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Etikettierungsansatz
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Der Begriff Etikettierungsansatz oder englisch Labeling Approach bezeichnet in der Kriminalsoziologie, genauer: der kritischen Kriminologie, zwei Ansätze zur Einstufung von Personen und Taten als "kriminell".
Inhaltsverzeichnis |
Positionen
Folgende Positionen diesbezüglich können unterschieden werden.
Einige Vertreter dieses Ansatzes (approach) und Anhänger eines "Karrieremodells" (z.B. Stephan Quensel, in seinen Frühschriften) gehen zunächst einmal davon aus, dass oft in der Frühphase der Verfolgung einer eventuellen Straftat weniger konkrete Verdachtsmomente als allgemeine berufliche oder laienhafte Vorurteile bei z.B. Polizisten oder Betroffenen dazu führen können, jemanden zu verdächtigen. So kann es passieren, dass in Hinblick auf den/die verdächtigte/n Täter/in mit Hilfe eines offensichtlichen Merkmals, ein angeblich (straf-)taterklärendes Etikett (label) konstruiert wird. (vgl. auch Stigma). So erleichterten rote Haare bei einer Frau während der Hexenverfolgungen im Mittelalter bspw. ihre Etikettierung als "Hexe". In den Siebzigern des letzten Jahrhunderts waren es dann z.B. lange Haare bei Männern, die ein Etikett "langhaarige Bombenleger" nach sich ziehen konnten. Diese Vertreter gehen des Weiteren davon aus, dass bspw. ein Jugendlicher, der im Affekt tatsächlich eine unerlaubte Tat begangen hat und in der Folge von seiner Umwelt (Polizei, Eltern etc.) zu hören bekommt er "sei" ein "Krimineller", in der Folge in einem negativen Selbstbild ("Ich bin ein Krimineller") bestärkt wird, was wiederum zu weiteren, schwereren, Gesetzesübertretungen führen könne.
Vertreter der zweiten Position (z.B. Fritz Sack, Heinz Steinert, Helga Cremer-Schäfer, Wolfgang Keckeisen aber auch Stephan Quensel, in seinen Spätschriften) sprechen der Tat, die als "kriminell" bezeichnet wird, dagegen jeden ontologischen Status als "kriminell" ab. In dieser Version, die von einer Diskussion über "Stigmatisierung" streng getrennt werden kann, geht es somit nicht um die Suche nach einer in der Person innewohnenden Ursache, die ihrem "kriminellen" Handeln zugrunde läge. Sondern es geht zunächst bloß um die Fragen, von wem, welches Verhalten, und warum, als kriminell beschrieben, eben "etikettiert", wird; und vom wem, welches Verhalten, und warum, nicht als kriminell beschrieben, etikettiert, wird. Überlegungen hinsichtlich der möglichen Ursachen sogenannter "krimineller Karrieren" werden demnach dann nicht geführt. Dagegen geraten solche Überlegungen über Grund und Zweck gesellschaftlich herrschender Gesetze, Regeln und Normen in den Mittelpunkt der Analyse. Mit Hilfe eines so verstandenen Labeling Approachs können aber nicht bloß solche Prozesse der Kriminalisierung, sondern jegliche Vorgänge in den Blick genommen werden, in denen andere Personen erfolgreich als "abweichend" etikettiert werden. Also bspw. auch solche der Pathologisierung ("krank-gesund", "gestört-normal"). Vertreter eines solchen Etikettierungsansatzes betreiben, im Gegensatz zur ersten Variante, also keine Selbstbildpsychologie, sondern versuchen vielmehr die hinter der Produktion und Vergabe von Etiketten liegenden (gesellschaftlichen) Interessen zu bestimmen.
Zur ersten Position: Das Karrieremodell
Annahmen des Labeling Approach, nach Stephan Quensel (1964), sind:
1. Kriminelles Verhalten ist ein Resultat gesellschaftlicher Normvorstellungen
2. Gesellschaftliche Reaktionen auf von der Norm abweichender Taten determinieren das kriminelle Verhalten im Menschen nur noch und stigmatisiert ("stempelt ab") ihn als Verbrecher, so dass er zu einer kriminellen "Karriere" gezwungen wird.
Das Schema hierzu:
- Abweichendes Verhalten einer Person führt zu einem Stigma ("Brandmarkung")
- dieses Stigma führt zu vermehrter Diskriminierung dieser Person von Seiten derer die "sein" Stigma kennen
- diese Diskriminierung führt zum sozialen Ausschluss aus der Gesellschaft
- dieser Ausschluss wiederum birgt für die Person als eine mögliche Bearbeitungsstrategie den Rückzug in die Verbrecherrolle
- es kommt zur weiterer Desintegration/Desozialisation der Person
- und schließlich zu einer kriminellen Karriere.
Zum Beispiel kann einem Jugendlichen der, einer Laune oder einer Mutprobe folgend, etwas in einem Supermarkt mitnimmt, ohne dafür zu bezahlen, das Stigma "kriminelle Person" angeheftet werden. Dieser kann in der Folge dieses Fremdbild für sich übernehmen und entsprechend handeln. "Ursache" für kriminelles Verhalten ist so betrachtet also die erst von gesellschaftlicher Seite vorgegebene Möglichkeit eine "kriminelle Karriere" ausfüllen - ein "Krimineller sein" zu können. Eine andere Möglichkeit das Handeln des Jugendlichen zu bezeichnen wäre beispielsweise von einer Form "alternativer Ökonomie" zu sprechen. Fragen die sich für den Jugendlichen an diese Beschreibung anschließen könnten (statt der Beschreibung: "kriminelle Person") wären zum Beispiel: "Warum muss ich eigentlich erst Geld verdienen, bevor mir gestattet ist meine Bedürfnisse zu befriedigen?" oder "Warum muss ich um Geld zu verdienen, zunächst das Interesse eines Anderen bedienen?" "Warum muss ich erst meine Nützlichkeit beweisen, bevor ich an meine eigenen Bedürfnisse denken kann?" die Etikettierung als "Krimineller" hingegen verunmöglicht solches Nachdenken. Gedanken wie "Ich tat etwas verbotenes!" "Mein Handeln ist nicht normal, ist gestört" sind somit wahrscheinlicher. Wahrscheinlicher, entsprechend des Karrieremodells von Quensel, ist dann auch, dass es zu weiteren Delikten kommt, und der Jugendliche schließlich "auf die schiefe Bahn" gerät, eine kriminelle Karriere beginnt. Der Betroffene kann aber auch anders reagieren: Er kann versuchen, das Bild, das Andere von ihm haben, zu verbessern. Dies ist jedoch nicht leicht und gelingt den Wenigsten. Er kann sich zurückziehen und resignieren oder aber, wie im Beispiel, er wird vollends in die Rolle des "Kriminellen" gedrängt und Kontrollinstanzen selbst bewirken in der Folge, dass er noch weitere Stigmata aufgedrängt bekommt. ("Nicht beschulbar, pädagogisch nicht erreichbar, verhaltensgestört...") Ein regelrechter Teufelskreis von Stigmatisierung - Probleme - unangemessene Versuche der Lösung der Probleme - weitere Stigmatisierung - Probleme -... kann die weitere Folge sein.
Quensels Kritik
Quensel kritisiert vor allem Funktion der Polizei und des Rechtsstaates. Er ist der Meinung, dass sie den Täter eigentlich erst in ihre kriminelle Rolle drängen und anstatt die Probleme des Täters zu lösen, weitere entstehen lassen. Als Beweis hierzu fügt er die hohen Rückfallraten freigelassener Häftlinge an.
Mögliche Maßnahmen: 1. Die Instanzen (Polizei...) müssten weniger stigmatisierend auf mögl. Täter zugehen. 2. Instanzen müssten für Jugendliche als postitiv erlebt werden (Polizei als Freund und Helfer) 3. Polizei müsste Initiative ergreifen, sich als Freund und Helfer zu präsentieren.
Handlungsbezug des Labeling Approachs
Um die Kriminalität korrekt zu erkennen und in einigen Bereichen zu verhindern, sind die déformation professionelle (~ die berufstypische Vorurteilsbildung) von Polizisten (die eigene Erfahrungen zu stark verallgemeinern) und allgemein die Vorurteile der Bevölkerung zu bekämpfen.
Kritik: Ein so verstandener Labeling approach kann nicht erklären, weshalb Angehörige aus sozial höher gestellten Milieus kriminell werden. Der Delinquente selbst kann an seinem Status als Krimineller nichts ändern, weil er ja nur das "Opfer" gesellschaftlicher Rollenzuweisung ist. Ein so verstandener Ettikierungsansatz schließt unter anderem auch den psychoanalytischen Ansatz aus, weil er täterabgewandt ist und keine anderen Erklärungen zulässt. Das Teufelskreismodell geht von der Stigmatisierung durch Instanzen und Institutionen(Polizei, Jugendamt etc.)aus und diese Prozesse lassen sich in der Realität durchaus beobachten!
Und Selbstkritik: In einer Kritik von Kriminalitätstheorien die Stephan Quensel 1986 formuliert, und die auch als eine Antwort auf seine eigenen Frühschriften verstanden werden kann, macht er deutlich, dass jede Kriminalitätstheorie (sein Karrieremodell eingeschlossen) die aufgrund von behaupteter Subjektlosigkeit den Täter zum "Reaktionsdeppen" degradiere, verworfen werden müsse. Dies gelte gleichermaßen sowohl für individualgenetische, global soziologische, marxistische, aber eben auch für eine große Zahl jener Theorien von Anhängern eines Etikettierungsansatzes. So kommt er zu dem Schluss, dass die ihrem spezifischen Inhalt nach eher dürftigen, gleichwohl aber plausiblen (was nicht mit richtig gleichzusetzen ist) und funktional brauchbaren Kriminalitätstheorien - unter dem Mantel ihrer Wissenschaftlichkeit - ungeachtet ihrer internen Unterschiede, gemeinsam das tiefergreifende "Wissen" vermittelten, daß es tatsächlich dieses Verbrechen, als eine Eigenschaft der "kriminellen Person", gäbe. Dieser Kritik wegen wird deutlich, dass Quensel nunmehr, im Gegensatz zu der Einordnung aus den Lehrbüchern dessen Autoren sein Karrieremodell bereitwillig nach wie vor drucken, ebenfalls zu der zweiten Fraktion radikaler Etikettierungsansatzvertreter zu rechnen ist. Denn "Kriminalität", so Quensel, sei in erster Linie zu begreifen als ein machtvolles Instrument herrschaftsstabilisierender "Legitimation" gegenüber Beherrschten wie gegenüber möglichen Machtkonkurrenten und als ein "pervertierter Diskurs" zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, die dem gleichen hegemonialen Glaubenssystem aufsässen.
Literatur
- Becker, Howard S. (1981): Aussenseiter : zur Soziologie abweichenden Verhaltens. Frankfurt: Fischer-Taschenbuchverlag.
- Cremer-Schäfer, Helga/Steinert, Heinz (1998): Straflust und Repression. Zur Kritik der populistischen Kriminologie. Westfälisches Dampfboot: Münster.
- Goffman, Erving (2003) Stigma : über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt: Suhrkamp.
- Keckeisen, Wolfgang (1976): Die gesellschaftliche Definition abweichenden Verhaltens: Perspektiven u. Grenzen d. labeling approach. München: Juventa.
- Quensel, Stephan (1964): Sozialpsychologische Aspekte der Kriminologie: Handlung, Situation u. Persönlichkeit. Enke: Stuttgart.
- Quensel, Stephan (1986): Let´s abolish theories of crime: Zur latenten Tiefenstruktur unserer Kriminalitätstheorien. In: Kriminologisches Journal 1. Beiheft 1986 S.11-23
- Schwind, Hans-Dieter (2006): Kriminologie. Heidelberg: Kriminalistik-Verlag.
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