Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Direct Cinema
Aus Kefk.
Direct cinema ist eine Form des Dokumentarfilms, die Ende der 50er Jahre und in den 60er Jahren entstand. Ihr Ursprung wird oft mit der Erfindung leichter Kameras sowie tragbarer Synchronton-Geräte in Verbindung gebracht, obwohl diese Art technologischen Determinismus umstritten ist. „Tatsächlich“, schreibt Claire Johnston, „wurde die leichte Kamera [aber nicht die tragbare Synchrontonmaschine] schon im Nazi-Deutschland der 30er Jahre für Propagandazwecke entwickelt; die Gründe, warum sie erst in den 50er Jahren allgemein verwendet wurde, bleiben unklar.“
Eine Pionierarbeit der neuen Form war Les Raquetteurs (1958) (The Snowshoers) von den Québecois Michel Brault und Gilles Groulx. Techniken des Direct cinema wurden auch im frühen feministischen Kino verwendet. In den USA gründete Robert Drew Drew Associates (für die auch Richard Leacock, D.A. Pennebaker, Terence Macartney-Filgate, und Albert and David Maysles arbeiteten). 1960 produzierte diese Gruppe für Time-Life Broadcast drei Filme: Yanqui, No!, Eddie (On the Pole), und Primary. Besonders Primary (ein Dokumentarfilm über die Vorwahlen der Demokraten 1960 in Wisconsin zwischen den Senatoren John F. Kennedy und Hubert H. Humphrey) definierten den Stil des Direct Cinema style.
Häufig wird zwischen Direct Cinema und Cinema Verité unterschieden. Filmhistoriker haben die Direct Cinema - Bewegung als eine nordamerikanische Version des Cinema Verité , einer Idee, die in Frankreich sich mit Jean Rouchs Chronik eines Sommers (1961) heraus kristallisierte, dargestellt. Cinema Verité benutzt die Macht der Kamera, um Reaktionen zu provozieren und etwas zu entdecken. Direct Cinema ist strikter an „reiner Beobachtung“ orientiert. Es beruht auf einem Übereinkommen zwischen dem Filmemacher, den Subjekten im Film und den Zuschauern als ob die Gegenwart der Kamera das gefilmte Ereignis nicht (substantiell) verändern würde. Im Direct Cinema versucht der Filmemacher wie eine Fliege-an-der Wand zu sein (die Erfinder des Direct Cinema hassten diesen Ausdruck). Allerdings wurde gerade dieses Streben nach Nichtintervention scharf kritisiert („Es ist klar, wenn das Kino aus der Produktion von Zeichen besteht, dann ist die Idee einer Nichtintervention eine reine Mystifikation. Was die Kamera tatsächlich erfasst, ist die ‚natürliche‘ Welt der dominierenden Ideologie.“ Johnston).
In einem 2003 geführten Interview (Zuber) erläuterte Robert Drew wie er den Unterschied zwischen Cinema Verité und Direct Cinema sah: „Ich hatte Primary und einige andere Filme gemacht. Dann fuhr ich mit Leacock zu einer Konferenz nach Frankreich [ein Treffen im Jahr 1963, das von der Radio Television Française gesponsert wurde]. Ich war überrascht zu sehhen, dass die cinema verité - Filmemacher Leute auf der Straße mit einem Mikrophon in der Hand ansprachen. Mein Ziel war es, das wirkliche Leben ohne eine Einmischung einzufangen. Zwischen uns bestand ein Widerspruch. Es machte keinen Sinn. Sie hatten einen Kameramann, einen Tontechniker und noch sechs andere - acht Leute, die sich herum drückten. Es war ein bißchen wie die Marx Brothers. Meine Idee war es ein oder zwei Leute zu haben, die unaufdringlich den Moment einfangen.“ (Ellis, Kapitel 14)
Um die Unterscheidung weiter zu verwirren, kann man darauf verweisen, dass obwohl Jean Rouch behauptete „Alles, was wir in Frankreich im cinéma vérité machen, kommt vom NFB“ (Originalzitat unten), das cinema vérité doch auch als französische Weiterentwicklung des cinéma direct von Brault und seinen französischsprachigen Kollegen des National Film Board of Canada gesehen werden kann.
Als Pioniere der Form benutzten Brault, Perrault und andere niemals den Ausdruck cinéma vérité, um ihre Arbeit zu beschreiben, da sie ihn zu prätentiös fanden. Sie bevorzugten „cinéma direct“. Und auch wenn sie zuweilen als Katalysatoren für Situationen wirkten (z.B. indem sie Leute baten wieder mit dem Fischen anzufangen) arbeiteten sie immer in kleinen Crews, die den gefilmten Menschen nahe standen.
Cinema Verité und Direct Cinema beruhen beide auf der Macht des Schnitts, um dem aufgenommenen Material eine Gestalt und eine Struktur zu geben. Es war nicht ungewöhnlich mit einem Verhältnis zwischen geschnittenem Material und fertigem Film von 40:1 oder sogar 100:1 zu arbeiten. Aus diesem Grund werden die Cutter von den Filmemachern oft als Co-Autoren des Werks angesehen.
Bibliographie
- Mo Beyerle (Hg.): Der amerikanische Dokumentarfilm der 60er Jahre. Direct Cinema und Radical Cinema. Campus-Verlag, Frankfurt am Main [u.a.] 1991
- Jean-Louis Comolli: Der Umweg über das direct. 1969. In: Eva Hohenberger (Hg.): Bilder des Wirklichen. Texte zur Theorie des Dokumentarfilms. Vorwerk 8, Berlin 1998, S. 242-265
- Jack Ellis: The Documentary Idea: A Critical History of English-Language Documentary Film and Video. Prentice Hall, N.J. 1989.
- Claire Johnston: Women's Cinema as Counter-Cinema. 1975, In: Sue Thornham (Hg.): Feminist Film Theory. A Reader, Edinburgh University Press 1999, S. 31-40
- Bill Nichols: Representing Reality. Issues and Concepts in Documentary. Indiana University Press, Bloomington 1991
- Dave Saunders: Direct Cinema: Observational Documentary and the Politics of the Sixties. Wallflower Press, London 2007.
- Sharon Zuber: Robert Drew, Telephone Interview, June 4, 2003. In: Re-Shaping Documentary Expectations: New Journalism and Direct Cinema. Unpublished Dissertation. College of William and Mary, 2004.
Zitat
«Il faut le dire, tout ce que nous avons fait en France dans le domaine du cinéma-vérité vient de l'ONF (Canada). C'est Brault qui a apporté une technique nouvelle de tournage que nous ne connaissions pas et que nous copions tous depuis. D'ailleurs, vraiment, on a la "brauchite", ça, c'est sûr; même les gens qui considèrent que Brault est un emmerdeur ou qui étaient jaloux sont forcés de le reconnaître.» Jean Rouch, Juni 1963, Cahiers du cinéma, No.144.
"Man muß zugeben, alles was wir in Frankreich im Bereich cinéma-vérité gemacht haben kommt vom ONF (National Film Board of Canada). Von Brault stammt eine neue Technik des Drehens, die wir nicht kannten und die wir seither kopieren. Übrigens, man hat wirklich den ‚Brault-Virus‘, das ist sicher; selbst die Leute, die Brault für eine Nervensäge halten oder die eifersüchtig waren sind gezwungen es zuzugeben."
Siehe auch
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Direct_Cinema, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
