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Digitale Kluft
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Der Begriff Digitale Kluft, auch Digitale Spaltung (von engl. digital divide) genannt, taucht seit den 70er-Jahren in der öffentlichen Diskussion auf. Sie ist eine Aktualisierung der Hypothese einer Wissenskluft, hier gemünzt in einen entwicklungspolitischen Zusammenhang.
Der Begriff steht für die These bzw. Befürchtung,
- dass die Chancen auf den Zugang zum Internet und anderen (digitalen) Informations- und Kommunikationstechniken ungleich verteilt und stark von sozialen Faktoren abhängig sind und
- dass diese Chancenunterschiede ihrerseits gesellschaftliche Auswirkungen haben, mit anderen Worten: Wer Zugang zu modernen Kommunikationstechniken hat, hat bessere soziale und wirtschaftliche Entwicklungschancen.
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Herkunft des Begriffs
Die Herkunft des Begriffes „Digitale Kluft“ bzw. „Digitale Spaltung“ ist umstritten. Mirko Marr (2005) erörtert dabei folgende mögliche Herkunftsmöglichkeiten:
- eine Datierung der erstmaligen Erwähnung des Begriffs kann (nach Kubicek & Welling 2000) durch Klärungsversuche der Mailingliste des „Digital Divide Networks“ in etwa auf das Jahr 1994 festgelegt werden. Weitere Bemühungen der Klärung des Begriffs über diese Ressource mussten ergebnislos abgebrochen werden.
- Servon (2002) zitiert andere Autoren, die diese Wortkomposition den Journalisten Webber & Harmon in einem Artikel für die Los Angeles Times zuschreiben, in dem es um eine zerrüttete Ehe aufgrund der exzessiven Online-Nutzung des Ehemanns ging.
- Arnold (2003) nimmt den südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki als Urheber des Begriffs an.
- Der ehemalige Präsident der Markle Foundation, Lloyd Morrisett wies auf Nachfrage von Benjamin M. Compaine (2001) die Urheberschaft für den Begriff von sich.
Die Digitale Kluft in der öffentlichen Diskussion
Der Begriff Digitale Kluft wird sowohl auf die Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft („Wohlhabende haben mehr Möglichkeiten als Arme“ oder „Junge nutzen das Internet häufiger als Alte“, „Männer mehr als Frauen“) als auch auf internationaler Ebene angewandt („In Industrieländern bestehen bessere Möglichkeiten als in Entwicklungsländern“). Der Begriff der Digitalen Kluft ist zugleich eine Anlehnung an die sogenannte Wissenskluft.
Die Diskussion um diesen Begriff muss in Zusammenhang mit der seit den 90er-Jahren verstärkt vertretenen These gesehen werden, nachdem die allgemeine Entwicklung auf eine Informations- oder gar Wissensgesellschaft zusteuert, in der die Zugriffsmöglichkeit auf und die Beherrschung dieser Technologien in hohem Maße für den persönlichen Erfolg einer Person entscheidend sein sollen.
Der Terminus „Digitale Spaltung“ war der Anlass für den UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) 2003 in Genf und 2005 in Tunis. Dort fand der Begriff „Digitale Spaltung“ breite Akzeptanz bei den Vertretern der Zivilgesellschaft und in den offiziellen Dokumenten. Welche Relevanz die digitale Kluft besitzt, ob sie größer oder kleiner wird, ist umstritten. Die Weltbank meldete 2005, die digitale Kluft schrumpfe - bezog sich dabei aber insbesondere auf die Nutzung von Handys.
Das Konzept der Digitalen Kluft ist umstritten. Kritiker bemängeln, dass sich die Digitale Kluft nicht empirisch belegen lasse. Insbesondere werde übersehen, dass die Entwicklungschancen weniger von technischen Gegebenheiten („Anschluss ans Netz“) abhängen, als von den Fähigkeiten der Menschen, mit diesen Techniken umzugehen: Analphabeten nützt auch ein Internetanschluss wenig. Aufgrund solcher Kritik wird der Begriff „Digitale Kluft“ heute längst nicht mehr nur im technischen Sinne (Konnektivität) verstanden. So sprach UN-Generalsekretär Kofi Annan im Zusammenhang mit der Digitalen Kluft auch von einer inhaltlichen Kluft (content divide): „Vieles im Netz geht an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen vorbei. Und 70 Prozent der weltweiten Internetseiten sind auf Englisch und verdrängen die regionalen Stimmen und Sichtweisen“, so Annan auf dem Weltgipfel in Genf.
Überwindung der Digitalen Kluft
Auch wenn auf dem WSIS-Gipfel die Existenz einer Digitalen Kluft unumstritten war, erzielten die Teilnehmerstaaten keine Einigung darüber, wie diese Kluft überwunden werden soll. Während viele arme Länder einen „Digitalen Solidaritätsfonds“ forderten, lehnten ihn die meisten Industriestaaten ab. Auch die deutsche Bundesregierung vertrat auf dem Gipfel die Position, dass die digitale Infrastruktur sich von selbst entwickelt - vorausgesetzt, es gibt einen echten Wettbewerb, was in vielen Ländern nicht der Fall ist.
Ein Projekt, welches den infrastrukturellen Zugang zu digitalen Informationen ermöglichen will, ist das gemeinnützige Projekt 100-Dollar-Laptop. Ziel ist es, einen vollwertigen Laptop für Schüler bereitzustellen, der mobil, innovativ und dennoch kostengünstig ist. Mittlerweile befindet sich das gemeinnützige One Laptop per Child Projekt unmittelbar vor Abschluss der Entwicklungsphase und vor Beginn der Produktions- und Auslieferungsphase an die einzelnen Länder. Verschiedene Entwicklungs- und Schwellenländer haben bereits Millionen dieser Schülerlaptops bestellt. Die Auslieferung erfolgt Mitte 2007.
Viele Anhänger der FLOSS-, Open-Content- und Open-Access-Bewegungen bauen darauf, dass ihre Strömungen zur Minderung der digitalen Spaltung beitragen werden oder bereits beigetragen haben. Ein Projekt, wie beispielsweise One Laptop per Child, wäre ohne die Existenz offener Standards und freier Open-Source-Software sehr viel schwerer realisierbar. Dieser 100-Dollar-Laptop wird mit Software unter GNU-Lizenz im Kombination mit einer Wikipedia-Datenbank ausgestattet sein. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales begründet sein Engagement für die freie Enzyklopädie damit, Menschen in armen Ländern freien Zugang zu Wissen zu ermöglichen und auf diese Weise ihre Bildungschancen verbessern zu helfen.
Digitale Spaltung weltweit
Weltweit sind die Industrienationen deutlich besser ans Internet angebunden als Entwicklungsländer. Die bisherige Spaltung setzt sich somit auch in der Informationsgesellschaft fort.[1] Die Entwicklungsländer holen jedoch auf. Internet und Handy werden von Hilfsorganisationen in der Dringlichkeit den Grundbedürfnissen gleichgesetzt, da diese für die Demokratie wichtig sind. [1]
Digitale Spaltung in Deutschland
Auch in Deutschland gibt es Anzeichen einer digitalen Spaltung. Zum einen hängt dies mit der uneinheitlichen Verbreitung von Breitbandzugängen zum Internet zusammen. Der Breitbandatlas des Bundesministeriums für Wirtschaft ist in diesem Zusammenhang in die Kritik geraten, weil er zu pauschal Gebiete als angeblich erschlossen ausweist. Die detaillierte Überprüfung zeigt häufig, dass vor Ort kein breitbandiger Internetzugang verfügbar ist. Gesellschaftliche Gruppen, darunter Bürgerinitiativen, Branchenverbände und kommunale Bündnisse aus Wirtschaft und Politik engagieren sich gegen die Benachteiligung durch mangelndes Breitband[1]. Weitere Aspekte der digitalen Spaltung könne mit Bildungsgrad bzw. dem Alter zu tun haben. Auch hier sind gesellschaftliche Benachteiligungen spürbar.[1]
Literatur
- Arnhold, Katja (2003): Digital Divide. Zugangs- oder Wissenskluft?. München
- Castells, Manuel (1996): The Rise of the Network Society; Oxford: Blackwell Publishers.
- Compaine, Benjamin M. (2001): The Digital Divide. Facing a Crisis or Creating a Myth?. Cambridge, London
- Deutscher Bundestag. (2002). Schlussbericht der Enquete-Kommission. Globalisierung der Weltwirtschaft – Herausforderungen und Antworten. (Kapitel 5.2.1 Digitale Spaltung, S. 262-277.)
- Gehrke, Gernot (2003): NRW online-offline. Gründe und Motive für die (Nicht-)Nutzung von Computer, Internet und Online-Diensten. In: Groebel, Jo; Gehrke, Gernot (Hrsg.): Internet 2002: Deutschland und die digitale Welt. Opladen, S. 223–297.
- Hooffacker, Gabriele (1995): Wir nutzen Netze. Ein kommunikatives Manifest, Göttingen: Steidl (Auszug)
- Katenkamp,Olaf (2002): Internet für alle, Neue Kulturtechniken im digitalen Graben; in: Zeitschrift ARBEIT, 2002, Heft 1 [1]
- Kubicek, Herbert/Welling, Stefan (2000): Vor einer digitalen Spaltung in Deutschland? Annäherung an ein verdecktes Problem von wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Brisanz. In: Medien- & Kommunikationswissenschaft, Jg. 48, Nr.4, S. 497-517
- Marr, Mirko (2005): Internetzugang und politische Informiertheit - zur digitalen Spaltung der Gesellschaft. Konstanz
- Riehm, Ulrich; Krings, Bettina-Johanna (2006): Der "blinde Fleck" in der Diskussion zur digitalen Spaltung. In: Medien & Kommunikationswissenschaft Jg. 54, Heft 1, S. 75-94
- Scheule, Rupert M. u.a. (Hrsg.): Vernetzt gespalten. Der Digital Divide in ethischer Perspektive. Wilhelm Fink Verlag, 2004, ISBN 3-7705-3968-0
- Scheule, Rupert M. (2005): Das Digitale Gefälle als Gerechtigkeitsproblem. In: Informatik Spektrum, Band 28, Nr. 6 (Dezember 2005), 474-488; DOI 10.1007/s00287-005-0038-8.
- Servon, Lisa J. (2002): Bridging the Digital Divide: Technology, Community and Public Policy. Malden.
- Täube, Volker G. und Dominique Joye (2002): Determinants of Internet Use in Switzerland: Structural Disparities and New Technologies, in: Wolfgang Glatzer (Hg.), Rich and Poor, Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, p. 73-86.
- van Dijk, J. (2005): The deepening divide: inequality in the information society. Thousand Oaks.
- Zillien, Nicole (2006): Digitale Ungleichheit. Neue Technologien und alte Ungleichheiten in der Informations- und Wissensgesellschaft. Wiesbaden
Siehe auch
Weblinks
- van de Pol, Robert (2004): Der digitale Graben als Faktor des sozio-kulturellen Wandels?; Universität Zürich.
- Meike Richter: Fair Code – Freie/Open-Source-Software und der Digital Divide?
Quellen
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