch Einsatz ihres Mannes und von Freunden) [1];
  • Sabatino Schinazi (Arzt, geb. 28. Juni 1893 in Mehalla-Kebir/Ägypten, frz. Nationalität, Vater von 9 Kindern, deportiert am 25. November 1943, gestorben im KZ Dachau am 23. Februar 1945); (mit ihm deportiert und später ermordet wurde sein Sohn Daniel Schinazi, geb. 26. Januar 1922 in Bordeaux. - Nach Dr. Schinazi ist heute eine Straße in dieser Stadt benannt.) [2]
  • Abraham Slitinsky, geb. 4. März 1880 in Elisabethgrad (Russland), Deportation nach Drancy am 26. Oktober 1942, von da nach Auschwitz am 6. November 1942, dort ermordet am 13. November 1942; und seine Kinder Alice und Michel, beide gerettet. (Auf Michel wurde bei der Flucht von frz. Polizei geschossen; er ging 17jährig in das Maquis in der Auvergne und war in der Résistance aktiv, er brachte durch jahrzehntelanges Beharren den Papon-Prozess zum Laufen.) [3]

Die Deportationen aus Bordeaux wurden publizistisch begleitet von der Zeitung "La Petite Gironde" mit dem klassischen Satz des Antisemiten: Fortan wissen wir, dass wir bei allen Miseren, Konkursen, finanziellen Katastrophen, Skandalen oder Kriegen nach dem Juden dahinter suchen müssen.

Eichmann, die Wannsee-Konferenz, Hannah Arendt

Durch den Papon-Prozess und die Lektüre in der Schule stoßen die Jungen auf die Figur des Adolf Eichmann, über dessen Darstellung durch Hannah Arendt bis heute Kontroversen bestehen (siehe dazu von ihr selbst: Über das Böse München: Piper, 2006). Seine Äußerung im Jerusalemer Prozess ...und ich sah Heydrich rauchen und trinken über seine Rolle bei der Wannsee-Konferenz zeigt sein Karriere-Streben, der Satz wird schließlich zum „Passwort“ in der Kommunikation der Jungen, die immer oberflächlicher wird. Fever ist in wesentlichen Teilen ein Palimpsest, ein literarisch-fiktives Überschreiben des Eichmann-Buchs, ergänzt mit anderen Arendt-Gedanken über die Kommunikation zwischen den Menschen, Freiheit und Schuld.

Eichmann war ein karrierebewusster, gewissenloser Schreibtischtäter, der begeistert die Aufgabe übernahm, die europaweiten Eisenbahnzüge in die Vernichtungslager auszulasten und zu organisieren. Er behauptete, den Anblick der Mordtaten, zu dem ihn sein Vorgesetzter Heinrich Müller bisweilen in Ostpolen und Galizien nötigte, schlecht verkraftet zu haben. Zur Abwehr minimaler Zweifel, die er gehabt haben könnte, schuf er sich eine von der Realität getrennte Scheinwelt aus Klischees, Sprachregelungen, welche die Nazis und die Kollaborateure erfunden hatten, eine Phantastik, die Eichmann bis zur Minute seiner Hinrichtung aufrecht hielt.

Kaplan schließt mit Arendt: die Welt wird solange lebenswert sein, wie es Menschen gibt, die sich dem herrschenden Trend zur Vernichtung entgegen stellen. Auch in einer Umgebung tiefster Finsternis, wie der deutschen Herrschaft über Europa, lässt sich Menschlichkeit bewahren und Widerstand leisten, so, wie es die Regierungen bestimmter Länder (Dänemark, Bulgarien) gegen das Deportations-Verlangen der Deutschen gemacht haben. Zum gesamten Vergleich zwischen dem Buch und H. Arendt siehe Weblinks.

Quelle

Leslie Kaplan: Fever. Berlin-Verlag, 2006, ISBN 3827006287 (Band 5 der Reihe "Von jetzt an" Depuis maintenant) Aus dem Französischen (Paris 2005) übersetzt von Sonja Finck. Das Buch erhielt den André-Gide-Preis für deutsch-französische Literaturübersetzungen 2006.

(Werk nicht verwechseln mit dem gleichnamigen deutschen Buch für Kinder von Susanne Fülscher, 1999, das unter 12jährigen spielt.)

Ähnliche Themen in Medien

  • Truman Capote Kaltblütig Ein verabredeter Mord durch ein Mörderpaar, als Raubmord
  • Alfred Hitchcock (Regisseur) Rope (1948) dt. Cocktail für eine Leiche nach dem Theaterstück The Rope (Mord als "intellektuelles Vergnügen" und aus der Einbildung heraus, ein Übermensch zu sein); der reale Kriminalfall, der dahinter steht, hat auch die Filme Compulsion (=Der Zwang zum Bösen) von Richard Fleischer und Swoon von Tom Kalin und Mord nach Plan von Barbet Schroeder inspiriert.
  • Günter Grass, Autobiographie (2006): Damiens Opa gibt in "Fever" als Grund für seine Arbeit in der Kollaboration, bei den Vichy-Behörden an, er wollte der familiären Enge in der Provinz, in (Clermont-Ferrand) entfliehen. Grass sagt über seine Mittäterschaft in der Waffen-SS: Mir ging es zunächst vor allem darum rauszukommen. Aus der Enge, aus der Familie. Das wollte ich beenden, und deshalb habe ich mich freiwillig gemeldet. Die Ähnlichkeit lohnt ein weiteres Nachdenken über den Zusammenhang von männlicher Jugend und Totalitarismus.
  • Ödön von Horváth Jugend ohne Gott Ausg. Suhrkamp-Basisbibl., S. 139; das Motiv des pubertären Größenwahns durch Mord: ... dass der T zuschauen wollte, wie ein Mensch kommt und geht. ... Er wollte alle Geheimnisse ergründen, aber nur, um darüberstehen zu können - mit seinem Hohn. Er kannte keine Schauer, denn seine Angst war nur Feigheit. Und seine Liebe zur Wirklichkeit war nur der Hass auf die Wahrheit...

Literatur

  • Niklas Bender Schuld und Sühne in Paris (Zwischentitel: Ein Schulreferat im Roman in: Literaturen (Zeitschrift) Berlin: Friedrich, Heft 07-08/2006, 110f (nicht online lesbar; viele sachliche Fehler)
  • Thomas Laux Vererbte Schuld ? in: NZZ vom 23. August 2006 (siehe jedoch das genaue Zitat der Autorin im Gespräch mit dem Deutschland-Funk 2006, Wiedergabe unten),[4]

Weblinks

  • [5] Leseprobe aus Kapitel 1 (dt.) entspr. S. 9 - 12 des frz. Orig.
  • [6] dasselbe (frz.) S. 9 - 15 (dort auch zahlreiche Rez. in Franz.)
  • [7] Rede der Übersetzerin Sonja Finck über den Roman, franz. (aus Anlass der Verleihung des André-Gide-Preises)
  • Rezensionen:
    • [8] Deutschlandradio Kultur, als podcast: [9]
    • [10] Aviva Online-Rezensionsdienst
    • [11] Rez. von Wolfgang Haan (Printversion: [12]
    • [13] Marie Luise Knott im Hannah Arendt Netzwerk Berlin
    • [14] Deutschlandfunk Büchermarkt (in der Sendung äußert sich die Autorin selbst, siehe dazu unten)
    • [15] FAZ 5.10.06 von Ingeborg Harms. Eine sehr gelungene Rezension, mit dem Schwerpunkt auf den psychologischen Aspekten des Romans (auch in: www.perlentaucher.de)
    • [16] Kurzrezension für Jugendliche, Evang. Kirche Kurhessen-Waldeck
  • Zu den Schwierigkeiten Frankreichs im Umgang mit der Vergangenheit, vor allem Vichy und dem Algerien-Krieg, ist informativ: [17]
  • Ausführliches Dossier über Papon und die Prozesse in frz.: [18]>Dossiers >Dossiers précédents >Le Procès Papon, dort auch große Bibliographie, Gerichtsbeschluss vom Februar 2006 über die dauerhafte Veröffentlichung von Aufnahmen aus dem Prozess (>Publication judiciaire de Fevr. 2006)
  • [19] Vergleich von Fever mit Hannah Arendts Gedanken (über Zwischenmenschlichkeit, Eichmann, Moral)
  • [20] Zum Thema "Überlieferung des Holocaust in den Generationen" (Literaturübersicht, meist psychologische Titel)
  • [21] Hervorragende, aktuelle (2006) Darstellung des Forschungsstands zur Occupation, Literaturhinweise, zur weiteren Archivarbeit

Die Autorin über den Roman (2006)

Die Tatsache, dass man zu zweit ist, macht es leichter, weil man sich zusammen vorbereiten kann. Es hat solche Geschichten ja schon gegeben. Ich denke da an den Hitchcock-Film 'Cocktail für eine Leiche', wo zwei Halbwüchsige einen dritten töten, einen ihrer Kumpel. Und auch dort gibt es übrigens einen philosophischen Zusammenhang, wenn auch keinen historischen, der ist meine Erfindung, weil ich persönlich davon betroffen war. Und es gibt das ziemlich berühmte Verbrechen, das Truman Capote in seinem Buch 'Kaltblütig' beschreibt, wo sie auch zu zweit sind.

Ich wollte zum einen etwas über Jugendliche heute schreiben, zum anderen etwas über das Gewicht der Geschichte, wie sich die Dinge übertragen, wie sich die Vergangenheit völlig unbewusst vererbt. Und dafür braucht man nicht wirklich die Psychoanalyse: Die Generationenfrage, die Frage, was von Generation zu Generation weitergegeben wird, betrifft jeden von uns und auch sämtliche Humanwissenschaften.

Was diese Art von Mord ... angeht, so glaube ich, dass sie über die Milieus hinweg reichen. Natürlich gibt es solche Gewalt, wie man oft sieht, in den Vorstädten, in den benachteiligten Schichten. Das hängt dann oft mit ökonomischen Bedingungen zusammen - und es gibt in meinem Buch ja auch diesen Jungen aus der Vorstadt, der seinen Lehrer fast aus dem Fenster geworfen hätte. Aber ich glaube, dass so etwas auch in wohlhabenden, begünstigten Kreisen vorkommen kann, dass sich die Frage der Vergangenheit, die Frage des Verbrechens auch dort stellen kann.

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