Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Differentialform
Aus Kefk.
Der Begriff Differentialform präzisiert und verallgemeinert das aus der Analysis bekannte Leibnizsche Differential und den aus der Vektoranalysis bekannten Gradienten. Differentialformen sind ein grundlegendes Konzept der Differentialgeometrie.
Inhaltsverzeichnis |
Kontext
Es sei U
- eine offene Teilmenge des
- oder allgemeiner ein offener Teil einer differenzierbaren Untermannigfaltigkeit des
- oder allgemein ein offener Teil einer (abstrakten) differenzierbaren Mannigfaltigkeit.
In jedem dieser Fälle gibt es
- den Begriff der differenzierbaren Funktion auf U; der Raum der differenzierbaren Funktionen auf U werde mit
bezeichnet;
- den Begriff des Tangentialraums TpU an U in einem Punkt
;
- den Begriff der Richtungsableitung Xf für einen Tangentialvektor
und eine differenzierbare Funktion f;
- den Begriff des differenzierbaren Vektorfeldes auf U; der Raum der Vektorfelder auf U sei mit ΓTU bezeichnet.
Der Dualraum des Tangentialraums TpU wird als Kotangentialraum
bezeichnet.
Definition
Eine k-Form oder Differentialform vom Grad k ist eine alternierende
-multilineare Abbildung
.
Das bedeutet: ω ordnet k Vektorfeldern
eine Funktion
zu, so dass
-
-
für
und
-
,
d.h. vertauscht man zwei der Argumente von ω, so erhält man das Negative des ursprünglichen Wertes.
Alternativ dazu ordnet ω jedem Punkt
eine alternierende
-multilineare Abbildung
zu, so dass für k Vektorfelder
die Funktion
differenzierbar ist.
0-Formen sind differenzierbare Funktionen, und 1-Formen sind pfaffsche Formen.
Die Menge der k-Formen auf U wird mit Ωk(U) bezeichnet. Ist
, so ist Ωk(U) = {0}.
Man kann ωp als Element der äußeren Potenz
auffassen; infolgedessen definiert das äußere Produkt (d.h. das Produkt
in der äußeren Algebra) Abbildungen
wobei
punktweise definiert ist:
Dieses Produkt ist graduiert-kommutativ, d.h.
dabei bezeichnet degω den Grad von ω, d.h. ist ω eine k-Form, so ist degω = k.
Äußere Ableitung
Die äußere Ableitung oder Cartan-Ableitung dω einer k-Form ω wird induktiv mithilfe der Lie-Ableitung und der Cartan-Formel
definiert; dabei ist X ein Vektorfeld,
die Lie-Ableitung und iX die Einsetzung von X.
Ist beispielsweise ω eine 1-Form, so ist
und
also
- dω(X,Y) = Xω(Y) − Yω(X) − ω([X,Y])
für Vektorfelder X,Y; dabei bezeichnet [X,Y] die Lie-Klammer.
Die allgemeine Formel lautet
dabei bedeutet
, dass das entsprechende Argument wegzulassen ist.
Die äußere Ableitung hat folgende Eigenschaften:
- d ist
-linear.
-
dabei bezeichnet degω den Grad von ω, d.h. ist ω eine k-Form, so ist degω = k.
- ddω = 0
- Für eine Funktion f, aufgefasst als 0-Form, stimmt die äußere Ableitung mit dem totalen Differential überein.
Koordinatendarstellung
Ist
ein Koordinatensystem auf U, so folgt aus den Eigenschaften der äußeren Algebra, dass eine lokale Basis der k-Formen durch
gegeben ist, d.h. jede k-Form ω hat eine eindeutige Darstellung der Form
mit geeigneten differenzierbaren Funktionen
. An dieser Darstellung ist auch abzulesen, dass für k > n die Nullform ω = 0 die einzige k-Form ist.
Die äußere Ableitung ist in dieser Darstellung durch die Formel
gegeben.
Um die dabei entstehenden Ausdrücke wieder durch die Standardbasis auszudrücken, sind die Relationen
und
wichtig; beispielsweise ist für n = 2
Für n=3 bilden die Koeffizienten der Differentialform bei analogem Vorgehen der rot (Rotations-) Vektor der Vektoranalysis.
Exakte und geschlossene Formen; de-Rham-Kohomologie
Eine k-Form ω heißt geschlossen, wenn dω = 0 gilt; sie heißt exakt, wenn es eine (k − 1)-Form η gibt, so dass ω = dη gilt. Aufgrund der Formel ddη = 0 ist jede exakte Form geschlossen. Man beachte, dass Geschlossenheit im Gegensatz zu Exaktheit eine lokale Eigenschaft ist: Ist {Vα} eine offene Überdeckung von U, so ist eine k-Form ω genau dann geschlossen, wenn die Einschränkung von ω auf Vα für jedes α geschlossen ist.
Der Faktorraum
- {geschlossene k-Formen auf U}/{exakte k-Formen auf U}
heißt k-te de-Rham-Kohomologiegruppe
(nach Georges de Rham). Sie enthält Informationen über die globale topologische Struktur von U.
Das Poincaré-Lemma (nach Henri Poincaré) besagt, dass
für k > 0
gilt, oder allgemeiner für zusammenziehbare offene Teilmengen des
. (Man beachte, dass
aus den lokal konstanten Funktionen besteht, da es per definitionem keine exakten 0-Formen gibt. Es ist also
für jedes
.)
Ist ω geschlossen und η = dη' exakt, so folgt
entsprechend falls ω exakt und η geschlossen ist. Damit gibt es induzierte Abbildungen
Siehe auch de-Rham-Kohomologie, Kokettenkomplex
Orientierung
Ist
, so heißt eine n-Form auf U, die in keinem Punkt verschwindet, eine Orientierung auf U. U zusammen mit einer derartigen Form heißt orientiert. Eine Orientierung ω definiert Orientierungen der Tangential- und Kotangentialräume: eine Basis
des Kotangentialraums in einem Punkt p sei positiv orientiert, wenn
mit einer positiven Zahl a gilt; eine Basis
des Tangentialraums in einem Punkt p sei positiv orientiert, wenn
gilt.
Zwei Orientierungen heißen äquivalent, wenn sie sich um einen überall positiven Faktor unterscheiden; diese Bedingung ist äquivalent dazu, dass sie auf jedem Tangential- oder Kotangentialraum dieselbe Orientierung definieren.
Ist U zusammenhängend, so gibt es entweder bis auf Äquivalenz genau zwei oder gar keine Orientierungen.
U heißt orientierbar, wenn eine Orientierung von U existiert.
Siehe auch Orientierung (Mathematik)
Integral von Differentialformen
Es sei wieder
, und wir nehmen an, auf U sei eine Orientierung gewählt. Dann gibt es ein kanonisches Integral
∫ ω U
für n-Formen ω. Ist
eine offene Teilmenge,
eine positiv orientierte Basis und
so ist
∫ ω = ∫ f; U U
das Integral auf der rechten Seite ist das gewöhnliche Lebesgue-Integral.
Aus dem Transformationssatz folgt, dass diese Definition unabhängig von Koordinatenwechseln ist.
Siehe auch Integral von Differentialformen
Satz von Stokes
Ist M eine kompakte orientierte n-dimensionale differenzierbare Mannigfaltigkeit mit Rand
, und versieht man
mit der induzierten Orientierung, so gilt für jede (n − 1)-Form ω
Dieser Satz ist eine weitreichende Verallgemeinerung des Hauptsatzes der Differential- und Integralrechnung.
Ist M geschlossen, d.h. hat M keinen Rand, so folgt
∫ ω = 0 M
für jede exakte n-Form ω. Damit definiert das Integral eine Abbildung
Ist M zusammenhängend, so ist diese Abbildung ein Isomorphismus.
Siehe auch Satz von Stokes
Zurückziehen ("pull-back") von Differentialformen
Ist
eine differenzierbare Abbildung zwischen differenzierbaren Mannigfaltigkeiten, so ist für
die mittels f zurückgeholte Form
wie folgt definiert:
dabei sei
die Ableitung von f. Mit den anderen Operationen ist das Zurückziehen verträglich, es gilt
- f * (dω) = d(f * ω)
und
für alle
.
Insbesondere induziert f eine Abbildung
Duale Form und Stern-Operator
Betrachtet werden äußere Formen in einem n-dimensionalen Raum, in dem ein inneres Produkt (Metrik) definiert ist, so dass eine orthonormale Basis ei des Raumes gebildet werden kann. Die zu einer äußeren Form von Grad k in diesem n-dimensionalen Raum duale Form ist eine (n-k)-Form
Dabei seien beide Seiten in orientierter Form geschrieben. Formal wird die duale Form durch Anwendung des (Hodge) *-Operators bezeichnet. Speziell für Differentialformen im dreidimensionalen euklidischen Raum ergibt sich:
mit den 1-Formen dx, dy dz. Dabei wurde berücksichtigt, dass die orientierte Reihenfolge hier (y,z), (x,y) und (z, x) ist (zyklische Verschiebungen in (x,y,z)).
Das *-Symbol soll die Tatsache unterstreichen, dass damit ein inneres Produkt im Raum der Formen auf einem zugrundeliegenden Raum M gegeben ist, denn
lässt sich für zwei k-Formen α und β als Volumenform schreiben und das Integral
liefert eine reelle Zahl. Der Zusatz dual zeigt an, dass die zweifache Anwendung auf eine k-Form wieder die k-Form ergibt, bis auf das Vorzeichen, das gesondert betrachtet werden muss. Genauer gilt für eine k-Form in einem n-dimensionalen Raum, dessen Metrik die Signatur s hat (s=+ 1 im euklidischen Raum, s= - 1 im Minkowski-Raum):
Oben wurde gezeigt, wie sich im 3-dimensionalen euklidischen Raum bei äußerer Ableitung einer 1-Form α die 2-Form
ergibt mit den Komponenten des Rotations-Vektors der Vektoranalysis als Koeffizienten. Diesen rot-Vektor kann man mit Hilfe des *-Operators nun auch formal direkt als 1-Form schreiben:
. Analog wird der *-Operator zur „Übersetzung“ des oben formulierten Satzes von Stokes in die Vektoranalysis-Form benutzt.
Die relativistischen Maxwell-Gleichungen der Elektrodynamik auf einer vierdimensionalen Raum-Zeit-Mannigfaltigkeit M (mit Metrik gαβ und Determinante der Metrik g, wobei hier natürlich die Signatur eines Minkowski-Raumes gilt) lauten beispielsweise unter Verwendung dieser Symbolik:
(die so genannte Bianchi-Identität) und
mit dem elektromagnetischen Feldtensor ausgedrückt als 2-Form
und dem Strom (geschrieben als 3-Form)
Hierbei ist εαβγδ das Antisymmetrisierungs-Symbol (Levi-Civita-Symbol) und das Semikolon steht für die kovariante Ableitung. Wie üblich wird über doppelt vorkommende Indices summiert (Einstein-Summenkonvention) und es werden natürliche Einheiten verwendet (Lichtgeschwindigkeit c=1). Durch Anwendung des *-Operators kann man die zweite Maxwellgleichung auch alternativ mit einer 1-Form für den Strom schreiben. Aus den Maxwellgleichungen sieht man, dass F und *F in der Elektrodynamik unterschiedlichen Gleichungen gehorchen, die Dualität also keine Symmetrie dieser Theorie ist. Das liegt daran, dass die Dualität elektrische und magnetische Felder vertauscht, in der Elektrodynamik aber keine magnetischen Monopole bekannt sind. Die freien Maxwellgleichungen haben duale Symmetrie.
Siehe auch
- Differentielle und integrierte Notation physikalischer Feldgleichungen
- Keilprodukt und Graßmann-Algebra
- Tensor
Literatur
- Shigeyuki Morita Geometry of differential forms, American Mathematical Society 2001, ISBN 0821810456 (viel Anschauung in diesem Buch)
- Harley Flanders Differential forms with applications to the physical sciences, Academic Press 1963
| Dieses Dokument entstammt in seiner ersten oder einer späteren Version der deutschsprachigen Wikipedia. Es ist dort zu finden unter dem Stichwort Differentialform, die Liste der bisherigen Autoren befindet sich in der Versionsliste; die Originalfassung kann dort auch bearbeitet werden. Alle Texte der Wikipedia und ihre Derivate stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. |
