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Die Marquise von O…

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Die Marquise von O... ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, die zuerst im Februar 1808 in der Literaturzeitschrift Phöbus erschien. Die Handlung spielt in Italien.

Inhaltsverzeichnis

Zum Werk

Obwohl Kleist die dramatische Kunst am höchsten einschätzte, ließ er sich aus finanziellen Gründen aufs Novellenschreiben ein. Ausgangspunkt der "Marquise von O." ist die skandalöse Begebenheit einer unwissentlich zustandegekommenen Schwangerschaft. Durch verschiedene sprachliche Mittel wird der Eindruck von Authentizität verliehen. Zu diesen Mitteln zählt beispielsweise der Untertitel "Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz von Norden nach dem Süden verlegt worden" und die Abkürzung von Personen- und Ortsnamen, die eine tatsächliche Existenz von Figuren nahelegt, deren Identität geschützt werden müsste. Der tatsächliche Wahrheitsgehalt der Novelle ist jedoch fraglich. Als Schauplatz der Handlung kommen die zweiten Koalitionskriege in Italien in Frage. Als mögliche Quelle gilt das "Essai über die Trunksucht" von Michel de Montaigne, 1588. Diese Anekdote handelt von einer im Schlaf durch einen betrunkenen Knecht vergewaltigten Bäuerin. Die Bäuerin heiratet ihren Vergewaltiger, nachdem er ihr die Tat gestanden hat. Außerdem hat Kleist wahrscheinlich die 1798 ohne Verfasserangabe im "Berlinischen Archiv der Zeit und ihres Geschmacks" erschienene Erzählung "Gerettete Unschuld" und eine Passage aus Rousseaus "La Nouvelle Hélioes" gelesen, aus denen er weitere Elemente seiner Erzählung gewann (insbesondere die Vater-Tochter-Beziehung).

Hauptfiguren

  • Die Marquise von O., Julietta
  • Der Herr von G., ihr Vater und Kommandant der Zitadelle (im Werk abwechselnd als "der Obrist" und "der Kommandant" bezeichnet)
  • Die Frau von G., ihre Mutter ("die Obristin")
  • Der Forstmeister von G., ihr Bruder
  • Der Graf F., ein russischer Obristleutnant

Inhaltsangabe

In der Novelle wird die Geschichte einer verwitweten Marquise erzählt.

Die Novelle beginnt mit einer sehr ungewöhnlichen Zeitungsannonce, in der "eine Dame von vortrefflichem Ruf... bekannt machen [ließ], daß sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, daß der Vater... sich melden solle; und daß sie ... entschlossen wäre, ihn zu heiraten." Anschließend wird rückblickend erzählt, wie es zu dieser Situation gekommen ist: Die Zitadelle in M., die vom Vater der Marquise kommandiert, wird von russischen Truppen erstürmt. Die Marquise, welche nach dem Tod ihres Gatten zu ihrer Familie gezogen ist, fällt russischen Soldaten in die Hände und wird misshandelt, jedoch von einem russischen Offizier "gerettet". Der vermeintliche Retter aber vergewaltigt die Marquise. Sei es, weil sie weiß, was geschehen wird, sei es wegen des Schocks - die Marquise fällt in Ohnmacht und weiß nachher nichts von der Vergewaltigung. Später im Text (Zitat "Ich will nichts wissen") gibt es allerdings Hinweise darauf, dass sie die Wahrheit verdrängt. In ihren Erinnerungen ist der Graf F. nur noch der "edle Retter". Nach der Erstürmung der Zitadelle muss die Familie in ein Haus in der Stadt umziehen, da die Zitadelle vom russischen Kommandanten in Beschlag genommen wird. Der Familie geht es den Umständen entsprechend gut, nur die sonst kerngesunde Marquise leidet an unerklärlichem Unwohlsein. Die Familie ist sehr betroffen, als sie erfahren muss, dass der Graf F. noch am Tag seines Aufbruchs im Kampf erschossen worden ist, denn sie wissen ja nichts von der Vergewaltigung und fühlen sich noch immer in der Schuld des Grafen.

Doch entgegen den Berichten überlebt der Graf schwer verletzt, kommt nach seiner Heilung wieder zur Familie des Kommandanten und hält mit einer flammenden Liebeserklärung um die Hand der Marquise an. Die Familie ist dem nicht abgeneigt, verlangt aber Bedenkzeit, damit sie und die Marquise den Grafen besser kennenlernen können. Jedoch soll diese ihnen nicht gewährt werden, denn wichtige Befehle rufen den Grafen fort.

Die Marquise erfährt, als sie wegen ihrem Unwohlsein von einem Arzt und einer Hebamme untersucht wird, von ihrer Schwangerschaft. Da sie nichts mehr von der Vergewaltigung weiß, kann sie sich das nicht erklären. Ihr Vater führt ihre Schwangerschaft auf "unsittliches Verhalten" zurück und wirft sie aus seinem Haus. Schweren Herzens verlässt die Marquise die Wohnung und zieht zurück in ihr altes Haus. Sie veröffentlicht in den Zeitungen eine Annonce, in der sie bekannt gibt, dass sie unwissend schwanger geworden sei und dass sich der Vater des Kindes melden möge. Sie wäre, aus "Familienrücksichten", entschlossen, den Vater des Kindes zu heiraten.

Derweil kehrt Graf F. aus Neapel zurück und muss erfahren, was vorgefallen war und dass die Marquise nicht mehr im Hause ihres Vaters weilt. Der Graf ist entschlossen, ihr seinen Heiratsantrag erneut zu machen. Die Marquise ist zwar überrascht, jedoch alles andere als begeistert und weist ihn äußerst schroff zurück. In der Zwischenzeit tadelt die Frau des Kommandanten, genannt die Obristin, ihren Mann wegen seiner brutalen Reaktion. Inzwischen ist eine weitere Annonce erschienen, in der der vermeintliche Vater des Kindes ankündigt, sich der Marquise im Hause ihres Vaters zu Füßen zu werfen. Die Obristin ist sich nun nicht mehr sicher, ob die Marquise nicht wirklich im Schlafe vergewaltigt wurde und entschließt sich zu einer List. Sie fährt zur Marquise und teilt ihr mit, dass sie den Vater des ungeborenen Kindes kenne und es Leopardo, der Jäger sei. Als sie an der Reaktion sieht, dass die Marquise tatsächlich von nichts weiß, ist sie überzeugt und entschuldigt sich unter Tränen bei der Marquise und nimmt sie zurück in die Stadt. Nachdem die Obristin den Kommandanten von allem unterrichtet, entschuldigt auch er sich unter Tränen und nimmt die Marquise wieder auf.

Im Hause des Obristen harrt man verzweifelt des Erscheinens des Vaters. Der Eintreffende ist aber der Graf F. Die Marquise will sich, verwirrt, in ihre Gemächer zurückziehen, aber ihre Mutter hält sie zurück. Der Graf, der aufrichtige Reue zeigt, ist tatsächlich der gesuchte Vater des Kindes. Heulend und schreiend zieht sich die Schwangere zurück, die, im Gegensatz zu ihren Eltern, nicht bereit ist dem Grafen zu vergeben, schließlich hat er sie vergewaltigt und sie ihn bisher immer als Retter angesehen. Ihre Eltern sehen diese Reaktion als vorübergehende Überreizung der Nerven und arrangieren alles für die bevorstehende Ehe. Ein Heiratsvertrag wird aufgesetzt, in welchem der Graf auf alle Rechte als Ehemann verzichtet, sich aber bereiterklärt, allen Pflichten eines solchen nachzukommen. Die Marquise liest sich dieses Schreiben mehrmals durch und stimmt schlussendlich einer Vermählung mit dem Grafen zu.

Nach der Trauung bezieht der Graf eine Wohnung in der Nähe, setzt aber keinen Fuß in das Haus des Obristen, wo die Marquise weiterhin lebt. Sein höfliches Verhalten bei gelegentlichen Begegnungen beruhigt die Familie der Marquise derart, dass er der Taufe seines Sohnes beiwohnen darf. Unter die Geschenke, die die Gäste seinem Sohn darbringen, legt er eine Schenkung einer enormen Geldsumme und sein Testament, in dem er die Marquise als alleinige Erbin einsetzt. Von diesem Tag an darf er bei dem Obristen vorsprechen, und erneuert bald seine Werbung um die Marquise, die ihn dieses Mal nicht abweist, sondern ihn auch mit der Zeit lieb gewonnen hat. Jahre später fragt der Graf seine Gemahlin nach dem Grund, der sie seinen ersten Antrag ablehnen ließ. Ihre Antwort fällt folgendermaßen aus: er würde ihr damals nicht wie ein Teufel erschienen sein, wenn er ihr nicht, bei seiner ersten Erscheinung, wie ein Engel vorgekommen wäre.

Interpretation

Kleist spricht in diesem Werk viele Probleme an - zum einen, wie der Krieg einen Menschen verändern kann (hier den Grafen F., der zum Vergewaltiger wird), der eigentlich gut ist (er liebt sie am Ende wirklich und sieht sich verpflichtet, sie zu heiraten).

Auch die Brutalität, mit der Mütter von unehelichen Kindern in der Gesellschaft behandelt werden, spielt eine Rolle.

Heinrich von Kleist parodiert spitz und präzise die Brutalität der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und ihr Versagen. Die Familie ist nicht der Rückzugsort, wo man geliebt und angenommen wird, sondern untersteht harten Regeln - die Sitte ist wichtiger als das Individuum. Dies kann auch die Marquise nicht ändern, letztendlich fügt sie sich in die Ordnung ein und muss sie akzeptieren - auch wenn sie damit zurecht zu kommen scheint.

Die zentrale Figur der Familie, der Vater, Patriarch und Beschützer, versagt in der Novelle. Weder kann er seine Tochter vor der Vergewaltigung bewahren (die Bewahrung vor Sexualität, Begierden und selbst unkeuschen Gedanken ist eine wichtige Aufgabe, was die gesellschaftliche Norm anbelangt, die auch großteils beim Vater liegt), noch ist er ein Vorbild in Sachen Keuschheit, pflegt er doch selbst einen Umgang mit seiner Tochter, der eher an einen Liebhaber erinnert. Treffend parodiert sein Name dieses Versagertum. Lorenzo - der mit Sieg gekrönte - verliert beruflich die Festung, die er beschützen sollte, und familiär passiert ihm das Selbe mit seiner Tochter. Seine abweisende Reaktion auf ihre Schwangerschaft, pure Eifersucht darf man annehmen, lässt sein Ansehen beim Leser weiter sinken. Die Bürger stehen in ihrem Verhalten dem Stereotyp des von ihnen verachteten Adels hier sehr nahe, in dem Sexualität relativ zügellos ausgelebt wird (Vernunftehen und Mätressenwesen).

Als Kleists Vision könnte man also eine Gesellschaft ansehen, in der die bürgerlichen Ideale wieder tatsächlich praktiziert werden, in der familiäre Liebe wieder wichtiger ist als das bloße Ansehen und in der Schutz vor den Gefahren der Welt herrscht. Kleists Stellung zur Emanzipation ist schwierig auszumachen, da er mit der Parodie arbeitet. Davon ausgehend, dass die Rückkehr der Marquise in den Schoß der Gesellschaft ein Scheitern ist, könnte man jedoch hieraus einen Ruf nach mehr Eigenständigkeit für die Frau herauslesen.

Reaktionen

Als die mit stolzen Worten im Kunstjournal Phöbus angekündigte Novelle schließlich erscheint, sind die Reaktionen hauptsächlich negativ und zeugen von Entrüstung. Es sei eine abscheuliche, langweilige Geschichte, die kein Frauenzimmer ohne Erröten lesen könne. Auch sonst wohlwollende Betrachter wie Karl August Varnhagen fanden sie eines Dichters nicht würdig. Anerkennung erhielt Kleist praktisch nur aus seinem Freundeskreis, so von seinem Mitherausgeber Adam Heinrich Müller, der die Novelle in Kunst, Art und Stil herrlich fand.

Verfilmungen

Literatur

  • Dorrit Cohn: Kleist’s „Marquise von O...“: The Problem of Knowledge. In: Monatehefte (67), S.129-144; 1975
  • Linda Dietrick: Prisons and Idylls: Studies in Heinrich von Kleist’s fictional World. Lang: Frankfurt am Main, Bern, New York 1985
  • Wilhelm Emrich: Kleist und die moderne Literatur. In: Müller-Seidel, Walter (1965): Kleist und die Gesellschaft. Eine Diskussion. Erich Schmidt Verlag: Berlin 1965
  • Bernd Fischer: Ironische Metaphysik. Die Erzählungen Heinrich von Kleists. Wilhelm Fink Verlag: München 1988
  • Michael Moehring: Witz und Ironie in der Prosa Heinrich von Kleists. Wilhelm Fink Verlag: München 1972
  • Armine Kotin Mortimer: The Devious Second Story in Kleist’s „Die Marquise von O...“. In: German Quarterly 67; S.293-303; 1994
  • Walter Müller-Seidel: Heinrich von Kleist. Vier Reden zu seinem Gedächtnis. Erich Schmidt Verlag: Berlin 1962
  • Anthony Stephens: Heinrich von Kleist. The Dramas and Stories. Berg: Oxford, Providence 1994

Weblinks

Rezensionen

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